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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 526 Dr. Blocb’s TKHocbenscbrttt. Nr. 33 Man schreibt uns aus Leitomischl: „Seit einigen Monaten erscheint in Pardubitz unter dem Titel „Rozvoj" ein czechisches Blatt, welches sich angeblich die Förderung und Vertiefung der czechischnationalen Idee unter den Juden zur Aufgabe gemacht hat. Dieses unter der Leitung des Dr. Vohryzek stehende und, wie man sagt, von Dr. Schulhof, Zahnarzt in Pardubitz, inspirierte Blatt scheint in letzterer Zeit mit fliegenden Fahnen in das Lager der Antisemiten übergegangen zu sein; als Belveis dieser seiner Richtung denunziert es unseren im ganzen Lande von Freund und Feind gleichgeschätzten Herrn Dr. Ehrenfeld, Oberrabbiner in Prag, indem es die ebenso unwahre, als — gelinde gesagt, u n q u a l i f i z i e r b a r e Nachricht verbreitet, er, Herr Doktor Ehrenfeld, habe öffentlich für den Sieg der japanischen Waffen gebetet. In derselben Nummer greift dieses edle Journal unseren hiesigen hochverehrten Herrn Rabbiner Dr. Volkmann unter der Spitzmarke „Los von Galizien" an. Und was tat denn dieser Mann, der keinen einzigen Gegner, geschweige Feind in der ganzen Gemeinde aufzuweisen hat, daß er sich die Mißgunst des Herrn Doktor- Schulhof, Zahnarzt, zugezogen? Er hat unsere Hausfrauen — hombile dictu — gebeten, sie mögen einesteils aus Sanitätsrücksichten, anderenteils aus religiösen Gründen nur koscheres Fleisch kaufen. Und dieses Vorgehen erlaubt sich ein „jüdisch" sein wollendes Blatt als Frechheit (troufalost) zu brandmarken." Die Richtigkeit dieser von unserem Korrespondenten verbürgten Mitteilung vorausgesetzt, kann das Vorgehen dieser imitierten Russen „mosaischer Konfession" aus Pardubitz nicht streng genug verurteilt werden. Die Beschimpfung eines Rabbiners weil er zur Erfiillung religiöser Pflichten mahnt — das richtet sich wohl selber! In der Denunziation des Prager Oberrabbinersoffenbart sich die innerste Natur des Renegatentums. Wenn Herr Dr. Ehrenfeld Sympathien für die Japaner geäußert hat, so steht er mit seiner Meinung doch nicht vereinzelt da; so weit Gesittung und Zivilisation Geltung haben, jauchzt man über die Niederlagen des Zarentums. In England, Amerika, im deutschen Volke, ja selbst in Frankreich und Italien herrschen bei allen Fortschrittsfteunden dieselben Sympathien. Die Polen — die Verbündeten der Czechen — feiern bei jedem japanischen Sieg ein Nationalsest; der Prager Oberrabbiner aber wird dem Hasse der Czechen denunziert! Das russische Volk selbst erhofft seine eigene Erlösung aus der Knechtschaft von den Siegen der Japaner; der echte Russe unterscheidet sich sehr vorteilhaft von dm imitierten Russen semitischer Abstammung, welche in Böhmen russischen „Patriotismus" kultivieren. Aus Petersburg wird der „Nation" geschrieben: „Es ist schwer, sich außerhalb Rußlands den Grad der Empörung in den gebildeten Schichten des Zarenreiches zu vergegenwärtigen. Gewiß, man kennt jenseits der Grenze die Ereigniffe von Kischenew; die Leiden der Finnländer; der Armenier; aller Nicht-Orthodoxen; bis vor kurzem der Polen. Aber das gibt doch nur abstrakte Vorstellungen. Man muß am Tische mit gebildeten Russen von tadelloser Lebensführung, aus tadellosen Familien zusammengesessen haben und sie von ihrem Schicksal und dem Schicksal der-Ihren erzählen hören. Sie sprechen meist mit einem Fatalismus, als gehörten solche harte Schläge zum Leben, wie im parlamentarischen Ländern die Unannehmlichkeiten des Wahlkampfes zur Anteilnahme an den Geschäften des Staates gehören. „Wo ist Ihr Bruder"? — „In Sibirien seit sechs Jahren; meine alte Mutter wird ihn Wiedersehn; nach endlosen Mühen ist es gelungen, daß er nunmehr zehn Tagereisen dem europäischen Rußland näher interniert wird." — „Wo waren Sie in den letzten Jahren?" — „Ich war in Sibirien." — „Wo ist der Bruder ihrer Braut?" — „Drüben in der Peter-Pauls-Festung seit fünf Monaten in Untersuchungshaft." — Das sind keine Phantasien. Dieser Nachrichtenaustausch fand vor wenigen Tagen in einer der Teehallen statt, die am Ufer festgelegt, auf der Newa schwimmen. Wir waren ein ganz kleiner Kreis. Wir tranken den üblichen Tee, und an der Substanz der