Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 612 Dr. Klocb's Moebenscbrttt. Nr. 38 Indem wir im Vorstehenden — so schließt Dr. Axmann diesen Abschnitt seines Aussatzes — den Anregungen Michaeli's, Bendavid's und Lichtenberg's, des geistreich-satirischen Physikers, gefolgt sind, müssen wir es uns natürlich versagen, jeden einzelnen besonders zu Worte kommen zu lassen. Auch soll darum nicht gesagt sein, daß Moses und die Propheten des Alten Testamentes bewußt sich derartiger Experimente zur Täuschung des israelitischen Volkes bedient hätten. Selbst dann, wenn sich alle diese Dinge aus den rituellen Einrichtungen des religiösen Kultus ergeben, auf selbstverständlichem, unbeabsichtigtem Wege, so konnten sie immer des Wunderbaren genug für den Patriarchen Moses selbst bergen. Von den Lehrmeistern des'^ jüdischen Volkes, den Egyptern, wird man wohl weniger geneigt sein dürfen, dieses anzunehmen, vielmehr, daß eben die Priesterkaste geheimes Wissen zur Herrschaft ausbeutete. Marx und Lassalle. Die „Nationale Korrespondenz", das offizielle Organ der nationalliberalen Partei, schreibt anläßlich des 40jährigen Todestages von Laffalle: „Je mehr das Charakterbild des unzweifelhaft bedeutenden Toten schwankt, um so mehr ist cs Pflicht auch der bürgerlicden Presse, auzuerkennen, daß ein Zug in dem Wesen Laffalle's auch noch heute als vorbildlich bezeichnet zu werden verdient. Es ist der nationale. Und dieser mangelt verschiedenen der heutigen Führer der Partei, die dem Verstorbenen jetzt ebenso gerecht zu werden sucht, wie sie ihn vor vierzig Jahren und vorher wie nachher mit Haß und Verachtung bedachte." Es ist übrigens auch recht bemerkenswert, daß die Sozialdemokratie selbst und besonders ein Organ, das auf dem linkesten Flügel der Partei steht, die „Leipziger Volkszeitung", ebenfalls großen Wert auf das deutsche Element in Lassalle und Marx legt. Ein den beiden Begründern der Partei gewidmetes Feuilleton beginnt mit folgenden einleitenden Bemerkungen: „Der deutsche Philister und seine Zeitungsschreiber lieben cs, Marx und Laffalle als „Juden" anzusprechen und damit für die deutsche Oeffentlichkeit abzntnn; gelegentlich wird auch der „Jude Engel's", der Sohn stockprotestantischer Eltern aus dem Wuppertal, bei dieser Prozedur gleich mit „erledigt". Marx und Laffalle waren allerdings nach Abstammung und Raffe Juden; aber der deutsche Vulgärphilister sollte darüber lieber nicht die Nase rümpfen; denn so paradox es klingen mag: beide waren und blieben all ihr Lebtag gute Deutsche, bessere Deuffche, als es der patriotische Normalphilister überhaupt jemals wird, und sie wurden es wesentlich dadurch, daß sie — Juden waren Bei Laffalle ist dieser Zusammenhang geradezu typisch, während er bei Marx, der einmal in deutsch-bürgerlichen Verhältnissen aufwnchs und später in langen Jahren des Exils außer dem deutschen Geistesleben noch die Elemente der romanischen und englischen Kultur in sich aufnahm und sich so völlig aneignete, daß er deutsch, französisch und englisch geläufig dachte und schrieb, die deutsche Geistesrichtung zuriickzutreten scheint Dagegen hat sich au Laffalle die Erfahrung bewährt, die vorzugsweise bei geistig hochstehenden Juden zu beobachten ist, wenn sie in ihrer Jugend erst den Bann der Synagoge brechen mußten und dann in einer höheren modernen Kultur eine zweite geistige Heimat gefunden haben, die sich nicht dem Zufall der Geburt, sondern der eigenen geistigen Arbeit verdanken. In diesem Deutschtum Laffalle's druckt sich eine persönliche Dankbarkeit gegen die höhere Stufe deutschen Geisteslebens aus; seine Begeisterung kür Sickingen und seine Verehrung für Fichte haben solche psychologische Wurzeln, und insofern ist es durchaus zutreffend, daß Laffalle viel intensiver als Deutscher fühlte als der durchschnittliche deutsche Bildungsphilister." Korrespondenzen. Jüdische Soldaten. Wien. Hochvcrehrliche Redaktion! Zu dem in Ihrem werten Blatte am 9. d. M. unter „Erlaß" erschienenen Artikel erlaube ich mir, Ihnen einige Mitteilungen zu machen, welche nicht nur nicht vereinzelt, sondern in unserer Armee recht zahlreich Vorkommen und unseren jüdischen Soldaten ganz gewiß zur größten Ehre gereichen, wenn dies auch im Allgemeinen nicht zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangt. Johann P l a c z e k (derzeit IX., Säulengasse 13) diente als Zugsführer beim k. u. X Jägerbataillon Nr. 25 in Ung.