Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Dr Dlocb s MocbenscbrM. Seite 585 „Warum aber haben Sie das Mädchen unterrichtet?" „Weil es ein liebenswürdiges, ungewöhnlich begabtes und gutes Geschöpf ist. Solch eine Schülerin zu haben ist eine wahre Freude." Frau Cypkin wiegte ihr Haupt. „Hm, und daran haben Sie nicht gedacht, daß Sie das Mädchen unglücklich machen?" Erstaunt blickte ich sie an. „Natürlich, ehedem hätte sie einen Juden im langen Rock geheiratet und wäre zufrieden gewesen; und jetzt wird sie einen solchen nicht einmal ansehen wollen." Das war nicht unrichtig. Mir fiel es ein, mit welcher Entschiedenheit Dinah alle ihr vorgeschlagenen Partien zurückwies und ich wurde verwirrt. Frau Cypkin bemerkte es und begann nun eine regelrechte Belagerung. „Sehen Sie, Herr Doktor, ich möchte Sie glücklich sehen. Sie sind kein alltäglicher junger Mann und Sie müssen ein Fräulein heiraten, das Ihrer würdig wäre. Ich habe eine Braut für Sie; das Mädchen ist schön, ungemein gebildet, musikalisch, bescheiden und aus guter Familie. Nun, und eine Mitgift wie es sich gebührt, zehntausend Rubel. Butter hat noch nie die Grütze verdorben. Nun, was sagen Sie dazu?" Ich erwiderte, daß ich bis jetzt noch gar nicht an's Heiraten gedacht hatte. „Das ist Unrecht. Sie werden ja doch nicht immer jung bleiben .... Jetzt liebäugeln verschiedene Damen mit Ihnen. Oh! ich weiß das ganz gut. Sie sind interessant, sehr interessant. Aber", fuhr sie fort, „ein paar Jahre gehen rasch ins Land, eS kommen Runzeln, Krankheiten . . . Wer wird Sie dann pflegen, wie?" Während sie sprach, sah ich in Gedanken Dinah's sanftes Gesichtchen, ihre großen, demütig blickenden Augen, ihr süßes Lächeln, sofort jedoch verscheuche ich dieses Bild als etwas Unmögliches, fast Unanständiges und sage zu der alten Kanaille. „Vielleicht haben Sie Recht, aber ... es fehlt mir an Gelegenheit." „Wissen Sie, Doktor, wenn man die Gelegenheit sucht, kommt sie Einem entgegen." Nach einigen Tagen ließ mich Frau Cypkin holen. Ich traf einen Gast bei ihr, mit dem sie mich sofort bekannt machte. Herr Katz war ein kleiner, beweglicher Mann mit einen hervorragenden Kinn, auf dem ein spitzes, kleines Bärtchen lächerlich in die Höhe ragte. Er war so beweglich, daß er Einem förmlich vor den Augen schwirrte. Nachdenl er meinen Namen gehört hatte, überschüttete er mich mit Fragen, ob ich nicht der Verwandte einer ganzen Menge von Leuten sei, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte. Uebrigens schien ihm dies ziemlich gleichgiltig, und mit der Leichtigkeit eines Gummiballs sprang er auf ein zweites, drittes, zehntes Thema über. Es war dies kein Mensch, sondern die Verwirklichung eines Perpetuum mobile. Von sich selber sprach er mit Entzücken, leidenschaftlich, mit Pathos; er erzählte von seinem finanziellen Genie, wie er, kaum zehn Jahre alt, anstatt im Cheder zu sitzen, mit gebrühten und wieder getrockneten Teeblättern Handel getrieben hatte, beschrieb -seine Reisen und erklärte unter Anderem, daß er soeben aus Tunis zurückgekehrt sei. „Wieso sind Sie aber dorthin gekommen?" fragte ich erstaunt. Er blickte mich an, als ob er sich verletzt fühlte, und antwortete von oben herab. „Ich bin jedes Jahr dort. Ich habe Geschäfte in Tunis, Algier, Egypten und Marokko." „Womit beschäftigen Sie sich?" „Womit? Mit Altertümern", fertigte er mich ab. Ich dachte, daß er ein Trödler sei, und da ich nicht begriff, zu welchem Zweck er in solchem Falle nach Algier reise, fragte ich wiederum: „Mit welchen Altertümern?" „Mit welchen? Mit altem Bronze, mit Bildern, Waffen, Porzellan, Möbeln, Spitzen, Gewebe, Manuskripten, Stichen, kurz, mit allen „objets d’art“", zählte er auf, ohne zu stottern. „Und find Sie ein Kenner?" Er lachte, als hätte ich die größte Dummheit gesagt. „Ob ich Kenner