Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Dlocb s MocbenscbrM. Sette 531 UM die allgemeinen sanitären Verhältnisse einer Familie bekümmern, bevor sie einen* entscheidenden Schritt tun oder einen schwerwiegenden Entschluß fassen, so hat auch die öffentliche Meinung die Pflicht, die ererbten Belastungen in Betracht zu ziehen, bevor sie ihr endgiltiges Urteil fällt. Wir sind also sehr geneigt, selbst den anscheinend so ruchlosen Quertreibereien des Dreschgrafen im Geiste der von ihm so sehr verpönten Humanität eine mildere Auffassung zuteil werden zu lassen, wobei freilich der eine Uebelstand dann nur um so krasser in die Erscheinung tritt, daß seine begeisterte Gefolgschaft ihn und seine Lehre durchaus ernst nimmt und darnach handelt. Das ergibt dann ein non liquet. bei dem nicht nur die Juden zu Schaden kommen, sondern auch die gesunde Vernunft. Das ist nun einmal nicht zu ändern. Wäre dem Antisemitismus mit dem gesunden Menschenverstand überhaupt beizukommen, daun hätte er längst ausgelebt, während er so üppig weitergedeiht. Er schießt nach wie vor in die Halme. Bei den nahen Wechselbeziehungen zwischen kriminellen und psychopathischen Veranlagungen ist ein so weites Feld der Betätigung geschaffen, daß allerlei Auswege offen bleiben und weder Humanität, noch Vernunft, noch richterliche Urteile überall Abhilfe schaffen können. In Berlin heißen sie Pückler oder Ahlwardt, sind Grasen, Rektoren oder Hofprediger, in Wien heißen sie Schneider oder sonstwie, sind Mechaniker, Fürsten, Bürgermeister und Vizebürgermeister, Zeitungsherausgeber und Greisler, die den Antisemitismus zum Berufe erhoben haben und die nun im Rohre sitzen und Pfeifen schneiden. Was nützt es denn, wenn bei den gefeiertsten Wortführern, Prokuraführern des großen und einträglichen Geschäftes, die geistigen Defekte mit aller wünschenswerten Klarheit nachgewiesen werden? Was nützt es endlich, wenn sie nach rühmlich erfüllter Tätigkeit im Zuchthaus oder in der Irrenanstalt endigen? Die Gefolgschaft setzt das Werk mit ungeschwächten geistigen Fonds fort. Die von ihnen ausgestreute Saat geht auf und bringt reiche Frucht. Es ist für den, dem der Kopf eingeschlagen worden ist, nicht von erheblichen! Belang, ob den Täter der Instinkt des Verbrechens oder des Jrsinns angetrieben hat. Und immer bleibt es der Jude, dem der Kopf eingeschlagen wird. Es ist Einer weniger, nur Einer, und das hat wenig zu sagen angesichts der traurigen Tatsache, daß es solchen Elementen in die Hand gegeben ist, Mitmenschen, die in jeder, aber auch in jeder Hinsicht turmhoch über ihnen stehen, grausam zu mißhandeln und sie erbarmungslos leiden zu lassen. Whig-, Die alten jüdischen Grabsteine in Wien. Ein bekannter Wiener Historiograph schreibt der „Qesterr. Volksztg.": Die interessante Nachricht von dem Funde zahlreicher jüdischer Grabsteine in den Grundmauern des „Schweizerhofes" ist geeignet, die immer noch nicht entscheidbare Frage nach den ältesten jüdischen Ansiedelungen und Begräbnisstätten aus dem Wiener Boden in Erinnerung zu bringen. So wahrscheinlich es ist, daß die aufgefundenen siebenundzwanzig Steine von Gräbern jenes „Juden-Freythoffs" herrühren, der zwischen dem Kärntnertor und dem Burgtor gelegen war und vielleicht wirklich anläßlich der großen Judenverfolgung im Jahre 1421 zerstört wurde, so sind doch die näheren Einzelnheiten dieser Vermutung keineswegs leicht festzustellen. Vor Allem war der Herzog Albrecht der Weise schon 1358 gestorben, konnte also unmöglich 1421 den Grund des Friedhofes dem Dorotheerkloster geschenkt haben, das er im Gegenteile schon 1357 in der Nähe des fraglichen Platzes gegründet hatte. Der Platz soll aber anderen Nachrichten zufolge erst 1385 von den Juden angekauft und zur Anlage eines Friedhofes bestimmt worden sein. Jedenfalls aber war der Schweizerhof schon 1221 unter dem Herzog Leopold Vil. vollendet worden; er wurde allerdings 1275, nachdem eine ungeheure Feuersbrunst die Häuser der Stadt bis auf bloß 150 vernichtet