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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 514 Dr. Dlocb's Mocbenscbrtkt, Nr. 32 der gar nicht es selber sein will, ist es eben so unangenehm zu verkehren, wie mit einem Bürger, der für einen Bauer oder Edelmann gelten möchte. Wenn man mit Jemandem spricht, will man doch mit ihm selber sprechen. Wenn der Jude älter wird, erinnert er sich zumeist seiner selbst, und dann ist es auch gut mit chm zu sprechen. Auch Theodor Herzl entfaltete den ganzen Zauber seiner Persönlichkeit erst, als er sich seines Judentums bewußt wurde. An der Abneigung gegen die Nähe der Juden tragen auch die jüdischen Mütter viel Schuld. Im Orient überrascht uns die außerordentliche Unempfindlichkeit der Leute gegen das Gedränge, Getöse und Geschrei der Straße; noch mehr überrascht es uns aber, daß derselbe Orientale die Heiligkeit, die Ruhe, den Frieden des eigenen Hauses weit tiefer empfindet und weit sorgsamer wahrt, als der Europäer. Der Orientale hat eben die große Geisteskraft, am rechten Orte völlig unempfindlich zu sein und am rechten Orte den zartesten Eindrücken offen zu stehen. Dem Europäer fehlt diese Kraft oder doch wenigstens diese Gewohnheit. Einerseits ist das Haus des Europäers kein so unnahbares Heiligtum, wie das des Morgenländers, andererseits verlangt er an allen öffentlichen Orten eine gegenseitige Rücksichtnahme und Gesittetheit, fast wie im Hause. Die Juden haben nun bis vor Kurzem in ganz Europa in besonderen Stadtteilen gewohnt, wo sie ganz den alten orientalischen Gewohnheiten entsprechend lebten. Die Mütter hatten keine Ursache, selbst in den Gassen auf fremde Gewohnheiten Rücksicht zu nehmen, noch hatten sie Anlaß, die Kinder zu beschränken, da es ja nichts gab, was geschont hätte werden müssen; die unbeschränkte Freiheit der Kinder ist ja ein Charakteristikum des Orientes. Leider haben die jüdischen Frauen, die doch durch Scharfsinn und Menschenkenntnis so oft den Europäerinnen überlegen sind, bis heute nicht gelernt, an öffentlichen Orten den europäischen Empfindungen Rechnung zu tragen und ihre Kinder entsprechend zu zügeln. Während die Männer in Nachahmung der europäischen Weisen zu viel tun, tun die Frauen zu wenig. Wie viel könnten die Frauen dazu beitragen, den Verkehr zwischen Juden und Christen glatter zu gestalten! Die orientalische Art ist nicht schlechter, ungebildeter als die europäische, nur am Unrechten Orte verletzt sie. v. Das Laster kleidet sich gern in das Gewand der Tugend; persönliche Antipathie und Brotneid leihen sich am liebsten ein patriotisches Kleid. Daher die Anklage: „Der Jude hat kein Vaterland." Wer diesen Satz als Vorwurf ausspricht, sollte doch auch sagen, was er unter Vaterland meine. Die Deutschen haben ein Lied mit dem Kehrvers: „Wo ist des Deutschen Vaterland?" Kein Deutscher hat dieses Lied noch unpatriotisch genannt, kein Fürst hat noch die Sänger dieses Liedes heimatlose Gesellen genannt. Nach diesem Liede ist des Deutschen Vaterland „so weit die deutsche Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt", d. h. also, so weit die dmtsche Sprache und deutscher Glaube lebt. Wenn nun ein Jude den Satz aufstellte: „Wo die Thora gelesen und die Psalmen gesungen werden, dort ist der Jude in seiner Heimat", so würde er doch nun ganz dasselbe sagen, wie die Deutschen singen; warum werden denn nur die Juden in allen Ländern davor gewarnt, ähnliche Gedanken auszusprichen? Warum wird dieser Gedanke als vaterlandsfeindlich gebrandmarkt, ehe er noch ausgesprochen ist?. In der Vaterlandsliebe haben wir drei Elemente zu unterscheiden. 1. Ursprünglich gab es nur eine Liebe zum eigenen Volksstamme, zu den Stammesgenoffen; auf diesem primitiven Standpunkte stehen die Magyaren heute noch und sie erklären, der Patriotismus in Ungarn bestehe in der bedingungslosen Hingebung an den magyarischen Volksstamm. Diese Liebe zum Stamme schlummert in jeder Form des Patriotismus und äußert sich vor allem in der Liebe zur Muttersprache. Wenn daher der Patriotismus der Juden sich in erster Linie in der Liebe zum eigenen Stamme äußert, so ist das nur der alte reine Patriotismus, von dem die Vaterlandsliebe aller Völker ausgegangen ist und den auch das deutsche Nationallied preist. 