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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-19 · 34 (19.8.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 550 Dr. Llocb's MocbenscbrtN. Nr. 34 II. „Fälschung" ist allerdings wohl der schlimmste Vorwurf, den man einem Autor machen kann, der ausgeht, die Welt zu bessern und zu bekehren. Aber nur moralisch unbedeutender ist der Vorwurf grober Unwissenheit, den Hertz in sehr vielen Fällen Chamberlain nachweist. So weiß Chamberlain offenbar nicht, daß seine Schädellehre nicht durch die Tatsachen erhärtet wird, daß beispielsweise Bismarck, Schiller, Kant, Schopenhauer, Leibnitz und viele andere Männer allerersten Ranges nicht nur nicht lange, sondern fast runde, selbst extrem runde Schädel hatten. Chamberlain dichtet Kant einen germanischen Typus an, ein Blick auf sein Bild zeigt, daß dieses von der gebräuchlichen Vorstellung dieses Typus sehr weit entfernt ist. Chamberlain spricht den unglaublichen Satz aus, die Juden seien seit den ältesten Zeiten Geldwucherer und Roßtäuscher, hätten niemals Vaterlandsliebe und kriegerischen Sinn gezeigt rc. Mit Recht erinnert Hertz daran, daß der Ackerbau Jahrhunderte die Grundlage und einzige Lebensquelle Israels war, daß das von den Propheten gezeichnete volkstümliche Ideal war: „Jeder bei seinem Weinstock und im Schatten seines Oelbaumes", daß Saul als. König sogar pflügt. Die Geschichte Alt-Israels ist überreich an Kriegen und ihr Vaterland haben die Juden doch wahrlich tapfer gegen das allmächtige Rom verteidigt. Chamberlain ist hocherfreut über eine Mitteilung, „daß die neuere Forschung täglich mehr den rein fetischistischen götzenanbeterischen Charakter aller ursprünglichen semitischen Religionsformen aufdecke." Als Autor, der über so etwas schreibt, hätte er wissen müffen, 1. daß der Fetischismus bei den Semiten längst wissenschaftlich festgestellt ist, 2. daß gar kein Volk existiert, bei dem er nicht unter den ersten Religionsformen sich findet und 3. daß die Semiten diese Stufe nur viel schneller als andere Völker überwunden haben. Chamberlain behauptet, Juden sei der heidnische Begriff der Sittlichkeit fremd gewesen. In Wirklichkeit hat'Israel wie kein anderes Volk des Altertums das Wesen der Moral begriffen. Soll ja nach Chamberlain den Semiten das Rechtsgesühl vollständig gefehlt haben. Man braucht nur den Pentateuch zu lesen, um zu finden, daß das Recht ganz besonders berücksichtigt wird. Vielleicht ist sogar auf eine Uebertreibung des Rechtsgefühles mancher Fehler der Juden zurückzuführen. Chamberlain folgert aus ihrer Mißachtung der menschlichen Freiheitsrechte und ihrem „gräßlichen Zinswucher", daß den Semiten zur Rechtsbildung, im Gegensatz zu den Römern, der „moralische Untergrund" gefehlt habe. Treffend weist Hertz darauf hin, „daß es keinen Fachgelehrten gibt, der nicht die rücksichtsloseste Habgier al^ römischen Zug hervorgehoben hätte." Er hätte unseres Erachtens sagen können, daß es keinen deutschen Sekundaner gibt, der nicht wüßte, wie grausam nach dem von Chamberlain im Gegensatz zum semitischen belobten römischen Recht die Schuldner und Sklaven behandelt werden durften und wie „gräßlichen Zinswucher" selbst die römischen Catone zu treiben wußten. Verglichen mit diesem römischen Recht, nach welchem Frecheit und selbst Leben des Schuldners in der Hand des Gläubigers lagen, ist das mosaische Recht, das selbst den Sklaven einen freien Tag in der Woche verbürgt, das ihm die Aussicht auf Frecheit nach sieben Jahren läßt, das ein Wucherverbot kennt, welches die katholische Kirche und der Islam adoptiert haben, nicht nur streng gerecht, sondern äußerst human. Das alles aber weiß Chamberlain offenbar nicht. Chamberlain spricht den Semiten wegen ihrer Untreue die Fähigkeit zu dauernder Staatenbildung ab. Wo aber, fragt Hertz, findet sich außer China und Egypten ein Reich, das sich an Dauer mit Babylon messen kann? Und auch Karthago hat gar keine üble Rolle in der Geschichte gespielt. Chamberlain erklärt den „großen" Diokletian als den „Letzten Kaiser aus reinem Blute", dabei war dieser ein illyrischcr Freigelassener dunkelster Herkunft und wird von Chamberlain selbst