Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Klocb s TKHocbenscbrtft. Sette 581 eben so viel triftige Motive wie im letzten Falle für die Vernichtung auch des neuen Wertes finden könnte. Auf diese Weise fiel die Schule, in der arme Waisenkinder allgemeine, religiös-sittliche Bildung, Kost, Kleidung und Schuhwerk erhielten, als Opfer des maskierten Strebend der Moskauer Administration, koste es was es wolle, den Allerhöchsten Befehl vom 23. September 1892 zu den letzten Konsequenzen zu treiben, d. i. zur Veräußerung des Gotteshauses durch Lizitation. Man könnte noch darauf Hinweisen, daß in diesem Waisenhaus Kinder ärmster Juden, vorzüglich aber Vater- und mutterlose Waisen unterrichtet wurden; daß man beim Eintritt in die allgemeinen Bildungsanstalten mit gehäuften Abweisungen zu rechnen hat, die ausschließlich vom Glaubensbekenntnis der Kinder abhängen . . . Man könnte sagen . . . Nein, nichts darf man sagen, lvenn man in einem Lande, das sich seiner Frömmigkeit riihmt, Zeuge sein muß der Verlesung eines Befehls über die Vernichtung eines Tempels, eines Hauses des Friedens und des Gebetes, wenn man nichts Unerhörtes daran sieht, daß diesen Tempel ein reicher Unternehmer kaust und in einen Stall, ein Restaurant, ein Vergnügungslokal umwandelt . . . Nichts darf man sagen, schweigen und Gott anrufen muß man, weil der menschliche Verstand versagt, um zu fassen, wie es möglich ist, zugleich am Ende des XIX. Jahrhunderts und in der Epoche der spanischen Inquisition zu leben. Korrespondenzen. Was geschieht für jüdische Brustkranke? Die schlechte wirtschaftliche Lage, die traurigen politischen Verhältnisse drücken auf alle Schichten der Bevölkerung und doppelt schwer empfinden dies jüdische Humanitätsvereine, die auf das Wohlwollen und die Freigebigkeit ihrer Glaubensgenossen angewiesen sind. Es ist eine leider nur zu natürliche Folge. Je schwerer die Erwerbsverhältnisse sind, je weniger die Besitzenden zu entbehren haben, desto größer wird die Armut, desto mehr wachsen die Ansprüche, die an Wohltätigkeitsinstitute gestellt werden. Größer als in den vergangenen Jahren war denn auch heuer der Andrang der hilfesuchenden Brustleidenden beim einzigen jüdischen „Vereine zur unentgeltlichen V e rp f l e gu n g armer Br u st l e i d e n d e r auf dem L a n d e". 320 Ausnahmsbewerber, arm, krank und elend, haben sich angemeldet, um nach dem mährischen Kurorte R o z n a u gesendet zu werden, wo sie in stärkender Landluft, bei guter Verpflegung und der sorgsamsten, ärztlichen Behandlung Heilung oder doch Linderung ihres tückischen Leidens finden, und obwohl nur 130 der würdigsten Petenten ausgenommen wurden, hat der Verein doch seine bescheidenen Mittel bedeutend überschritten und ein Gebahrungsdefizit pro 1904 von X 3200 verursacht. Der genannte Verein, der während seines 34 jährigen Bestandes über 3000 Lungenkranken teils Genesung verschafft, teils zur Besserung ihres Zustandes und zur Arbeitsfähigkeit verholfen hat, findet leider nicht jene Würdigung und Teilnahme in den Kreisen der begüterten, jüdischen Bevölkerung, die ihm Dank seiner eminent segensreichen Tätigkeit von rechtswegen zukäme. Wäre es bei einer regeren Beteiligung der Wiener Judenschaft denn möglich, daß die Vereinsleitung mangels der erforderlichen Mittel alljährlich Hunderte von würdigen Petenten schweren Herzens abweisen, diese armen, hilflosen Unglücklichen dem Siechtum, nicht selten dem unerbittlichen Tode preisgeben muß? Wäre es möglich, daß die seit vielen Jahren eifrigst betriebenen Bestrebungen der Vereinsleitung den zur Errichtung eines Tuberkulosen-Heims bestimmten Fond noch immer nicht auf jene Höhe gebracht haben, die die Verwirklichung des Bauprojekts zuläßt? In allen Bethäusern Wiens steht der Name dieses wahrhaft humanitären Vereines aus den Spendentafeln. E s nahen die hohen Feiertage und wir hoffen, daß an diesen Festtagen, wo die Herzen empfänglicher sind für das Elend der Armen, die Spenden für den Brust kr anken-Verein reichlicher fließen werden als bisher! 