Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021582--13832-3038506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 84 Dr. Llocd's TRUocbenscbrm, Seite 547 nötig, wenn der Artikelschreiber den Religionslehrern Ratschläge erteilt, nicht diejenigen Satzungen zu betonen, von deren häuslicher Uebertretung sie Kenntnis haben; sie tun es ohnehin allzu selten. Oft geschieht es aus Bequemlichkeit, oft aus Liebedienerei, oft selbst aus Unglauben. Ein österreichischer Religionslehrer, der zugleich Rabbiner ist, jedoch den „Itemoh“ nicht als Autorität anerkennt, brüstete sich vor mir bei Gelegenheit der Festsetzung der schriftlichen Maturitätsprüfung, sein Vetorecht gegen das Schreiben am Sabbath nicht geltend gemacht zu haben, da die Eltern der meisten seiner Zöglinge Fabrikanten, Großkaufleute rc. seien, deren Betriebe am Samstag ohnehin nicht ruhten und die auch für ihre Kinder keine Ausnahmsstellung zulassen wollen. Wenn die Seelsorger sich der Rechte ihres Priestertums so feige begeben, wenn der Religionslehrer in egoistischer Opportunität den materialistischen Strömungen seiner Zeit freien Lauf läßt und anstatt als Berufener für die Rechte der Religion zu kämpfen, sich an die Wand drücken läßt, dann ist es kein Wunder, daß statt seiner, der als „Professor" mit ruhigem Gewissen stch des Gehaltes seiner Rangsklasse erfreut, die Religion selbst Schaden nimmt und eine Generation heranwächst, die, ebenso irreligiös gleichwie die jetzige, die Arbeit des künftigen Religionslehrers erschweren und den schon jetzt bestehenden Zwiespalt zwischen Haus und Schule noch mehr vertiefen wird. Also gestehen wir es nur ein, nicht hat der Religionslehrer das Recht, alle Schuld allein auf die Eltern, auf die Erben des Religionsunterrichts einer früheren Epoche zu wälzen, sondern gerade er wäre berufen, jene Lücken auszusüllen, die die Hauserziehung in religiöser Richtung offen gelassen hat. Denn wenn auch die Familie dem Religionslehrer nicht immer moralische Unterstützung angedeihen läßt, wird doch in seltensten Fällen sich ein Vater dazu versteigen, den Lehrer seiner Kinder zu desavouieren, wobei er ja dann die nötige Konsequenz ziehen muß, seinen Sohn vom Religionsunterrichte, und da dies nicht gut angeht, ganz von der Schule zu entfernen. Würden nur unsere Religionslehrer streng auf ihrem Standpunkte beharren, die Erfüllung aller Gesetze fordern und den Unglauben und das Assimilantentum durch Rede und Lebenswandel brandmarken, wahrlich sie könnten selbst gegen die Indolenz und Irreligiosität der Familie erfolgreich ankämpfen und die Jugend in dem Bannkreis einer idealeren Ethik festhalten. Denn, läßt sich nicht m i t der Familie zum Ziele gelangen, so muß gegen sie Front gemacht werden, da der Religionslehrer nur das eine Ideal der religiösen Erziehung rücksichtslos zu verwirklichen hat. Was die Familie verweigert, müssen eben Schule und Gotteshaus zu ersetzen trachten, selbst wenn dies ihnen nur selten gelingen sollte. Leider erstreckt sich aber der erzieherische Einfluß des Religionsunterrichtes auf die allzu kurze Zeit des wöchentlichen zweistündigen Beisammenseins in der Schule. Während dieser Zeit kann der Lehrer wohl eine kurze theoretische Unterweisung dem Schüler angedeihen lassen, jedoch auf seine religiöse Lebensführung nur indirekt Einfluß nehmen. Ja, manche nehmen sich nicht einmal die Mühe, den an interkonfessionellen Schulen Studierenden die moralische Unterstützung zuteil werden zu lassen und ihnen beispielsweise die streng religiöse Einhaltung des Sabbats zu erleichtern, wie wir dies schon oben ausgeführt haben. Wenn nun der Schüler bloß aus diesen wöchentlichen zwei Stunden und aus dem erzwungenen, rein äußerlichen Paradejugendgottesdienst sein Judentum schöpfen soll, dann ist es kein Wunder, wenn ihm dieser Religionsunterricht keine feste religiöse Basis fürs Leben bieten kann und er den Versuchungen der Assimilation und der Taufe zum Opfer fällt. Kann nun dieser Zweistunden-Unterricht unmöglich die ganze Arbeit der jüdisch-religiösen sittlichen Erziehung bewältigen, so sollte er wenigstens trachten, heilsame Keime der Anregung, der Abwendung vom häuslichen Assimilanten-Schlendrian in die Seele der Jugend zu streuen. Wenn schon Gotteshaus und Predigt den Sinn der Alten nicht ändern können, so muß sich der Lehrer, der auch Priester der Religion ist, der Jungen bemächtigen und sie zu wahren, d. h. zu glaubensstarken, auf