Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 534 Dr. JBlocb’s MlocbenscbrM. Nr. 33 Frankfurt. (Weigert's Beerdigung.) Am 8. morgens erfolgte auf dem israelitischen Friedhof die Beerdigung von Karl Weigert. Rabbiner Dr. Seligmann feierte den Verstorbenen als einen Helden der Wiffenschaft und als eine hervorragende Persönlichkeit in der menschlichen Gesellschaft. Weigert hat mit seiner ganzen Lebensarbeit der deutschen Wiffenschaft gedient, seine Wirksamkeit war ein Ruhm für die Wissenschaft im In- und Ausland. Was das Königreich Sachsen dem großen Gelehrten schuldig geblieben ist, das hat unsere Vaterstadt Frankfurt gutgemacht, als sie ihn zum Direktor des pathologisch-anatomischen Instituts der Dr. Senckenbergffchen Stiftung berief. Hier konnte er seine Kräfte frei entfallen und als Lehrer für eine ganze Generation von Aerzten wirken. Als Mensch war er so schlicht wie groß, so einfach wie verdienstvoll. Bürgermeister Dr. Varrentrapp hielt eine kurze Ansprache: 'Namens der Stadt Frankfurt und der städtischen Behörden lege ich an der Bahre einen Kranz nieder als ein Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit für den groben genialen Gelehrten, den wir mit Stolz den unseren nennen. Ich danke an dieser Stelle nicht nur für das, was Geheimrat Weigert direkt für die städtischen Verwaltungen geleistet hat, indem er die wiffenschaftlichen Ergebnisse der Leichenöffnungen im städtischen Krankenhaus unseren Aerzten übermittelte. Ich danke vor allen Dingen dafür, daß er das geistige, das wissenschaftliche Leben unserer Stadt so außerordentlich gefördert und gehoben hat durch seine Forschungen, seine Lehren und seine Persönlichkeit, die die Augen der gesamten wiffenschaftlichen medizinischen Welt auf unsere Stadt lenkten und Hunderte von Männern um seinen Lehrstuhl versammelten. Auch dafür danke ich, daß er mit regem Eifer teilgenommen hat an den Vorarbeiten für die Neugestaltung unserer medizinischen wissenschaftlichen Anstalt. Tief beklagen wir es, daß er, der berufen war, eine der ersten Zierden der Akademie zu bilden, die Eröffnung dieser Anstalt nicht miterleben konnte. Möge sein Geist strenger Forschung fortleben!" Geh. Medizinalrat Professor Schmidt- Metzler sprach im Namen des Senckenberg'schen Instituts. Er hob den gewaltigen Einfluß der Wirksamkeit Weigeit's auf die wissenschaftliche Tätigkeit in Frankfurt hervor. Weigert war der rechte Mann am rechten Platz! Für den ärztlichen Verein legte Sanitätsrat Dr. E. Cohn einen Kranz nieder Er entwarf in gedrängten Zügen ein Bild der wiffenschaftlichen Tätigkeit des Verstorbenen. Nach medizinischen Studien in Breslau, Berlin, Wien begann seine Assistentenlaufbahn bei den Klinikern Graetzer und Leber und den pathologischen Anatomen Waldeyer und Cohnheim. Dazwischen fällt seine Anteilnahme am Feldzug 1870/71 als Arzt. Mit Eohnheim ging er als Assistent nach Leipzig. Als dieser starb, versagte ihm die medizinische Fakultät Leipzig die Berufung als Ordinarius aus konfessionellen Gründen, obwohl er durch die Bedeutung seiner Forschungen und den Umfang seiner Arbeiten hinter keinem zurückzustehen brauchte. Da kam in seiner Bedrängnis, als er schon entschlossen war, sich als Badearzt in Schlesien niederzulaffen, die Berufung an das anatomisch-pathologische Institut