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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 576 Dr. Llocv's Mocvenscbrlrr. Nr. 36 Auch ein Jubiläum. Von wem ging die gewiß einsichtsvolle Anregung aus, den Tod für das Leben nutzbar zu machen, eine ebenso unangemessene als übel angebrachte Verschwendung in Wohltun umzusetzen, rasch welkenden Blütenprunk durch gedeihliche Dauersrucht zu ersetzen? Wann und wo hat diese Bewegung den Anfang genommen? Deutet ihr Ursprung auf Arier oder Semiten hin? Solche Fragen wurden jüngst in einem Kreise vorurteilsfreier Männer ernst diskutirt, welche sogar die riesigen Summen, mit denen seit einem Vierteljahrhundert humanitäre Vereine, besonders in Brünn und in Wien, als Ablösung von Kranzspenden bei Leichenbegängnissen bedacht wurden, an der Hand von Jahresausweisen zu berechnen versuchten. Die Beantwortung der voranstehenden Fragen soll nicht zur Befriedigung einer eitlen Regung dienen — wer sollte es übel nehmen? Sic soll auch nicht die geschichtliche Entwicklung einer an sich so einfachen und doch so segensvoll nachwirkenden Tatsache zum Zwecke haben — wie gerechtfertigt dies auch wäre. Es soll vielmehr die ursprüngliche Anregung, einen übrigens unjüdischen Mißbrauch in einen erfolgreichen Gebrauch zu umwandeln, frisch beleben und nachhaltig wirken lassen. Einer, der scheinbar teilnahmslos der erwähnten Diskussion mit halbem Ohre folgte, erinnerte sich Plötzlich, als „andächtiger Zuhörer" die betreffende Enunziation angehört zu haben, und meinte: Vor 25 Jahren war ich zugegen, als Dr. P l a c z e k im Brünner Tempel am Jom Kippur vor der Haskara die bezügliche Ansprache hielt. Vielleicht bringe ich Ihnen nächstens die Abschrift. Hier soll sie nun reproduziert werden: „Ein Ausläufer und die mildeste Form des 6. Gebotes ist das „Bai taschhith“, die Warnung vor nutzloser Vernichtung und Schädigung auch lebloser Wesen. Die heilige Schrift, welche selbst den Baum in Feindesland zu schonen gebietet, legt ganz besondere Rücksicht gegen die belebte, wie die leblose Natur, gegen Tiere und Pflanzen uns ans Herz. Unwillkürlich müssen wir dabei der überschwänglichen Blumenverschwendung bei Leichenbegängnissen gedenken, welche enorme Summen verschlingt und nutzlos vergeudet und immer größere Dimensionen annimmt, den Leichenwagen zu einen oder auch zu mehr rollenden Gärten macht. Wenn noch Pietät für den Toten und Zartgefühl daraus sprächen! Aber weit mehr Anteil daran hat die leidige Prunksucht und Prachtliebe, die maßlose Eitelkeit, einander zu überbieten und alles auf die Spitze zu treiben. Wenn so ein mit Blumen überladener Sarg vorüberzreht, welche Gespräche kann man da belauschen, oder glaubt man da zu vernehmen. Es gibt ja eine Blumensprache; warum sollten die armen, früh geknickten Blüten auf den Leichen- und Kranzwägen nicht sprechen? Ein feinfühliges Gemüt hört sie auch. Die Blumen klagen: Weil da ein Menschenkind verblichen, muffen wir unser frisches, junges, blühendes Leben einbüßen; weil dieser da verwesen soll, muffen wir unser lichtes, duftiges Sein mit dumpfen Moderhauch vertauschen, einer Menschenleiche sollen tausende Blumenleichen geopfert werden! Ihr habet recht, könnte man den Blumen zurufen: Ein ähnlicher Gebrauch herrschte sonst bei wilden-Völkern. Starb ein Häuptling oder Familienhaupt, so tötete maü seine Lieblingswesen, Menschen und Tiere, und gab sie dem Toten mit ins Grab... Vernehmlicher noch sprechen die Armen und die Dürftigen, an denen solch' ein Blumenleichenzug vorüberfährt: Welch' nutzlose Vergeudung! Was da ein Blumenkranz kostet, das würde hinreichen, um mich und meine darbende Familie einen ganzen Monat zu ernähren, und der Preis der ganzen Blumenladung. könnte mich und die Meinen für's ganze Leben versorgen. Und all' das mit den kostbaren, goldbedruckten Bändern muß hinab, nutzlos, zwecklos in den Schoß der Erde! Sehet, rufen höhnisch unsere Feinde, der Jude fängt an, auch hier uns Konkurrenz zu bieten. Er überflügelt uns in dem übertriebenen Leichenprunke. Nun ja, der Jude hat leichterworbenes Geld; er kann es auch seinen Toten mit vollen Händen in's Grab nachwerfen.... Und angesichts solcher Totenopfer seufzt die einfache, altjüdische Sitte: Soll denn das leidige Prunken, Gleißen und Glitzern auch nicht dem traurigen Ernste des Todes weichen? Sollen denn die leidigen Unterschiede und Gegensätze, die im Leben Neid, Mißgunst, Sehnsucht, Eifersüchteleien, Haß und Groll erwecken, entzweien und verfeinden, selbst im Sarge sich vordrängen, wo nur Bescheidenheit und Demut am Platze sind? O, es gibt Blumen, die nie welken, Kränze, die nie unter Schollen modern, deren