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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Rr. 38 Dr. Dlocb's MocbenscvrM. Sette 611 Aehnliche Erwägungen mögen wohl den alten Göttinger Physiker Michaelis geleitet haben, als er bei einer freien poetischen Uebersetzung des 29. Psalmes einen Hinweis zu entdecken glaubte, daß auch den Juden schon die Wirkung des Blitzableiters bekannt gewesen und sie bewußt diese zum Schutz ihres Tempels verwendet hätten. Michaelis glaubte in den betreffenden Psalm neben der gefeierten Herrlichkeit des Tempels ganz besonders die Sicherheit des Heiligtums gegen Unwetter gerühmt, und es ist in der Tat auffallend, daß in einem gewitterreichen Lande ein derart exponiertes Bauwerk, wie der hochragende salomonische Tempel, anscheinend von stärkeren Blitzschäden verschont blieb. Ein derartiges Ereignis wäre sicher von den alten Schriftstellern doch überliefert worden. Wir müssen uns darum nach Vorrichtungen umsehen, die geeignet waren, den Blitz zu bannen. Nach verschiedenen Ueberlieferungen befanden sich auf dem Tempeldache zahlreiche Metallspitzen, welche die Vögel abhalten sollten, das Heiligtum zu verunzieren. Aehnlich wohl, wie man es auch jetzt noch bisweilen auf Turmknäufen findet. Ueber die Länge dieser Spitzen ist freilich zunächst nichts gesagt. Es würde auch der Theorie des Blitzableiters nicht widersprechen, falls die Spitzen kurz gewesen wären, wenn sie nur an hervorragenden Ecken und Enden des Baues nicht fehlten. Der bekannte Historiker Josephus, dem wir ein gut Teil der Tempelbeschreibung verdanken, erzählt aber eingehend, wie bei der Eroberung Jerusalems durch Titus der Tempel gleich einer Festung bis zuletzt heftig vertheidigt wurde. In ihrer höchsten Not brachen die Leviten, mangels anderer Wurfgeschosse, die metallenen Spitzen von dem Dache, um sie gegen die Feinde zu schleudern. Darum kann man wohl annehmen, es habe sich dabei auch um längere, wurfspeerähnliche Stangen nach Art von Blitzableitern gehandelt. Verfolgt man aber den Weg der Blitzableitung weiter, so findet man, daß zunächst das goldene Dach und dessen anschließende mächtige, kupferne Röhrenleitungen, die das Regenwasser in große, unterirdische Zisternen führten, vorzüglich zu Leitungszwecken geeignet waren. Jede stärkere elektrische Entladung mußte unter diesen Umständen ohne Schwierigkeiten unschädlich ausgeglichen werden. So bildete das ganze Gebäude mit seinen vielfachen Metallbedeckungen einen sogenannten Faraday'schen Käfig, gleich diesem unverletzlich. Doch könnte man einwenden, diese Einrichtungen seien zufällige gewesen, ein unbewußtes Nützlichkeitsprinzip. Der Tempel blieb vom Blitz verschont, und man hielt das der Heiligkeit einer geweihten Stätte als ein Wunder zugute. Heutzutage freilich trägt sogar die Peterskirche in Rom bewußt Blitzableiter. Wenn man indessen bedenkt, daß das Nationalheiligtum der Juden aus der ursprüngliche» mosaischen Stiftshütte hervorgegangen ist, so kann man in deren Grundzügen sehr wohl Anhaltspunkte für unsere Anschauung gewinnen. Nach der Schilderung des Alten Testaments bestand die ursprüngliche Stiftshütte aus einem Gerüst hoher Stangen, einer Art Zelt, mit seidenen Teppichen behängt, welche die Wände bildeten. Es wurden so verschiedene Räume umgrenzt. Zunächst das Allerheiligste, darum der Vorhof. Ausdrücklich aus trockenem, seltenem Föhrenholz gearbeitet, trugen diese Stangen Metallspitzen und waren mittelst goldener Ketten untereinander verbunden. Letztere, die selbstverständlich gute Leitungen an ausreichend isolierten Flächen, Föhrenholz und Seide abgeben, konzentrierten sich nach der Mitte zu und endigten auf der Bundeslade. Wenn also, wie über dem Drachen Franklin's, eine Gewitterwolke über den Spitzen der Stiftshütte lagerte, so mußte ihre elektrische Kraft von diesen angesogen und in das Innere des Heiligtums geleitet werden. In gleicher Weise auffallend, wie bei den Stangen der Umgebung, ist nun, daß auch die Bundeslade aus Föhrenholz gezimmert war. Dieses, in dem biblischen Lande gar nicht heimisch und nicht einmal so edel wie das Zedernholz Kleinasiens, gab aber eine gute, isolierende Fläche für elektrische Spannungen ab. Aus diesem ausdrücklich als trocken vorgeschriebenen Holze wurde ein viereckiger Kasten, eine Lade hergerichtet, innen und außen mit Goldblech beschlagen. Man