Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Blocb s MocdenscbrM. Seite 615 leichtert und gesichert werde, der ist ein guter Patriot, mag er Jude oder Christ sein; und wenn - Jemand das Vaterland wechselt, ist es kein sittlicher Fehler, gleichwie es kein sittlicher Fehler ist, wenn ein Ingenieur in eine andere industrielle Unternehmung Übertritt, wo er sein Können besser zur Entfaltung bringen zu können hoffen darf. Den Vorwurf, der Jude habe kein Vaterland, spricht man auch so aus, der Jude sei Kosmopolit, und meint, der Jude erkenne gewisse Pflichten gegen das engere Vaterland nicht an, die der Europäer anerkennt. Ueber den jüdischen Kosmopolitismus soll gesprochen werden. Der Jude weiß alle Formen des Besitzes gerade so gut zu schätzen und zu würdigen, wie der Europäer, nur sind seine geistige Beziehungen zum Besitz ganz andere, als beim Europäer; für den Europäer gilt wohl der berühmte Satz „Besitz ist ein erweitertes Ich", für den Juden aber gilt er nicht. Der Europäer hängt mit ganzem Herzen an seinem Besitz; jeder Baum, jedes Stück Vieh ist ihm so teuer, wie sein Auge, seine Hand. Eine Familie rechnet ihre Existenz von dem Tage an, an dem sie einen Besitz erworben hat oder an dem ihr der Besitz verliehen worden ist. Manche Familie lebt seit fünfhundert Jahren auf derselben Scholle, durch die sie alle Rechte, durch die sie ihr ganzes Sein hat; und wenn der Besitz zusammenbricht, dann ist es, als erlöschte die ganze Familie. Wenn der Europäer seine Heimat, seinen Besitz verlassen und in die Ferne ziehen soll, dann ist ihm, als bliebe die Hälfte seines Seins zurück und wäre er selbst nur mehr ein Teil seines Selbst. Er verliert seinen inneren Halt, er kann die Abgründe des Lebens nicht mehr meiden und leicht geht er erst sittlich, dann physisch zu Grunde. Mit seinem Besitz hat der Europäer sich selbst verloren. Ganz anders steht der Jude dem Besitze gegenüber. Den Wert seines Besitzes mißt der Jude nie mit dem Herzen, nur mit dem Verstände; er schätzt ihn nicht wie Augäpfel und Hand, sondern nüchtern in Mark oder Kronen. Er behält ihn, solange er ihm entsprechenden Nutzen in Mark und Kronen abwirst, und er gibt ihn ohne die mindeste Erregung her, wenn er einen höheren Wert dagegen eintauschen kann; fast immer erwirbt er ihn sogar in gar keiner anderen Absicht, als um ihn gegen einen höheren Wert möglichst bald wieder weiterzugeben, denn er ist ja Kaufmann, Händler, und todter Besitz hat für ihn keinen Reiz. Seiner selbst ist der Jude vollkommen sicher: der Besitz mag kommen und gehen, er selber mag bleiben oder wandern, er ist derselbe Mann, festbegründet in seinem Denken und Empfinden. Dieses Bild macht klar, warum der Europäer, besonders der Deutsche, unter Vaterlandsliebe so oft die Liebe zur Scholle versteht, die doch an sich so wenig Bezug zum Patriotismus hat, und warum der Patriotismus der Juden so ganz anders aussieht, als der des Europäers. Der Europäer verliert in der Fremde sich selbst, der Jude nicht; der Europäer verteidigt im Vaterlande seine Existenz, der Jude seine Interessen, sein Wohl. Wenn der Europäer nicht so schwach, so abhängig von seinem Erbe wäre, wenn er eben so vollkommen seiner selbst sicher wäre, wie der in sich stärkere Jude, dann würden auch seine Vorstellungen von Patriotismus sich den Vorstellungen der englischen Rasse und den Vorstellungen der Juden nähern. Der landläufige europäische Begriff von Vaterlandsliebe geht eigentlich gar nicht vom Volke aus, sondern von den Fürsten, die gerne blind ergebene Untertanen haben und die weder die Auswanderung erprobter Leute, noch die Einwanderung unerprobter Leute gerne sehen; von den Fürsten geht auch das Schlagwort aus „Für Gott, König und Vaterland". Diesem Standpunkt entwachsen allmälig die Völker Europas und nähern sich dem Standpunkt der englischen Rasse und — der Juden. (Fortsetzung folgt.) Vom Zubrmarkt des Lebens. Gloffen;ur Tagesgejchichre. (Der gemilderte Absolutismus. — Das