ihre Literatur und nationale Vergangenheit stolzen Juden erziehen. Wir haben an anderer Stelle dargetan» daß das Ideal der jüdisch-religiösen Erziehung nur in der jüdischen Schule verwirklicht werden kann, wo unsere heilige Lehre und Sprache, in den Mittelpunkt des Gesamtunterrichts gestellt, eine so eingehende Berücksichtigung erfährt, welche genügt, unserer Jugend ein solches Ausmaß notwendigster Kenntnisse unserer Literatur, Geschichte und der sittlichen Religionsvorschriften beizubringen, daß sie dereinst im Leben befähigt sein würde, den Epikuräismus durch die Waffen des Geistes zu widerlegen und sie vor jeder Versuchung eines Abfalles von ihrer Religion und der ererbten Lebensführung wappnen wird. Unser Religionsunterricht hat eine nur minimale erziehliche Kraft und nur geringen sittlichen Einfluß auf die Lebensführung des Zöglings im Hause (woran zum Teil auch die verschiedene Vorbildung und divergierenden Lebensanschauungen der Religionslehrer vom Bochur bis zum Doktor- Rabbiner die Schuld trägt) und er ist auch als theoretischer Unterricht, sowohl Stundenausmaß als auch Inhalt des Lehrstoffes betreffend, völlig ungenügend. Die Kenntnis der hebräischen Sprache wird bei Seite geschoben; anstatt das erhabene Original der Bibel und der Propheten in seiner Naivität und schlichten Größe auf das kindliche Gemüt wirken zu laffen, die Jugend zur Begeisterung für ihr Volk und für ihre Religion zu entflammen, wird ihr aus oft seichten Geschichtskompilationen immer wieder „Religionsgeschichte" aufgetischt, Daten und Namen memorierend, ohne jedoch daß Schüler und Lehr?r tiefer in das Wesen der Sache, in den Geist des Judentums eindringen würden. Wenn in manchen Schulen der Originaltext herangezogen wird, so geschieht es ohne Methode, ohne stufenweises Weiterbauen auf Grundelementen, die schon in der Volksschule angeeignet werden müßten. Und so herrscht darin, wie in der auch von Manchen dozierten Zeremoniallehre — ein wirres Auszählen verschiedenster religiöser Vorschriften und Gebräuche — ein öder, toter Mechanismus, der in krassem Widerspruche mit dem häuslichen Leben des Schülers steht und dahin führen muß, daß ein solcher oft selbst von Halbgläubigen geleiteter Aster- Religionsunterricht beim Schüler Ueberdruß, ja oft Spott und Verachtung Hervorrufen muß. Wundert sich nun der Herr Artikelschreiber, wenn die minderen Noten aus Religion die Eltern mehr verstimmen, als jene aus anderen Gegenständen. Halten sie ja doch diesen Unterrichtsgegenstand als quuntitv nögligeable, als viel toteres Wissen denn die klassischen Sprachen, deren Kenntnis im Leben doch noch irgend welche Vorteile bringen kann, und was dessen pädagogisch-sittlichen Wert betrifft, wollen sie ihre Kinder gerade in entgegengesetzter, utilitaristischer Richtung erzogen wissen. Sind sie es doch ja gewöhnt, daß wenn kein Anderer, wenigstens der Religionsprofessor bei der Klassifizierung ein Auge zudrückt, da sich das Gewohnheitsrecht in der Praxis eingewurzelt hat, aus Religion überhaupt nicht fallen zu lassen. In Ungarn, wo das Judentum sich in Konfessiönchen gespalten hat, geht es so weit, daß mancher Schüler, wenn er beim „orthodoxen" Religionslehrer eine schlechte Note erhalten hat, sich im nächsten Semester zum „neologen" Religionsunterricht einschreiben läßt und vieo versa. Müffen wir nicht da befürchten, daß Mancher, um eine noch bessere Note zu erhalten, sich die katholische oder evangelische Religion anzueignen versucht fühlt, nachdem unser heutiger Religionsunterricht nicht im Stande ist, ihn in späteren Jahren von der Taufe sernzuhalten?! Unsere Religionslehrer find eben deshalb in ihrer Klaffifizierung sehr liberal und paffen ihr Urteil über die verschiedenen Leistungen den einzelnen Individuen an. Es ist dies auch oft nicht einmal ungerecht, da beispielsweise im Hebräischen — ein Gegenstand, der selbst in den modernsten Unterrichtsentwürfen aus dem Religionsunterricht nicht gut zu eliminieren ist — die Vorbildung der Schuljugend eine höchst verschiedene ist. Der eine hat schon Talmud gelernt, der andere kann nur mit Mühe buchstabieren. Dieser kann nun trotz größter Anstrengung nicht so leicht weiterkommen, während der andere ohne besonderen Fleiß die beffere Note einheimst. Dieselbe Divergenz herrscht nun auch in Sachen der Religiosität. Der eine hat zuhause überhaupt nichts vom Judentum gehört, seine Gesetze und Gebräuche nie ausgeübt, der andere