der Dr Senckenberg'schen Stiftung. Die wissenschaftlichen Arbeiten Weigert's sind nach zwei Richtungen ausgeprägt: der philosophischen, auf brelter biologischer Grundlage aufgebauten, und der mikroskopischtechnischen, insbesondere der Färbetechnik verschiedener Gewebe. Der Niedergang der naturphilosophischen Schule hatte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nur das Zusammentragen von Material bewirkt und eine ängstliche Scheu vor jeder Hypothese hervorperufen. Reformatorisch ging Weigert vor. Für ihn ist die Einzelbeobachtung der „Leitfaden des Papierdrachens, den man über die Niagarafälle steigen ließ zum jenseitigen Ufer, an dessen Bindfaden Taue und Drahtseile später hinübergezogen wurden bis zum Bau der Hängebrücke." Mit Zuversicht und Beharrlichkeit hat Weigert von Beginn seiner Tätigkeit an sich die mikroskopische Färbetechnik gewählt, in der er der Lehrmeister für alle ähnlichen Bestrebungen geworden ist und das Rüstzeug für alle geschaffen hat. Die bahnbrechenden Forschungen Koch's über Tuberkelbazillen und Ehrlich's über Immunkörper sind nur durch die Weigert'schen Forschungen ermöglicht. Durch sein Neuroglia- Werk ist er der Schöpfer der modernen Neurologie geworden, nach vierzehnjähriger harter Arbeit. Die Wiffenschaft wird Weigert unter den großen Anatomen den gleichen Platz mit Hähnle und Cohnheim zuweiseu. Der Redner rühmte endlich Weigert's Wirken im ärztlichen Verein. Weigert war der liebenswürdigste, hilfreichste und mildeste aller Kollegen. Sein weiches Kindergemüt bewahrte er dis zum letzten Atemzug „Die Menschen wandeln im Schattenreich in der Gestalt, mit der sie bas Leben verließen", so gilt Achill als der ewig-jugendlich Strebende, so wird auch das Bild Weigert in seiner besten Schaffenskraft erhalten bleiben. Geh. Medizinalrat Direktor Ehrlich legte für das Seruminstitut, Direktor Walter für den deutschen Realschulmäpnerverein einen Kranz nieder. Kränze spendeten ferner der Physikalische Verein, die Aerzte des Dr. Christ'schen Kinderspitals und des städtischen Krankenhauses, sowie der Riescngebirgsverein. Petersburg. (Jüdische Verwundete im russisch-japanischen Kriege.) Die russische offizielle Heereszeitung „Rußkij Invalid" publiziert folgenden Regimentsbefehl des Generalmajors Zilinsky: „Ich gebe hiemit die Liste derjenigen Krieger aus dem 11. und 12. Rcgimente bekannt, welche in der am 18. April in der Nähe des Dorfes Tjurentschin itattgefundenen Schlacht verwundet wurden und nach Heilung ihrer Wunden noch vor Abschluß des Krieges zu ihren Truppenteilen zurückkehrten. Der Generalkommandant Kuropatkin verlieh diesen Verwundeten die Tapferkeitsmedaille (Georgsorden). Ich fühle mich verpflichtet, der unter meinem Kommando stehenden Division die Namen dieser Helden, welche ihre Pflicht so wacker erfüllt haben, öffentlich bekannt zu geben. Mögen ihre Namen in der Geschichte des 11. und 12. Regimentes in aller Ewigkeit in Erinnerung bleiben und ihren Kameraden als Muster und Ansporn dienen. Ich drücke den Offizieren, welche solche Helden erzogen haben, meinen tiefsten Dank aus." Unter den hierauf aufgezählten Verwundeten dieser zwei Regimenter werden auch die folgenden drei jüdischen Soldaten genannt: Samuel Ribin, Hirsch Schefiuk vom 11. ostsibirischen Regiment und Mordechai