Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr Dlocb s MocbenscbrLtt< Seite 513 brachte drei wichtige Beschwerdepunkte vor, und zwar: 1. daß in Galizien die Juden zuwider den Staatsgrundgesetzen vom Dienst in der politischen Verwaltung faktisch ausgeschlossen sind; 2. daß die jüdischen Religionslehrer an Gymnasien und Realschulen, wo tausende jüdischer Schüler studieren, nicht systemisiert sind; 3. daß im galizischen Landesschulrat laut Statut, abweichend von dieser Institution in Böhmen, Niederösterreich, Mähren und Schlesien, kein Mitglied für die jüdische Konfession zugelassen ist. Salzburg. Die antisemitische Presse hat bei dem jüngst publizierten Erlasse des Obersthofmeisteramtes Sr. kaiserl. Hoheit des Herrn ErzHerzogs Franz Ferdinand d'Este judenfeindliche Motive durchblicken lassen. Einen eklatanten Beweis für die Grundlosigkeit dieser Behauptungen werden Sie in folgender Mitteilung finden. Seine kaiserliche Hoheit Herr Erzherzog Franz Ferdinand d'Este beehrten am letzten Sonntag mit Frau Gemahlin das Etablissement des k. k. Hofantiquars Adolf Pollak in Salzburg. Die hohen Herrschaften verblieben in dem genannten Antiquitätengeschäfte über eine Stunde, besichtigten alle Räume, sprachen sich über das Gesehene hochbefriedigt aus und machten bedeutende Einkäufe. Tags darauf erschien der Korpskommandant Se. kaiserl. Hoheit FZM. Erzherzog Eugen in demselben Etablissement und verweilte daselbst längere Zeit, ebenfalls Einkäufe machend. Herr k. k. Hofantiquar Adolf Pollak wird schon jahrelang von der kaiserlichen Familie insbesonders von Sr. Hoheit dem Erzherzog Franz Ferdinand d'Este mit Aufträgen beehrt. Der russische Gnadenakt. „(St, welche Großmut! Die muß ich loben!u Für den angeblich zu Gunsten der Juden in Rußland erlassenen kaiserlichen Gnadenakt haben sich eigentlich die Polizeimeister, Tschinowniks und Quartalnes, sowie sonstige Polizeiorgane zu bedanken. Die Verordnung ist darnach angetan, die wohlhabenden russischen Juden zu einer ergiebigen Einuahmsquelle für die schlecht besoldeten, aus Sporteln angewiesenen Polizeibeamten im tiefen Rußland, denen allein die Qualifizierung der Juden zusteht, zu machen. Dieselben werden in Zukunft zu entscheiden haben, ob die Juden, welche sich in den bis jetzt geschlossenen Gebieten niederlassen (vollen, den Bedingungen des Erlasses auch entsprechen. Bildung ist übrigens Nebensache, die Hauptsache ist, daß die Bewerber der ersten oder zweiten Gilde angehören müssen, somit reich seien. Das durfte von den drei Millionen Juden, die in Rußland leben, die Sahne sein, von der die Beamten naschen können. Die übrigen Millionen Menschen, die in Elend leben, kann der Teufel holen! Wenn auf sie die Milde Alexanders II. Anwendung fände, würde Plehwe sich im Grabe umwenden und Pobjedonoszew ins Grab steigen. Reiche Juden brauchen eigentlich nicht die Gnade des Kaisers, um in Rußland fortkommen zu können; ihnen ist auch in Kischenew nichts geschehen. Der Polizeimeister in einer Provinzstadt kann mehr nützen, als ein Toleranzedikt aus Petersburg, Die reichen Juden wohnen in Kiew am Karaschtschatek in der Nachbarschaft des Gouverneurs; die armen Juden leben zusammengepfercht unten in Podol am Dniepr, von der Polizei täglich mißhandelt. Den reichen Juden stehen auch jetzt die Hauptstädte des Reiches offen,die Armen verkümmern in den zu großen Ghettos gewordenen Städten Berdyczew, Warschau, Wilna, Minsk, Pinsk, Kischenew, Dubno. Für diese enterbten, zertretenen, geächteten Menschen, welche Alexander III., Jgnatiew und Plehwe zum langsamen Vertilgtwerden verurteilten und sich nun winden in Schmerz und Not, war ein Gnadenakt, eigentlich ein Gerechtigkeitsakt zu erwarten — aber was da kam, ist nichts als Sand in die Augen Europas! Die Zulassung von Doktoren, Handwerkern, gedienten Militärs ist keine besondere Großmut. Dies Recht wurde noch von dem wenig milden Nikolaus i. den Juden in ausgedehntester Weise eingeräumt und später von seinem Enkel, dem Vater des jetzigen Zaren aufgehoben. Unter dem ersten Nikolaus gab es mehr akademisch gebildete Juden in Rußland als jetzt, weil damals der Unterricht nicht auf fünf Perzent der Schulfrequenz beschränkt, die Nostrifizierung leicht war. Ueberdies gab es unter jenem harten, aber zielbewußten Herrscher keine Beamtenwillkür, Niemand wagte eine kaiserliche Verordnung zu beschneiden oder illusorisch zu machen, wie es jetzt häufig geschieht, wo jeder Gouverneur den Provinzautokraten spielt. Die Lage der unglücklichen Juden unter der Herrschaft des Zaren erfährt aber vor der erstaunten gesitteten Welt eine bengalische Beleuchtung