Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. Blocb’s MocbenscvrM. Sette 695 Der neue Gouverneur von Hongkong. Ein Londoner Blatt enthielt vor einigen Tagen folgende Notiz uns Hongkong, datiert vom 29. Juli d. I.: ..Sir Matthew Natban, der neue Gouverneur von Hongkong, landete heute morgens um 10 Uhr und wurde am Pier von Regierungsbeauiten, Richtern, Zivil- und Militärbeamren sowie einer großen Menge von Bürgern empfangen. Die Schiffe trugen Flaggenschmuck und Salutschüsse wurden abgegeben. Die von dem Derbyshire-Regiment gestellte Ehrengarde war zugegen, und der Weg vom Regierungsgebäude wurde von Militär und Polizisten eingefaßt. Bei der Zeremonie der Eidesleistung machte Sir Nathan einen günstigen Eindruck durch eine ausgezeichnete Rede." Hierzu wird aus London geschrieben: „Diese Notiz wirft ein charakteristisches Licht auf den Unterschied zwischen den hiesigen und dortigen Verhältnissen. Der neue Gouverneur von Hongkong, Nathan, ist ein guter Jude. Er sollte vor einigen Jahren englischer Militärattache in Berlin werden, wurde jedoch seiner Religion wegen von der preußischen Regierung nicht angenommen. Es ist schade, wenn ein Land die Talente, welches es besitzt, nicht benutzen darf." Juden und Christen im ulten Pompeji. Am 21. Juni 1882 wurde in dem Grabmal der Stafonier ein Bild entdeckt, das nach dem Urteil der Sachverständigen das sogenannte Urteil Salomon's darstellt. Man schloß daraus, vorerst recht zaghaft, daß im alten Pompeji Juden gelebt haben müssen. Nun sind noch manche neue Tatsachen hinzugekommen, die diese Annahme belästigen und sie für sehr wahrscheinlich gelten lassen. So hat man auch Tongefäße gefunden, die mit Aufschriften wie „Nuria castagarum castum“, „garum castimoniale" bezeichnet sind. Es scheint zweifellos, daß diese pompejanischen Amphoren „koschere Fleischsaucen", d. h. solche, die aus den nach jüdischen Speisegesetzen erlaubten Fischen bereitet, enthielten. Mit diesen Funden beschäftigt sich im letzten Hefte der „Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde des Urchristentums" Eberhard Nestle und er meint, daß sich auch Spuren des Christentums in Pompeji finden. Zu den Hinweisen auf die Speisegesetze, die vor 70 auch von Christen gehalten wurden, tritt die halbverlöschte Kohleninschrift „Hristian?" und die Wandschmiererei, respektive das eingekratzte „Sodoma, Gomora". Hat ein ungastlich aufgenommener Christ die leichtsinnige Stadt und ihr auf Genuß gerichtetes Leben, wie Nestle in Erinnerung an Matthäus 10, 15 für möglich hält, gekennzeichnet, oder hat ein fliehender Jude oder Christ den Eindruck wiedergegeben, den der beginnende Aschen- und Steinregen auf ihn machte? Nestle meint, die Sache wäre einer neuen Prüfung wert, trotzdem Tertullian (Apol. 40) Christen in Campanien vor 70 leugnet. — Diese mannigfaltigen Momente zusammen dürften schon für eine Anwesenheit von Juden oder Christen, wenn auch nur von wenigen, in Pompeji sprechen. Eine Reminiseenz an Kischenew. Der Bessarabische Gouverneur von R a a b e hatte seinerzeit den Juden es vorausgesagt, daß böse Tage kommen werden, falls sie ihm nicht eine gewisse Summe zahlen. Nach den Judenmassakres mußte dieser deutsch-russische Edelmann seinen Gouverneurposten verlassen. Vorige Woche ist sein Sohn Oberst von R a a b e in der Schlacht in Ostasien gefallen. Ju.den in Liesing im X II. Jahrhundert. Gelegentlich der Tausendjahr-Feier der Gründung der Stadt Mödling habe ich kürzlich die Aufmerksamkeit der Leser dieser Blätter auf eine alte Notiz in Jsserls Responsensammlung gelenkt, woraus sich bestätigt, daß in Mödling im Mittelalter eine größere jüdische Familie existierte und dort eine bedeutende rabbinische Autorität damals lebte. Anknüpfend an dieses Thema zur Geschichte der Juden in Niederösterreich, erlaube ich mir die Ansicht zu äußern, daß vor der letzten Ausweisung der