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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 586 Dr. 3BlocD’ö Wocbenscbrttt. Nr. 36 wir an, der Mann, ein intelligenter Mensch, ist durch die Verhältnisse gezwungen, einen Wohnsitz in irgend einem Nest aufzuschlagen. Wenn er nun seine Gedanken nicht mal mit seiner Gattin austauschen kann, da diese Frau viel niedriger steht als er", (sonderbar, jedesmal wenn sie „diese Frau", sagte, schien es mir, die Bezeichnung gelte meiner armen Dinah,) „was kann aus dem moralischen „Ich" dieses Menschen werden?" und auf diese mit strenger Stimme gestellte Frage, antwortete Fräulein Jsabella ohne zu zögern: „Unbedingt muß es sich abstumpfen." „Nun, sag' doch, Dymkin, erbarm' Dich, mir scheint, Jedes konnte leicht erkennen, daß dies hohles Geschwätz war, längst abgedroschene Gemeinplätze . . . Und doch saß ich starr da und hörte ihr zu, und wenn ich nach Hause kam und Dinah mich mit einem schüchternen Lächeln bediente, blickte ich auf sie wie auf ein Wesen niederer Art, obgleich tief in meinem Innern eine warnende Stimme flüsterte: Du stürzt Dich in einen Abgrund . . . Eines Tages sagte ich zu Dinah: „Wisien Sie, Dinah, ich habe die Absicht, zu heiraten". Sie erbleichte, ihre Augen blitzten auf, erloschen jedoch sofort, und mit tonloser Stimme fragte sie: „Wen?" „Dort ... ich habe ein sehr gebildetes Fräulein kennen gelernt ..." Dinah schwieg, aber ihre Hand, in der sie ein Messer zum Brotschneiden hielt, sank kraftlos auf den Tisch. „Und . . . Sie sind verliebt in das Fräulein?" fragte sie stotternd und ohne den Blick zu erheben. „Verliebt, nein", erwiderte ich, „aber etwas derartiges .." „Nun, und Geld hat sie?" „Viel nicht; aber immerhin wird man keine Sorge um's tägliche Brot haben. Für uns, arme Leute, ist das auch schon ein Glück." Dinah's dichte, schwarze Brauen begannen zu zittern, ihre Augen streiften mich mit einem Seitenblick und mit erbleichten Lippen flüsterte sie: „Gott gebe Ihnen Glück, Herr Doktor." Lautlosen Schrittes verließ sie das Zimmer. Und ich eilte ihr nicht nach, stürzte nicht nieder zu ihren Füßen, erwärmte ihre bleichen, zitternden Hände nicht mit meinen glühenden Küssen . . Nein. Ich band eine rote Kravatte um, und ging zu Frau Cypkin, um zuzuhören, wie Fräulein Katz die „Mandolinata" spielte, und mit ihr zusammen die Gedanken zu analysieren, die Gogol in seinen „Todten Seelen" zum Ausdruck hatte bringen wollen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Kant und das Judentum. Unter diesem Titel erschien im Juli-Hefte der vom Prof. Blau in Budapest redigierten ungarisch-jüdischen Rundschau ein Vortrag von Dr. L. Venetianer, Rabbiner in Neupest, dem wir im Folgenden einige Bemerkungen widmen wollen. Dr. Venetianer feiert den großen Königsberger Geistesreformator als vorurteilslosen Denker auch dem Judentume gegenüber, wie dies ganz besonders aus seiner Würdigung Mendelssohn's dervorgeht, und kommt dann auf das geringschätzige und vernichtende Urteil zu sprechen, womit Kant die jüdische Religion in seinem „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" abfertigen zu können glaubt. (Reklam'sche Ausgabe 134 fg) Kant begnügt sich hier nicht mit der jedenfalls gewagten Behauptung, daß die christliche Kirche allein es war, welche ..den Keim und die Prinzipien zur objektiven Einheit des wahren und allgemeinen Religionsglaubens bei sich führe", sondern übt auch eine Kritik am Judentume, wie wir sie selbst vom enragiertesten Antisemiten nicht rücksichtsloser erwarten können. Demnach wäre das Judentum eigentlich gar keine Religion, da es bloß statutarische Gesetze, aber keine moralischen Lehren kennt, und wollte im Grunde nicht ein ethisches gemeines Wesen, sondern ein politisches sein. Wie ist nun Kant, der strenge Forscher der reinen und nackten Wahrheit, zu diesen viel mehr als kühnen Ansichten über das Judentum gelangt? Keineswegs durch ein gründliches Studium des Alten Testamentes, da sein Urteil in diesem Falle zweifellos ganz anders gelautet hätte. Wir übergehen hier die Erklärung Venetianer's welche durchaus nicht befriedigend ist, glauben aber mit Folgendem das Richtige gefunden zu haben. Den Grundton der uns beschäftigenden Kant'schen Stelle bildet wohl die Anschauung, daß das Judentum