Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 674 Dr. Wlocb's Mlocbenscbrltt. Nr. 36 Cerberusse gehütet wird, außer sie würde d u r ch e i n e Deputation überreicht werden. Und auf eine solche Mission würde ich große Hoffnungen setzen. Ich erinnere abermals, wie ich dies unmittelbar nach den Greueltaten von Kischenew in diesen Blättern tat, an die hlutigen Judenverfolgungen in Damaskus in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und an die erfolgreiche Mission Montefiore's und Cremieux's, nachdem alle Eingaben fruchtlos blieben. Eine jetzige Reise nach Petersburg ist ein kleiner Ausflug gegenüber einer damaligen nach Damaskus. Die beiden unsterblichen Männer unterzogen sich den Mühseligkeiten und den großen Kosten der beschwerlichen Reise, überbrachten dem Pascha ein Empfehlungsschreiben der englischen Regierung, erwirkten die Freilaffung der eingekerkerten, die Entschädigung der beraubten Juden und die exemplarische Bestrafung der Täter, sowie eine erträglichere Existenz für die jüdischen Bewohner des Paschaliks. Warum nicht ein gleiches Vorgehen in Rußland? Würde sich nicht in Wien, Berlin, Paris, London, Rom, New-Iork je Ein Mann finden, der bereit wäre, für seine unglücklichen, mißhandelten Brüder einzutreten, und würde der Zar fich weigern, eine Deputation aus diesen Metropolen der Kultur zu empfangen? Dies ist entschieden nicht zu besorgen! Abgesehen von den Drangsalen, in denen sich Rußland befindet, den Demütigungen, die es erfahren, der Finanznot, die es leidet, entschließt man sich nicht leicht, hervorragende Männer aus Frankreich, England, Deutschland, Oesterreich, Italien und den Vereinigten Staaten Amerikas schnöde zurückzuweisen! Der Versuch könnte gewagt werden, umso mehr, als nichts verdorben Wäre, wenn er selbst scheitern würde, was nicht zu erwarten steht. Die Deputation könnte sich überdies den Weg zum Zaren durch die Intervention seines Schwagers, des Großherzogs von Hessen, bahnen, von dem gehofft werden darf, daß er einer solchen Bitte willfahren und mit Erfolg eintreten würde. Es muß eben Alles versucht werden, was die entrechteten und geknechteten Juden in Rußland aus ihrer drangvollen Lage befreien und ihnen eine menschenwürdige Existenz ermöglichen könnte — wer sollte sich ihrer annehmen, wenn nicht wir, die Brüder? Es gilt ja die Rettung der größeren Hälfte sämtlicher Juden Europas, über welche jetzt das schwere Rad des Despotismus kleinster Machthaber zermalmend rollt; es gilt einen Akt der Humanität, der Solidarität und der Bruderliebe; es gilt zu verhüten, daß irgend wann und irgend wo im russischen Reiche abermals solche Greueltaten zum Ausbruche kommen, deren Monumente auf dem jüdischen Kirchhofe in Kischenew stehen. Leo Herzberg-Fränkel. Oesterreichische Talmi-Kusten „mosaischer Ko«fessto«". Wir erhalten folgende Zuschrift: Pardubitz, 23. August 1904. Verehrliche Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift", Wien. In Bezug auf die in Ihrem geschätzten Blatte vom 12. August 1904 enthaltene Mitteilung ersuche ich um Veröffentlichung nachstehender Berichtigung auf Grund des § 19 des Preßgesetzes: 1. Es ist nicht wahr, daß das unter Leitung des Doktor Vohryzek in Pardubitz erscheinende Blatt „Rozvoj" von Doktor Schulhof, Zahnarzt in Pardubitz, inspiriert wird; wahr ist vielmehr, daß die Zeitschrift „Rozvoj" nicht nur von Dr. Schulhof nicht inspiriert wird, sondern daß derselbe auf das genannte Blatt gar keinen Einfluß hat. 2. Es ist nicht wahr, daß das Blatt „Rozvoj" mit fliegenden Fahnen in das Lager der Antisemiten Übergängen ist; wahr ist