Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021580--13800-3038472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 32 Dr. Dlocb's MocbenscbrM, Seite 517 Felsen Judas rüttelnde Zerbröcklungserscheinungen zeitige: ich fand als Ursache hierfür die spröde Materie und die Stoffüberfüllung, sowie die im allgemeinen vorherrschende Planlosigkeit, Ungleichmäßigkeit und Ungleichförmigkeit des U n t e rrichtes und erstattete nach dem Sinne „besorgter" Väter Vorschläge zur Vereinfachung und Erleichterung desselben. Herr Moscheh ben Ahron hat nun diesen ganz s a chl i ch e n Artikel allzu persönlich genommen, und ich muß es beklagen, ganz ohne mein Verschulden vollständig mißverstanden worden zu sein. Der Hauptteil des Gegenartikels dient der Entkräftung des Vorwurfes, die Religions l e h r e r oder Professoren tragen die Schuld an diesen einmal nicht zu leugnenden Erscheinungen. Aber diesen Vorwurf zu erheben, fiel mir nicht im Entferntesten ein — und aus keinem einzigen Satze meines Artikels schimmert eine derartige Absicht hervor. Im Gegenteil! Die ganze Intention meines Artikels, Form und Inhalt desselben, die Sätze: „ ... ohne daß einem dieser Faktoren (Eltern, Lehrer und Schüler) ein Vorwurf zu machen sei", „das sind nur die Voraussetzungen (gemeint ist die mangelhafte und ganz ungleichmäßige Vorbildung der eintretenden Schüler), auf welchen der Religionslehrer der Mittelschule sein judentumerhaltendes Werk aufbauen soll", ferner „der Religionslehrer, unzweifelhaft vom besten Willen beseelt, will vorwärts schreiten"' all dieses spricht zu deutlich für die Hochachtung und Wertschätzung, die ich dem Berufe der Religionslehrer entgegenbringe. Ich kann also ruhig allen diesen einen gar nicht erhobenen Vorwurf entkräftenden Aeußerungen meines Artikel-Gegners beitreten, bin auch von dem sehr häufig geübten persönlichen Wohlwollen der Religiouslehrer den Schülern gegenüber überzeugt, muß aber bei meiner Behauptung bleiben, daß sehr häufig aus sachlichen Gründen das Zeugnis talentierter und fleißiger Schüler durch die Religionsnote „verpatzt" wird, — man verzeihe auch mir das schöne Wort, es ist nicht von mir, sondern aus dem Munde vieler „besorgter und unzufriedener" Väter ■ direkt bezogen — und daß derartige Wassertropsen langsam, aber sicher den-alten'Stein'des Judentums auszuhöhlen vermögen. Ich muß noch hinzufügen, daß ausrichtig jüdische Eltern. — und nur von solchen und für solche sprach mein Artikel — dem Religionsprofessor seinen Titel, seine Rangsklaffe und sein Einkommen aus vollem Herzen gönnen; mit den Leuten, „die sich über Lehrer und gar Religionslehrer lustig niachen", möchte ich mich nicht identifizieren, für die möchte ich nicht als Wortführer gelten. In einem Punkte allerdings gestattete ich mir eine leise Besorgnis, daß sich nämlich unsere Religionslehrer im Gegensätze zu den Katecheten, die sich stets und jederzeit als Priester fühlen und führen, zu sehr auf den „Professorin-Standpunkt stellen, eine Mahnung, die Herr Moscheh ben Ahron nicht widerlegt, sondern motiviert, wenn er sagt: „Der Katechet mag ja den Schülern gegenüber Priester sein: wir Juden haben keine Priester im Sinne der Andersgläubigen". Ja, wünschen wir uns denn Priester im Sinne des Andersgläubigen? Was wir wünschen, ist, daß der Religionslehrer nicht Professor der jüdischen Wissenschaften, sondern Verkünder unseres heiligen Glaubens sei! Habe ich es nach dem Gesagten noch notwendig, mich dagegen zu wehren, als ob ich die aus solchen Ursachen entstehende Abfallsbewegung verteidigte oder mich etwa gar derselben anschließen möchte, weil ich den Ursachen derselben Und den Mitteln zu ihrer Verhütung näher trete? Damit n ärc ich eigentlich in meiner Beantwortung des Gegenartikels zu Ende, denn in der Sache selbst scheine ich mit Herrn Moscheh ben Ahron eines Sinnes zu sein. Er zitiert mich sogar in seiner Gegenschrift, indem er auf den krassen Widerspruch zwischen dem Religionsunterrichte und dem jetzigen „unjüdischen" Leben hinweist, aus den Widerspruch zwischen Schule, Familie und Gotteshaus, sowie auf den schwierigen Standpunkt der heutigen Religionslehrer. Er