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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 512 Dr. Biocb’s XKHocbenscbrtft. Nr. 32 getan hat, und er tut es im Ganzen und Großen in denselben Formen und mit denselben Mitteln: er schafft vor Allem und verlangt. Jede neu auftretende Gesellschaftsschichte wird in der Zeit des Auftauchens von den alten Ständen wütend gehaßt, denn es wird ihnen der Boden unter den Füßen verengt und sie müffen teilen, was sie früher allein genossen, und oft erst nach Jahrhunderten stellt sich eine Gleichgewichtswand her. Die Protestanten haben sich endgiltig ihre Stellung in Europa errungen, unter Verlusten der römischen Kirche, aber die römische Kirche ist darüber nicht zu Grunde gegangen, sondern innerlich gestärkt worden. Auch die Juden werden sich ihre Stellung in den Staaten Europas einst endgiltig erringen und kein Volk, kein Stand, keine Konfession wird darüber zu Grunde gehen, wohl aber alle durch den Konkurrenzkampf innerlich gestärkt werden, wenn sie auch äußerlich manches Gebiet an die Juden verlieren. II. Im Lebensgang eines Volkes müffen wir zwei Lagen unterscheiden, in denen es durchaus verschiedenen Charakter zeigt. Ein Volk ist ein anderes, wenn es plötzlich ein ganz neues Gebiet betritt und über dieses Gebiet sich ergießt — und es ist ein anderes, wenn es das Gebiet endgiltig besetzt hat und sich an sicheren Sitzen wohnlich einrichtet und ruhig entfaltet. In den Zeiten des Gewinnens erwacht die Beutegier und erlischt das sittliche Empfinden: in den Zeiten des Besitzes schlummert die Beutegier und das sittliche Empfinden schafft herrliche Werke höchster Kultur. Ein vordringendes Volk gleicht dem unerfahrenen, sinncstollen skrupellosen Jüngling, ein besitzendes Volk dein reisen, erwägenden Manne. Mehrere Beispiele aus der Weltgeschichte können das erhärten. Die Christen der ersten Jahrhunderte waren nach dem Zeugnisse einzelner hervorragender Männer jener Zeit sehrsonderbare Leute; der Anfang der Geschichte der Päpste ist eines der trübsten Kapitel der Weltgeschichte; der Protestantismus in den ersten hundert Jahren nach Luther tvar von erschreckender geistiger Niedrigkeit. Dennoch haben Christentum, Papsttum, Protestantentum sich zu sehr bedeutender geistiger und kultureller Höhe emporgeschwungen; jene trüben Zeiten waren eben Zeiten der Eroberung eines neuen Gebietes, und die Glanzzeiten waren Zeiten sicheren Besitzes. Nehmen nur aber weltlichere Beispiele. Die ersten Jahrhunderte der Geschichte der germanischen Staaten sind so gräßlich, daß auch Erwachsene sich nicht gerne in jene Zeiten versenken. Die Spanier waren in der Zeit der Reformation, in der Zeit unmittelbar nach der Entdeckung von Amerika, wenn nicht das erste Kulturvolk Europas, so doch eines der ersten; in Amerika aber, das sie zu jener Zeit besetzten, zeigten sie sich lediglich als Räuber- und Mördervolk, das ärger hauste, als Hunnen und Tataren je wüteten. Die Engländer sind seit Shakespeare's Tagen das erste Kulturvolk der Erde; ihr Vorgehen in Indien und Südaftika hat aber an Brutalität nud Gewissenlosigkeit kaum Seinesgleichen. Die Magyaren sind gewiß ein tüchtiges, ehrenwertes Volk. Wer aber die Magyaren nach jenen Männern der öffentlichen Aemter und des öffentlichen Lebens beurteilen wollte, die das Land überfluteten, als die Magyaren vor vierzig Jahren frei wurden, der würde sich wegen Lueger's Schmähungen über die Magyaren nicht wundern. Wo ein noch so edles Volk ein neues Gebiet betritt, zeigt es sich von der unedelsten Seite. Die Juden wurden bei uns vor etwa fünfzig Jahren frei. Als die Schranken fielen, geschah dasselbe, was geschieht, wenn ein sonst milder Bach durch eine Talsperre zu einem mächtigen See gestaut worden ist und die Dämme plötzlich versinken: Die erste Wirkung der Fluten ist Zerstörung, gleichwie das erste Wirken der fteigewordenen Magyaren Zerstörung des Alten war, eine so gründliche Zerstörung, daß in mancher Richtung der Schaden heute noch nicht gut gemacht ist. Die freigewordenen Juden verursachten auf allen Gebieten eine vollständige Umwälzung. Die Juden waren hungrig, sie hatten aus den Gebieten, die ihnen seit den Tagen Jerusalems verschlossen waren, keine Traditionen, und da kamen denn allerdings Erscheinungen