Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Vir. 38 Seite 606 Dr. Blocb’s TKIlocbenscbrift. diesem Sinne, nicht so sehr die Geschichte des Handels, d. h. dessen, was zu dieser oder jener Zeit, von diesen oder jenen gekauft oder verkauft worden ist, als das Leben und Schicksal der Handelsvölker selbst, der „Volksindividuen“ in grossen Zügen unseren Lesern vor Augen zu stellen. Machen wir uns vor allem klar, was verstehen wir unter einem „Handelsvolk“? Waren die Holländer, sind die Engländer, sind die Deutschen ein solches? Nein! Von den Engländern wie Deutschen und Holländern beschäftigt sich ein grösserer oder kleinerer, aber immer nur perzentueller Teil der Bevölkerung mit dem Handel; Ackerbau, Klein- und Grossgewerbe umfassen der Zahl nach in all’ diesen Ländern das Volk in einem Masse, gegen welches die Zahl der Handelsangehörigen sein' zurücktritt. Die Bezeichnung eines Handelsvolkes will aber sagen, dass dieses Volk als ganzes seinen Beruf im Handel gefunden hat oder findet, dass dessen ganze Bevölkerung, insoweit nicht die für das Leben unentbehrlichen und für die soziale Zusammenhaltung nötigen sonstigen Berufe in ihm vertreten sind und vertreten sein müssen, im Handel seinen Erwerb und Beruf sieht und sucht. Hat es nun in der Geschichte solche expresse Handelsvölker gegeben? Völker, die, gleichsam losgelöst vom Boden unter ihren Eüssen, im Handel eine andere, ideelle, eine selbstgeschaffene, an kein Land gebundene Heimat gefunden haben? Jawohl hat es solche gegeben, aber notwendigerweise sind sie zu allen Zeiten eine in der Gesamtheit seltene Erscheinung gewesen; denn die Menschen haften am bestimmten Erdreich, insolange nicht besondere Verhältnisse sie zwingen, dasselbe aufzugeben. Suchen wir nun in der Geschichte nach solchen Völkern, so stossen wir in ältester, nahezu vorhistorischer Zeit nur auf ein solches, auf die Phönizier, ein Teilvolk der grossen semitischen Rasse. Ursprünglich sind sie die Bewohner von Fischerdörfern an der syrischen Küste. Der beginnende Schiffsverkehr zieht allmälig die Bevölkerung des angrenzenden Hinterlandes in diese Landungsplätze, wo sie mannigfachen Erwerb finden; ein Handel beginnt, die Einwohner führen den wenigen Wein der Umgegend aus, sie kaufen Weizen im nahen Palästina, verfrachten und verkaufen ihn weiter, ebenso machen sie es mit den Schafen und der Wolle, die sie von arabischen Stämmen eintauschen. Die ehemaligen Fischerdörfer werden allgemach Städte, bald ersteht ihnen ein grösserer Kreis von Aufgaben und Tätigkeiten. Sie bringen die Industrieerzeugnisse der alten Kulturländer, des Niltals, der Gebiete am Euphrat und Tigris, nach Griechenland und weiter nach dem Süden der italischen Halbinsel. Sie schiffen dann, kühner geworden, in das Westbecken des mittelländischen Meeres, führen überhaupt diesen Ozean der alten Welt in die Geschichte ein. Sie pflanzen sich — das erste Volk, welches diese Idee gefasst — an den günstigen Stellen mit Kolonien fest, ziehen das weitere Welt-, das atlantische Meer einschliesslich der Zinn-Inseln Albions in den Kreis ihrer kommerziellen Herrschaft. Von diesem, den übrigen Völkern ganz sagenhaften Norden bis zum Roten Meer, demnach auf dem ganzen Gebiete des damaligen Handels, nehmen sie fast durch eiti ganzes Jahrtausend eine monopolistische Stellung ein, wie sie niemals mehr je ein Volk in moderner Zeit, auch nicht jenes Englands, erreicht hat. Und diese kommerzielle Machtentfaltung ist eine um so wunderbarere, ja einzige Erscheinung, als sie ja nicht die natürliche expansive Frucht eines politisch festgefügten zentralisierten und wir tschaftlich auf Ackerbau und heimisches Gewerbe festbasierten Reiches wie Spaniens im 16. Jahrhundert, dann später Englands, heute Deutschlands und Amerikas anzusehen ist. Denn Phönizien