Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 530 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 33 das ein Vorwurf sein, wenn es nicht ein normaler Vorgang wäre. Der Bürgerstand hat den Adel zurückgedrängt und beschränkt; aber der Adel hat dadurch auch viel gewonnen; der Arbeiterstand drängt den Bürgerstand zurück und beschränkt ihn, aber der Bürgerstand wird dadurch gewinnen. Wenn ein neues Element irgendwo austaucht und sich geltend macht, so ist das nur so möglich, daß es auf irgend welchen Gebieten Tüchtigeres leistet, als die alten Elemente; das Ganze kann aber nur gegewinnen, wenn neue Kräfte mit neuen Leistungen auftauchen, die früher nicht möglich waren, denn die Leistungen des Einzelnen kommen immer auf irgend eine Weise der Gesamtheit zugute. Durch das Auftreten der Juden ist die Leistungsfähigkeit Europas außerordentlich gestiegen. Daß es mehr Tote gibt, wo mehr Kämpfer sind, das ist natürlich: jede neue Partei bringt Glieder der alten Parteien zum Fall; so lange aber die Welt ein Kampfplatz ist, darf man Niemandem einen Vorwurf daraus machen, daß er kämpft. Wo die Europäer selber als neues Element auftreten, dort wirken sie ganz anders, als die Juden. Die ganze herrliche maurische Kultur haben die Europäer in Spanien zertreten: die ganze hohe Kultur der Inkas und der Azteken haben die Europäerin Amerika in kaum dreißig Jahren vernichtet; unschätzbare Kleinodien der Kunst, der Kultur hat der Protestantismus beispielsweise in Schottland verbrannt; als neuer Machtfaktor tritt der Europäer überall vernichtend auf und hat in dieser Richtung kein Recht, sich über die Juden zu beschweren. Es wäre leicht, noch einige zusammenfassende Worte zu sagen; vielleicht ist es aber besser, einfach zu schließen. Nachschrift der Redaktion. Wir haben die interessanten Ausführungen des geschätzten Herrn Autors vollständig abgedruckt, wiewohl wir nicht überall ihnen beipflichten. Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Ein Telegramm.) — Nur der Bruder. — Es liegt i u d e r F a m i l l e. — F n r R a d a u b r ü d e r. — D i e P r opaganda des Knüppels. — Das Recht auf milde Beurteilung. — Ein degeneriertes Geschlecht. — Zuchthaus öder Irrenanstalt. — Wieder Einer!) „Wegen widernatürlicher Unzucht und Mißbrauch der Dienstgewalt wurde Graf Nikolaus P ü ck l e r, Major a. D. vom Kriegsgericht der 8. Division in Halle zu sechs Monaten Gefängnis und Dienstentlassung verurteilt. Die Verhandlung hatte sechs Stunden gedauert. Eine ganze Reihe von anonymen Anzeigen war gegen den Grafen eingelaufen und seine krankhaften Neigungen waren öffentliches Geheimnis. Graf Nikolaus Pückler ist der Bruder des bekannten „Dreschgrafen". So der Wortlaut eines Telegrammes, das vor einigen Tagen von Berlin aus in die Welt gesandt wurde. Der Name Pückler nmßte stutzig machen. Seit den Tagen Semilassos war er dem deutschen Volke sympathisch geworden, aber in der letzten Zeit hatte er einen üblen Klang erhalten. Der bekannte Rau-, Hau- und Dreschgraf hatte ihn arg kompromittiert. Er hatte sich den Antisemitismus zum Beruf erhoben und nicht ganz ohne Glück und Erfolg. Es ist ja eine bekannte Erfahrung: nichts ist so heilig und erhaben in der Welt, daß es nicht seine erbittertsten Widersacher, nichts so abgeschmackt und verbrecherisch, daß es nicht seine glühendsten Verehrer und Bewunderer fände. Auch der edle Gras fand also seine begeisterten Anhänger. Er arbeitete in Antisemitismus, und wenn je, so zeigte sich hier der Meister in der Beschränktheit. Der theoretische Antisemitismus war ihm zu hoch, auf die metaphysischen Spekulationen eines Dühring war er nicht eingeschossen, er bekannte sich zum praktischen Antisemitismus, zu dem klaren, der frommen Einfalt so leicht begreiflichen Dreschflegel-Antisemitismus, wobei auf die erste Silbe des Dreschflegels nicht einmal ein besonderes Gewicht gelegt wurde. Seine Großtaten begann er in Klein-Tschirne, seinem gräflichen Tusculum, das nach seiner Intention so berühmt werden sollte, wie das des greisen Menschenfreundes Leo Tolstoi. Dort hetzte er die Hunde auf die