Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 36 Dr. Dlocb's MocbenscvrM. Sette 577 für die Enkel das Vollbürgertum damit erlangen zu können. Aber Mimikry verträgt sich nicht mit Menschenwürde. Auch die Uebergetretenen mußten bald einsehen, daß sie mit dem Ilebertritt auf ihr bestes Teil verzichtet hatten, auf den Rechtsanspruch für sich und die Ihrigen, Jedermann frei ins Angesicht schauen zu dürfen, daß sie sich selbst zu Freigelassenen degradiert hatten. Der Zionismus gab den ganz scheu gewordenen Juden das Gefühl ihrer menschlichen Ebenbürtigkeit wieder. Gibt man dem Zionismus, was ihm gebührt, so hat man auch die Pflicht, festzustellen, was er Uebles gewirkt hat und noch wirkt. Ich glaube, da muß man entsprechend der ganz verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Position zwischen West- und Ostjuden unterscheiden. Die Stimmung bei den Westjuden war vor dem Einsetzen des Zionismus unter dem Einfluß der vehementen antisemitischen Bewegung eine gedrückte. Wie ihres Bekenntnisses glaubten die Juden sich auch nicht rasch genug jeglichen Merkmals ihres jüdischen Ursprungs entledigen zu können. Es begann eine Jagd auf jüdische Unarten in jüdischen Kreisen, die meines bescheidenen Erachtens recht nutzbringend war. Denn es wäre doch maßlose Ueberhebung, zu glauben, daß an den Juden das zweitausendjährige Exil, das tausendjährige Ghetto und die Beschränkung auf die Erwerbsarten des Händlertums ganz spurlos vorübergegangen wären. Was also spezifisch-jüdisch empfunden wurde, waren vorwiegend Ghetto-Unarten, und diese abzustreifen, war gerade eine Pflicht aller derjenigen, die am Kulturleben der Gegenwart unbefangen und als Gleichberechtigte Anteil nehmen wollten. Auch einige Bescheidenheit in der Betätigung der eigenen Persönlichkeit mußte verknüpft sein mit dem Bewußtsein, daß man neben viel Gutem, was zu konservieren war, doch auch manches üble Erbe der Väter erst zu beseitigen hatte, bevor man als ganz willkommener Zeitgenosse zu betrachten war. Dieser Bescheidenheit und diesem Bewußtsein hat der Zionismus bei seinen Bekennern wiederum ein jähes Ende bereitet. Die zähe und stille Arbeit der Selbsterziehung, die gerade den besseren Juden als Vorbedingung für den Eintritt ins Kulturleben galt, wurde als überflüssig, ja als selbstentwürdigend abgelehnt und jeder Ghettorest erhielt plötzlich die Weihe des Ehrwürdigen. Man brauchte sich nicht mehr zu erziehen; man trat zum Zionismus über, wie man früher zum Christentum übergetreten war. Bei den Ostjuden war die Sache noch schlimmer Die einmal vollzogene Emanzipation zwang im Westen wohl oder übel zur Beteiligung am bürgerlichen Leben. Im Osten, in Rußland und Rumänien, wo die Juden ihre Menschen- und Bürgerrechte noch zu erobern haben, und in Galizien, wo die Diktatur der orthodoxen Rabbiner noch einen Wall gegen das profane Leben biloet, unterband die zionistische Bewegung jegliches Emanzipationsbestreben, und es fragt sich, ob der Schaden, den der Zionismus in dieser Hinsicht gestiftet hat. ebenso rasch zu beseitigen sein wird, wie die Bewegung selbst zum Stillstand kommen mag. Aber Jahrzehnte spielen wirklich in der Geschichte der Völker kaum eine Rolle. Und es ist recht wohl möglich, daß der japanische Krieg für die Ostjuden ein weit mächtigerer Messias sein wird, als alle Zionisten zusammen es hätten sein können. Der wirtschaftliche Wiederaufbau Rußlands wird sich ohne die Mithilfe liberaler Prinzipien gar nicht vollziehen lassen, und der Liberalismus war überall der Erlöser der Juden. Wenn in Rußland erst alle die Aufenthalts-, Bildungs- und Erwerbsbeschränkungen der Juden aufgehoben sein werden, können diese vier Millionen Menschen in dem Riesenreiche ohne allzugroße Schwierigkeiten aus der proletarischen Existenz heranstreten. Dann aber werden sie schwerlich mehr geneigt sein, das Leben in einem europäischen Staat mit dem Leben von Kolonisten auf unzureichendem Gebiete zn vertauschen. Dann aber glaube ich, wird erst jener Zionismus beginnen können, den ich für einen erlaubten halte. Der Zionismus als Flucht- und Rettungsaktion ist utopistisch, weil er die Massen gar nicht unterbringen könnte, und unerlaubt, weil er den Juden in den Ländern, wo sie zum Vollbürgertum zugelassen sind, ein doppeltes Vaterland aufoktroyieren, d. i. sie nach der einen oder anderen Richtung unbedingt zur Heuchelei zwingen würde. Der Zionismus aber als eine Ehrensache des jüdischen Stammes hat seine Berechtigung, gerade in einer Zeit der Stammes¬ und Rassenheiligtümer. Da aber unsere Zeit für jeden Menschen und für jeden Stamm eine Urheimat einmal haben will, auf die er Hinweisen kann, so wird es eine Ehrenpflicht der Juden sein, die Neubesiedelung und wirtschaftliche Erschließung Palästinas in die eigenen Hände zn nehmen und — ohne Exklusivität natürlich — durch jüdische Ackerbauer Palästina wieder zu dem Lande zu machen, in dem Milch und Honig fließt. Dazu