bin? Ich? Möglich, daß Sie in Berlin, London und Paris noch drei solche Kenner finden, aber in Rußland, das will ich wetten, kommt Niemand mir gleich. Zeigen Sie mir welches Bild Sie nur wollen, und ich werde Ihnen sofort sagen. Erstens: zu welcher Schule, der holländischen, spanischen, italienischen, französischen, deutschen; zweitens: in welche Zeit es gehört, ob in die Renaissance, in die Zeit der Pre-Rafaeliten oder in die der Regence. Mich kann man nicht betrügen". „Haben Sie das studiert?" „Nein . . . so, es ist mir gegeben." „Aber hören Sie doch, das ist nicht möglich". „Warum? Wenn der liebe Gott einem Menschen ein Talent bescheert, so kann dieser Mensch ohne zu lernen mehr leisten, als zwanzig „studierte" Esel. Glauben Sie aber nicht, Herr Doktor, daß ich das Wissen nicht schätze. Gott behüte! Ich habe sieben Kinder und alle sind sie die ersten Schüler in ihren Klassen! Und was für Köpfe! Minister! Ich sage es nicht darum, weil ich Vater bin; weiß ich doch, daß es lächerlich ist, seine eigenen Kinder zu loben, aber fragen Sie mal Frau Cypkin, ob sie viel solche junge Mädchen kennt, wie z. B. meine Jsabella." Fran Cypkin stieß einen Seufzer aus. „Selten sieht man ein solches Fräulein!" sagte sie mit einem entzückten Augenaufschlag. „Herr Katz ist ein glücklicher Vater!" „Nun!" rief der Antiquar und lächelte triumphierend. „Was soll ich Ihnen sagen von der Bildung meiner Jsabella? Französisch ist ihr so geläufig, wie ihre Muttersprache. Musik — Klavier — etwas ganz Außerordentliches. Ihre Lehrer konnten sich gar nicht beruhigen". „„Herr Katz", sagten sie, „wir können Ihrer Tochter nichts nrehr lehren, Fräulein Jsabella ist klüger als wir." Warten Sie, ich werde Ihnen meine Kinder zeigen. Ich sage Ihnen — es ist wert, sie anzusehen."" Der Seitentasche seines Rockes ein Taschenbuch entnehmend, begann er der Reihe nach die Photographien seiner Kinder auf den Tisch zu legen, dabei strahlte sein Gesicht in solchem Stolz, in solchem Glück, das Lob, das er seinen Sprößlingen spendete, war so aufrichtig, daß man trotz seiner Lächerlichkeit ihn rührend finden mußte. Nach Verlauf eines Monats kam Fräulein Jsabella Katz „zu Besuch" zu Frau Cypkin. Es war eine kleine, rötliche Blondine, mit einem pikanten, wenngleich vogelühnlichen Gesicht, mager, schmalschulterig, aber graziös. Das Einzige, was man wirklich schön an ihr nennen konnte, war ihr herrlicher Teint, da sie blendend weiß und die Röte ihrer Wangen von einer bezaubernden Frische war. Ihre Energie und Manieren glichen denjenigen ihres Vaters, doch war die Form ein wenig sanfter. Fräulein Jsabella sprach über alles, und zwar mit Entschiedenheit, ungewöhnlichem Selbstbewußtsein und dabei so rasch, als wenn ein erschrecktes Kaninchen in ihrem Kopfe umherlaufen würde. Außerdem gestikulirte sie so lebhaft, daß sie im Eifer des Gesprächs entweder an etwas anstieß oder den Gegenstand, den sie eben in der Hand hielt, zu Boden fallen ließ. Sie glaubte augenscheinlich, diese Lebhaftigkeit bilde einen ihrer Hauptreize, denn sie wiederholte mehrmals, sie sei eine „feurige Natur". „Womit jedoch nicht gesagt sein soll, daß es mir an Tiefe des Gefühls mangelt", fügte sie hinzu, und als Beweis dessen setzte sie sich an Frau Cypkin's Klavier, verdrehte die Augen und begann die „Mandolinata" oder „Gebet einer Jungfrau" zu trommeln. Ungemein liebte sie die Unterhaltung, d. h. nicht eigentliche Unterhaltung, denn sie ließ Niemanden zu Worte kommen, sondern Abhaltung endloser Monologe über das Familienleben, die Liebe u. s. w. Einen schmachtenden Blick in die Ferne richtend, begann sie zu dreschen: „Eine Frau, die nicht danach strebt, das geistige Niveau ihres Mannes zn erreichen, ist mir geradezu unbegreiflich". (Fräulein Katz liebte es, sich in hochtönenden Phrasen zu ergehen.) „Nehmen