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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 33 Dr. Mocb s Mocbenscbritt. Seite 533 erschlaffen, ihr Mitleid, das den Charaktergrundzug des jüdischen Volkes bildet, nicht aufhören wird, und somit wird auch dieser Appell für die kurbedürftigen Armen in Baden kein vergeblicher sein. Jnsbesonders werden die geehrten Leser dieser weitverbreiteten Zeitschrift, die den Kurort Baden zu ihrem Sommeraufenthalt wählen, auf die von der Kultusgemeinde Baden ausgehenden Bittbriefe für Spendenzeichnung in das Sammelbuch für kurbedürftige Arme mit dem dringenden Ersuchen auftnerksam gemacht, der vom Schicksal so schwer Betroffenen mit milden Gaben zu gedenken und bedacht zu sein, daß jede im Stillen geübte Wohltat sich selbst belohnt und dem ethischen Pflichtgebote des Gebens allein entspricht. Czernowitz. Bei den in der letzten Woche stattgefundenen Landtagswahlen haben die Juden sehr glückliche Erfolge erzielt. — Der Bukowinaer Landtag besteht aus 31 Mitgliedern u. zw.: aus 2 Virilstimmen, 10 Abgeordneten aus dem weltlichen und geistlichen Großgrundbesitz, ans 12 Vertretern der Landgemeinden, aus je einem Abgeordneten der Städte Suczawa, Sereth und Radautz und 2 Abgeordneten der Landeshauptstadt Czernowitz. 2 Abgeordnete wählt die Handels- und Gewerbekammer. Die Funktionsdauer der Abgeordneten dauert sechs Jahre. Die Juden haben gegenwärtig drei Abgeordnete durchgebracht u. zw. in Czernowitz den Landes- und Gerichtsadvokaten Dr. Benno Straucher, in Suczawa den Landes- und Gerichtsadvokaten Josef Weidenfeld und Bankdirektor Wilhelm Tittinger als Abgeordneten der Handels- und Gewerbekammer. Dr. Benno Straucher ist Reichsratsabgevrdneter, Präses der israelitischen Kultusgemeinde Czernowitz, Gemeinderat der Landeshauptstadt, Mitglied des großen Direktoriums der Bukowinaer Sparkasse rc. rc. Gegenwärtig ist er zum zweiten Male zum Landtagsabgeordneten gewählt worden (er gehörte auch dem vorigen Landtage an). In allen Vertretungskörpern vertritt er eine^ zielbewußte, jüdische Politik. Im vorigen Jahre hat er mit dem hervoragendsten Führer des rumänischen Volkes, Abg. Aurel R. v. Onriul und dem des ruthenischen Volkes Nikolaj Ritter von Wassilko den landtäglichen freisinnigen Klub gegründet. Die Freisinnigen haben im vorigen Landtage eine kleine Minorität gebildet. Nunmehr haben sie wie im Fluge die Majorität errungen. Ausgenommen von der Wirksamkeit der „Freisinnigen" sind bloß nationale Angelegenheiten, sonst verfügen sie über ein reichhaltiges wirtschaftliches, soziales und politisches Programm. Ungemein interessant war die Wahl in Czernowitz aus dem Grunde, weil Dr. Straucher als Gegner des Bürgermeisters von Czernowitz, Anton Freiherrn von Kochanowski, der bis jetzt durch 35 Jahre Landtagsabgeordneter von Czernowitz war, gewählt wurde. Freiherr von Kochanowski ist Katholik und Pole. Der Sieg Dr. Straucher's ist der Vereinigung der deutschen, rumänischen, ruthenischen und selbstredend der jüdischen Wählerschaft, die 40 Perzent der gesancken Wählerschaft ausmacht, zuzuschreiben. Schließlich will ich noch hervorheben, daß Dr. Straucher auch Präsident des in Czernowitz bestehenden „Jüdisch-politischen Volksvereins" ist; neben ihm ist Abg. Wilhelm Tittinger Vizepräsident desselben Vereines. Ungemein interessant ist die Wahl des Abgeordneten Dr. Weidenfeld, der seiner politischen Gesinnung nach Sozialdemokrat ist. Er kandidierte in Suczawa jedoch nicht als solcher, sondern als Jude. Seine Wahl ist nur dem Umstande zu verdanken, daß sein Gegenkandidat Fuchs (Deutscher) die Aeußerung machte, daß es niemals dazu kommen werde, daß in Suczawa jemals ein jüdischer Abgeordneter gewählt werden wird. Auf diese Beleidigung hin reagierte die jüdische Wählerschaft, indem sie ihren Kandidaten, den Bürgermeister des Loges, bewog, zu Gunsten des Dr. Weidenfeld zurückzutreten. Dr. Weidenfeld wurde als Jude gewählt, obzwar wegen seiner sozialdemokratischen Gesinnung die Sympathien der Juden nicht auf seiner Seite waren und er ohne diesen Zwischenfall gewiß nicht gewählt worden wäre. (In den Städten Suczawa, Sereth