Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 558 Dr. Klocb's Mocbenscdrltt. Nr. 35 Gehirne und in dem ewigen Grübeln und ©imtcit über Abhilfe schließlich auch Ratscytäge zum Vorschein lammen, die allerdings nicht mehr als ganz normal gelten können? Der muß nicht einmal unbedingt ein schlechter Slert sein, der aus dem gramvollen Grübeln über endliche Abhilfe nicht hinauskommt und der dann ein Allheilmittel im Sinne jener Doktor Eisenbarts gefunden zu haben vermeint, der zur größeren Sicherheit das Untertauchen empfiehlt, ohne dabei zu bedenken, daß das auch das allersicherste Atmet zum' Untergang ist. Einer, dem erzählt wurde, daß Salomvn Schlesinger samt Kindern „sich getauft" habe, erwiderte daraus treffend: „Echt jüdisch!" So ist auch die Lehre der „Tauft Euch "-Propheten „echt jüdisch". Um den Preis von Lüge und Meineid, von Ehrlosigkeit und innerer Erniedrigung sollen wer den Selbstmord einkausen, unsere Vergangenheit verleugnen und unsere Zukunft preisgeben! So geht es nicht. Entschieden nicht. Alan sägt den Ast nicht ab, aus dem man sitzt, und wenn es bei einem Fenster hereinzieht, daß man allerlei Reißen und Schmerzen davon kriegt, so brennt man auch nicht gleich das Haus nieder. Die vorgeschlagene Art der Selbstvernichtung bietet, von allen übrigen Gesichtspunkten ganz abgesehen, auch nicht die mindeste Aussicht auf irgend einen Erfolg. Sie nützt absolut nichts und kann nichts nützen. Mil der Logik der Antisemiten ist es inr Allgemeinen nicht weit her, aber in dem einen Punkte haben sie recht: die Taufe nützt nichts und Jud' bleibt Jud'! Womit sie einen Schimpf auszudrücken vermeinen, das nehmen wir als einen Ehrentitel für das Judentum in Anspruch. Die Proselytenmacherei unter den Juden hat schon längst Bankerott gemacht. Das Missionswesen ist schließlich zu teuer geworden und man ist dabei nicht auf die Kosten gekommen. Der Seelenfang hat sich nicht ausgezahlt. Es ist immer nur das schlechteste Material auf den Markt gekommen. Jud' bleibt Jud' — ein Auftrieb guten Materiales ist ganz ausgeschlossen. Den Minderwertigkeiten, die noch gekapert werden, steht kein glückliches Los in Aussicht. Sie werden trotzdem verhöhnt und verfolgt. Denn — Jud' bleibt Jud'! Schlagen sie sich in's antisemitische Lager und werden sie dort rezipiert, dann kommen sie natürlich sofort in die Höhe und machen Karriere, bis sie dann eines schönen Tages doch hinausgeworfen werden. Soll das am Ende verlockend sein? Ein Dr. Max Anton Löw und ein Porzer konnten bei den Antisemiten zu Ansehen gelangen und Rollen spielen, die ihnen natürlich in einem jüdischen Milieu niemals beschieden worden wären. Dort ist man in Hinsicht aus die geistigen Anforderungen denn doch nicht so genügsam und dort wären sie niemals „Größen" geworden. Aber das Geschäft ist zu unsicher, um Viele anziehen zu können. Der große Antisemit Dr. Max Anton Löw ist vereitS hinausgelehnt worden. Den „geretteten" Seelen geht es doch nicht gut bei den Antisemiten. Ein heiteres Detail drängt sich noch bei der tragisch gemeinten, aber nicht tragisch genommenen Aufforderung des Herrn Kohn auf. Er nimmt es leicht, daß die Juden ihren Glauben und chr Volkstum verleugnen und verraten sollen, weil er sich die Schwierigkeiten nicht klar gemacht hat. Er selbst aber bitbet eine drastische Illustration zu diesen Schlvierigkeilen. Wir sprechen nicht davon, daß er Kohn heißt, aber er predigt: „Tauft Euch!" und dabei zählt er, dem das Jüdisch-deutsch so unausrottbar tief sitzt, zu den gebildetsten Srändeu, er drenl sogar bei Gericht. Er tauft sich, er. macht sich ein Gewand oder ein Paar Schuhe, er beleidigt s i ch, das ist keine schöne, aber eine tief eingewurzelte und unglaublich festsitzende Ausdrucksweise des mindergebildeten Judentums. Dieses Deutsch ist nicht leicht wegzutaufen, und was macht er und welche Figur spielt er damit im Christentum. Das ist die Luftblase, die ihn öden erhält und ihn kenntlich macht, wo er sich einbildet, untertauchen zu können. Es gibt aber noch viele solche und weit ernsthaftere Blasen, die den angestrebten Zweck vereiteln und illusorisch machen. Eine Rasse kann nicht