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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-19 · 34 (19.8.1904) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 548 Dr. Dlocb's MocbenscdrM. Nr. 34 hingegen wurde in orthodoxer Strenggläubigkeit zum konservativen Juden erzogen. Wie hat sich nun diesen nach Erziehung und Unterricht so kontrastierenden Elementen gegenüber der Religionslehrer zu verhalten? Die Antwort ist nicht so schwer; er hat unbekümmert darum die streng st e Einhaltung aller religiösen Vorschriften im Hause und Schule, und im Unterrichte das Maximum in demihmvorgezeichnetenreligiösenLehrstoff a n z u st r e b e n. Nur wenn er seine Pflichten also auffaßt, kann er die Verantwortung von sich ab, auf die Eltern, auf die Einflüsse der Umgebung — christliche Schule, Gesellschaft und Verkehr — und andere Faktoren hinüberladen. Nun erfüllt aber der Religionslehrer seine Aufgabe nicht — oder sagen wir bloß nicht immer. Noch viel weniger tun dies die Eltern im Interesse der religiösen Erziehung und Unterweisung ihrer Kinder. Es ist daher müssig, einem oder dem andern Faktor allein am Mißerfolge die Schuld zuzuschreiben. Würde denn zwischen Schule und Haus ein solch' klaffender Zwiespalt entstanden sein, wenn beide wichtigsten Erziehuugssaktorcn Hand in Hand mit einander gingen, sich gegenseitig stützten?! Auf diesen Zwiespalt, ja oft auf die beiderseitige Indolenz — sowohl von Seiten der Eltern als auch der Lehrer — ist die Tatsache gewisser „Zerbröcklungserscheinungen" im Judentume zurückzuführen, nicht aber auf die „spröde Materie" oder gar auf „Stoffüberfüllung" im Religionsunterrichte. Daß darin eine gewisse Planlosigkeit, und Ungleichmäßigkeit herrscht, haben wir im Gesagten selbst zugestanden, und sie zu heben, genügen nicht Unterrichtsentwürse und Studienpläne, sondern d i e jüdische Erziehung. Der jüdische Unterricht muß schon von der Volksschule angefangen in uniformer Weise seinen Ausgangspunkt nehmen, in einheitlicher, intensiver. Weise in der Mittelschule fortgeführt, so weit es nur möglich mit dem wirklichen Leben verknüpft, in ethischeHandlungumgesetzt werden, was nach unserem Dafürhalten am besten in der konfessionellen jüdischen Mittelschule erreicht werden kann.*) Dort wird ein Gegensatz zwischen Schule und Haus überhaupt nicht entstehen können, der Religionslehrer sich nicht hüten müssen, auf das vierte Gebot hinzuweisen, aus feiger Furcht, den geehrten Eltern hiedurch unangenehm zu werden, der in Zwiespalt gebrachte Knabe nicht in die Versuchung kommen, am Samstag zu schreiben — kurz unser Judentum wird nicht nach dem Wunsch unserer heutigen Väter und Religionslehrer „an moderne Verhältnisse" angepaßt, sondern er wird verjüngt, gekräftigt und gegen das Assimilantentum widerstandsfähig gemacht werden. Für die Eltern, denen es nur darum zu tun ist, daß das Zeugnis ihrer Kinder durch die Religionsnote nicht „verpatzt" werde, und die Lehrer, die in gewissenloser Weise der Eitelkeit der Assimilantenvätcr liebedienern, wird die konfessionelle jüdische Schule ein Hemmnis für ihre assimilatorische Kultur bedeuten. Genügt ja doch bei diesen schon die „verpatzte Religionsnote", um bei ihnen „durch diese Waffertropfen den alten Stein des Judentums auszuhöhlen". Hat bei Kindern einer solchen Generation der Religionslehrer noch Aussicht, „Glaubensverkünder, Glaubensverbreiter" zu werden, wenn der Herr Artikelschreiber selbst eingesteht, er habe erst bei seinem Eintritt ins Gymnasium schreiben müssen. Ja, mußte er dies denn wirklich? Wo war denn der Religionslehrer, der ihm moralische Unterstützung geboten und einen Dispens erwirkt hätte. Ist *) Doch verlangen wir selbstverständlich auch für den Religionsunterricht an interkonfessionellen Schulen intensivere Pflege — soweit dies im Ausmaß von zwei Stunden eben möglich, und ein Betonen des ethischen Erziebmomentes. Wo sich der Schulunterricht als ungenügend erweist — Schulentwürfe und Studienordnungen haben ihn vielleicht jeweiligen Verhältniffen angepaßt, doch weder vereinheitlicht noch organisiert — muß eben der häusliche Privatunterricht ohne Mcksicht auf „Ueberbürdung" die vorhandenen Lücken auszufüllen und zu