Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 582 Dr. Dlocb's Wochenschrift. Nr. 36 Sr. Ehrwürden dem Herrn Rabbiner Siegfried Grün berge r in Audienz empfing, und in hochherziger Weife den Betrag von 500 Kronen zur Renovierung und Erweiterung des israelitifchen Friedhofes in Ober-Zerekwe spendete. Dieser Friedhof wurde im Jahre 1743 von der damaligen Herrschaftsbesitzerin Gräfin Regall geb. Metternich laut Schenkungsurkunde der israelitischen Kultusgemeinde Ober-Zerekwe gespendet. Der erste jüdische Oberlandesgerichtsrat in Böhmen. Herr I. U. Dr. Ferdinand U n g e r wurde zum k. k. Oberlandesgerichtsrate in Prag ernannt. Dr. Unger wurde als Sohn eines herrschaftlichen Arztes in Ober-Roeov in Böhmen geboren; er entstammt einem frommen Hause. Er absolvierte das Kleinseitner Staatsgymnasium, war in allen Klassen Vorzugsschüler und maturierte mit Auszeichnung. Der damalige Direktor der Anstalt, Herr Dr. Mathias Kawka, der ebenfalls aus Ober-Roöov gebürtig war, pflegte mit Stolz zu sagen: „Mein Landsmann Unger macht mir immer Ehre". Nach Absolvierung der juridischen Studien und Erlangung des Doktorgrades ward Unger Auskultant, später Adjunkt und Gerichtssekretär und ward vom Minister Schönborn zum (ersten jüdischen) Landesgerichtsrate (in Böhmen) ernannt. Als solcher fungierte er mehrere Jahre in Tabor, worauf er wieder nach Prag zurückversetzt wurde, wo er ein wichtiges Referat inne hat. Doktor Unger ist auch Mitglied der judiziellen Staatsprüfungskommission. Oesters wurde er vom Landesgerichtspräsidenten dem Justizminister als vorzügliche Kraft vorgestellt. Dr. Unger heiratete als Gerichtsadjunkt in Rakonitz die Tochter des dortigen Arztes Dr. Mendl und führt ein glückliches Familienleben. Er gilt als ausgezeichneter Jurist und zeichnet sich überdies durch besondere Bescheidenheit aus. A. B. Prag. In der Generalversammlung des Israelitischen Landeslehrervereines in Böhmen gedachte der Vorsitzende Oberlehrer S. Springer des verstorbenen Vereinsmitgliedes, Bürgerschuldirektors M. Mautner, sowie des Todesfalles Dr. Th. Herzl's. Hierauf hielt das Ehrenmitglied des Vereines, Rabbiner S. Königsberg einen Vortrag: „Eine Uebersetzungsstunde aus dem Hebräischen", der reichen Beifall fand. Die Berichte des Rabbiner M. Freund (Bodenbach), Schriftführer und Schriftleiter des Vereinsblattes „Mitteilungen", sowie der Kassebericht des Religionslehrers D. L ö w y (Prag) wurden genehmigt und den Berichterstattern der Dank ausgesprochen. Auf Antrag des Vorstandes wurde ein Stellenvermittlungskomitee eingesetzt. Als Gäste wohnten der Versammlung bei: das Mitglied des Landesschulrates Dr. Ludwig Bendiener und in Vertretung des Zentralvereines Dr. Theodor Welsch. Beide versicherten die Versammelten ihrer Sympathien und versprachen die möglichste Unterstützung in der Abhilfe der Uebelstände, unter denen die Erteilung des israelitischen Religionsunterrichtes leidet. Nach Absendung einer Huldigungsdepcsche an die kaiserliche Kabinctskanzlei schloß der Vorsitzende mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser die Versammlung. Der Ausschuß wurde in seinem vollen Umfange wiedergewählt, und zwar: Obmann: Oberlehrer S. Springer: Obmannstellvertreter: Rabbiner S. A b e l e s (Kuttenberg); Schriftführer: Rabbiner M. Freund (Bodenbach); Kassier: Religionslehrer D. L ö w y (Prag); Rechnungsführer: Direktor I. S ch w a g e r, Rabbiner D. Stein (Radnitz) und Herr Hoch (Czaslau). — Nachmittags fand unter Vorsitz des Professor Dr. A. Kisch die Generalversammlung des Pensionssondes statt. Nach Erstattung des Rechenschaftsberichtes fanden die Neuwahlen für die dreijährige Funktionsdauer statt. In den Verwaltungsausschuß wurden gewählt: Prof. Dr. Kisch, die Rabbiner Thorch (Schlan), Stransky (Melnik), A b e le s (Kuttenberg), Freund (Bodenbach), Oberlehrer S. Springer. Bodeubach. Mittwoch den 24. v. M., 11 Uhr nachts, find etwa 90 Mische Auswanderer aus Rumänien, die unter Patronanz der „Jca" bis Wien gereist sind, von dort mit Unterstützung der „Alliance israölite“ sich über Leipzig nach Rotterdam und nach Montreal (Kanada) begeben wollen, hier angelangt. In Leipzig wurden sie ohne Angabe eines Grundes — obwohl sie in Wien bereits polizeilich revidiert und materiell von der „Alliance“ gefördert wurden — nach Bodenbach zurückgesandt. Hierauf blieben sie, da der hiesige Bahnhof keinerlei Räume für Auswanderer hat, auf offener Straße liegen, ohne zu wissen, was sie tun und wohin sie sich wenden sollten. Es war nun für die Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde Bodenbach keine kleine Aufgabe, den zurückbeförderten Emigranten eine, wenn auch nur bescheidene Unterkunft zu verschaffen, bis ihnen die Weiterfahrt ermöglicht wurde. Dank der umsichtigen Verfügungen der Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde, der Herren Siegmund Brauner und Karl Heller, denen sich der Rabbiner M. Freund sowie Herr S. Kantor anschlossen, wurde für die notwendigsten Bedürfnisse gesorgt. Der Bodenbacher Frauenverein übernahm die Aufgabe, für die Emigranten die Verköstigung zu besorgen. Samstag endlich zeigte eine telegraphische Meldung aus Wien an, daß die Emigranten doch bald ihre Fahrt werden fortsetzen können, wenn auch nicht über Sachsen, obwohl seitens des dortigen Ministeriums des Innern ein Erlaß herausgegeben worden war, der den von der Allianz mit Legitimationen versehenen Auswanderern das Passieren ohne Anstand gestattet, sondern über eine andere Route. Sonntag früh traf der Delegierte der Israelitischen Allianz, Herr Jelinek, hier ein, und die Emigranten verließen unsere Stadt mit dem Morgenzug, um die Route über Prag zu nehmen. In derselben Angelegenheit erhalten wir aus Prag folgenden Bericht: Nachmittags erwarteten die Präsidenten der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Arnold Rosenbacher und Dr. Ludwig Bendiner, die mit dem Staatsbahnzuge ankommenden 80 rumänischen Auswanderer. Dieselben wurden in die jüdische Volksküche geleitet, wo die Herren Dr. Rosenbacher und Dr. Bendiner für eigene Waggons sorgten und diese auch die Einwaggonierung der Emigranten überwachten.; Die russisch-jüdischen Frauen in Werkstatt und Fabriken „Der Fraind" bringt in seiner letzten Nummer einige interessante statistische Daten über die Beteiligung der jüdischen Mädchen und Frauen in Rußland als Arbeiterinnen und selbständige Handwerkerinnen im Industriebetrieb. Im Gouvernement Wollin gibt es jüdische Frauen im Alter über 10 Jahre 87.186, im Kiewer Gouvernement 101.729, in Podolien 115.162, in Pultawa 26.961, in Tschemogowa 25.140, davon beschäftigen sich nicht weniger als 7 Perzent mit dem Handwerk. In erster Linie kommen hier die gewöhnlichen Handwerksbetriebe in Betracht, die sich am meisten für die Frau eignen: Schneiderinnen, Weißnäherinnen, Strickerinnen, Modistinnen, Handschuhmacherinnen, Zigarettenmacherinnen — aber es gibt auch jüdische Schuhmacherinnen, Kürschnerinnen, Scheererinnen, Fischerinnen, Gerberinnen, Schmiedinner, aber auch Goldarbeiterinnen, Buchbinderinnen, Töpferinnen, Färberinnen u. dgl. -Die Löhne oder der durchschnittliche Wochenverdienst beträgt zwischen 2 Rubel bis zu % Rubel für die ganze Woche. Es versteht sich, daß von einem solchen Verdienst (bei einer oft 15kündigen Arbeitszeit) keine Familie erhalten werden kann — aber auch eine Person allein kann mit so wenig Verdienst nicht leben. Die jüdischen Frauen haben aber keine Wahl, der Vater oder der Mann sind oft so arm, daß der eine Rubel pro Woche, den die Frau oder die Tochter' jede Woche ins Haus bringt, eine große Rolle im Haushalt spielt. Und die Arbeit in Fabrik und Werfftatt befreit die jüdische Frau nicht von der Arbeit in der Familie. So schwer sie ohnedies außer dem Hause arbeitet, so muß sie doch auch noch alle Hausarbeit versehen, muß schlecht und recht, wie es geht, ihre Kinder pflegen und erziehen, und so überarbeitet, verliert sie bald ihre Kraft und wird frühzeitig alt und abgebraucht. Man muß ein großes Teil Geduld haben, eine heiße Liebe zur Familie, viele sittliche und physische Kraft und einen edlen Charakter, um still und ruhig dieses doppelt schwere Joch — unter Not und Entbehrung zu ertragen — ohne zu verzweifeln.