ist nicht ein Land und ein Staat, sondern nur eine Reihe von Küstenstädten mit in der Regel ganz schmalem Zubehör von Festland, eine kleine Anzahl von ganz gesonderten Städterepubliken, grösseren wie kleineren, die aber mit den Schiffen von der verhältnismässig kurzen syrischen Küste aus den Handel der ganzen damaligen Welt beherrschen. Die Leser, welche sich für die einzelnen von der wachsenden kommerziellen Grossmacht Phöniziens durchlaufenen Phasen interessieren, finden in dem grundlegenden Werke von Moverts: „Die Phönizier“, (Bonn 1841—56) die volle Kenntnis, aber auch schon im oben erwähnten Buche Spekli’s ein anschauliches Bild derselben. Für das uns hier vorschwebende pragmatische .Ziel können wir von einer solchen Darstellung absehen. Denn für dieses fällt ungleich mehr als der Aufstieg der Phönizier ihr Niedergang ins Gewicht. Je glänzender sich nämlich die Leistung dieser phönizischen Handelswelt darstellt, desto charakteristischer zeigt sich das schliessliche Schicksal derselben. Ohne Katastrophen, ohne grosse, welthistorische Ereignisse findet sie ein langsames, aber nahezu vollständiges Ende. Die Bevölkerungsziffern all der syrischen Mutterstädte waren immer in einem eklatanten Missverhältnis zu ihren in Raum und Zeit weitgestreckten Unternehmungen gestanden. Sobald grössere Städte und volksreichere Nationen ihre Konkurrenten geworden, mussten sie unterliegen. Diese Konkurrenz erwächst ihnen nun in den griechischen Landen. Es entsteht eine griechische Kaufmannschaft mit einer ganz anderen sie stützenden Bevölkerung im Rücken. Die griechischen Stadtstaaten werden Handelsstädte. Durch ihre Position gerade in Mitten des Mittelmeeres legen sie sich quer zwischen dem Ost- und Westhandel der Phönizier, durchbrechen ihn; sie gründen von Staatswegen Kolonien, welche die phönizischen Faktoreien aus dem Handel verdrängen oder zu griechischen Städten umwandeln. Haben nun die griechischen Seestädte diesen Sieg einzig, wie Spekh annimmt, durch die günstigere geographische Lage erlangt; oder waren die griechischen Kaufleute tüchtiger als die phönizischen? Kaum! Kombiniert aber der „Geschäftsmann“ die Kenntnis ähnlicher späterer Kämpfe mit der feststehenden Tatsache einer sich in Griechenland gerade damals auf einem anderen Felde sich vollziehenden wirtschaftlichen Entwicklung so wird die Niederlage verständlich. In Griechenland war zu jener Zeit eine eigene Industrie entstanden, welche zwar vielfach ihren Anfang und Ausgang von der durch die Phönizier importierten asiatischen und egyptischen Waare genommen, aber deren Erzeugnisse dem westeuropäischen Bedarfe und Geschmacke offenbar viel besser angepasst waren und bald gesuchter geworden sein mussten, als die ersteren. Und je mehr sich der Westen und sein Konsum entwickelt, desto mehr rückt der Schwerpunkt des Handels von der Mitte nach dem Westen. Die Phönizier hatten in Griechenland vielfach die ungefähre Stellung der Juden in Europa während der ersten Jahrhunderte des Mittelalters eingenommen. Jetzt aber in dem Handel mit diesen heimischen gewerblichen Produkten hatten die nationalen hellenischen Kaufleute einen natürlichen Vorsprung vor den phönizischen, eine Vorhand, eine Art Monopol. Es geht den Phöniziern durch die Griechen wie Jahrtausende später den Portugiesen und den Holländern durch die Engländer, und wie jetzt wieder diesen durch die Deutschen und Amerikaner, von denen sie sich bedroht zumindest erklären. Kurz, ihre Zeit als Handelsherren der Welt ist aus und zu Ende. Einzig und allein Karthago weiss durch seine geographische Position, die eine gewisse Zentralstellung für die ganze Handelsbewegung gewährte, dieser Konkurrenz nicht nur Stand zu halten, sondern aus dem Niedergange der anderen so ungleich ferner gelegenen syrischen Küstenstädte neue