Juden aus Niederösterreich im Jahre 1670 auch in Liesing eine größere jüdische Gemeinde vorhanden gewesen sein dürste, wo Samuel Kaidnower gegen Mitte des XVII. Jahrhunderts als Rabbiner fungierte. Er unterschreibt sich in einer Approbation zum Buche „Nachlath Zewi". T-iraor nr^aa nb ppssb nn und in der Vorrede zu einem seiner nachgelassenen Werke „Birchath Schmuel" erzählt auch sein Sohn, daß sein Vater auf der Flucht aus Polen zuerst Rabbiner in Oesterreich war. Ich neigte anfangs dazu, hier eine Korrektur vorzunehmen, da aber der Ortsname wiederholt nb geschrieben wird, und andere Umstände auch die Richtigkeit dieser Annahme bestätigen, kann ich dem Worte keine andere D eutung als Liesing geben; offenbar wurde der biblische Ortsname r6 hier angewendet. (In der jüdischpolnischen Lesart wird dieses Wort nicht „Lus" sondern „Lies" gelesen.) Es war während der Zeit von 1648—1657, als Kosaken, Russen und Schweden, Polen mit Krieg überzogen und unter den dortigen Juden ein fürchterliches Gemetzel und gräuliches Blutbad anrichteten. Die jüdisch-polnischen Flüchtlinge suchten Zuflucht bei allen jüdischen Gemeinden Europas und wendete sich auch ein Teil derselben nach Mähren, Böhmen und Oesterreich, wo damals die Juden unter Ferdinand I II. einigermaßen Ruhe fanden. Viele gelehrte Exilierte nahmen hier vakante Rabbinatsplütze ein. Dieser Samuel Kaidnower scheint auch den Weg daher, mit seinem Lehrer R. Heschel, der nach Wien geflohen, über Nikolsburg genommen zu haben, was der dortige damalige Landesrabbiner Mendel Krochmal in seiner Responsensammlung Zemach Zedek, Nr. 29 und 108, erwähnt. Hier, in Liesing, weilte Kaidnower nur kurze Zeit, da er bald einem Rufe aus Fürth, das dortige Rabbinat zu übernehmen, Folge leistete. Wien, im September 1904. S. Spinner. Korrespondenzen. Wien. (Eine Gedenktafe l für Kaiserin Elisabeth.) Kurz bevor sich der Tag des Todes der Kaiserin Elisabeth zum sechstenmale fährt, wurde am 5. September um Uhr nachmittags in dem neuerrichteten Tempel in der Josesstadt, Neudeggergasse Nr. 12, eine dem Andenken an die Kaiserin gewidmete Gedenktafel enthüllt. In dem festlich beleuchteten Tempelgebäude hatten sich eingesunden: Stadtkommandant FML. Freund v. Arlhausen, Sektionsrat Dr. Sigismund Pilat in Vertretung des Ministeriums für Kultus und Unterricht, Statthalteirat Gras Lamezan, der Vizepräsident der isrealitischen Kultusgemeinde Dr. Gustav K'ohn mit dem Sekretär kaiserlichen Rat Dr. Lieben, Baurat Fleischer als Erbauer des schönen Tempels, Universitäts- Professor Dr. Ehrmann, Regierungsrat Kulka, Landesgerichtsrat Dr. Spitzkopf, Polizeibezirksleiter Polizeirat Adami in Vertretung des Polizeipräsidiums, Gemeinderat Zifferer, Rabbiner Dr. Schmiedl, Dr. Feuchtwang, Dr. Abeles, Dr. Mandl, der stellvertretende Direktor der Aktiengesellschaft für Holzgewinnung Ludwig Horch, Lektor Friedmann, Schriftsteller Dr. Joses S. Bloch, Ortsschulrat Joses Fuchs, der Präsident der türkischisraelitischen Gemeinde Licco Adutt, akademischer Maler Straßer, die Mitglieder des Synagogen-Vorstandes mit dem Präsidenten Herm. Beck an der Spitze, und zahlreiches Publikum. Mit dem Vortrage eines Psalms begann die Feier. Hieraus hielt Rabbiner Dr. Bauer die Predigt, in der er betonte, daß die Gedenktafel errichtet wurde, um der Dankbarkeit und Verehrung für eine der edelsten Frauen Ausdruck zu verleihen. Sodann erfolgte die Enthüllung der prachtvollen, nach einer Zeichnung des k. k. Baurates Fleischer im renommierten Atelier des Herrn Joses Neubrunn (Firma W u l k ä n & Neubrunn) ausgeführten Gedenktafel, die rechts von der Bundeslade angebracht ist. In einer stilvollen Umrahmung von weißem Marmor trägt die schwarze Marmortafel in Goldlettern folgende Inschrift: „Zur ewigen Erinnerung an weiland Ihre Majestät die erhabene Kaiserin und Königin Elisabeth, allerdurchlauchtigste Gemahlin