Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 546 Dr. Blocb’s MocbenscdrM. Nr. 34 N-nr KeUgiottsunterrichte. Ein Wort znr Aufklärung. In mehreren Aufsätzen dieser Blätter wurde als Ursache des zunehmenden Abfalles von der Religion der mang-lbafte Religionsunterricht an den Mittelschulen angeführt. Das Wesen des mangelhaften Unterrichtes aber, nur in seinen Konsequenzen hervorgehoben, ohne auf die näheren Umstände näher einzugehen. Jeder aber, der Gelegenheit hat, Beobachtungen zu machen, wird zur Ueberzeuguyg gelangen, daß der Grund viel tiefer liegt. Aus allen Reden und Aufsätzen klingt die latente Klage „Die gesetzlich eingeräumte Frist von zwei Stunden reiche nicht hin, um den gewaltigen Stoff zu bewältigen." Man nahm allenthalben darum die Scheere zur Hand, schnitt und stutzte, wo nur irgend möglich, ja, es gab sogar eine Zeit, da ernstlich in Erwägung gezogen wurde, den hebräischen Unterricht überhaupt zu eliminieren. Alle Maßnahmen die zur Hebung des Religionsunterrichtes getroffen wurden, hatten einen kläglichen Erfolg, was zum Teil der beschränkten Unterrichtszeit und der mangelhaften religiösen häuslichen Erziehung zugeschrieben wurde. Abgesehen davon, daß die jüdische Religion bei ihren Bekenner» ein höheres Maß von Wiffen voraussetzt, ist es nickt die beschränfte Unterrichtszeit allein, welche einen erfolgreichen Religionsunterricht nicht ermöglicht, vielmehr die heutige Schule selbst in ibrem Wesen ist es, die ein gedeihliches Wirken der jüdischen Religionslehrer verhindert. Der Uebelstand datiert nicht erst von heute, er wurde schon mit der Hasner'schen Schulgesetznovelle, so fortschrittlich sie auch schien und scheint, geschaffen. Der Gedanke einer konfessionslosen Schule schließt grundsätzlich den Religionsunterricht als obligaten Unterrichtsgegenstand aus. Jedoch scheint es aber, als ob man sich auch damals von den alten Zäpfchen nicht befreien konnte, so wurde ein Zwitterding von einer konftssionslosen Schule geschaffen; man wollte der Kirche auch entgegenkommen und warf ihr einige Brosamen hin, indem man in den Lehrbüchern einige Stücke rein katholischen Inhaltes aufnahm, denselben das Mäntelchen ihres patriotisch geschichtlichen Wertes umhängend. Diese Brosamen sind im Laufe der Zeit zu ganz ansehnlichen Brodkrumen herangewachsen. Alle Jene, die während der Uebergangszeit der jüdischen Normalschule zur Neuschule Unterricht genossen haben, werden sich wohl noch des Staunens ihrer Eltern zu erinnern wissen, als sie aus Gedichten „Das Roß ich beschritte fürderhin, das meinen Schöpfer getragen, — da sieht ein Kruzifixe Herr Rudolf an der Wand u. s. w." laut memorierten. Bei aller Schönheit Schiller'scher Gedichte stünden doch dem Lesebuche, welches die ethische, patriotische und sprachliche Erziehung des Kindes bezweckt, genug auch eben so schöne Gedichte oder Erzählungen geschichtlich-patriotischen Inhaltes zur Verfügung, wollte man den konfessionslosen Charakter der Schule und mit ihr des Lehrbuches wahren. Im Laufe der Zeit wurden aber noch mehr derartiger Gedichte und Erzählungen ausgenommen. In der Fibel schon findet man Weihnachtsgedichte, in allen anderen Lehr- und Lesebüchern wimmelt cs nur von die Kirche verherrlichenden Erzählungen und Gedichten; namentlich seit der Zeit, wo Karl Ritter der Wissenschaft der Geographie, durch Einführung theologischer