bedarf es keines Charters vom Sultan und keiner öffentlichen Rechte. Schon gedeihen die Kolonien der jüdischen Weinbauern in Palästina und sind eine größere Ehre für das jüdische Volk, als die gelehrten Schnorrer an der Klagemauer. Die pietätvolle Fürsorge für das Stammhaus ist aber auch durchaus verträglich mit der vollständigen und rückhaltlosen Zugehörigkeit zu jeder anderen Nation. Wenn Fürsten und Adelige Oberpatrioten jedes Landes sein können, in das sie der Zufall einer Erbschaft oder Verheiratung verschlagen hat, ohne daß sie darum gezwungen wären, ihre Familientraditionen zu verleugnen, so kann es auch der Bürger. Palästina ist das alte Familien- und Stammhaus der Juden, das, die entsprechenden Mittel vorausgesetzt, in Stand zu erhalten eine Ehrenpflicht ist. Ein blühendes jüdisches Palästina wird auch dem kalifornischen und russischen Juden etwas von seinem Glanze verleihen. Er ist dann kein Hergelaufener, kein Wurzelloser mehr. Und er wird sich seines ethnischen Zusammenhanges berühmen können, so lange solch Berühmen in der dünkelhaft gewordenen Menschheit noch eine Voraussetzung der Vollgiltigkeit ist. Sind wir aber erst über die reattionäre Phase des Rassendoktrinarismus hinaus, dann bedarf es auch keines berechtigten Zionismus mehr, um die Juden in jeder Hinsicht mit dem auszustatten, was sie zu ihrer Regeneration brauchen. Das Ideal der sozialen Gerechtigkeit wird ja, so hoffen wir, triumphieren über alle die falschen Götzen, auch über den gleißendsten, den stärksten Instinkten schmeichelnden der Raffe- und Bodenständigkeit. Der echte Sozialismus wird uns wie von allen Ismen auch vom Zionismus in jeglicher Gestalt erlösen. Nur bis dahin ist die pietätvolle Pflege der Vergangenheit und ihrer Stätten eine Voraussetzung der in Frage gestellten Würde des Juden. Ohne dies Gefühl der Würde wird aber der Paria des Geschicks auch ein Paria der Seele. Henrik Ibsen über die Inden. Im Septemberheft der „Neuen Rundschau" (Verlag S. Fischer) beginnt der Abdruck der Ibsen-Briefe, die, von Julius Elias und Halvdan Koht herausgegeben und kommentiert, im Spätherbst als Buch erscheinen sollen. Die „Neue Rundschau", für die Oskar Bie einen Stamm tüchtiger Mitarbeiter gewonnen hat, erwirbt sich mit der Bekanntgabe dieser Briese (aus denen der Verleger uns schon heute einige Auszüge gestattet) ein Verdienst. Ihre Veröffentlichung wird mehr Staub auswirbeln, als es vielleicht ein neues Drama des Alten getan Hütte. In diesen Schreiben, deren erste Sammlung die Korrespondenz mit Georg Brandes, Ibsens Freund und Kritiker, während der Jahre 1866 bis 1898 enthält, tritt uns noch einmal der ganze Ibsen entgegen: mit der leuchtend scharfen Klarheit seines Geistes, mit der rücksichtslosen Ehrlichkeit einer Draufgängernatur in großen Fragen, mit der vorsichtigen Vornehmheit des klugen Weltmannes in Privatangelegenheiten — einer Vornehmheit, aus der ab und zu doch die meist sorgsam verborgene Wärme der Empfindung hervorschlägt. In einem Briefe aus Dresden vom 17. Februar 1871 schreibt er: „Der Staat ist der Fluch d e s In d iv i du um s. Womit ist Preußens Stärke als Staat erkauft? Mit dem Aufgehen derJndividuen in dem politischen und geographischen Begriff. Der Kellner ist der b e st e S o l d a t. Und auf der anderen Seite das Volk der Juden, der Adel des Menschengeschlechts. Wodurch hat es sich in Absonderung, in Poesie erhalten, trotz aller Roheit von außen? Dadurch, daß es sich nicht mit einem Staat herumzuschleppen brauchte. Wäre es in Palästina geblieben, so wäre es schon längst in seiner Konstruktion untergegangen wie alle anderen Völker". Me Inden in Moskau. Ein Blatt aus der Geschichte des gegenwärtigen Rußland. Nach unveröffentlichten Dokumenten. Aus dem Russischen übersetzt von Dr. Emil Singer. (Fortsetzung.) In allerletzter Zeit find neue Maßregeln getroffen worden zur Ausrottung der Juden in Moskau. Die Kontrole der Juden ist bei der Sicherheitstruppe des Moskauer Oberpolizeimeisters auf folgende Weise organisiert. Es wurden besondere Polizeiausseher für Fang und Haft ernannt; nicht genau wissend, wer von den Juden das Aufenthaltsrecht hat und wer nicht, ergreifen diese Diener des Gesetzes auf den Gassen und arretieren alle Juden oder besser gesagt, jeden Menschen, dem Gott ein semitisches Antlitz gegeben hat. Sie verlegen ihre Tätigkeit hauptsächlich ins Geschäftsviertel der Stadt und um die Börse und arretieren täglich 10—20 Menschen, und den Tag, an dem der Arretierten weniger als 10 sind, nennt der Polizeiausseher öffentlich einen Tag der „Mißernte", was er mit den Worten erläutert: Der „Fang" war etwas klein, so daß das Wort „Fang" identisch mit Judensang geworden ist. Jeder Jude, ob er nun auf dem Wege zur Börse oder in einem geschäftlichen Gespräch mit einem russischen Kaufmann aufgegriffen wird, ist verpflichtet, auf der Stelle sein Recht zum Verweilen in der Hauptstadt nachzuweisen; die Last dieses