8. Gr. Die Reise des Ministerpräsidenten nach Galizien. Krakau. Vorigen Samstag am 27. August erschien beim hier anwesenden Ministerpräfidenten Dr. v. Koerber eine Deputation der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, bestehend aus dem ersten Vizepräsidenten Herrn Max Ehrenpreis, Rabbiner Ch. L. H o r o w i tz. Rabbiner Doktor Thon und mehreren Kultusräten. Herr Ehrenpreis, als Führer der Deputation, begrüßte im Namen der israelitischen Kultusgemeinde den Ministerpräsidenten und drückte die Freude über sein Erscheinen in unserer Mitte aus. Ministerpräsident Dr. v. Koerber dankte mit warmen Worten der Deputation und sagte unter anderem: „Es ist mir Ihre patriotische Gesinnung bekannt, und ich erwarte, daß von der ökönomischen Hebung der Verhältnisse in Galizien auch die Israeliten Nutzen ziehen werden." Der Ministerpräsident hat dann jedes Mitglied der Deputation angesprochen. Aus Lemberg wird berichtet: Der gegenwärtig in Karlsbad zur Kur weilende Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Lemberg, Reichsratsabgeordneter Dr. Byk, sendete dem Ministerpräsidenten nachstehendes Schreiben: „Eure Exzellenz! Während der Zeit Eurer Exzellenz erfreulichen Besuches meines Heimatlandes bin ich zu meinem lebhaften Bedauern aus Grund dringenden ärztlichen Rates an den Kurgebrauch in Karlsbad gefesselt, so daß es mir leider nicht vergönnt sein wird, mit jenen Körperschaften, denen ich anzugehören die Ehre habe, Eure Exzellenz ehrerbietig zu begrüßen. Ich erachte es für meine Pflicht, Eure Exzellenz deshalb um Entschuldigung zu bitten und dies ganz besonders in meiner Eigenschaft als Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, deren Repräsentanz Euer Exzellenz persönlich vorzustellen ich mir zur hohen Ehre angerechnet hätte. Es sei mir jedoch gestattet, brieflich die Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz aus die erschreckende wirtschaftliche Notlage der großen Masse der so zahlreichen jüdischen Bevölkerung Galiziens zu lenken. Es ist nicht leicht, in einem kurzen Briese die mannigfachen und vielfach verästelten Ursachen dieses Niederganges zu skizzieren, der seinen markanten Ausdruck in den rapid wachsenden Ziffern der jüdischen Emigranten findet. Doch sicher ist es, daß eine der Hauptursachen in der wirtschaftlichen Rückständigkeit unseres Landes und im Mangel an Industrie liegt. Die moderne Zeitkrankheit, der Antisemitismus, welche uns Juden im größten Teile Europas das Dasein vergällt und vergiftet, wirkt allerdings auch mit. Der Nährboden dieser Krankheit ist manchenorts mehr die Gesinnung der Bevölkerung, als die Haltung der Regierung, und ich muß es dankbarst anerkennen, daß der gegenwärtige Herr Statthalter seit seiner Ernennung bis nun den Juden gegenüber einen einwandfreien und korrekten Standpunkt einnimmt und daß Eure Exzellenz als Leiter des Justizministeriums bei Beförderungen im Justizdienste sich von konfessionellen Momenten nicht leiten lassen. Doch leider ist die Hochhaltung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigug nicht iit allen Ressorts bemerkbar, und so ist beispielsweise der Dienst in der politischen Verwaltung eine den Juden unzugängliche Domäne. Ausgabe einer erleuchteten und modernen Regierung wäre es aber, den öffentlichen Geist erziehlich und bildend zu beeinflussen und mit leuchtendem Beispiele auch der autonomen Verwaltung und allen Arbeitgebern voranzugehen. Ich bin überzeugt, daß mir Eure Exzellenz in Ihrer gereiften politischen Abgeklärtheit dieses freimütige Wort nicht verübeln werden, denn es ist dies in verfassungsmäßig regierten Staaten die Pflicht aller Volksvertreter." Ober-Zerekwe. Gelegentlich einer Jnspizierungsreise in seinen Domänen kam Seine königl. Hoheit Fürst Leopold von Hohenzollern - Sigmaringen, Bruder des Königs vonRumänien, nach Ober-Zerekwe, Böhmen, Bezirk Pilgram, wo er nebst anderen Korporationen den Vorstand der hiesigen israel. Kultusgemeinde Herrn Ignatz P o l l a k und