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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-19 · 34 (19.8.1904) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Vlocd s Mocbenscbritt. Seite 549 gabten Gelehrten. Das Amüsante liefern aber nnr die zitierten Rassentheorien. Sonst sagt man wohl: So viele Köpfe, so viele Sinne. Hier kann man nicht einmal sagen: So viele Köpfe, so viele Unsinne. Denn jeder einzige dieser Rassentheoretiker liefert unzählige Unsinnigkeiten. Man würde ans dem Lachen gar nicht herauskommen, wenn man sich nicht immer wieder erinnern müßte, zu welchen ernsten Zwecken der Unsinn aufgetischt wird, zu welchen verderblichen Folgen für die Einzelnen, für den Staat, für die Nation, für die ganze menschliche Gesellschaft dieser filtrierte Blödsinn führen kann, geführt hat. Ist ja der Antisemitismus eine, aber nur eine Folge jener Theorien, die uns zurückwerfen können, z. T. auch wollen in die Zeiten der Sklaverei, der Rassenkriege, des empörendsten Kastenwesens. Der Verfasser der „Modernen Rassentheorien" widmet den größten Teil seines 354 Großoktavseiten umfassenden Werkes der Bekämpfung des durch seinen Erfolg und seinen glänzenden Stil bekanntesten und gefährlichsten der modernen Rassenfexe: Houston Stewart Ehamberlain. Die Wahrheit des Wortes, daß der schnelle Erfolg eines ernste Fragen behandelnden Buches immer Mißtrauen gegen dasselbe erwecken sollte, wird durch Chamb erlai n's „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" von Neuem illustriert. In der Tat hat das Buch nur Erfolg gehabt bei nichtwissenschaftlichen Lesern, während die Gelehrten ziemlich schnell die Wertlosigkeit des Buches erkannt haben. Die glänzende Schreibweise des Verfassers, seine große Belesenheit, die götzendienerische Anbetung der germanischen Rasse haben die „Gebildeten" geblendet, die Gelehrten aber nur selten über die vollendete Oberflächlichkeit und Unwissenschaftlichkeit des Werkes hinwegtäuschen können, und diejenigen vom Bau, die es dennoch tolerierten, taten es vielleicht nur, weil der Verfasser sich selbst nur als Dilettanten bezeichnete, und sie sich denken mochten, für einen Dilettanten ist es immerhin eine respektable, wenn auch für die Wissenschaft wertlose Leistung. Wie unseren Lesern bekannt ist, haben wir uns bereits wiederholt mit dem Chamberlain'schen Werke beschäftigt. Insbesondere erinnern wir an die darüber von Dr. Heinrich Meyer- Cohn veröffentlichte Studie, auf die sich auch der Verfasser der „Modernen Rassentheorien" mehrfach stützt. Da aber Friedrich Hertz sein ganzes großes Werk fast ausschließlich der Bekämpfung der Chamberlain'schen „Grundlagen" widmet, halten wir es für angezeigt, den Lesern eingehend über das Herrsche Werk zu berichten und kurz zusammenzustellen, was alles gegen die vielgepriesene und protegierte Dilettantenarbeit gesagt werden kann. Friedrich Hertz, der selbst über eine außerordentliche Belesenheit verfügt und dem Grundsätze: „auf. einen Schelmen anderthalb" zu folgen scheint, wirft Chamberlain das Schlimmste vor, was dem Verfasser eines wissenschaftlichen Werkes überhaupt vorgeworfen werden kann, und er — beweist seine Borwürfe. Von diesen ist wohl der allerschlimmste: Fälschungen. Klug genug, einzusehen, daß die Rassendiagnose sich nicht auf äußere Merkmale stützen könne, verwirft Chamberlain kurzer Hand überhaupt diese Methode und beruft sich auf den Instinkt des Züchters, der angeblich Rasse erkennt, ohne sie beschreiben zu können. Kleine Kinder, die noch nicht von den Vorurteilen der Erwachsenen — und besonders der Gelehrten — besessen sind, haben die wunderbare Fähigkeit, Juden zu riechen, sie instinktmäßig zu erkennen. Leider erwies sich die Geschichte, mit der Chaimberlain dies beweisen wollte, als Fälschung. Den aktenmäßigen Beweis hierfür findet man in der „Gesellschaft" 1900, Seite 357. Aus dieser einen Stelle schon — ganz abgesehen von der Fälschung — erkennt man die Oberflächlichkeit und Unwissenschaftlichkeit Chamberlain's. Denn tatsächlich haben auch Kinder Vorurteile, wenn auch nur die ihrer Eltern, Ammen, Gouvernanten, Gespielen. Und — bemerkt Hertz mit Recht — mit der hier ergriffenen Methode der Rassenbeurteilung läßt Chamberlain das Ammenmärchen über die Wissenschaft, das