2. Völker, die eine eigene Kultur geschaffen haben, sehen den Patriotismus in der Anhänglichkeit an diese Kulturschöpfungen, denn in diesen offenbart sich der Geist des Stammes in weit höherer, edlerer Form, als in den jeweilig lebenden Einzelmenschen. Diese Kulturschöpfungen sind aber die Gesetze und Rechte, die Organisation, die Sitten und Gebräuche, die Kunstwerke, vor Allem die Kunstwerke der Sprache, die Städte und ihre Bauformen, die Gesellschaftsformen u. s. f. Hingebung an diese Kulturschöpfungen kann man doch wohl vernünftigerweise nur von denen erwarten, aus deren Geist diese Schöpfungen entsprungen sind, von den Trägern der psychologischen Stammeseigentümlichkeiten, denn nur sie sind fähig, diese Kulturschöpfungen zu verstehen und zu würdigen. Die Franzosen erklären immer wieder, daß sie den deutschen Kulturschöpfungen gegenüber ratlos dastehen; mit Mühe lernen sie einzelne Züge derselben verstehen; das innere Wesen der deutschen Kultur bleibt ihnen aber verschlossen. Wenn nun zufällig zum Deutschen Reiche einige Millionen Franzosen gehörten, wäre es dann patriotische Pflicht dieser Franzosen, sich für die Offenbarungen des deutschen Geistes zu begeistern, die sie gar nicht verstehen? Man kann deutsche Musik lieben, ohne alle deutschen Musiker zu kennen, und man kann deutsche Poesie lieben, ohne alle deutschen Dichter zu kennen; einer der größten deutschen Patrioten, König Friedrich II., kannte aber, die deutsche Kultur überhaupt nicht, verstand und liebte sie auch nicht; da wird der Patriotismus denn doch wohl nicht in der Kulturschwärmerei liegen. Wenn also die Juden, die doch auf der ganzen Welt dasselbe Volk sind, nicht die deutsche Kultur wie Deutsche, die ftanzösische Kultur wie Franzosen, die italienische Kultur wie Italiener verstehen, so beweist das nichts gegen ihren Patriotismus; sie verhalten sich eben wie Friedrich der Größt. ..... .... ... --> 3. Die Dichter sehen oft die Vaterlandsliebe in der Liebe zum Lande selber, zu seinen Bergen und Tälern, zu seinen Flüssen und Seen, zu seinem Winter und Sommer. Das kann man aber doch nicht Patriotismus, sondern nur Heimatssinn nennen; der ärgste Feind des Vaterlandes kann ganz gut den feinsten Heimatssinn haben, ja Mancher wird aus übertriebenem Heimatssinn zum Feinde des Vaterlandes, des Gemeinwesens, weil etwa der Staat seine Heimat schädigt. Der wahre moderne Patriotismus besteht weder in der Liebe zu einem einzelnen Volksstamme, noch in der Liebe zu einer bestimmten Kultur, noch in der Liebe zu einer bestimmten Landschaft, sondern in der Hingebung an das Gemeinwesen, an den Staat. Den Staat kann man etwa in folgender Weise charakterisieren: Was der Einzelne nicht kann, das sollen ihm die Nachbarn helfen; was die Nachbarn nicht können, das soll ihnen die Gemeinde helfen; was die Gemeinde nicht kann, das soll ihnen die Landschaft helfen; und was die Landschaft nicht kann, das soll ihr das ganze Land helfen. Das ist die englische und namentlich die amerikanische Auffassung. Die Grundlage des. Staates ist die Hilfsbereitschaft, und die Hilfsbereitschaft setzt Vertrauen und Liebe voraus. Daß aber die Juden nicht hilfsbereit waren, daß ihnen nicht Nächstenliebe das höchste und heiligste Gebot wäre, das hat denn doch noch niemand zu behaupten gewagt. Dadurch, daß der Jude die heißen politischen Parteien kühl einander zerfleischen läßt, in der Not aber hilfsbereit ist, erweist er sich als der bessere Patriot. Heute, wo durch den starken Verkehr und die starken Einwanderungen die Staaten ihren ganzen Charakter ändern und große, mächtige Staaten, wie in Nordamerika und Australien, auf ganz anderer Basis entstehen, als die von Fürstengeschlechtern gezimmerten Staaten Europas, heute erhält das Wort „Vaterlandsliebe" auch eine ganz neue Bedeutung. Die Völker bauen sich selber Staaten zu ihrem eigenen Nutz und Frommen, und wer sein Bestes tut, nach seiner persönlichen Art und Fähigkeit das Gemeinwesen so zu fügen, daß ihm und seinen Nebenmenschen das Leben er-

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