erkennt somit immer deutlicher die Art der Leydener Flasche. Auch diese besteht ja lediglich aus zwei elektrisch leitenden Flächen, getrennt durch das isolierende Glas. In einem derartigen Apparat kann man eine große Elektrizitätsmenge ansammeln, um fie dann mit einem Male unter großer Kraftentfaltung zu entladen. Das geschieht für gewöhnlich, wie jedermann aus dem physikalischen Unterricht weiß, durch leitende Verbindung der beiden voneinander durch Isolation getrennten Metallflüchen. Macht man dieses Experiment durch Berührung mit den Händen, so erhält man, je nach der Größe der Leydener Flasche, einen mehr oder weniger heftigen elektrischen Schlag unter Funkenbildung. Ein Vergleich mit dem aus der Bundeslade hervorbrechenden himmlischen Feuer liegt ohneweiters auf der Hand, ebenso aber auch, daß die Ladung dieses ganz gewaltigen elektrischen Kondensators dann besonders stark und gefährlich war, wenn sich eine Gewitterwolke über das Heiligtum der Israeliten lagerte. In der biblischen Geschichte wird dieses Faktum öfters bei großen Ereignissen erwähnt, und Moses und auch Aaron vermieden es dann regelmäßig, das Allerheiligste zu betreten,' weil fie die Gefahr kannten, nämlich vom Blitz erschlagen zu werden. Dieses Schicksal wurde unterdessen denen zu teil, die teils unberufen fich der Bundeslade näherten, teils von den Priestern beauftragt wurden, ein Sühneopfer auf dem Deckel niederzulegen. So erzählen die Bücher Moses eine ganze Anzahl derartiger Vorfälle, wohin nicht zuletzt die Bestrafung der Rotte Korah gehören dürfte. Auch Delitzsch findet es sonderbar, daß man später von der ruhmreichen Bundeslade, nachdem sie vordem ihre eigentümliche Kraft so bewährt, gar nichts mehr hört. Nach Erbeutung derselben durch die Philister wurde sie wieder zurückgegeben und nach dem kleinen judäischen Grenzort Bsth-Schemesch gebracht, wo die unvorsichtigen Bewohner beim Anschauen und Berühren in größerer Zahl ihr Leben einbüßten. Dann wird von der Lade nichts weiter erwähnt. Delitzsch scheint diese Angaben überhaupt für sagenhaft zu halten und erklärt das Verschwinden derartiger Berichte mit dem Eintreten der historischen Zeit. Mögen auch diese sagenhaft übertrieben und unwahr sein, so find es doch Abklänge einer früheren wirkungsreichen Epoche und dessen, was man glaubte, der heiligen Lade zutrauen zu müssen. Durch die Entfernung der Bundeslade aus ihrer gewohnten Umgebung hatte diese natürlich ihre Kraft verloren, denn sie konnte den räuberischen Feinden auch dann nicht schaden, selbst wenn fie das Geheimnis der elektrischen Ladung gekannt hätten. Von dieser Erwägung ausgehend, wäre allerdings der Einwand möglich: wie kam es, daß die Lade im Kriege, auf dem Zuge des Volkes Israel durch die Wüste, ihre geheimnisvolle Wirkung äußerte, wenn sie ihren Platz hinter den seidenen Wänden der Stiftshütte aufgeben mußte? Alsdann wurde fie an lange Stangen, ebenfalls aus Föhrenholz und durch vorhandene goldene Ringe gesteckt, von Leviten getragen. Ehe man sie aber mit ins Feld nahm, mußte sie von den Priestern, da sie niemand berühren durfte, eingewickelt werden. Während des Marsches brannte auf dem goldenen Deckel ein dauerndes Feuer, und dessen Rauch war es, der die Elektrizität aus der Luft herabzog. Rauch, im Grunde genommen lediglich fein verteilte Kohle und stark erhitzte Verbrennungsgase, bildet einen vorzüglichen elektrischen Leiter. Man kann sich sehr schön von dieser Tatsache experimentell überzeugen, sofern man ein Stückcheu Feuerschwamm aus die Spitze des Elekt ometers steckt und entzündet. Sobald sich die Rauchsäule ruhig in die Lüfte erhebt, gerät der Meßapparat in Tätigkeit. Der Blitz sucht fich ja auch mit Vorliebe verrußte Schornsteine, zu denen er durch die aufsteigende, warme Verbrennungsluft hingelvckt wird, zum Einschlagen aus. So verlor die Bundeslade selbst auf dem Marsche ihre Staunen und Schrecken erregenden Eigenschaften 'nicht, die sie allerdings in Feindeshänden nicht wiedererlangte, ebenso in späteren Zeiten im Salomonischen Tempel nicht, falls fie überhaupt noch vorhanden war. Bon Wundern im späteren Nationalheiligtum hören wir nichts mehr, und man scheint daher von dem Wunderbaren mehr zum Praktischen, dem Schutz des kostbaren Tempelbaues gegen Unwetter, übergegangen zu sein.

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