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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Mocb s Mocbenscbrm. Seite 375 sie tun und fühlen können, fei, gerecht zu handeln, gerecht zu fühlen. Man unterschätzt die Tugend der Gerechtigkeit, wenn man daraus die Entbehrlichkeit der Liebe oder dr Ehrfurcht folgert". Wie schön das gesagt ist! Aber es sind die Worte eines weltfremden Idealisten. Wie die Dinge heute liegen, und eigentlich liegen sie so seit bald zweitausend Jahren, wären die Juden glücklich, wenn sie wenigstens nur Gerechtigkeit fänden! Von seinem Standpunkte ans leugnet Wassermann auch den Rassenhaß, der ihm bei näherer Betrachtung nur als ein Kleiderhaß und Manierenhaß erscheinen will. Semit und Arier'würden sich ganz gut verstehen und verständigen, wenn nicht die öffentliche Dummheit unter besonderen Schutz gestellt wäre. Unwissenheit, versteinertes Mißtrauen, religiöse Voreingenommenheit bilden die Grundlage des Nebels. Mit solchen Definitionen, Distinktionen und Differenzierungen ist wenig erreicht; die Hauptsache bleibt aufrecht — der Haß besieht. Ob er nun hergeleitet wird ans dem Blute oder dem wirklichen oder vermeintlichen Recht auf die Scholle — sein Bestand ist uuerschüttert, jetzt wie vor hundert und vor tausend Jahren. „An jedem Fleck, den Du bewohnst, klebt Vvrfahrenblut. Dann aber hat der armseligste Jude seine Hütte mit mehr Blut bezahlt, als irgend ein Monarch seinen Thron." Die Auffassung, daß die Leiden des Judentums als tragische Buße für den Tod Christi zu betrachten seien, bezeichnet der Autor als eine Gymnasiasten-Jdee und ein billiges Historiker-Amüsement. Wo bleibt dann die tragische Buße der Spanier für ihre mexikanischen Untaten, für die Inquisition; wo die tragische Buße Frankreichs für die Albigenser und die Bluthochzeit der Bartholomäus-Nacht? Hier zeigt es sich schon, was es auf sich hätte, wenn wenigstens in der Welt Gerechtigkeit waltete, die ihm so wenig gilt ohne Liebe. „Das Unglück des mitteralterlichen Juden war, daß er kein Talent und keinen Grund zum Proselyten hatte." Dieser kurze Satz ist charakteristisch für die Art des Autors. Er zeigt, wie er in einem Atem zu Zustimmung und Widerspruch, jedenfalls aber immer zum Nachdenken anregt. Es ließe sich ein Buch darüber schreiben, was er hier „Unglück" nennt, und man wird ihm beipflichten, wenn er da das „Talent" leugnet; und dann doch wohl anderer Meinung sein über seine Annahme, daß kein „G r u n d" vorhanden ge.vesen wäre. „Die Abtrünnigen unter den Juden wechselten niemals den Glauben, sondern sie machten ein Geschäft. Auch in den ersten Jahrhunderten der Kirche, was hätte ihnen das Christentum zu geben vermocht?" Später vernahm man die Botschaft der Liebe von der Zunge rasender Mönche! „Ich führe Dich in ein kleines schwäbisches Städtchen. Man schreibt etwa 1510. Ein Jude hat gestohlen und ist zum Galgen verurteilt. Doch soll er vorher um jeden Preis die heilige Taufe erhalten. Er weigert sich dessen. Man holt einen wilden Fleischerhund und hängt ihn samt den Juden mit den Füßen am Galgen auf. Während das Tier die Glieder des armen Mannes zerfleischt, predigt unten der Pfarrer im Schweiße seines Angesichtes die erhabene Lehre Christi." Kein Talent — möglich, aber auch kein Grund?! Die wüste Begebenheit stellt ein einzelnes Genrebild vor und ist kaum von Belang. Was will es bedeuten im Zusammenhalt mit den welthistorischen Massakres und den an schuldlosen Juden verübten Massenmorden? „Wie ist nun das Judentum aus dieser Katastrophe hervorgegangen? Und wie verhält es sich einmal zu seiner europäischen und dann zu seiner asiatischen Vergangenheit? Jene bedeutet Schande, Elend, Niedrigkeit, Finsternis, diese aber Macht, Ehre, Ruhm und große Taten. Die Aufgabe und der Kampf des modernen Juden besteht im Wesentlichen darin, daß er jene vergesse und diese sich zu eigen mache. Er muß die Wundmale nicht verleugnen, die nun einmal untrennbar sind von seinem Namen, aber er soll auch die Krone nicht vergessen, die einst auf seinem Haupte leuchtete. Inwieweit ihm dies