zu Tage, die heute jeder ehrliche Jude bedauert — Dinge, die auch in diesem Blatte oft berührt, die in Rabbinerkonventen oft und sehr ernst besprochen worden sind. Das sittliche Empfinden der in den Sechziger-, Siebziger- und Achtziger-Jahren plötzlich hochgekommenen Juden, stand oft nicht auf gleicher Höhe mit ihrer exponierten. Stellung, und wie ein Blitz beleuchtete die Situation das geflügelte Wort: „Die Moral steht nicht aus der Tagesordnung". Das war aber ein Uebergangsstadinm, das keinem Volke erspart bleibt, dem sich plötzlich neue Gebiete eröffnen. Selbst unter den so bescheidenen Deutschen entfesselte ja das neubegründete Deutsche Reich einen Dünkel, eine Anmaßung, die bald den Spott, bald die Indignation der älteren Kulturvölker herausforderte. Wenn also die so maßvollen, bedächtigen Deutschen das richtige Maß nicht trafen, dann ist es menschlich sehr begreiflich, wenn auch die heftigen, stürmischen Juden das rechte Maß nicht sofort fanden. Ebenso menschlich begreiflich ist aber die Reaktion der Nichtjuden, die sich im Antisemitismus offenbarte. Es* wäre ein Unrecht, die Juden nach ihrem ersten Auftreten nach ihrer Befreiung zu beurteilen, gleichwie es ein großer Fehler wäre, die Deutschen nach dem Auftreten der heute maßgebenden Kreise zu beurteilen. In derselben Lage, loie in den letzten fünfzig Jahren, waren die Inden aber im Laufe der Geschichte unzähligemale. Unzähligeuiale lösten humane Fürsten die Fesseln und die Juden konnten neue Gebiete betreten. Immer aber trat der gewaltsame Rückschlag, die Judenverfolgung, wieder ein, ehe die Juden Zeit hatten, in ihrer neuen Stellung Wurzel zu fassen, sich abzuklären und innerlich auszugestalten. So war es ein Fluch der Juden, sich immer nur von der unvorteilhaftesten Seite zeigen zu können. Es hat große Künstler gegeben, die bis in ihr Alter immer wieder Gelegenheit fanden, einige unsichere Schritte zu tun, die aber immer tvieder znrückgedrängt wurden, ehe sie Zeit gehabt hätten, ihre Schwingen zu entfalten. So konnte mancher erst als Greis die Stufe erreichen, die er schon als Jüngling hätte erreichen können, wenn man ihm Zeit gelassen hätte, seine Schwingen zu entfalten. Solchem tragischen Künstlerlos gleicht das Los der Juden. III. Die Anklagen, die die Europäer — wenn wir diesen Ausdruck im Gegensatz zu den verhältnismäßig spät nach Europa eingewanderten Juden anwenden wollen — gegen die Juden erheben, bilden eine lange Liste! Das schärfste Verdammungsurteil, geprägt in der Weißglut des Rassenhasses, lautet: „Jude bleibt Jude." Mit diesem Satze glauben die Antisemiten den Juden zu schmähen und spenden ihm doch das höchste Lob. Zwei Dinge will der Satz betonen: daß der Jude den Glauben seiner Väter nicht läßt und daß er die Art seiner Väter nicht läßt. Die Standhaftigkeit im Glauben halten die Europäer in ifjreii eigenen Kreisen für die höchste Tugend. Daß die ersten Christen sich lieber im Zirkus von wilden Tieren zerreißen, daß die Glaubensboten unter den Heiden sich lieber erschlagen, daß die ersten Protestanten sich lieber auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließen, als daß sie den Glauben ihrer Väter gelassen hätten, wird so hoch geschätzt, daß man sie tvie Heilige oder als Heilige bis heute verehrt. Da muß man denn doch der GlaubenSsestigkeit der Juden eine gleiche Verehrung zollen. Die Bibel der Christen enthält die vielberusenen Sätze „Halte, was du hast" und „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben"; wenn nun die Juden dasselbe tun, befolgen sie eben einen von den Christen selbst hochgehaltenen Grundsatz. Ernster zu nehmen ist der Vorwurf, daß der Jude die A r t seiner Väter nicht läßt. Die Deutschen — und die Antisemiten sind in erster Linie Deutsche — tadeln es, daß Deutsche unter fremden Völkern so schnell fremde Art annehmen; wenn aber Fremde in deutschen Kreisen deutsche Art annehmen, dann preisen sie das. Es ist aber doch nur Gewohnheit der alten Weiber, in einem Atemzuge dieselbe Sache zu tadeln, wo sie ihnen nicht paßt, und zu loben, wo sie ihnen paßt. Wenn Deutsche in Amerika deutsche Vereine gründen mit deutschem Lied und deutschem Bier und jedes gesprochene nichtdeutsche Wort mit Buße belegen, so

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