Gesichtspunkte einen idealen Charakter zu verleihen vermeinte, wird womöglich ebenso in der Volkswie Bürger- und Mittelschule jede Wissenschaft mit der Religion, selbstredend der katholischen in Verbindung gebracht. Die Eltern, die zum größten Teile schon der Neuschule entwuchsen, beftemdet es heute gar nicht mehr, wenn ihr Kind nichts anderes als die Geschichte des heiligen Severin, St. Stefan in Prosa oder Versen, bald ein Weihnachts-, Ostergedicht oder Lied u. s. w auswendig lernt. Sie finden es selbstverständlich und bedenken nicht, wie verwirrend dies auf das Gemüt des Kindes wirken muß und den Standpunkt des Religionslehrers erschwert, zumal er dem Kinde nicht sagen kann, daß die Geschichte des Ehud und Schamgar viel wichtiger sei, als die Geschichte des heiligen Bonifazius oder der heiligen Nothpurga, er setzte sich sonst mit der Schule in Widerspruch! Aber auch schon eine Gleichstellung des Lehrwertes beider Stoffe seitens des Religionslehrers beeinträchtigt dessen Erfolge. Zumeist aber wird der Stoff im kirchlich erziehlichen Sinne, ohne Bedachtnahme auf den praktisch realistischen Wert, oft auch, je nach der Individualität des Lehrers, in einer den Juden gehässigen Weise, trotz Anwesenheit israelitischer Schüler behandelt. Und die Jugendlektüre! Was da in Herabsetzung der jüdischen Religion und antisemitischer Agitation geleistet wird, hat nur derjenige einen Begriff, der sich der Mühe unterzieht, das von der Sckülerbibliothek entliehene Büchlein trotz des Visums des Klassenlehrers zu prüfen. Oft findet man sogar ein Kapitel eingeschoben, das mit der Erzählun; in gar keinem kausalen Zusammenhänge steht; nur um dem Judentum etwas am Zeuge zu flicken. Die Feiertage rechtfertigen ebenso die Behauptung der Zwittergestalt der derzeitigen konfessionslosen Sckule. Abgesehen von den gebotenen katholischen Feiertagen werden die Bittage, Tage, wo eine Kommunion, Beichte, katholische Religionsprüfung stattfinden, kurz beim geringsten kirchlichen Anlaß freigegeben, im Gegensätze zu den jüdischen Feiertagen, wo man mit harter Mühe die Freigabe jüdischer Schüler, selbst bloß für einige Stunden zum Besuche des Gottesdienstes erwirken kann, und dann wird es im Zeugnis als Schulversäumnis bemerkbar gemacht. Dazu kommt, daß der israelitische Religionsunterricht nicht im Stundenplan figuriert, sondern in die schulfreie Zeit verlegt wird, so daß das Kind die betreffende Unterrichtszeit als einen Diebstahl an seiner ihm von der Schule gegönnten freien Zeit betrachtet, deshalb auch ungern und widerwillig den Religionsunterricht besucht. Muß nicht da bei dem Kinde die Ansicht von der Minderwertigkeit seiner eigenen Religion Wurzel fassen? Wie kann man von Eltern, die in diesem Milieu erzogen, verlangen, daß sie Interesse für ihre Religion haben und ihre Kinder religiös erziehen? Dies zu bekämpfen, reicht freilich ein zweistündiger Unterricht wöchentlich nickt hin. Als weiterer Uebelstand muß eben Hervorgeboben werden, daß wegen nicht genügender Scküleranzahl von der Behörde zumeist für sämrliche israelitische Schüler an der Schule bloß zwei Stunden per Woche bewilligt werden, im günstigsten Falle zwei fih die unteren und zwei für die oberen Klassen, so daß ein Kind durch drei, beziehungsweise vier Jahre hindurch ein und denselben Stoff nehmen muß. Dieser Umstand macht sich nun, wie in den benannten Aufsätzen