gelingt und ob es ihn zu harmonischem Menschentum führt, hängt von seiner Persönlichkeit ab, von der Intensität seines Willens zur Zukunft und bestimmt zugleich seine Rolle im Staat und in der Gesellschaft." Die sogenannte Judenfrage ist für den heutigen Juden nichts anderes als ein Problem des Selbstbewußtseins und der Erweckung großer Traditionen. „Der würde irren, der die Lebenssäfte des Judentums für versiegt halten wollte. Wir schöpfen aus tiefen Brunnen, und wenn auch die Ketten verrostet, die Eimer durchlöchert sind, das läßt sich wieder gut machen. Es gibt z. B. gegenwärtig eine Sorte jüdischer Frauen und Mädchen, besonders in Rußland, denen die ganze übrige Welt nichts Aehnliches an Feinheit, Tüchtigkeit, ernster Lebensführung und wahrhaft gotterfülltem Wesen gegenüberzustellen hat. Sie tragen das Bewußtsein der großen Vergangenheit in ihrem Auge, und vor dem Adel, der auf ihrer Stirn geschrieben steht, müßte der Stolz der ältesten Geschlechter Europas verblassen. Vielleicht hat Nietzsche auch an sie gedacht, als er seine unsterblichen Worte über das moderne Judentum niederschrieb". „Sonst ist es nicht üblich, die Kraft eines Volkes an seinen Schwächlingen zu messen, die Moral an seinen Verbrechern, die Religion an seinen Abtrünnigen, die Kunst an seinen Philistern; den Juden gegenüber war diese Methode stets verbreitet und beliebt. Wenn der Christ ungeschickt oder talentlos war, wurde das Geschick und das Talent des Juden mit bedauernswerter Skrupellosigkeit als etwas Verächtliches gebrandmarkt. Wenn einmal den Juden ein streitbarerer Anwalt ersteht, als ich es bin. darüber wird sein Material unerschöpflich sein." Dreierlei Tatsachen sind da festzustellen: „erstens die dämonische Kraft des passiven Widerstandes der jüdischen Natur, zweitens die Selbstverständlichkeit, mit der auch die erleuchteten Geister der Christenheit den Anblick eines solchen Schicksals hingenommen haben, und drittens, daß die Phantasie des Volkes niemals dadurch in sichtbarer Weise beunruhigt oder verdunkelt wurde." Auch diese Feststellungen gäben Stoff für ein Buch. Das moderne Rechtsbewußtsein und das Humanitätsgefühl sind angeblich bis zur äußersten Feinheit, fast bis zur Wehleidigkeit entwickelt. Welch ein Sturm tiefer sittlicher Empörung über brutale Tierquälereien, und welcher Gleichmut angesichts der endlosen, mutwilligen, grausamen Peinigungen, der erschütternden Leiden der Judenschaft von Jahrhundert zu Jahrhundert! Das sind dunkle Phänomene, die noch kein Völkerpsychologe aufgehellt hat. Das achtzehnte Jahrhundert berauschte sich an der sublimen Entdeckung, daß die Juden auch Menschen seien. Das waren die erlesenen Geister; das Volk ging nicht mit. Und das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert? Die Antwort ist einfach: Könitz, Polna, Kischeuew usw. usw. „Wahrhaftig die Menschen sind feige, träge, stumpfe, dumme Tiere. Sonst wäre mehr Empörung in der Welt." Wo ist nun Rettung? Da kein Volk den Juden anerkennen und aufnehmen will, bleibt diesem nach Wassermann keine andere Aufgabe, als sich zu harmonischem Menschentum durchzuringen, und er hält demgemäß die sogenannte Judeufrage nur für ein Problem des Selbstbewußtseins und der Erweckung großer Traditionen. Allgemach erkennt Jeder, daß bei den versuchten Vermischungen doch nur die schlechtesten Elemente ausgenommen werden. Der Jude erhebe sich darum zu freiem Menschentum. „Er vergesse es, daß ihn das Vaterland nicht aller Amtsehren und -Funkionen würdigt, die es zu vergeben hat, und wenn er nicht Russe oder Deutscher im vollen Sinne werden kann, so werde er desto mehr Mensch. Für dieses Ziel kann er gar nicht genug leiden." So spricht ein Dichter; aber mit elegischen Poesien ist dem jüdischen Volke nicht zu helfen. Die Leiden haben es gelehrt, sich auf. eine realere Basis zu stellen. Es hat jetzt nur eine Forderung, einen Schrei: Gerechtigkeit! Erst Gerechtigkeit, nur Gerechtigkeit, dann kann in Gottes Namen weiter philosophiert und weiter gedichtet werden. Whig.

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