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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Seite 607 Quellen für seine wachsende Grösse zu schöpfen, bis dann später wieder das auch als Handelsstadt aufblühende Rom den älteren erbgesessenen Konkurrenten nicht im Konkurrenzkämpfe besiegt, sondern viel einfacher erschlägt. Aber lange, lange schon vor dieser Katastrophe, welche diese grösste Schöpfung Phöniziens ereilt, hatte dieses selbst sich in sein Schicksal gefügt, demselben angepasst. Ein Teil der Kaufherren in diesen alten Handelsmetropolen, der reichere, begnügt sich, wie der Holländer seit dem 18. Jahrhundert, mit dem Genüsse seiner Kapitalien, der grössere geht zur Industrie über. Die phönizischen Handelsstädte werden Industriestädte. Sie befahren nicht mehr die Meere, sie spielen nicht mehr die hervortretende Rolle des Schiffahrers, aber zur römischen Kaiserzeit sehen wir sie für den Konsum des grossen Reiches von grösster Bedeutung. Sie produzieren die Erzeugnisse der meisten Metallgewerbe, namentlich Werkzeuge, Messerschmiedwaren, Waffen, dann die Massenartikel nicht bloss der Textilindustrie in Flachs und Lein, sondern auch jene in Glas, Papier u. s w.; und neben dieser Grossindustrie pflegen sie die Kunst- und Luxusgewerbe in Schmuck aus Edelmetall, die Arbeit in Elfenbein und eine ausgebreitete, zu jener Zeit wichtige Erzeugung in Salben, Gelen, Parfüms u. dgl. Sie arbeiten tüchtig mit in dem Gebiete der Industrie, aber man spricht nicht mehr von ihnen, sie verschwinden aus den Büchern der zeitgenössischen Schriftsteller, so wie man ja auch heute mehr von den Exporteuren zu hören und zu lesen bekommt, wie von Handwerkern. Die siegenden Griechen hinwieder verlieren sich dann in dem grossen, die damalige Welt bedeutenden Römischen Reiche, eine Welt mit einem Gesetz, einer herrschenden Sprache und einem Handelszentrum. Sie waren nie ein Handels v o 1 k in unserem eingangs definierten Sinne; es bestand immer nur ein grosser griechischer Handels stand und sie selbst fallen darum aus dem Rahmen unserer Betrachtung. In den Phöniziern haben wir den vollen Lebenslauf, Auf- und Abstieg des merkwürdigen ersten Handelsvolkes, das wir in der Geschichte kennen, zu zeichnen versucht. Finden wir weiter keines von jenem echten Charakter des „HandelsVolkes“? Jawohl, kennen wir noch ein solches, und zwar ein noch ungleich merkwürdigeres. Der Leser merkt wohl sofort, dass hier nur die schon oben erwähnten Juden gemeint sein können. Die Geschichte und die Schicksale der Juden speziell als Handels volk sind es, die wir in unserem nächsten Artikel nach besten Kräften zu erzählen beginnen wollen. (Fortsetzung folgt.) Dom Jahrmarkt des Lehens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Preßkongreß und das „Deutsche Volksblatt". — Das Falsche (!) — Herrn Dr. Scheicher's Roman.) In Wien tagte diese Woche der Internationale Preßkongreß, der „die Würde der Presse" als ersten Punkt aus seiner Tagesordnung hatte. Dieser Würde entsprach es durchaus nicht, was sich dieser Kongreß vom Wiener Bürgermeister ohne Zurechtweisung durch seinen Präsidenten gefallen ließ. Schwarzbefrackt, in feierlich gestärkten Hemdbrüsten standen die Vertreter der öffentlichen Meinung in der Säulenhalle des Parlamentes und ließen sich vom Bürgermeister der Stadt erzählen, wie er von Freunden gewarnt worden sei, sich mit der Gesellschaft einzulaffen und wie doch sein gutes Herz über alle Bedenken, allen Widerwillen und alle Unappetitlichkeit gesiegt habe und er zu den Journalisten hinabgestiegen sei. Und die in so auserlesenen Exemplaren vertretene siebente Großmacht applaudierte freudig, als das Oberhaupt der Stadt Wien gnädig schmunzelnd versicherte, „er drücke beide Augen zu", „alle miteinander" zu begrüßen. Wo blieb die Würde, die Selbstachtung, der Mannesstolz als man sich diese Insulte gefallen ließ. Sonst gilt es als die vornehmste Aufgabe des Präsidenten, die Versammlung vor solchen