Jeschin vom 12. ostsibirischen Regimente. Petersburg. (Jüdische Militärärzte in der Mandschurei.) Trotzdem kein Jude in Rußland Militärarzt werden darf, wimmelt es jetzt in der Mandschurei von jüdischen Aerzten. Ja, man darf kühn behaupten, daß über 75 Perzent aller Militärärzte Juden sind. Solange der Posten eines Arztes bei der russischen Armee eine bloße Sinecure oder doch eine sehr gute Brotstelle war, blieb er den Juden unzugänglich. Nun aber, da es ernst wird, wurden die jüdischen Aerzte an ihre Pflicht, dem „Vaterlande" in Kriegszeiten sich zur Verfügung zu stellen, gemahnt, und keiner von ihnen hat nur den leisesten Versuch gemacht, sich — wie es die christlichen Aerzte in großer Anzahl taten — dieser Pflicht durch List und Bestechung zu entziehen. Der jüdische Arzt Dr. Kantorowitsch aus Elisabethgrad stellte sich der Regierung zur Verfügung, obgleich er krank war und dies durch sein ärztliches Zeugnis jederzeit beweisen konnte. Der übereifrige jüdische Patriot konnte die Strapazen des Krieges auch nicht ertragen und starb in Mukden an den Folgen seiner Krankheit. Ein anderer jüdischer Arzt, Dr. Petermann aus Odessa, wurde bei Tjurentschin schwer krank, da er mit einem schwer verwundeten Soldaten auf den Schultern einen Strom durchwatete und sich bei dieser Gelegenheit eine Erkältung zuzog. Dr. Petermann wurde für den Rest seines Lebens von der Militärpflicht entbunden, dennoch will er, sol ald er wiederhergestellt sei, sich der Regierung wieder zur Verfügung stellen. Besonderen Ruhm hat sich Dr. Lurje aus Elisabethgrad erworben. Dieser Arzt suchte mit 2 Sanitätsgehilfen das Schlachtfeld bei Waffangou ab und geriet dabei allzunahe an die japanische Linie. Er und seine Begleiter waren von ihrer Beschäftigung so sehr in Anspruch genommen, daß sie den Rückzug ihrer Truppe nicht eher merkten, als bis der Feind ihnen dicht auf den Fersen war. Dr. Lurje dachte aber nicht daran, sich zu ergeben, er floh in der Richtung, wohin die Russen verschwunden waren. Die Japaner verfolgten die Flüchtlinge, erschossen die beiden Sanitätssoldaten und verwundten den Arzt am Schenkel. Ungeachtet seiner Wunde lief Dr. Lurje dennoch weiter und immer weiter bergauf, bergab, bis er in einer Entfernung von 15 Werst vom Schlachtfelde zusammenbrach und das Bewußtsein verlor. Zwei Tage später wurde er von einer russischen Patrouille aufgefunden und in das nächste Lazarett eingeliefert. Hier wurde er vom Höchstkommandierenden, General Kuropatkin, selbst ausgesucht, der sich mit ihm längere Zeit unterhielt und ihm das Georgkreuz versprach. Symptome russischer Finanznöten. Petersburg. Am 8. d. M. hat unter Vorsitz Witte's eine Sitzung des russischen Ministerkomitees stattgefunden, in der die Frage der Judengesetzgebung beraten wurde. Es wurde beschlossen, eine weitgehende Reform der ganzen Judengesetzgebung, insbesondere aber die Abschaffung der Ansiedlungsbeschränkungen sowie die Beseitigung der den Handel und Verkehr der Juden einschränkenden Ausnahmsgesetzgebung beim Zaren zu beantragen. Deutschenhetze in Rußland. Nach der letzten Volkszählung leben in Rußland mehr als zwei Millionen Deutsche. In Russisch-Polen allein sind 1,200.000 und in der Fabriksstadt Lodz, die allgemein als „deutsche Stadt" bezeichnet wird, sind 35 Perzent der Ein-