ganz richtig bemerkt wird, an der Mittelschule im Besonderen bemerkbar und führt zu den von den geschätzten Einsendern geschilderten Konsequenzen rücksichtlich des ungleichen Schlllermateriats. Von den israelitischen Religionslehrern im Allgemeinen zu sprechen, ist wohl nicht Zweck dieser Zeilen, jedoch läßt sich auch da ein Zitat aus Schiller's berühmten Distichon anwenden: „Einem ist sie die hohe himmlische Göttin, dem Anderen Eine tüch ige Kuh, die ihn mit Butter versorgt." Von Religionslehrern, auf welche die letzte Phrase des obigen Zitates anzuwenden ist, zu sprechen, wäre ein trauriges Thema, aber unsäglich traurig ist es, daß in dieser Kategorie sich auch Leute befinden, bei denen man dies, zufolge ihrer religiösen Gesinnung, die sie znr Schau tragen, am allerwenigsten vermuten würde. Auf eine Remedur seitens der Schulbehörde ist nicht zu hoffen, denn tatsächlich genießen an sehr vielen Schulen jüdische Schüler überhaupt keinen Religionsunterricht, wie Schreiber dieses an dieser Stelle schon wiederholt bemerkte. Die von der Behörde genehmigten Unterrichtsstunden werden oft aus Fahrlässigkeit und anderen Gründen nicht ausgcnützt. endlich und schließlich fehlt es an einem einheitlichen Lehrstoff und Lehrplan. Die Schulbehörde kümmert sich um dieses Alles, überhaupt um den Religionsunterricht im Allgemeinen, um den jüdischen im Speziellen schon gar nicht. Wer aber berufen wäre, in dieser Richtung Wandel zu schaffen und in welcher Weise, möge vorläufig der Leser ermessen. Vielleicht nächstens etwas Näheres darüber. Tachau S . . . Religionslehrer ««d Religionsunterricht. In mehreren Nummern Ihres geschätzten Blattes bringen Sie die Ausführungen augenscheinlich von Fachleuten, die verschiedene gegen den Religionsunterricht erhobene Anklagen zu entkräften suchen. Es liegen uns gegenwärtig diese Anklagen nicht vor, doch können auch wir vom fachlichen Standpunkte aus dieselben für leider allzu berechtigt erklären und wollen — wie wir das ausführlicher schon an anderer Stelle getan haben — auch hiero ts Einiges zur Kritik der für uns Juden stets aktuellen Frage der religiösen Erziehung unserer Jugend im Anschlüsse an oberwähnte Ausführungen Vorbringen. Der Krebsschaden des Religionsunterrichtes liegt — darin stimmen Laie und Fachmann überein — in dem Zwiespalt zwischen Lehre und Leben, in jenem Gegensätze, den der Schüler zwischen den gelehrten Satzungen — so sie überhaupt gelehrt werden — des Religionsunterrichtes und dem Treiben und Leben in seinem Vaterhause vorfindet und der bei dem natürlichen moralischen Uebergewicht der Familie notwendig die erziehliche Kraft des Religionsunterrichtes untergraben und seinen Erfolg illusorisch machen muß. Es kommt ja wohl hie und da vor, daß einzelne Jünger, durch den Religionsunterricht angeeifert, begeistert werden, sich ihres Judentums erinnern und an Religiosität es ihren Eltern voraus zu tun bestrebt sind. Ja, ich kenne einen Fall, wo ein Assimilantensöhnchen, das auf Wunsch seiner Eltern bei Christen untergebracht worden war mit dem Befehl, sich nicht als Jude zu bekennen, sich trotzdem sofort als Jude vorstellte und alles tat, um den ihm bekannten religiösen Verpflichtungen zu entsprechen. Solche Fälle sind allerdings Ausnahmsfälle, und es wäre mehr als zweifelhaft, sie den Erfolgen des Religionsunterrichtes zuzuschreiben. Es ist auch gar nicht