hatte, von König Ottokar erneuert und später, 1536, von Kaiser Ferdinand I. repariert und vergrößert; bei der ersten Renovierung war der Judenfriedhos noch unzerstört (vielleicht sogar noch gar nicht begründet), die zweite fällt lange nach seiner Zerstörung, und bei dieser Zerstörung, 1421, hat man infolge der großen Feindschaft gegen die Juden, deren Hunderte man zu Ostern 1421 verjagte oder gefangen nahm — viele töteten sich selbst in Gewißheit künftiger Martern, 110 wurden öffentlich verbrannt — die Grabsteine möglichst weit weggeschafft — die meisten zu Bauten in den Vorstädten, insbesondere in Gumpendorf, verwendet, sie aber schwerlich damals zu Fundamentalbauten in der kaiserlichen Burg verwenden können und wollen. Es fragt sich also vor Allem, ob die gefundenen Steine von den ältesten Fundamenten des Schweizerhoses herrühren oder ob sie gelegentlich der Renovierungen 1275, beziehungsweise 1536 als Baumaterial mitverwendet worden find. Es ist übrigens ja auch nicht ausgeschlossen, daß sie noch später erst eingemauert sind — wie sie ja ebensogut viel früher, als der Judenfriedhof angelegt wurde, zum Bauen benützt worden sein konnten. Derartige Grabsteine waren gerade in den ältesten Zeiten ein willkommenes Baumaterial und spätere Forscher haben namentlich im 18. Jahrhundert zahlreiche Steine mit römischen und hebräischen Grabinschriften unter dem Mauerwerke und der Plasterung entdeckt — in den verschiedenen Gegenden Wiens.' So hat man in Gumpendorf seinerzeit massenhaft hebräische Grabsteine gefunden und Matthias Fuhrmann erzählt im ersten Bande seiner humoristischen Beschreibung Wiens (1738) von solchen in einem Hause am Graben befindlichen jüdischen Steinen. Die Entzifferung der Inschriften auf vier hebräischen Grabsteinen ist dem Lvkalforscher Wolfgang Lazius gelungen und Fuhrmann teilt im ersten Abschnitte seines Werkes die Inschriften hebräisch, lateinisch und deutsch mit. Danach wären die vier Grabsteine bezüglich aus einen im Jahre 2560 nach Erschaffung der Welt gestorbenen Mordach, einen 3899 gestorbenen Priester Ephraim, auf einen 4016 gestorbenen Salem Bar Baruch und eine 4320 begrabene Pytyrach Penyn, Tochter Rabbi Josefs. Das hohe Alter der Grabsteine gab Anlaß zur Entstehung einer ganzen Legende: die Juden hätten schon Jahrtausende vor Christi Geburt als Handelsagenten der Phönizier in Wien eine Niederlage von Bernstein und anderen Waren begründet und es sei lange vor der Ankunft der Römer in „Bendon" eine hebräische Stadt gestanden. Diese Fabel wurde noch im 18. Jahrhundert allgemein geglaubt und die vielen immer neu auftauchenden Grabsteine schienen die Wahrheit dieser Vermutungen zu bestätigen. Allein die Datierung der hebräischen Inschriften ist, wie der jüngste Fall ja wieder gezeigt hat, nicht so leicht und so hat Lazius sehr wahrscheinlich falsch datiert, wenn er die Grabsteine als aus den Jahren 2560, 3899, 4016 und 4320 nach Erschaffung der Welt herstammend bezeichnete. Diese Zahlen entsprechen nämlich den Jahren 1200 vor und 139, 244 und 560 nach Christi Geburt, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sich einzelne Steine von solchem Alter und von solchen Zeitunterschieden allein erhalten haben sollten. Rätselhaft ist die ganze Angelegenheit gewiß und von künftigen Ausgrabungen wird noch so mancher Aufschluß zu erhoffen und zu erwarten sein. „Erkläret mir, Graf Oerindrrr, Diesen Zwiespalt der Natur!" Herr Lothar Brieger-Waffervogel hat sich durch die Worte in seiner Entgegnung: „Ich bin fanatischer Raffenjude ohne jede Einschränkung, stehe hingegen der jüdischen Religion sogar m i t H a ß g e g e n ü b e r" selbst gerichtet; eine weitere Polemik hätte absolut keinen Sinn. Eines aber möchte ich Herrn L. Brieger-Waffervogel, der sich als „Wissenschaftler" bezeichnet, zurufen: Die Ehrfurcht vor der Wissenschaft und vor der Wahrheit verlangt, daß man er st eine genaue Kenntnis des Gegenstandes besitze, über den man urteilt oder a b u r t e i l t; wer also ein Urteil über die