Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Llocb's MllocbLnscbrM. Seite 527 und Völlig verständnislos gegenüber; hier oder dort revoltierte man sogar in ländlichen Bezirken gegen die Aushebung, aus Liebe zur heimischen Scholle. Die Gebildeten verurteilen, man kann sagen ohne Ausnahme, die Politik,die zu diesem unglücklichen Krieg gesührt hat. Freilich die Konsequenzen, die sie ziehen, sind verschiedene. Bei den einen, ihre Zahl ist geringer, überwiegt der nationale Patriotismus: „Recht oder Unrecht — mein Vaterland!" — Zunächst müssen wir siegen!" Bis dahin stellen sie den Kamps für die innere Befreiung zurück. Den andern stehen die Kulturgüter einer menschenwürdigen Existenz höher als die Bedeutung des nationalen Prestiges, und sie sehen in jeder Niederlage der eigenen Armee einen segensvollen Schritt zum endlichen Zusammenbruch des heutigen unheilvollen Systems. Welch e i n e L a g e, w e n n gute Russen das Heil ihres Vaterlandes im Siege der japanischen Waffen über ihr Vaterland erblicken! Alle aber sind einig, daß dieser Krieg die neueste, beweiskräftigste Quittung über die Verderblichkeit des jetzigen Regiments ist." So reden die besten Söhne des russischen Volkes; die brauchen keinen erlogenen „Patriotismus" zu heucheln wie die Talmi-Russen! Me Juden und die Europäer. Von einem Christen. (Schluß.) VI. Wie* steht es mit der Empfindlichkeit in Ehrensachen, wird man mich fragen. Wo ist das Ehrgefühl des Juden? Es ist wahr, das verschrobene, Ehrgefühl des europäischen Adels hat der Jude nicht; aber wenn der Europäer sagt, der Jude habe kein Ehrgefühl, dann ist das ebenso töricht, als wenn ein Sohn, der seine erste Liebe liebt, sagt, sein Vater kenne die Liebe nicht, oder wenn ein Student, der sich in die höheren Elemente der Mathematik vertieft, von seinem Lehrer sagt, er kenne die Freuden der Geistesarbeit nicht. Das Ehrgefühl des Juden ist zu reif, als daß er sich in die unreifen Asiairen der Europäer stürzte; den Juden erfüllt eine Idee, die hoch über der Ehre steht, die mehr ist als die Ehre und die Ehre in sich schließt: es ist das die Idee der Würde. Man kann geradezu den Vorwurf umkehren und sagen: der Jude hat nicht zu wenig Ehre, wohl aber hat der Europäer zu wenig Würde. Dieser Satz klingt recht paradox, da doch die Juden, die man in den Geschäftslokalen, auf den Promenaden, in den Kaffeehäusern, in den Sommerfrischen sieht, nichts weniger als den Eindruck des Würdevollen machen, und darum muß der Satz erläutert werden. Bei großen Festlichkeiten sieht man oft katholische Priester, protestantische Pastoren und Rabbiner als Vertreter ihrer Religionsgenossenschaften. Der katholische Priester zeigt die Würde des Kirchenfürsten, also nicht persönliche Würde; der Pastor zeigt die Würde des Amtmannes seines Gottes, also nicht persönliche Würde; nur der Rabbiner zeigt reine menschliche Würde, also rein persönliche Würde. Oder betrachten wir ein anderes Bild. Wenn ein armer Jude vor einem hohen Herrn stehi, dann fließen wohl von seinen Lippen die blumigen Reden, die die orientalischen Anstandsformen mit sich bringen. Mit so viel Orden kann aber der Europäer seine Brust nicht panzern, daß der Jude nicht ins Herz sähe, und so viel Kronen kann der Europäer nicht aufs Haupt setzen, daß der Jude nicht in den Kopf sähe. Vor allem aber vergißt der Jude in seinem Inneren nicht einen Augenblick seinen eigenen Wwt, seinen inneren Wert, seine Würde, und der Schluß ist, daß er, der arme Dorfjude, wenn er Rabbiner ist, seinem Landesherrn — seinen Segen spendet. Der Europäer in gleicher Lage zerschmilzt in seinem Innersten, und er, der noch vor Kurzem von Männerstolz deklamierte, fühlt sich als Nichts vor einem hohlen „Herr von", und fühlt sich neugeboren von einem huldvollen leeren Worte. Da weiß der Jude denn doch besser, was Menschenwert ist: es ist unmöglich, dem Juden anders als durch inneren Wert zu imponieren. All das ist kein Spezifikum des Juden: hier sind die Orientalen