Unterhaltung habe ich nichts geändert. So trägt der Staat in eine Unzahl gebildeter Familien die Empörung hinein; denn die Masse dieser politischen Verurteilten ist meist ganz unschuldig, oder ihr Vergehen besteht in jugendlichen Narreteien, die kein zivilisierter Staat bestraft. So im eigentlichen Rußland. Den Finnländern sucht man ihr sauber gezimmertes zivilisiertes Staatswesen zu zertrümmern; die Armenier bringt man durch die Konfiskation der Kirchenvermögen um ihre Bildungsmöglichkeiten. Und dazu kommen nun die Plackereien niederer Art. Ein Jude in hervorragender sozialer Position, bei dem Exzellenzen antichambrieren, zieht aus der Provinz nach Petersburg; sein Sohn besuchte in der Provinz die Schule mit größter Auszeichnung; der Vater will ihn in einer Petersburger Schule unterbringen; geht nicht; der jüdische Perzentsatz ist hier erreicht; natürlich setzt der Vater es infolge seiner Beziehungen durch, daß der Sohn ausgenommen wird; aber er verwünscht und verachtet eine Staatsgewalt, die die legitimsten Bedürfnisse des Bürgers nur auf Schleichwegen zu befriedigen gestattet. Ein jüdischer großer Finanzier besitzt ein Landhaus; zu seinem Garten will er ein Stück hinzukaufen; das neue Stück reicht in eine Gemeinde hinein, wo Juden der Landsitz nicht gestattet ist; natürlich setzt er seinen Willen durch bei seinem Einfluß, aber welche Empfindungen hegt er gegen eine Regierung, die an dem tiefsinnigen Grundsatz festhält, daß einen Meter weiter nach Osten oder Westen jüdischer Grundbesitz anfängt, staatsgefährlich zu werden, und die diesen Grundsatz wiederum bereit ist, preiszugeben, wenn es sich um einen reichen und einflußreichen Mann handelt." „Man weist beständig Dutzende und Hunderte von jüdischen Familien hier oder dort unter irgend einem sinnlosen Vorwand oder weil die bureaukratische Erpressung nicht zum Ziele führte, aus und treibt sie in noch tieferes soziales Elend. Haben diese Unglücklichen durch irgend einen Zufall gute Beziehungen in Petersburg, so werden die Hintertüren und die Vordertüren in dem Ministerium auf- und zugeklappt, und nach endlosen Verhandlungen, unterstützt durch Rubelnoten, neuestens oft auch ohne diese Unterstützung, wird ein Erfolg erzielt. Sonst gehen jene gehetzten Menschen zugrunde und beschleunigen den Untergang jener, in deren übervölkerte Bezirke sie hineingepreßt werden oder sie wandern aus und tragen dann die Kenntnis russischen Elends und die Empörung über die russische Wirtschaft durch Deutschland nach England und in die Vereinigten Staaten. Hunderten finnischer und armenischer Familien geht es ganz ebenso. Als ich in diesen Wochen über einen der dunklen, stillen finnischen Seen fuhr, befanden sich auf dem Dampfer zwei junge finnische Studentinnen, die weißen Mützen auf dem muntern Kopf. „Sie sprechen auch russisch?" — „Niemand spricht bei uns russisch." — „Aber Sie lernen es doch in den Schulen." — „Wir sprechen es nicht." Und die Jüngere bricht hervor: „Weil wir es nicht wollen; weil wir Rußland hassen!" — Und Finnland beginnt fast vor den Toren von Petersburg! — Man ist in einer Gesellschaft und ein Bekannter zieht ungeniert aus seiner Tasche bedrucktes Papier: „Zwei neue Proklamationen"; — natürlich geheime — „eine von der demokratischen Gruppe und eine von den Armeniern. Die von den Armeniern ist ganz ausgezeichnet." Und nun delektieren sich alle diese guten Russen an den rücksichtslosen Ausfällen der Armenier gegen die russische Regierung. Endlich — was die beste Jugend am allermeisten empört — die Nachrichten — manchmal sind sie unwahr —, daß Studenten — vielleicht Bekannte — ausgepeitscht worden sind; — oder daß Frauen und junge Mädchen — vielleicht Bekannte — in den Gefängnissen malträtiert wurden. — — Ich schließe, denn es wäre kein Ende zu finden." „Wo der denkende, gebildete Mensch mit diesem Staat zusammenstößt, empfindet er fast immer Empörung oder Verachtung und als der Träger der widerwärtigsten Konsequenzen dieses -Systems, als sein rücksichtslosester Verteidiger und Steigerer galt Plehwe. Und mit Recht!" „Noch eine Verschärfung erhielten diese Empfindungen durch den ostasiatischen Krieg. Das Volk steht ihm gänzlich gleichgiltig

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