durch einen Passus in dem Gnadenerlaß, welcher wörtlich lautet: „Alle Verfügungen der Kontrolhöfe über den Beitritt der Juden zum Kaufmanns- und Kleinbürgerstande in den Städten der inneren Gouvernements bleiben in Kraft, selbst wenn sie gesetzwidrigerweise erfolgt sein sollten. Die neuen Bestimmungen finden keine Anwendung auf Gegenden, wo für die Juden besondere Beschränkungsmaßnahmen bestehen." Es ist charakteristisch, daß unter der Herrschaft des Zaren die Juden stets auch gesetzwidrigerweise erfolgte Verfügungen ohnmächtig erdulden mußten, daß in einem vom Zaren sanktionierten Erlaß ausdrücklich erklärt werde, gesetzwidrige Verfügungen bleiben, wenn sie Juden betreffen, in Kraft! Für diesen kaiserlichen Gnadenakt brauchen somit die Juden in Rußland keinen zweiten Purim zu feiern! Die Misere bleibt die alte. Ist der eine Haman tobt, so ersteht ein zweiter, wie auf Jgnatiew Plehwe folgte, und der neue Minister des Innern, Fürst Swiatopolk - Mirski kann innerhalb der bestehenden Judengesetze sechsspännig umwenden, ohne auzustoßen. Die Verhältnisse für die Millionen Juden in Rußland bleiben unverändert traurig wie früher; sie bleibett, wie ehemals die Schwarzen in den amerikanischen Südstaaten, in den Pferchen unter Treibers Hand, die einander das Stück Brot, das Lager, das Leben streitig machen. Der kaiserliche Erlaß hat bloß die Bestimmung, an den Börsen von Berlin, Frankfurt und Amsterdam affichiert zu werden! Leo Herzberg-Fränkel. Jndenexzesse in Südrußland. Warschau. Aus Kiew kommen von verschiedenen Seiten übereinstimmende Nachrichten, daß Montag den 5. früh in der Stadt Smilo Ausschreitungen gegen die jüdischen Einwohner ausbrachen, die im Laufe des Tages einen sehr ernsten Charakter annahmen. Ein Streit zwischen einer Bäuerin und einem jüdischen Kaufmann veranlaßte einen Haufen von vierzig bis fünfzig Bauern, zuerst das Haus des Kaufmannes und dann die Häuser anderer jüdischer Einwohner zu überfallen, ihre Läden zu plündern und zu verwüsten. Die Polizei konnte gegen die Ausschreitungen nichts ausrichten. In den Nachbarstationen sah man an diesem und am folgenden Tage viele Männer, Frauen und Kinder, die geflüchtet waren. In Tscherkassy und Kamenka waren die Bahnhöfe von den Flüchtlingen überfüllt. Gegen hundert Familien sind ihrer Habe beraubt worden. Gleichzeitig mit diesem Berichte langten von einer anderen Seite Aufzeichnungen ein, die von dem Reisenden einer Odessaer Firma im Eisenbahn-Coupe gemacht worden waren. In den Zug waren zwischen Jelisawetgrad und Kiew auf der Station Bobrinskaja gegen hundert Flüchtlinge ans Smilo eingestiegen, darunter jammernde Frauen mit den Kindern im Arme, auch Wöchnerinnen mit den Säuglingen. Sie erzählten von großen Exzessen. Montag mittags begannen — nach dem Berichte der Flüchtlinge — die Juden eine Gegenwehr zu organisieren. Viele waren bewaffnet und die Flüchtlinge hörten Schüsse fallen. Sie befürchten ein zweites Kischenew. Die Flüchtlinge erzählen weiters, daß während der Exzesse der Metropolit, vom Militär eskortiert, zum dortigen Kloster begleitet wurde. Als er zurückkehrte, warf sich ihm eine Gruppe der Inden in den Weg und bat ihn um Schutz. Der Metropolit bedauerte, nichts ausrichten zu können und empfahl sie Gottes Schutz. Ein Beamter, der die Exzedenten beschwichtigen wollte, wurde von ihnen halbtot geschlagen. Weitere Nachrichten waren noch nicht zu erlangen. Lemberg. Die Judenexzesse in der Ortschaft Smil bei Kiew begannen damit, daß auf das Gerücht, eine Bäuerin sei von Juden tätlich mißhandelt worden, halbwüchsige Burschen, größtenteils zehn bis zwölfjährige Schulknaben, zunächst kleinere Geschäfte plünderten. Die Polizei verhielt sich ganz passiv. Der Regiernngskommissär war bei Ausbruch der Exzeße von Smil abwesend und sein Gehilfe, der am Tatorte erschien, wurde mit Steinwürfen empfangen, worauf er und die von ihm geführten Polizisten sich sofort zurückzogen. Aus den umliegenden Orten kamen Bauern mit Fuhren herein und führten die in den Geschäften geplünderten Waren auf Wagen weg. Hierauf schloffen sich auch ältere Bauern den jungen Burschen an und schlugen _ mit Knütteln die Türen der Geschäftsladen ein. Sobald ihnen Widerstand geleistet wurde, schrieen sie: „Die Unfrigen werden geschlagen", was das Signal zu neuen Ausschreitungen und Plünderungen gab. Diese Exzesse dauerten bis zwei Uhr nachts. Viele Geschäftsinhaber konnten ihre Laden nur dadurch vor den vollständigen Ausplünderungen schützen, daß sie Geld unter die Menge verteilten. Unterdessen hatten sich die Gerüchte von den Exzessen auch in der Nachbarschaft verbreitet und