untertauchen. Wenn je eine Rasse drangsaliert worden ist, so ist es die jüdische. Seit Jahrtausenden wird sie verfolgt durch Feuer und Schwert, verfolgt mit Raub und Mord; keine Brutalität, keine Grausamkeit, kein Unrecht, das menschliche Niedertracht nur immer ersinnen mag, ist ihr erspart geblieben, und sie ward nicht gebrochen und nicht gemindert. Nichts verfing ihr gegenüber, nicht die sonst so sicheren völkerverheerenden Mittel Schnaps und Opium. In dem Kampf ums Dasein, diesem großen Kriege Aller wider Alle, in dem nach einem Gesetze der Auslese die lebensunfähigen Elemente zertreten werden und zu Grunde gehen und nur der Starke sich behauptet, hat sie sich nicht nur aufrecht erhalten, sie ist zahlreicher, besser, stärker geworden. Das sollte doch zu denken geben. Die da das Untertauchen anraten, meinen vielleicht im Herzensgründe, daß es möglich sei, dann noch im Verborgenen den jüdischen Gedanken weiter zu hegen und zu pflegen, und sie wollen nur das Volk der Verfolgung entrücken. Das ist falsch gedacht. Man darf um solchen Preis nicht die Sicherheit eines Volkes suchen, das sich bisher so behauptet hat und das alles Anrecht hat, den Nacken steif zu halten und den Kopf hoch zu tragen. Je sicherer die Kultur ihren Fortgang nimmt, desto sicherer werden sich endlich auch die anderen Völker gewöhnen müssen, das starke Kulturelement des Judentums anzuerkennen. Es ist Widersinn, sich selbst um einen Kopf kürzer machen zu wollen. Den Kopf hoch, sein Judentum frei bekennen und sich durchsetzen — das ist die Zukunft! __ Whig. tDom Jahrmarkt des Lebens. Aus der zionistischen Bewegung. Heber die Schlußsitzungen der zionistischen Jahreskonferenz wurde offiziös verlautbart: „In den weiteren Sitzungen berichtete Professor O. Marburg über die geplante Expedition nach Ostafrika. Es dürste eine Vorexpedition von fünf Mann im Herbst nach Ostafrika abgehen. Der angebliche Widerstand der dortigen europäischen Ansiedler sei offenbar arg übertrieben worden. Das Land, das die englische Regierung angeboten habe, umfasse das fast ganz unbevölkerte Nandi-Plateau, das sich sowohl, zur Landwirtschaft, .als. ^auch zur Viehzucht sehr gut eignen soll. Die Expedition werde ihren Bericht dem großen Aktionskomitee vorlegen, dann erst werde man auf Grund authentischer Nachrichten die Entscheidung treffen können." Dagegen weiß der Spezial-Berichterstatter des „Hazofeh" in Warschau folgende Einzelheiten seinem Blatte zu melden: Herr Oskar Marmorek berichtet, daß die Gesinnungsgenossen in Südafrika, welche die Kosten der Expedition nach Uganda tragen wollten, ihre Zusage zurückgenommen haben. Infolgedessen ist die Aussendung dieser Expedition zweifelhaft geworden. Ein Mitglied stellt die Anfrage, ob Uganda zu einer Kolonisation im größeren Maßstabe sich eigne? Professor Marburg antwortet verneinend. Auf die Anfrage, welche politische Selbständigkeit von der englischen Regierung den Juden in Ostafrika in Aussicht gestellt wurde, antwortet derselbe: „Höchstens eine kommunale Autonomie!" Herr Scheinkin fragt, ob die englische Regierung den Juden nicht wenigstens jene Autonomie einräumen würde, wie sie etwa Kanada besitzt; hierauf erfolgte allgemeines Lachen. Ein anderes Mitglied fragt, ob die englische Regierung den jüdischen Kolonisten den Schutz gegen die schwarze B evölkerung zugesichert habe, antwortet Greenberg: „Eine solche Zusicherung hat die englische Regierung nicht erteilt." Damit ist das Ostafrikaprojekt, das so viel Lärm gemacht hat, endgiltig erledigt. Hierauf brachte das engere Aktionskomitee zur Kenntnis, daß es den Präsidenten der jüdischen Kolonialbank D. Wolffsohn (Köln), den Bankdircktor Dr. I. Katzenelsohn (Libau), Dr. Max Nordau (Paris) und Professor O. Marburg (Berlin) in das verstärkte Aktionskomitee mit Sitz und Stimme kooptiert habe. Der kleine Kongreß sanktionierte diese Kooptation, so daß das verstärkte Aktionskomitee nunmehr aus dreizehn Mitgliedern bestehen wird. Nachmittags erstatteten die Revisoren der finanziellen Gebahrung des Aktionskomitees einen detaillierten Bericht, dann referierte Dr. O. Kokesch (Wien) über die Einnahmen und Ausgaben der Leitung.