keine Religion, sondern eine Staatsverfassung war. Für diese Anschauung glaubte Kant zwei Gewährsmänner in Spinoza und Mendelssohn gefunden zu haben. Bekanntlich behauptet Ersterer in seinem theologisch-politischen Traktat (lll. Kapitel), das Judentum sei eine Staatsverfassung gewesen und seine Gesetze hätten eben darum mit dem Untergange des Staates ihre Bedeutung verloren. Offenbar aber hat Spinoza mit dieser Anschauung auf Mendelssohn wenigstens teilweise eingewirkt, wenn er in „Jerusalem" (II. Abschnitt) sagt: „Das Judentum rühmt sich keiner ausschließenden Offenbarung ewiger Wahrheiten, die zur Seligkeit unentbehrlich sind; keiner geoffenbarten Religion in dem Verstände, in welchem man dieses Wort zu nehmen gewohnt ist. Ein Anderes ist geoffcnoarte Religion, ein Anderes geoffenbarte Gesetzgebung." Ausschlaggebend aber dürfte folgende Stelle sein: „Staat und Religion war in dieser ursprünglichen Verfassung nicht vereinigt, sondern eins, nicht verbunden sondern ebendasselbe." Kant adoptierte nun die Auffassung der genannten beiden Denker, das Judentum sei keine bloße Religion gewesen, und gelangte von dieser Grundanschauung aus zu Ausführungen, welche für nichts weniger als gerecht und wahr gelten können und zur Warnung dienen, wie selbst erlesene Geister weit entfernt davon bleiben, unfehlbar zu sein. Für ganz ausgeschlossen aber muß es gehalten werden, daß Kant bewußt oder unbewußt antisemitischen Gefühlen und Neigungen anheim gefallen wäre, besonders wo cs sich um wissenschaftliche Untersuchungen handelte. Auffallend aber und zu bedauern ist es, daß Mendelssohn's „Jerusalem", das Kaut bekanntlich mit voller Anerkennung begrüßte, nicht auch hinsichtlich der Würdigung der jüdischen Religion einen tieferen Eindruck bei demselben hinterließ. Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch einen allgemein verbreiteten Irrtum richtig stellen, welcher Mendelssohn's Standpunkt in seinem gedachten theologischen Werke hinsichtlich der Glaubenslehren im Judentume betrifft. Leopold Löw hat der Frage, ob das Judentum Dogmen enthalte, zwei Untersuchungen gewidmet: „Die Grundlehren der Religion Israels" (Ben Chananja 1858) und „Jüdische Dogmen" (1871, Beide Abh. Nach gel. Schr., I. Bd.). Auch-Löw teilt die Ansicht Derer, welche von Mendelssohn behaupten, er stelle in seinem „Jerusalem" die Existenz von Glaubenslehren im Judentume in Abrede. Uns will es scheinen, daß Mendelssohn mißverstanden wurde und er weit entfernt davon war, sich das Judentum ohne Glaubenslehren vorzustellen, was ja, wie Löw mit Recht behauptet, ganz undenkbar ist. Was Mendelssohn im „Jerusalem" so scharf betont, ist nichts anderes, als daß im Judentume Glaubenslehren nicht aufgezwungen, nicht befohlen, sondern überzeugend gelehrt werden müssen. Hiermit aber sind nur solche Dogmen ausgeschlossen, welche bloß geglaubt, aber niemals begriffen werden können. Sapienti sat. Dr. Stein herz, Rabbiner in Szskesfejsrvär. Dr. Nehemias Brüll, Festreden für Neujahr, Versöhnungstag und Laubhüttenfest. Frankfurt a. M. Verlag von A. I. HofrnaUn. 1904. Preis K 1.10. 32 Seiten. Vorliegende Predigten (2 Neujahrsreden, 1 Rede für den Versöhnungstag, 1 Rede für das Laubhüttenfest) zeichnen sich durch eine einfache, jedoch vornehme und gewählte Sprache aus. Als Beispiel sei eine Stelle aus der Neujahrspredigt angeführt. „Ja, groß und und glücklich ist der Mensch, als König waltet er im Reiche dieses Seins, wenn Gedankenhoheit sein Thron, Selbstbeherrschung sein Szepter, Erkenntnis seines Hauptes Krone, Gerechtigkeit seines Herzens Schild ist, wenn Hoheit des Geistes, Weihe des Gemütes und Freiheit des Willens ihn stets erfüllen." - Durch schöne Gedanken zeichnet sich besonders die 2. Neujahrsrede und die Predigt für den Versöhnungstag aus. Neue Bücher. M. Grnnwald. Hamburgs deutscheJuden bis zur Auflösung d e r D r e i g e m e i nd e n 1811. Mk. 10. — Verlag AlfredJanssen, Hamburg 1904. Josef Nobel, Rabbiner in Halberstadt. Kasualreden. Herausgegeben von einem Freunde und Verehrer. Verlag von M. W. Kaufmann, Leipzig 1904. Dr. M. H. Friedländer. Die hervorragendsten jüdischen Religio nsphilofophen und Dichter im Mittelalter. Verlag vonMorizWaizner & Sohn, Wien 1903.

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