-Hradisch, und außer ihm noch 14 Juden, von denen 12 Unteroffiziere waren beim genannten Bataillon. Es braucht doch nicht erst betont zu werden, daß gerade bei unserem Bataillon die Offiziere nicht durchwegs sogenannte Judenfreunde waren, im Gegenteile, es waren Einige darunter, welche es sehr scharf auf uns Juden hatten. Nun gibt es beim Militär sogenannte „spezielle Aufgaben", wie z. B. „Ordonnanz-Unteroffiziersdienst bei einem inspizierenden General", Nachrichtenpatrouillendienst", „Eskortekommandos", „Wachtdienst bei Anwesenheit eines Generals", „Feldsignalkurs", „im Winter verschiedene Schulen" re. re. Zu all' solchen speziellen Aufgaben, zu welchen man laut Kommandobefehl stets nur die tüchtigsten Unteroffiziere heranzuziehen hatte, wurden gerade Juden verwendet. Unter 16 Vorturnern des Bataillons war Johann Placzek Vorturner dieser Vorturner und neben ihm galten noch Zugsführer B. Frankl aus Göding und Zugsführer I. Ehrlich aus Leipnik als die besten Turner, so daß sie gelegentlich einer Inspizierung durch Herrn Oberstlieutenant Karl Heiler (jetzt Oberst beim 78. Infanterie- Regiment) ohne vorherige Beförderungseingabe mündlich befördert wurden, Fälle, welche selten Vorkommen, und zwar mit der durch Herrn Oberstlieutenant Heiler gemachten Aeüßerung, daß ein guter Turner unbedingt auch ein guter Plänkler und Soldat ist. . Als im Jahre 1897 dieses Bataillon aus Wr.-Neustadt, wo es damals in Garnison stand, nach Wien zur Inspizierung durch Seine Majestät und den deutschen Kaiser herangezogen wurde, ist Placzek von der zweiten Kompagnie und Zugsführer Frankl der dritten Kompagnie auf den ihnen nicht gebührenden Platz und zwar rechte Flügelcharge, I. Zug, erstes Glied, gestellt worden, damit die Defilierung besser ausfalle, da sich nach ihnen die ganze Kompagnie zu richten hatte. So ist cs auch gewiß bei anderen Truppenkörpern mit unseren jüdischen Soldaten bestellt. I. P. Ein antisemitischer Abgeordneter. Aus Krakau wird geschrieben: Vor dem Bezirksgericht in Rzeszow fand dieser Tage ein Prozeß statt, in dem ein polnisch-antisemitischer Abgeordnet«: eine schmähliche Rolle spielt. Der Bauer Karl Szwed aus Budziwoj hatte in einer Versammlung dem Abgeordneten Szajer schwindelhafte Manipulationen zum Schaden der Bauern vorgeworfen und dieser hatte den Mut, den Beleidiger zu klagen. Szwed bot für seine Behauptungen den Wahrheitsbeweis au. Bei der Verhandlung gestand der saubere Abgeordnete, daß er von einem Bauern namens Wilk zehn Kronen genommen habe, unter dem Titel der Kosten für eine Intervention beim Bezirksgericht in Rzeszow, und daß er von der Bäuerin Stankowa 100 Kronen nahm „für das Aussuchen eines Referenten beim Obersten Gerichtshof". Noch schönere Dinge sagten die Zeugen von ihm. Der Ab geordnete Bomba gab an, cs sei ihm bekainlt, daß Szajer vom Bauern Biela 400 Kronen genommen habe, um ihm die Nachsicht einer Strafe zu erwirken; der Zeuge Glodowski, daß Szajer der Bäuerin Kozorva versprochen habe, für sie einen Strafaufschub durchzusetzen und sich dafür 3 Kronen bar und Wein für 13 Kronen geben ließ; trotzdem mußte die Bäuerin die Strafe sofort antreteu. Die Bäuerin Wozniakowa gab dem Szajer 100 Kronen, damit er ihrem Manne eine Stelle bei der Bahn verschaffe; der Mann bekam die Stelle nicht, aber Szajer gab nur 60 Kronen zurück. Ein Zeuge gab an, daß Szajer sich von einem Unteroffizier sür eine Intervention zu seinen Gunsten Konserven habe geben lassen. Die Verhandlung wurde vertagt, da der Angeklagte noch weitere Zeugen führt. So soll der Abgeordnete Szajer für. einzelne Interventionen bis zu 1200 Kronen genommen haben. Immer schwindelte er den Leuten vor, daß er als Abgeordneter einen großen Einfluß habe und alles durchsetzen könne. Der Prozeß wird noch ganz interessant werden. Lemberg« Am 31. August d. I. erschien beim hier anwesenden Ministerpräsidenten Dr. von Ko erb er eine Deputation der hiesigen jüdischen Kultusgemeinde, geführt vom Vorsteher Dr. Heinrich Gott lieb, bestehend, nebst dem führenden Vorsteher, aus den Herren Emil Edler von Mises, Dr. Diamand, Dr. Czescher, Mäschler und den Gemeinderabbinern Schmelkes und Dr. Caro. Dr. Heinrich Gott lieb als Führer der Deputation