schwerbeladenen und schwerbedrückten jüdischen Hausierer und kam dann bald von selbst daraus, daß das doch noch nicht die wahre Liebe sei. Sein Ehrgeiz strebte einen weiteren Spielraum an. Die vierfüßigen Hunde genügten ihm nicht mehr. Er ging nach Berlin und hetzte die Tagediebe und Zuhälter auf die Juden. Daß ich mir mit dieser Behauptung keine Uebertreibung zu Schulden kommen lasse, ist bekannt und zudem auch sehr einfach zu beweisen. Der edle Graf hielt in Berlin Vorträge von einer Pöbelhaftigkeit und Brutalität des Tones, wie sie zuvor wohl noch niemals im Bildungszentrum des Volkes der Dichter und Denker herausgebracht worden sind. Sie wurden schließlich so unflätig und gemein und gemeingefährlich, daß die Gerichte alle Hände voll zu tun bekamen. Von Belang für unseren Beweis ist aber die Tatsache, daß der Gras selbst die Anordnung traf, seine in Druck gelegten Vorträge in Form von Flugblättern „an die Radaubrüder, Penner und Sozialisten in deren Kneipen zu verteilen". „Radaubrüder und Penner" sind Berlinerische Bezeichnungen für den Janhagel und allerlei lichtscheues Gesindel, und es ist bezeichnend für die Denkungsart dieses modernen Nationalhelden, daß er dazu auch ohneweiters die Sozialisten zählt. Eine solche Propaganda verspricht doch schon etwas. Denn man muß sich vor Augen halten, daß unter den Lehren zur Volksaufklärung, die er verbreitet, auch die gehört, „daß man zum Knüppel greifen und Alles kurz und klein dreschen solle, was Juden gehört und Juden betrifft". Er warnt vor der „verfluchten Humanität" und wünscht, „daß der Teufel die verdammte Humanität holen möge". Es ist klar, solche Lehren müssen auf fruchtbaren Boden fallen. Der Graf ist also berühmt geworden, er ist sogar Parteiführer worden, und damit der Sache die weihevolle Verklärung nicht fehle, ward ihm auch die Dornenkrone des Märtyrertums aufs Haupt gedrückt durch verschiedene gerichtliche Verurteilungen. Die Gerichte freilich hatten ihre liebe Not mit ihm. Der Tatbestand der Verbrechen und Vergehungen war ja immer sehr klar gegeben, aber die große Frage tat sich immer auf, ob man einen solchen Menschen noch strafen dürfe. Die psychiatrischen Sachverständigen bekamen Arbeit in Hülle und Fülle. Sie sollten entscheiden, ob man ihn einsperren müsse oder noch frei herumlaufen lassen könne, und wenn er schon eingesperrt werden solle — wohin?! Nun kommt durch das obenzitierte Telegramm doch etwas Licht in die Sache. Es liegt also in der Familie! Das erklärt Manches. Es ist nicht nur ein Zug der Humanität, sondern auch der modernen Wissenschaftlichkeit, die übrigens von dem Dreschgrafen aus auch der Teufel holen kann, daß bei jeglicher Kriminalität, zumal bei besonders auffallender Ungereimtheit, auch nach den Familienverhältnissen des Delinquenten geforscht wird, nach etwaiger erblicher Belastung, nach der verminderten oder gänzlich aufgehobenen Willensfreiheit, nach der größeren oder geringeren Zurechnungsfähigkeit. Also auch der Bruder! Das Militärgericht hat nicht viel Umstände gemacht und nicht lange herumg^ackelt, — sechs Monate Gefängnis und Dienstesentlassung. Wir sind weit davon entfernt, von dem Urteil sonderlich befriedigt zu sein. Beim Militär liebt man den kurzen Prozeß, aber es ist sehr die Frage, ob das Urteil auch völlig dem Geiste der modernen Rechtsprechung entspricht. Widernatürliche Unzucht und gewalttätige Grausamkeit haben doch einen gewissen psychologischen Kausalnexus, der mehr den Psychopathen als den Juristen zu beschäftigen geeignet ist. „Mißbrauch der Dienstgewalt" ist nämlich hier nach bekannten Mustern doch wohl als verbrecherische, wahrscheinlicher noch als aus krankhaften Trieben entsprungene Mißhandlung der Untergebenen aufzufassen. Das stinunt sehr wohl zur perversen geschlechtlichen Veranlagung. Hier also die Untergebenen, dort die Juden. Wir werden immer mehr bestärkt in der Neigung, die ungeheuerlichen Ausschreitungen des Dreschgrafen in juristischer Hinsicht milder zu beurteilen. Ein degeneriertes Geschlecht mehr; das ist alles. Wie die Gerichte und die Versicherungsgesellschaften sich gegebenen Falls