vielmehr, daß der „Rozvoj", den jüdischen Standpunkt betonend, stets offen gegen jeden Antisemitismus austritt, daher die von Ihrem Korrespondenten den gegen Dr. Volkmann und Dr. Ehrenfeld gerichteten Artikeln unterlegten Sinn nicht haben konnten. Hochachtend Dr. Victor Vohryzek Redakteur des „Rozvoj". (Nachschrift der Redaktion.) Die vorstehende sogenannte „Berichtigung" entspricht durchaus nicht den Vorschriften des Gesetzes und wir wären in der Lage, die Publikation einfach abzulehnen. Was nun die angebliche Feststellung anlangt, daß Herr Dr. Schulhof, Zahnarzt in Pardubitz, auf die Zeitschrift „R o z v o j" gar keinen Einfluß hat, so verweisen wir auf die jüngste Numnier des letztgenannten Blattes, in welcher ein mehrere Spalten fassender Artikel gegen die „Oesterreichische Wochenschrift" und gegen das jüdische Religions- und Zeremonialgesetz zu lesen ist. Die Denunziation des verehrten Oberrabbiners Doktor Ehrenfeld in Prag wegen antirussischer Gesinnung und des Herrn Rabbiners Dr. F o l k m a n n, weil er, gemäß seiner Amtspflicht, die Gemeindemitglieder ermahnt hat, rituell geschlachtetes Fleisch einzukaufen, schließt jeden Zweifel aus über die Tendenz der Zeitschrift „Rozvoj" und die Gesinnung ihrer Herausgeber, so daß hierüber eine weitere Diskussion überflüssig ist. Die Redaktion der „Oesterr. Wochenschrift". Vom Aabrmarkt des Lebens. Das Los der Juden. Jakob Wassermann, ein aufstrebender jüdischer Schriftsteller von Talent und Tiefsinn und ungewöhnlicher Beobachtungs- und Darstelluugsgabe, veröffentlicht .im Augustheft der „Neuen Rundschau" eine Studie unter dem Titel „Das Los der Juden". Seine historischen und psychologischen Ausblicke sind fesselnd, und es ist ein starkes und tiefes Gefühl, das seine Feder leitet, man kann sagen ein Gefühl der Trauer, wie es in Anbetracht der Persönlichkeit des Autors und der Natur des von ihm behandelten Stoffes wohl kaum anders möglich war. Es ist uns nicht vergönnt, Wassermannes Arbeit unseren Lesern in ihrem vollen Umfange vorzulegen, und darum sei hier auszugsweise von ihrem Inhalt Rechenschaft abgelegt. Wir sagten, daß ein starkes Gefühl ihm oie Feder geführt habe. Es ist eme Art Heimatgesühl, obschon Wassermann seltsamerweise leugnet, daß es em jüdisches Volk gäbe. „Es gibt kein jüdisches Volk, vielleicht nicht einmal eine jüdische Raffe", sagt er, und es würde zu weit führen, mit ihm darüber zu rechten, zumal er gleich selbst hiuzufügt: „doch alle wissen vom Juden, dem Gezeichneten, Auserwählten, mit Erinnerungen Beladenen, Schicksalserfüllten". Das ist schließlich die Hauptsache, und damit ist auch die Existenz des Stammes, gleichgiltig ob man den als Volk oder Raffe ansprechen will, genügend beglaubigt. Ueber die Noch-immer-Existenz dieses (nicht existierenden?) Volkes sind die anderen Völker erstaunt und in ihrem Gewissen beunruhigt. „Und sie suchen sich zu rächen, weil die Scham sie quält". Das ist der Versuch einer feinen psychologischen, sagen wir völkerpsychologischen Erklärung, aber die volle Befriedigung wird man schwerlich dabei finden. Eine Jugenderinnerung erschüttert ihn heute noch. Er kannte einen Knaben, schön und gut und schuldlos. Ohne Grund wird er auf der Straße von einer wüsten Horde überfallen, verfolgt, geschmäht, gepeinigt. Jud'! — Welcher Jude trägt ein solches Erlebnis nicht in seiner Erinnerung?! — Ein Wort hatte die Meute berauscht: Worte nähren Instinkte, zeugen Taten. Dabei gibt es ja Christen, die sich auf ihre Unparteilichkeit etwas zu Gute tun. „Als ob wir ihre Unparteilichkeit brauchten! Sie glauben, das Beste, was