an einer anderen Stelle verächtlich als „illyrischer Schafhirte" bezeichnet. Auf Unwissenheit beruht es, daß Chamberlain den Untergang Roms und sogar Griechenlands auf Rassenmischung zurücksührt. Man lese bei Hertz nach, wie die Gesetzgebung und die Sitte in den beiden alten Kulturstaaten eine solche Annahme ganz ausschließen. Wir könnten noch ganze Bogen füllen, nur mit Auszügen aus dem Herrschen Werke, welche die Unwissenheit, die Widersprüche und Oberflächlichkeit Chamberlain's beweisen. Aber nicht nur, weil es zu weit führen würde, sondern auch, weil es für denkende Menschen im Grunde überflüssig ist, verzichten wir darauf. Kann man denn einen Mann ernst nehmen, der in seinem zitatenreichen Werk kaum ein richtiges Zitat hat? Kann ein Mann ernst genommen werden, der von dem Grundsätze ausgeht, daß „die reine Wissenschaft ein edles Spielzeug" sei, der schreibt: „überhaupt ist die Wissenschaft eine zwar herrliche, doch nicht ungefäh liche Freundin, sie ist eine große Gauklerin und verführt den Geist zu toller Schwärmerei; Wissenschaft und Kunst sind wie die Rosse an Plato's Seelenwagen, der „gesunde Menschenverstand" bewährt sich nicht zum Wenigsten darin, daß er die Zügelkraft spannt und diesen edlen Tieren nicht gestattet, mit seinem natürlichen gesunden Urteil durchzugehen". (S. 271.) Und einige Seiten später (S. 274) verwirft er ganz „die weitläufigen, wissenschaftlichen Untersuchungen, ob es unterschiedliche Rassen gebe? ob Rasse einen Wert habe? wie das möglich sei u. s. w.". Das alles stehe schon durch den gesunden Menschen" verstand (oder die unmittelbare Erfahrung, wie er sagt) fest. „Euch, deck Männern der Wissenschaft, kommt nur zu, das Wie und das Warum zu erforschen, nicht eurer Unwissenheit zuliebe die Tatsachen selbst abzuleugnen". — Eine neue Variante, bemerkt dazu Hertz, eines Dichterworts: „Und die Wissenschaft absolut, wenn sie unsern Willen tut." Für die Oberflächlichkeit Chamberlain's kann es kaum einen eklatanteren Beweis geben, als daß er in einem Werke, das die Grundlagen des 19. Jahrhunderts behandelt, der Maschine auf tausendundvier Seiten sage und schreibe, ganze neunundzwanzig Zeilen widmet. Der Maschine, die wie wenig andere Dinge das 19. Jahrhundert aus die verschiedenste Weise beeinflußt, ja dem Jahrhundert des Dampfes, der Elektrizität, der Eisenbahnen, der Dampfschiffe und der Massenfabrikation ihren Stempel aufgedrückt hat. Der Volkswirtschaft überhaupt widmet er ganze siebzehn Seiten seines dickleibigen Werkes. Und das war für ihn vielleicht das Klügste, was er tun konnte, wenn es auch seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts nicht zur Empfehlung gereicht. Chamberlain klagt nämlich: Nichts auf der Welt sei schwerer, als über allgemeine wirtschaftliche Fragen zu sprechen, ohne Unsinn zu reden. Das dürfte für Chamberlain stimmen, aber er hätte die Grenzen seiner Kraft erst recht hinsichtlich der Rassentheorien erkennen sollen. Ein noch treffenderes Selbstbekenntnis liefert Chamberlain an einer anderen Stelle seines Werkes. In einer Anmerkung auf S. 94 der II. Auflage heißt es: „Indem die eigenen Leistungen immer hervorgehoben, die Errungenschaften der Anderen verschwiegen oder vertuscht, gewisse Dinge immer ins hellste Licht gestellt, andere im tiefsten Schatten gelassen werden, entsteht ein Gesamtbild, welches in manchen Teilen nur für das subtilste Auge von der nackten Lüge sich unterscheidet. Die Grundlage aller ersten Wahrheit: Die gänzlich uninteressierte Gerechtigkeitsliebe fehlt fast überall; daraus kann man erkennen, daß wir noch Barbaren sind." Sehr richtig! Ein weiser Daniel! Wie Chamberlain das so genau weiß, aufs Haar trifft und richtig beurteilt. Wahrlich, er weiß, wie's gemacht wird. Mit dem letzten Zitat schließt der Verfasser der „Modernen Rassentheorien" effektvoll sein Werk. E^M Wir sind mit Herrn Chamberlain fertig, und wir glauben, daß den meisten Lesern die wenigen Auszüge schon genügen werden, um auch mit Chamberlain fertig zu sein. Das wäre aber sehr schade, denn nur die Lektüre des ganzen Werkes kann ihnen die volle Ueberzeugung beibringen, daß es geradezu

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