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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-09 · 37 (9.9.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 592 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 37 händig. Dann ließ er auch dessen ganze Familie und alle seine Leute, deren er habhaft werden konnte, niederhauen, so daß keiner am Leben blieb, der Blutrache nehmen könnte.*) Theodorich war ein Gothe und die Gothen hält man für den edelsten Stamm der Germanen. Eine noch bessere Meinung hatten fteilich die Franken von sich. In der Vorrede zu dem Gesetzbuch der salischen Franken nennen sie sich „die vorteffliche Nation, die Gott selbst gegründet hat, tapfer im Felde, tief in ihren Ratschlägen, an Leib edel und gesund, von vorzüglicher Reinheit (candore egregia)“ u. s. w. Von ihrer moralischen Reinheit und Ehrlichkeit hatten freilich die Römer eine andere Ansicht. So sagte der Historiker Flavins Vopiscus, sie seien gewohnt, mit lachendem Munde die Treue zu brechen (quibus familiäre 68t ridendo fidem frangere) * 2) und der Grieche Procopius: Kein Volk hatte so wenig Treue wie die Franken. Diesem Stamme gehörten die Könige aus der Familie der Merowinger an, und von keiner Dynastie werden so viele Eidbrüche und Schandtaten berichtet, wie von dieser. Ihrem Geschichtsschreiber, dem Bischof Gregor von Tours (Historia Francorum) erscheint das Eidbrechen fast schon als etwas Alltägliches, worüber man sich nicht zu wundern habe. Deshalb suchten diese Könige, wenn sie Verträge schlossen, einander durch die feierlichsten, schrecklichsten Eide zu binden. So schwuren die drei Söhne des Königs Chlotar bei einem Teilungsvertrage (a. 567) auf den Reliquien der Heiligen Hilarius, Martin und Polyeuct, deren Rache sie auf den Meineidigen herabriefen, König Hilperich schwur seiner Frau Galaswinte die heiligsten Eide auf einem Kästchen mit Heiligenreliquien, die Großen des Reichs schwuren ihr gleichfalls mit christlichen und heidnischen Eiden. Aber keiner dieser Eide wurde gehalten.'^) Manchmal führte man den Schwörenden von Kirche zu Kirche und ließ ihn an den Gräbern der Heiligen den Eid wiederholen; aber auch das half nicht. „König Gnntram war ein ehrlicher Mann", sagt Bischof Gregor, „nur war er zum Meineid sehr geneigt, er hat nie geschworen, ohne dann den Eid zu brechen."') „Auch der Eid hatte unter den Vornehmen von seiner Kraft verloren und das neue Christentum vermochte nicht ihm größere Festigkeit zu geben. Wenn ein Merowinger den anderen schwören ließ, daß dieser niemals etwas gegen ihn unternehmen wolle, so half ihm das sicher wenig". „Häufig wußte der Schwörende sich dem Eide dadurch zu entziehen, daß er ihn dem Wortlaute und nicht dem Sinne nach erfüllte. Der Vandalenkönig Hilderich in Afrika hatte seinem sterbenden Vater Trasamund gelobt, nach^seinem Regierungsantritt den Kacholiken keine Kirche zu öffnen. Er ließ ihnen also nach dem Tode des Vaters die Kirchen öffnen, bevor er die Regierung antrat." 5 *) Es ist dies vielleicht das einzige Beispiel eines Wortbruchs zu Gunsten der Toleranz. Der Vandalenkönig war ein Arianer, also ein Ketzer. Anders machte es der rechtgläubige katholische Franke, der Majordomus Ebroin: er schwur dem Herzog Martin Sicherheit ans eine angeblich Reliquien enthaltende Kapsel; die Reliquien hatte er aber vorher heimlich entfernt, und so konnten ihm die Heiligen wegen des Eidbruchs nichts anhaben, als er bald darauf den Martin töten ließ. Es wird aber auch erzählt, daß *) A Thierry, Becits de l’histoire romaine. Oduacre, vol. III, 4<2—5; Anonymus Valesianus, ed. Mommsen in Monumenta germ. hist. T. IX, 8. 320; Huratori Annali a. 493. „Meurtre barbare que les antenrs favorables L Theodorich tächent d’excuser en disant qu’il avait d6couvert un complot forme contre sa vie. Mais des ecrivains qu’on ne peut soup$onner de partialite, traitent ce forfait d’assassinat commis contre la foi des sermens.“ (Le Beau, Histoire du Bas-Empire L. 37, cb. 15.) 