Alle dem Europäer überlegen. Der Jude erlangt seine Selbständigkeit im Kampfe des Lebens allerdings in viel früheren Jahren als der Europäer; seine volle Reise als Persönlichkeit erreicht er aber weit später als der Europäer. Darin liegt eben ein wesentlicher Unterschied zwischen den Völkern des Morgenlandes und des Abendlandes, daß das Leben des Abendländers viel früher kulminiert, d. h. der Niedergang viel früher beginnt als beim Morgenländer. Dieser große Altersunterschied bringt es mit sich, daß der frühe kulminierende Abendländer in der Ehre fein höchstes Gut sieht, die er mit dem Schwerte wahrt, während der spät kulminierende Morgenländer sein höchstes Gut in der Würde sieht: Würde aber wird nicht mit dem Schwerte bewahrt; Würde wahrt sich selber. Daher kommt die große Abneigung der Orientalen und auch der Juden gegen das Duell. Es hat eben keinen Sinn, Würde, Menschenwert, inneren Wert mir dem Schwert oder der Pistole beweisen zu wollen. Nicht Feigheit hält den Juden von dem Duelle ab — die Geschichte der Juden, ihr langes Martyrium, zeigt mehr erschütternde Beweise von Heroismus, als die Geschichte Europas — aber der Jude fühlt ganz richtig, daß das Duell nichts beweist. Der Jude als Mensch ist sehr lange unfertig, was man schon daran erkennt, daß so viele Juden noch im Mannesalter nicht zum Bewußtsein ihres Judentums kommen und fremden Schemen nachjagen. So kommt es, daß so viele Juden, die man in der Oeffentlichkeit sieht, noch alles Unangenehme des unreifen Menschen haben und alles eher als Würde zeigen. Anderseits kann man aber auch keineswegs sagen, daß die Mehrheit der Christen, die man in der Oeffentlichkeit sieht, den Eindruck machte, als wären sie besondere Helden der Ehre, wohl aber machen Viele den Eindruck von Kampfesfrohen. Der europäische Ehrbegriff ist ein sehr kompliziertes Ding und ist aus sehr heterogenen Elementen gewoben. Das Kräftemessen, der Zweikampf, erscheint fast allen Völkern wonnevoll. Brutal veranlagten Völkern ist das Süßeste der Raufhandel, die Balgerei, der Zweikampf mit Armen und Fäusten, oder in entwickelterer Form der Zweikampf mit Waffen. Nur die höchste Kultur bevorzugt den Zweikampf mit Geisteswaffen, das Messen der Geisteskräfte und den liebt — der Jude. Der Europäer liebt das Messen der Geister wohl auch, fällt aber bei der kleinsten Veranlassung wieder zurück in den ihm immer noch süßeren Zweikampf der Leiber. Wer aber in Raufhändeln, die Niemandem nützen, wohl aber über ganze Familien namenloses Unglück bringen können, gar keine geistige Befriedigung findet, mögen sie noch so hochklingende Namen haben, das ist — der Jude. Die außerordentliche Vorliebe der Europäer für körperliche Zweikämpfe machte, daß sie von jeher die sonderbarsten Vorwände herbeizogen, um solche Kämpfe einzuleiten. Da ist es kein Wunder, daß die Empörung über Beleidigungen unwillkürlich in das Geleise des Zweikampfes überschnappte, und es entstand der absonderliche Satz, eine Beleidigung könne nur durch Blut ungeschehen gemacht werden, gleichgiltig ob es das Blut des Beleidigers oder des Beleidigten sei. Die Engländer, Europas höchstes Volk, sind die einzigen, die sich so hoch geschwungen haben, um in der Abbitte eine Sühne für die Beleidigung zu erblicken; so hoch stehen aber die Juden schon seit zweitausend Jahren. Wenn Jemand einen Anderen beleidigt, also eine ehrlose Handlung begeht, dann hat nach europäischer Auffassung nicht der Täter, sondern der Betroffene feine Ehre verloren. Der Jude aber meint, ehrlos sei der, der das Ehrlose tut, gleich wie nicht der Bestohlene, sondern der Dieb der Verbrecher sei. So dachten die Juden immer; in Europa ist dieser Standpunkt sehr, neu und wird nur von geistig sehr hoch Stehenden geteilt. Die Europäer erläutern ihre Auffassung von Ehre durch ein bekanntes Bild. Sie sagen, die Ehre sei ein blankes Schwert, ein blanker Schild, dessen Glanz durch den kleinsten Flecken entstellt sei und um jeden Preis wieder hergestellt werden