Ausschreitungen irgend eines Redners zu schützen. — Warum hat der Präsident des Preßkongresses seines Amtes nicht gewaltet? An Gelegenheit dazu hat es ihm nicht gemangelt. Oder galt es, gerade die Lueger'sche Weisheit von der „orientalischen Unkultur" und dem „orientalischen Nichts" zu illustrieren? Das „Deutsche Volksblatt" half sich, so gut es konnte. Es beschloß, den Rummel mitzumachen „unter Wahrung des eigenen Standpunktes". Es behandelte also den Kongreß recht glimpflich und ließ seinen latenten Ingrimm nur durch seine bekannten und beliebten Rufzeichen (!) eklatieren. Dabei ist ihm nun ein ganz niedliches Malheur passiert. Daß der Vorsitzende des Kongresses Herr Wilhelm Singer nicht ohne (!) genannt wird, begreift sich. Von entschieden humoristischer Wirkung war es aber, daß das ominöse und vielsagende Zeichen auf gut Glück auch dem Namen eines französischen Referenten angehängt wurde, der zufällig der Redakteur eines katholisch-klerikalen Blattes in Paris ist. Wenn man so auf gut Glück etwas tut, kann man leicht Pech haben. Das war hier der Fall. Was nun? Man muß sich nur die Sache klar machen. Nach der Auffassung Herrn Vergani's ist es geradezu Schimpf und Schande, Jude zu sein. Nur Juden erhalten das brandmarkende Zeichen (!). Man kann ruhig Obligationen unterschlagen oder Reisebeschreibungen stehlen und sie mit seinem eigenen Namen schmücken, was eigentlich ein ganz sachgemäßer Verhandlungsgegenstand für den Kongreß gewesen wäre, dafür bekommt man jenes Zeichen noch nicht. Man muß dazu die Untat begangen haben, als Jude geboren zu werden. Das diffamierende Zeichen stellt eine Art Kurzschrift vor. Es weist wie mit einem Finger auf einen Aussätzigen und Ausgestoßenen hin; es ist eine Abbreviatur des Horaz'schen: Ule Niger est, hnne tu Romane eaveto! Und dieser blutige Schimpf wird einem waschechten Gesinnungsgenossen zugefügt! Herr Vergani müßte nun in Zerknirschung und Reue vergehen, aber er wird — gottlob! — auch das überdauern. Die Haut, die seine zaubergewaltige Erscheinung deckt, hält schon etwas aus. Proben antisemitischer Preßmoral bietet neuestens der in einem Bankett des Preßkongresses gefeierte geistliche Herr Pater Sch eich er. Der hochwürdige Dr. Scheicher erzählt seinen ftommen Lesern folgendes: „Gerade, da ich dies hier niederschreibe, berichten die Zeitungen, daß Rothschild dem russischen Zaren zwei Milliarden Darlehen angeboten habe, wenn Rußland den Juden volle Emanzipation gewähre, daß heißt, das Land, alle Aemter und Würden dem plattfüßigen eingewanderten Schachervolke öffne und zur Verfügung stelle. Ich weiß nicht, ob Rußland, das gegen Japan kein Kriegsglück hat, schon so tief gesunken ist, daß ihm nur durch Juden eine momentane Hilfe geboten werden kann. Möglich ist es ja. Dann werden die Russen bald merken, daß sie Heloten im eigenen Lande geworden find. Ich meine nicht die Bauern, die Handwerker, auch nicht die Popen (Geistlichen) oder Beamten und Lehrer, die find es ohnedies, ich meine die herrschenden Kasten, die oberen Zehntausend. Wenn der Zar die Juden in das Land läßt und es ihnen freigibt, dann werden bald die Bojaren die Grafen und Fürsten Pulvergestank, Buchgedank, llebelriecher und Kohn heißen." Man wird vielleicht sagen, daß das zu dumm ist, und man wird vielleicht nicht Unrecht damit haben. Bei alledem ist es doch nicht ungeschickt, wie ja erfahrungsgemäß sich selbst große Dummheit gelegentlich mit einer gewissen Schlauheit verbunden vorstellen läßt. Zunächst erklärt der illustre Artikelschreiber, daß er jene große Abgeschmacktheit in den Zeitungen gelesen habe. Damit ist er der Verantwortlichkeit für den haarsträubenden Unsinn enthoben. Wir lesen zwar auch Zeitungen und find nicht selten so glücklich, insbesondere in den antisemitischen Blättern die schönsten Räuberromane als verbürgte Nachrichten aufgetischt zu finden, aber der Blödsinn war uns doch nicht untergekommen.

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