ergänzen suchen. denn der jüdische Religionslehrer in der Geltendmachung der Rechte seiner Religion in Oesterreich ganz machtlos? Und müßte, wenn dies wirklich der Fall ist, nicht lieber zum Hilfsmittel der jüdischen Mittelschule gegriffen werden, bevor wir unserer Jugend auch nur den leisesten Zwang in Gewissenssachen aufbürden oder gar die offene Uebertretung bis dahin geheiligter Gesetzcsvorschriftcn zugestehen dürften?! Jawohl, der Religionsunterricht, unser ganzes Judentum fordert Betätigung; wir müssen es betätigen und darum müssen wir es auch können. Und wenn alle Faktoren unserer geistig-sittlichen Erziehung — Familie, Schule und Gotteshaus — in ihren jüdisch-religiösen Wollen eines Sinnes und festen Willens beisammen stünden, dann würden sie „allen praktischen Forderungen" zum Trotz das Ideal der jüdischen Erziehung, die Verschmelzung der religiös-ethischen und geistigen Ausbildung unserer Jugend zum großen Teile bereits erreicht und seine Betätigung im Leben schon verwirklicht haben. Ein Schulmann. Der Fall Chawlrerlam. Man weiß, welchen breiten Raum seit einigen Jahrzehnten in der Literatur, in der Unterhaltung, in der Presse das Rassenthema einnimmt. Man hat früher in einem Jahrhundert nicht so viel das Wort Rasse gelesen oder gehört, wie jetzt in einem Monat. Aber während die älteren Rassentheorien verhältnismäßig harmlos waren, sind die modernen politisch und sozial zugespitzt, wenn nicht gar ad hoc ausgeheckt und trotz des mit Ostentation entfalteten wissenschaftlichen Apparats so unwissenschaftlich als nur irgend möglich und durchwegs tendenziös. Was man so den Geist der Zeiten nennt, ist der Herren eigener Geist. Jeder Nassentheoretiker verherrlicht speziell seine eigene Rasse, d. h. die Rasse, der er anzugehören sich einbildet, in der Voraussetzung, daß er selbst von dem der Rasse, der er sich andichtet, angedichteten Glanze mitbestrahlt wird. Wirklich feststeht von allen Rassentheorien — nichts. Weder die Farbe der Haut, noch der Haare, noch der Augen, nicht die langen, nicht die kurzen Schädel, nicht die Sprache, nicht die Kultur, nicht die Begabung, am allerwenigsten das mystische Rassengefühl, von dem so viel gefabelt wird, sind maßgebend. Mit Recht sagt daher Nietzsche, der selbst eine Zeitlang rassengläubig war: „Wieviel Verlogenheit und Sumpf gehört dazu, um im heutigen Mischmasch-Europa Rassenfragen aufzuwerfen! Gesetzt nämlich, daß man nicht seine Herkunft in Borneo und Horneo hat." „Maxime: Mit keinem Menschen umzugehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat." (Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Werke, Großoktavausgabe, Band XIII., 1903, Seite 356). Und einer der größten Sprachforscher und Ethnologen unserer Zeit, Friedrich Müller, sagt kurz: „Rasse i st Schwindel." Die „Mitteilungen" des Berliner Abwehrvereines, denen diese Ausführungen entnommen sind, erinnern daran, wie herzlich man gelacht hat, als ein Franzose eine eigene — preußische Rasse entdeckt hatte, die natürlich so elend als möglich sein mußte. Seitdem haben es die Preußen selbst herrlich weit gebracht. Dem Rassenfcx Driesmans genügt nicht mehr die arische, die germanische Raffe, diese edelsten Rassen werden weit übertroffen von der alleredelsten, der — preußischen Rasse. Und die Preußen, diese „Jdealmenschen", sind noch eine ganz junge Rasse, die ihre Entstehung und ihre unübertroffenen Vorzüge Friedrich Wilhelm I. und seinem — Exerzierreglement verdanken: „Die Parole „Brust heraus — Bauch herein" war das Zaubermittel, durch welches die Preußen die „lachenden Löwen" geworden sind und in den Stand gesetzt, gesteigerte Energie und Tatkraft zu entfalten und ihre großen Errungenschaften zu erzielen. Man glaube ja nicht, daß diese Rassentheorie die lächerlichste Leistung der neuesten Rassentheoretiker ist. Wer in verhältnismäßig kurzer Zeit sich über ein gut Teil des ausgeheckten Rassenunsinns informieren will, der lese „Moderne Rassentheorien" Friedrich Hertz (Wien 1904, E. W. Stern, Buchhandlung L. Rosner, Verlag). Es ist dies ein. sehr amüsantes Buch. Das scheint ein sonderbares Lob für ein ernstes Werk eines sehr be-

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