2) Vita Proculi Imp. XIII. *) Aug. Thierry. Becits des temps merovingiens, Premier r£cit. Les quatre fils de Chlother I. *) Nulii amicorum sacramentum dedit, quod non protinus omisisset. (Hist. Franc. V. 14.) s) G. Freytag. Bilder aus der deutschen Vergangenheit I, 3. (Samt!. Werke XVII 182). Gibbon, History ch. 47 a. 523. nicht Ebroin selbst, sondern die Bischöfe von Reims und von Paris die List mit dem leeren Reliquienkästchen ersonnen hätten.') Anderthalb Jahrhunderte später warfen wieder viele Bischöfe dem Kaiser Lothar, einem Enkel Karl des Großen, vor, er habe vielmals die seinem Vater und seinen Brüdern geleisteten Eide gebrochen. Dagegen hatte schon viel früher Kaiser Karl selbst den Geistlichen vorgeworfen, daß sie sich aus dem Meineide nichts machen und andere durch Geld zu falschen Zeugnissen und Eidschwüren verleiten.2) Und als Papst Leo X, im Jahre 1516 mit König Franz ]. von Frankreich das Konkordat abschloß, durch das den Geistlichen das Wahlrecht zu den geistlichen Aemtern entzogen wurde, führte er u. A. als Motiv an, sie seien dabei oft meineidig vorgegangen; obwohl sie geschworen, ohne Rücksicht auf Bitten, Schenkungen und Versprechungen den Würdigsten und Tauglichsten zu wählen, hätten sie gegen diesen Schwur zum Schaden ihrer Seele gehandelt, „wie offenkundig bekannt ist, aus den vielen Absolutionen und Rehabilitationen, die von uns und unseren Vorgängern verlangt und gewährt worden sind" (nt nobls notorie constat ex crebris absolutionibus et rehabilitationibus a nobis et praedecessoribus nostris petitis et obtentis). 3 *) Nach dem bisher Mitgeteilten wird man wohl dem Professor Sartorius kaum widersprechen können, wenn er in seiner Geschichte des Hanseatischen Bundes die Vertragstreue als etwas im Mittelalter selten Vorkommendes bezeichnet: „Denn bei allen Verträgen galt der augenblickliche Privatvorteil dem Einzelnen mehr, als die Pflicht oder die Ehre, mit Treue das gegebene Mort zu erfüllen. Der Ausflüchte waren unzählige in jenen Zeiten, die man so gern als Zeiten der Treue und des Glaubens darzustellen bemüht ist, wo man von altdeutscher Redlichkeit zu fabeln sich erdreistet, während jede Vorfallenheit diese Behauptung Lügen straft." (Erste Periode, erstes Buch, I S. 112.) Steht es in Beziehung auf Heilighaltung des Eides seit dem sechzehnten Jahrhundert bei den Europäern und Christen besser, sind die Meineide seltener geworden? Darauf komme ich vielleicht bei späterer Gelegenheit zurück. _ M. L. Gin Erlaß. Die Kanzleidirektion des fünften Preßburger Korpskommandos, Kommandant Erzherzog Friedrich, hat vor einiger Zeit einen Korpsbefehl erlassen, in welchem ausdrücklich gefordert wird, daß die für das Korpskommando als Schreiber namhaft zu machenden Unteroffiziere Christen sein sollen. Wie nun die Zeitungen mitteilen, hat das Beispiel bereits Nachahmung gefunden, es haben auch andere Korpskommanden Erlässe ähnlichen Inhalts hinausgegeben. Daß das Beispiel wirken werde, war vorauszusehen. Die österreichischen Erzherzoge nehmen hochragende Stellungen in der Armee und in der Gesellschaft ein und ihr Beispiel hat schulbildende Kraft. Wie hochstehende Damen, denen natürlich ein engerer Wirkungskreis beschieden ist, von bestimmendem Einfluß zu sein pflegen auf dem holden Gebiete der Mode, so sind die Männer, die durch die Vorrechte ihrer Geburt in ihrer Stellung hervorragen, gewöhnlich tonangebend in ihren militärischen, gesellschaftlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen und sittengeschichtlichen Neigungen und Auffassungen. Man weiß, wie sehr beispielsweise der greise Erzherzog Rainer ein Förderer der Wissenschaften ist; es ist bekannt, daß Erzherzog Franz Ferdinand ein ernstes Interesse für Kirche und Schule bekundet, daß Erzherzog Otto und Erzherzog Ludwig Viktor trotz ihres zeitweilig schwankenden Gesundheitszustandes an der Spitze zahl- ') Sismondi, Histoire des Francois I 325, a. 675—80. *) Kapitular v. I. 811, bei Michael Ignaz Schmidt, hochfürstlich Würzburgischen geistlichen Rat, Geschichte der Deutschen, 1573, *) Baynaldus Anuales eccles. ad annum 151o.

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