unkontrollierbare Gefühl über die Vernunft u. s. w. triumphieren. i Auf Seite 455 der „Grundlagen" Chamberlain's heißt) es: „Der Talmud sagt: Wie aus der Uebertretumg des^ Gesetzes Deine Zertretung erfolgt, so wird Gehorsam gegen? das Gesetz dadurch belohnt, daß Du selber gebieten wirst' (Aboth IV, nach Mvntefiore.)" Dagegen schreibt in Wirklichkeit Montefiore: „Gerade das Zeremvnialgei'etz wurde um seiner selbst willen und aus Liebe zu Gott befolgt. Nackte zu kleiden, Hungrige zu nähren, hat seinen Zweck zum Teil im Erfolg; aber den Sabbathsegen zu sprechen, die Gebetriemen anzulegen, das Haus vor Ostern von Gesäuertem zu reinigen, birgt Ziel und Genugtuung nur in der Ausführung der Akte selbst. Man fühlte einen geistigen Segen in der Ausführung eines göttlichen Befehls, religiöses Entzücken bei der Beobachtung der scheinbar lächerlichen Gebräuche. Das Gesetz brachte den Himmel auf die Erde und brachte die Gegenwart Gottes der Seele zum Bewußtsein. Die Fülle der religiösen Befehle ist das hohe Privilegium Israels. Wie der Lohn der Sünde Sünde ist, so ist der Lohn des Gebotes das Gebot." Wenigstens viermal (Seite 223, 224, 328, 411) bringt Chamberlain als besonderen Beweis jüdischen Rassenhochmuts vor, selbst der freisinnige Philo — Chamberlain hält nämlich Philo für einen irreligiösen Freidenker — habe erklärt, „einzig die Israeliten seien Menschen im wahren Sinne." Das entscheidende Wort „einzig" ist von Chamberlain frei erfunden. Dies beweist aber weiter, daß Chamberlain von dem größten Repräsentanten des vorchristlichen hellenistischen Judentums keine Kenntnis hat, obwohl er ihn später ganz verständnislos beschimpft. (S. 569.) Den schwärzesten Undank sollen nach Chamberlain die Juden in Spanien bekundet haben. „Gerade unter der Regierung desjenigen Westgothenkönigs, der sie mit Wohltaten überhäuft hatte, rufen sie die stammverwandten Araber aus Afrika herüber, ohne Haß, nur weil sie dabei zu profitieren hoffen, verraten sie ihren edlen Beschützer" (S. 334), worauf sie später den Ruin des Maurenstaates herbeigeführt. Nach Hertz, der sich auf den gewiß unverdächtigen Felix Dahn stützt, enthält dieser Satz beinahe so viele Fälschungen als Worte. Wer sich näher davon überzeugen will, lese Urgeschichte der germanischen und römischen Völkerschaften Felix Dahn's nach (I. Band, S. 410, 510, 514). Köstlich geradezu ist der von den Antisemiten stark kolportierte Nachweis Chamberlain's von der nichtjüdischen Abstammung Jesu. Hertz stellt Chamberlain's Urteile über diesen Punkt in ihrer Aufeinanderfolge zusammen: Zuerst (S. 214) erklärt Chamberlain, „es liege nicht die geringste Veranlassung zu der Annahme vor, die Eltern Jesu Christi seien der Rasse nach Juden gewesen." Vier Seiten später wird schon etwas energischer gesagt: „Wer die Behauptung aufstellt, Christus «sei ein Jude gewesen, sagt entweder eine Dummheit oder eine Lüge." (Uebcr die „Dummheit" und „Lüge" mögen sich die bibelglüubigen Christen mit Herrn Chamberlain auseinandersetzen, die doch wissen, daß im Neuen Testament die Abstammung Jesu auf den Judenkönig David zurückgeführt wird, was nach Chamberlain also dumm oder gelogen ist.) Schon die nächsten Sätze lauten: „Die Wahrscheinlichkeit, daß Christus kein Jude war, daß er keinen Tropfen jüdischen Blutes in den Adern hatte, ist so groß, daß sie einer Gewißheit fast gleichkommt." Weiter heißt es, die Wahrscheinlichkeit eines vorwiegend semitischen Stammbaumes sei groß, dagegen könne als sicher betrachtet werden, daß Jesus Christus der jüdischen Rasse nicht angehörte. — Im II. Nachtrag S. 67 liest man: „Christus war kein Jude, das läßt sich ohne jede Möglichkeit einer Gegenrede historisch Nachweisen :e." Auf Seite 248 dagegen findet man plötzlich: „Diese Grundanschauungen lassen Christum als moralisch zu den Juden gehörig erkennen." „Christus ist ein Jude." Wir find mit den Fälschungen Chamberlain's einigermaßen fertig, nicht aber mit seiner groben Unwissenheit, seinen zahlreichen Widersprüchen und den verschiedenen anderen Mo- Kmenten, die ihn so wenig als möglich geeignet erscheinen lassen, ^.Fachgelehrte und Völker nach seinem Ermeffen abzuurteilen und ^gar der Welt als Erzieher und Lehrer empfohlen zu werden.

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