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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr- 35 Dr. Bioch’s Jahrgang XXI Centralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. HK= B. k. Postfxarrsffen-Nmr Clearing-Verkehr Ar. 810.876. Medaillon und Administration: W trn IX/1, Verggaffr Nr. 38. Telephon Nr. 14.847. =* Wien. 26. Augnst 1904. *= Erfch eint jeden Freitag. ->- ♦ - Brief-Adreffe: Wien, IX/1, Berggaffe 39* Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. ■ ==* Bipnjqmta ptt Arsterreich: Halbjährig 8 Ätonen. Einjelexemplare 50 Heller. Für'» JRnaUotit: Halbjährig 10 Lronen. Ganzjährig 20 „ * Anzeigen: Die 4mal gaspaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: „Tauft Euch!" — VomJahrmarktdesLebens: Aus der zionistischen Bewegung. Der Kampf um den Zionismus in Ungarn. Der erste allgemeine Misrachistentag in Preßburg. — Kant und das Judentum. — Die Juden in Moskau. — Korrespondenzen: Wien, Baden, Bisenz, Amschelberg, Rokitzan, Leitmeritz, Skotschau, Prag, Budweis, Nikolsburg, Virovitica, PoLega, Kutina, Prag, London, Lissabon, Petersburg. Russische Regierungsweisheit. Neue Judenexzesse in Rußland. — Vermischtes: Wien. Ritter v. Borkenan gestorben. Prag. Warnung vor einem Schwindler. Zalaegerszeg, Berlin, Kopenhagen. — Feuilleton: Glänzende Bahnen. — Tunesische Impressionen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. „Taust Euch!" Die jüdischen Lozelech sind beliebt bei Freund und Feind. Mit gutem Grund. Wenn sie selbst von Antisemiten mit nicht zu verkennender Vorliebe in Kommission genommen und in Vertrieb gesetzt werden, so liegt darin noch etwas anderes als der gewöhnlich gewollte Hohn, nämlich auch eine allerdings nicht beabsichtigte und dem Witzbold auf fremde Kosten gar nicht ins Bewußtsein dringende Huldigung vor jüdischem Geist und Scharfsinn, gelegentlich wohl auch vor jüdischem Gemüt. So ein Judenwitz beleuchtet gar oft blitzartig und grell einen ganzen Komplex sozialer und kultureller Verhältnisse, deckt krasse Ungereimtheit unvermutet auf und löst schließlich die daraus resultierende Ueberraschung und Verblüffung durch ein fröhliches Lachen auf. Gute Beobachtung ist schon halber Humor, wenn sie nicht ein ganzer ist, und von guter und scharfer Beobachtung, von trefflicher Schlagkraft und einem gewandten Sinn für das Charakteristische zeugt der Judenwitz immer. Nicht der schlechteste unter den Humoren ist aber der unfreiwillige. Wir haben uns heute mit einem jener Lozelech zu beschäftigen, denen in ihrem unbeabsichtigten Humor eine gewisse zeitgeschichtliche Größe zukommt. Eine Versammlung von Juden aus allen Teilen der Monarchie. Auf der Tagesordnung steht ein weltgeschichtliches Unglück und ein weltgeschichtliches Unrecht — das Schicksal des jüdischen Volkes. Und da erhebt sich ein junger Mensch — namens Kohn und ruft seinen bedrückten und gedrückten Glaubens¬ und Volksgenossen mit den ganzen Pathos seiner Jugend und dem vollen Brustton seiner noch nicht vorhandenen Ueberzeugung und Erfahrung die allein seligmachende Heilslehre zu: „Tauft Euch!" Das ist nun ungemein lustig, und es verschlägt nichts, wenn die Heiterkeit aussteigt wie ein flüchtiges Bläschen aus tiefdunklem traurigen Grunde. Man weiß, der wahre Humor lächelt unter Tränen, und wenn es irgend ein Menschenschlag gelernt hat, unter Tränen zu lächeln, so find es die Juden. Es war auf einer Zionistenversammlung, in welcher das Lebenswerk Theodor He rzl's besprochen werden sollte. Wir aber wollen hier nicht auf die Versammlung und nicht auf Hei^l's Lebenswerk eingehen, das er ja, wie bekannt, in diesen Blättern begann. Wir haben es heute nur mit der grotesken Erscheinung zu tun, die, so bedeutungslos sie auch erscheinen mag, in ihrer ungeheuerlichen Ungereimtheit sich im ersten Augenblick zwar nur wie ein schlechter Witz darstellt, bei näherer Betrachtung sich aber doch sofort als ein sehr ernstes Symptom der tiefen und allgemeinen Judennot enthüllt. Der pathetische junge Mann hat allerdings schon am nächsten Tage seine Heilslehre mit momentaner Geistesabwesenheit entschuldigt, wobei es dahingestellt bleiben mag, ob in Folge von nachdrücklicher Kapazitirung von außen her oder in Folge eigener, über Nacht gewonnener besserer Erkenntnis, aber bezeichnend bleibt es immerhin, daß ein solches Programm von einem Herrn namens Kohn vor eine solche Versammlung gebracht werden konnte. Wir müssen Herrn Kohn vor sich selbst in Schutz nehmen, und darin ist auch das Motiv zu suchen, daß wir uns überhaupt mit ihm beschäftigen. Nein, das ist keine momentane Verrücktheit. Er war nur einmal der Herold einer Verrücktheit oder, um uns gelinder auszudrücken, eines schweren Irrtums, die, wenn auch noch nicht endemisch geworden, doch schon mancherlei Opfer gefordert haben. Einmal ist es ein temperamentvoller junger Mann, der das große Heilmittel entdeckt, ein anderesmal der gedankenlose, behäbige Bourgeois, der seine Ruh' haben möchte, dem das Unglück das HeiH zerreißt und der sich mit dem „Hinausschmeißen" davor erretten zu können vermeint, wieder ein anderesmal ein Halb-Gelehrter, der, von einer falschen Prämisse ausgehend, zu einem falschen Lehrsatz gelangt, den er dann in Maximilian Harden's „Zukunft" veröffentlicht, wo er eine nicht unwillkommene absonderliche Sensation bildet, — also neu ist das vorgeschlagene Heilmittel nicht, und der Kreis derer, die daran glauben, ist nicht allzu eng. Wir find gar nicht der Meinung, daß über diese merkwürdige Sorte von Affimilanten gleich der große Bann zu verhängen wäre. Jener Herr Kohn wollte sich nicht heimlich und feige wegschleichen, in Zeiten der Bedrängnis und des Kampfes die Schlachtreihen der Brüder verlassen; er will ja bei ihnen verbleiben, ihnen sogar helfen, radikal helfen, endgiltige Erlösung bringen. Wenn man sich nur ehrlich versenkt in die Psychologie des Judentums, wird man am Ende dahin gelangen, den Schlüffel selbst zu diesem Problem zu finden, und begreifen lernen, was auf den ersten Anblick unbegreiflich erscheint. Das Unglück der Juden ist ein allgemeines. Bon allen Seiten werden fie bedroht, verfolgt, bedrängt. Ist es verwunderlich, wenn in der allgemeinen Sorge, in der endlosen Not und Bedrängnis bei der so unendlich mannigfaltigen Konfiguration der verschiedenen

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