gesteht sogar auch gerne (?) ein, der Religionsunterricht lasse oft viel zu wünschen übrig (was ja das Hauptthema meines Artikels war). Und daß ich recht habe, wenn ich als Wurzel dieses Uebels eine mangelnde Gesamt-Organisation für alle Volks- und Mittelschulen und eine krasse Ueberhäufung des Stoffes bezeichnete, geht aus der ferneren Mitteilung des Herrn Moscheh ben Ahron hervor, daß die Verbesserung des Religionsunterrichtes und seine A n p a s s u n g an moderne Verhältnisse den Gegenstand ernstester, langwieriger und gründlicher Beratungen bilden." Und da mein Artikel nichts, aber gar nichts anderes vermeinte und bezweckte, erlaube ich mir trotz der Abwehr des Herrn Moscheh ben Ahron an ihn selbst die Bitte zu stellen, der nächsten Religionslehrer-Versammlung die — nicht „als „Lehrplan", sondern als Anregung zu einem - solchen — im Sinne der „unzufriedenen und besorgten Väter" gegebenen Schlußsätze meines ersten Artikels zu unterbreiten. Und wenn die Versammlung sich dann auch an dem perhorreszierten Satze stößt: „ . . . besonders vermeid e m a n e s, gerade aus j e n e V o r s ch r i s t e n N a ch d r u ck z u legen, die heute in derMehrzahl der Familien einfach nicht beobachtet werden könnenunddadurch einenWiderspruch zwischen Schule und Familie Hervorrufe n", dann möge die Versammlung doch auch auf die Stimme dieser Väter hören, welche fragen, warum denn konsequent ein Widerspruch gewährt wird zwischen dem Religionsunterrichte und dessen Praktischer Betätigung? Herr Moscheh ben Ahron leitet aus dieser der „Anpassung an moderne Verhältnisse" gewidmeten Forderung die prinzipielle Folgerung ab: „Man hüte sich also, auch aus das vierte Gebot hinzuweisen". Ist das die Meinung? Was hat man zu meiner Kinderzeit alles in dieses Gebot einbezogen! Keinen Stock und Regenschirm tragen, kein Geld und keinen Leuchter anrühren, nicht fahren, reisen, weit gehen u. s. w. Ich habe auch bis zu meinem 10. Lebensjahre im Elternhause all' das pünktlich befolgt. Und als ich dann ins Gymnasium eintrat, mußte ich Samstag schreiben. Herr Moscheh ben Ahron möge sich nun selbst die Antwort aus die Frag? geben, ob — und in welcher Weise aus das vierte Gebot hinzuweisen sei! Gewiß, die Familie muß den Religionsunterricht unterstützen! Heute sind aber die Lebensverhältnisse so, daß der Religionsunterricht Betätigungen fordert, die die Familie nicht ausführt, weil sie sie nicht ausführen kann, bei bestem Willen nicht a u s s ü h r e n kann! Hier klafft die Wunde! Helft uns, Ihr Herren Religionslehrer, einen mollus vivendi finden, wie unsere Kinder bei den übrigen Anforderungen der Neuschule auch den Euren in Ehren, ohne Nachsicht und Rücksicht, gerecht werden können; helft uns jenen Widerspruch zwischen Schule und Familie, an dem nicht immer und nicht nur die Familie schuld ist, beseitigen! Erziehet oann selbst jene Familienväter der Zukunft, die schon in dieser Tradition ausgewachsen sein werden! Wenn aber heute wirklich ein der jüdischen Sache treu anhängender „unzufriedener und besorgter Vater" auf seine Weise einen Meinungsaustausch zwischen Schule und Familie hervorruft, betrachtet es nicht als unbefugten Eingriff in Euer Rechtsgebiet, den man persönlich nehmen und vornehm abtun muß. Benützet, ergreifet vielmehr jede sich bietende Gelegenheit, in unseren Herzen zu lesen und nicht bloß die Stimme der Wissenschaft, sondern auch jene der praktischen Forderung zu hören. Nur so kann dann der klaffende Widerspruch schwinden zwischen Schule und Familie, den heute einzig und allein beseitigen kann — „der Religionsunterricht in der Mittelschule". Korrespondenzen. „Non olel“. Zu allen Zeiten hat der jüdische Volksstamm den Ruf der Wohltätigkeit genossen, und mit vollem Rechte, denn es gibt wohl keine zweite Nation, welche auf dem Gebiete der Humanität Größeres leistet, wie die jüdische. Man kann diese Behauptung täglich auf ihre Richtigkeit prüfen, wenn man die Kollekten in den verschiedenen Tagesblättern und die Geldsammlungen für verschiedene humanitäre und sonstige Zwecke verfolgt. Immer wird man Juden an der Spitze finden, welche — von dem angeborenen Wohltätigkeits-