und Radautz haben die Juden die Majorität.) Karl Weigert. Die Nachricht von dem plötzlichen Hinscheiden des berühmten Frankfurter Pathologen wird in den weitesten Kreisen der deutschen medizinischen Gelehrtenwelt, ja selbst über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus einen traurigen Widerhall erwecken, denn der Verstorbene war nicht nur ein außerordentlich glücklicher Forscher, dessen Methoden sich für die medizinische Wissenschaft als ungemein fruchtbringend erwiesen, sondern er war auch ein ungewöhnlich liebenswürdiger und unermüdlich hilfsbereiter Mensch, den jeder liebgewinnen mußte, der sich des Glückes seiner Bekanntschaft erfreute. Eine echte Gelehrtennatur, kannte er von feiner frühesten Jugend an keinen höheren Genuß, als nach seinen Kräften der Wissenschaft zu dienen. Karl Weigert gehörte zu den Forschern, denen es beschieden war, bahnbrechend in die Entwicklung der modernen pathologischen Anatomie und der Bakteriologie dadurch einzugreifen, daß es ihm gelang, die mikroskopische Technik in ungeahnter Weise durch seine Färbemethoden zu erweitern. Man behauptet nicht zu viel, wenn man sagt, daß ohne diese Weigert'schen Methoden die Triumphe der modernen biologischen Wissenschaft kaum zu erzielen gewesen wären. Diese seine mit ebenso großem Scharfsinn wie peinlicher Genauigkeit ersonnenen Färbemethoden haben seinen Namen berühmt gemacht in allen zivilisierten Ländern. Die mannigfachen Anerkennungen, die ihm freilich erst im vorgerückteren Lebensalter zu teil wurden, haben den so überaus bescheidenen, durch und durch freundlich und wohlwollend gesinnten Gelehrten nicht im mindesten alteriert. Er nahm die vielfachen Huldigungen, die ihm dargebracht wurden, nur eben hin, aber sein Auge leuchtete auf, wenn er vor der stattlichen Zahl seiner Schüler sprach, die aus aller Herren Ländern zu ihm nach Frankreich kamen, um in den mehr als bescheidenen Räumen seines Laboratoriums im Senckenberg'schen Institut sich Rat und fördernde Unterweisung zu holen. Daß er es trotz seiner außergewöhnlichen Begabung und seiner außerordentlichen, von der ganzen medizinischen wissenschaftlichen Welt anerkannten Leistungen zu keinem akademischen Lehramte bringen konnte, daran trugen die unseligen Zeitverhältnisse schuld. Als nämlich Julius Cohnheim, einer der berühmtesten Schüler Rudolf Virchow's, von Breslau nach Leipzig berufen wurde, knüpfte er daran die Bedingung, daß sein bisheriger Breslauer Assistent Karl Weigert ebenfalls ihm nach Leipzig folgen müsse. Weigert erhielt eine außerordentliche Professur, und nach dem unerwartet erfolgten Tode Cohnheim'S verwaltete er längere Zeit selbständig das Lehramt. Die Verhandlungen zwischen dem sächsischen Kultusministerium und Karl Weigert wegen Uebernahme der Professur für pathologische Anatomie an der Leipziger Universität zerschlugen sich indessen, weil Weigert, obgleich ein Mann von durchaus freisinnigen Anschauungen, den geforderten Uebertritt zur protestantischen Kirche rundwegs ablehnte. Er wollte mit der Apostasie und dem Meineid nicht die höchste Stellung erkaufen. So war er denn eine Zeitlang ohne Stellung und ohne wissenschaftliche Werkstätte. Allein diese Episode in seinem Leben sollte nur von kurzer Dauer sein, denn das Senckenberg'sche Institut beeilte sich, den ausgezeichneten Forscher für Frankfurt zu gewinnen, wo er dann viele Jahre hindurch der belebende Mittelpunkt der dortigen wissenschaftlich-medizinischen Vereine wurde. Kein kleinlicher Groll über erlittene Zurücksetzung vermochte ihm die Heiterkeit seiner Seele dauernd zu trüben. Er erfreute sich bis an sein Lebensende der aufrichtigsten Schätzung und Verehrung aller derer, die mit ihm jemals in Beziehung traten. Es waren aber viele, die von seiner Seite Freundlichkeit erfahren hatten. Paul Weigert's Name wird in der Wissenschaft für lange, lange Zeit mit höchster Achtung genannt werden. Seine zahlreichen Freunde aber werden dem wackeren Menschen, der in seinem sechzigsten Lebensjahre aus seiner reichen Wirksamkeit gerissen wurde, ein treues Angedenken bewahren.

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