liebliches Blinken nie erlischt, deren süßer Dust nie verweht, mit denen Ihr die Särge Eurer Entschlafenen schmücken sollet. Fromme Werke, edle Taten, mildherzige Gaben, ewig segensreich fortwirkende Stiftungen, welche in einem allgemein tief empfundenen, anerkennenden Nachrufe eine Bahre umschweben, sie sind es, die den Verstorbenen ehren, die die Ueberledenden tröstend erheben und heilvollen Nacheifer erwecken. Herrlicher als Kränze und Gewinde aus Tropenländern ziert ein dichter Kranz, der den Sarg umgibt: ein Krauz von aufrichtig Trauernden, die einen unersetzlichen Verlust beweinen und in dem Verblichenen einen hilfreichen Freund, einen gemütvollen, aufopfernden Wohltäter beklagen. Ein dankbar wehmutvolles Erinnern, das den Scheidenden mit den Zurückbleibenden im steten Zusammenhänge erhält, welch' ein lieblich lichtes Band ist es mit goldener Inschrift. ..." Die rechten Worte am rechten Orte führen nicht nur zu den richtigen Taten, sie sind zuweilen selber Taten. — Nicht lange nachher war schon auf jüdischen Partezetteln zu lesen: „Kränze werden dankend abgelehnt" — und die Tagesblätter brachten das Verzeichnis der Spenden, die an Stelle der Blumen wohltätigen Vereinen gewidmet wurden. Eine Reihe von Jahren bedurfte es indeß noch, bis derselbe Brauch anderwärts, zumal in Wien, Nachahmung fand, daß nämlich ebenso dort wie in Brünn die Blmnenhekatomben, die Totenopfer, sich aus den Hilferuf der Not zu Leben erhaltenden Gaben umwandelten. Die Kränzcablösungen haben so edle Menschlichkeiten ausgelöst. Noch einige Jahre vergingen, da brachten auch Partezettel unter dem „Kreuzeszeichen" jene Formel mit der stummen Aufforderung, dem Toten zuliebe der lebenden Armen zu gedenken. Ist das nicht gleichfalls die Lösung des Simson - Rätsels: „Vom Verzehrer kam die Speise, vom Gewaltigen kam das Süße" — vom Erbarmungslosen die Milde . .? Zur Misrachi-Konferenz in Preßburg wird uns geschrieben: Der Oberrabbiner von Klausenburg Moriz G l a s n e r hat sich gleich dem Rabbiner Roth für den Zionismus warm ausgesprochen. Allein der Misrachi-Konferenz in Preßburg blieb sowohl er als der Herr Rabbiner Roth fern. Von den Rabbinern Ungarns sind somit alle ferngeblieben, bis auf den Rabbiner Frankl aus Schattmannsdorf. Die „Warnung" vor dem Anschluß an den Zionismus, welche die große Mehrzahl der Rabbinen Ungarns publiziert haben, wurde also auch von jenen zwei Rabbinen respektiert, welche sich öffentlich als Anhänger der Bewegung bekannt gaben. Die Versammlung in Preßburg war nach nachträglich erschienenen offiziellen Daten von etwa 80 Delegierten und Gästen besucht, ferner von etwa zweihundert Zuhörern und 20 Journalisten. Von ausländischen Rabbinen werden genannt: fünf aus Rußland, zwei aus Rumänien, je einer aus Amerika, aus Deutschland (Dr. Nobel aus Leipzig) und Oesterreich (Dr. Fink in Wien). Die Verhandlungen an den beiden ersten Tagen standen auf sehr tiefem Niveau, einzelne Reden atmeten förmlich einen Bildungshaß. Die Geister der Finsternis hatten sich vereinigt. Von der einen Seite wurden die Erneuerer der hebräischen Literatur und die vornehmsten Repräsentanten der jüdischen Kultur im Osten verketzert und verdammt, von der anderen Seite die Begründer und Träger der jüdischen Wissenschaft im Westen als Diener des bösen Satan verflucht. Die Rückkehr zum Cheder wurde als Heil gepriesen. Ernstlich wurde der Plan eines Index verbotener Bücher erwogen. Erst die Schlußsitzung mit den Ansprachen des Rabbiners Dr. Nobel und des greisen Rabbiners Reines atmete einen Hauch Herz fischen Geistes und ließ bei allen Anwesenden einen erhebenden Eindruck zurück. Ein berechtigter Zionismus. Unter diesem Titel heit bir in letzter Zeit vielgenannte Schriftsteller Dr. Hugo Ganz in: „Das freie Wort" (Nr. 11) einen Aufsatz veröffentlicht, der sicher noch Gegenstand weiterer Erörterung sein wird. Es hieß in demselben u. a.: Der Zionismus hat der jüdischen Massenflucht ein Ende gemacht und hat den Juden in einer Zeit der Rassenstempelung wieder ihr Stammesbewußtsein, den Heimatsschein und Zuständigkeitsberechtigung gegeben. Zur Zeit der Herrschaft des Liberalismus bedurfte es solcher Dokumente nicht. Mensch war Mensch und hatte die unbegrenzten Möglichkeiten der Entwicklung. Als der Rückschlag der Bodenständigkeitstheorien erfolgte, waren einzig die Juden heimatlos, Vagabunden, eine Art Zigeuner der freien Berufe, die mit diesen Zigeunern in Mißkredit gerieten. Wer es mit sich und den Seinen gut zu meinen glaubte, beeilte sich, bei einer der bodenständigen Konfessionen sich einzukaufen, in der Hoffnung, wenigstens

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