Attentat auf P l e h w e. — Massenmord und Einzelmord. — Der russische Mörder. - Keine Heuchelei! — Kischenew. — Wenn es ein Jude gewesen wäre! — P l e h w e's Entgegenkommen) Es ist die allgemeine Auffassung, daß in Rußland ein durch gelegentliche Attentate gemilderter Absolutismus herrschte. Der bisherige Verlauf der Dinge hat diese Auffassung nicht bestätigt. Die Attentate wechselten ab und folgten sich, aber der Absolutismus blieb, und von einer Milderung war kaum etwas zu bemerken. Im Gegenteil: die Mordanschläge haben bisher regelmäßig den Anlaß geboten, die Zügel der selbstherrlichen und unverantwortlichen Herrschaft nur immer straffer anzuziehen und alle Gewaltmaßregeln wider jegliche freiheitliche Regung zu verschärfen. Nun denn, nichts ist von Dauer hier unter dem wechselnden Mond. War die Auffassung falsch, so könnte sie doch einmal richtig werden und es könnte sogar noch etwas Anderes eintreten. Der mehrfach „gemilderte" und in seinen Grundfesten erschütterte Absolutismus könnte, da nun einmal nichts ewig dauert, einmal aushören, noch Absolutismus zu sein. Unter diesem Gesichtswinkel verliert die Bluttat, der der russische Minister Plehwe, die Seele und zugleich die stärkste Stütze des herrschenden Absolutismus, zum Opfer siel, doch Einiges von ihrem Schrecken. In der Schule der täglichen Nachrichten über Hunderte und Tausende von Verwundeten und Todten, in der Zeit, da ganze formidable Kriegsschiffe, wahre gepanzerte Festungen aus dem Meere, in wenigen Augenblicken in die Tiefe sinken mitsamt ihrer ganzen Bemannung, einer Armee für sich, verlernt man es, allzu zimperlich und empfindsam zu sein, in einem Falle, wo es sich um ein oder nur um einige wenige Menschenleben handelt. Für den Absolutismus mag das Leben Plehwe's wichtiger gewesen sein, als das von hunderttausend Kosaken oder zweimalhunderttausend Japanern, für das rein menschliche Empfinden gilt das überflüssige Hinmorden auch nur eines Japaners oder Russen nicht als geringeres Unglück als der Tod Herrn v. Plehwe's. Gerade für jene Großen dieser Welt, die leichten Herzens zehn- und hunderttausende von Männern, die Blüte eines Volkes, zur Schlachtbank führen lassen, mögen derartige Episoden, bei welchen einmal ein übermächtiger Minister zerfetzt in die Luft fliegt, eine ernste Erinnerung an den Wert des Menschenlebens überhaupt bilden, und eine solche Erinnerung und Besinnung könnte unter Umständen gelegentlich recht nützlich wirken. Es ist freilich eine recht gewaltsame Methode der Kapazitierung, aber es kommt in erster Linie doch nur daraus an, ob sie einen Erfolg hat oder nicht. Bisher haben die Attentate nichts gefruchtet, aber man darf sich daran erinnern, daß die Tropfen den Stein höhlen und daß nach dem alten medizinischen Rezept, das Schiller seinen „Räubern" vorgesetzt hat, das, was durch Arzneien nicht zu heilen ist, doch durch das Eisen oder durch Feuer geheilt werden kann. Die offizielle Phraseologie ist schnell fertig mit dem Urteil über eine derartige Bluttat: ein ruchloser Mörder hat in seiger Hinterlist ein himmelschreiendes Verbrechen begangen. Wenn man sich aber dann die ruchlosen Mörder näher betrachtet, dann kann man leicht irre werden an der offiziösen Regulirung der moralischen Werte. Wo steckt denn bei diesen Verbrechern das ehrlose und entehrende Motiv? Welcher von den Attentätern wider die Säulen der russischen Despotie hat bei seinem verzweifelten Anschläge einen persönlichen Vorteil gesucht und gefunden? Sie haben ausnahmslos und in vollem Bewußtsein des Schicksals, dem sie entgegengingen, das eigene Leben in die Schanze geschlagen. Im günstigen Falle blieben sie selbst zerschmettert auf dem Platze, im ungünstigen schritten sie erhobenen Hauptes zum Galgen. Gelang ausnahmsweise die Flucht, so war es das Leben eines gehetzten Wildes, das ihnen bevorstand. Eine solche Selbstverleugnung, wäre sie im Dienste der herrschenden Macht bekundet worden, würde mit Titeln und Würden,