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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Llocb's MocbenscbrLtt. Sette 511 Häusern zu Tode gequält, Tausende starben in den Polarwüsten Sibiriens, inmitten der stickigen Moräste Transkaukasiens. Von größerem Erfolge waren die Versuche dieses Volksverführers in den Reihen der Intelligenz und der Mittelklasse gekrönt; es gelang ihm, viele ehrliche, aber schwache Leute mit der Schmach einer mitunter unbeabsichtigten Teilnehmerschaft an Verrat und Denunziationen zu beflecken. Wer diese Schande und diese Schmach nicht ertragen konnte, der ging ins Gefängnis, in die Verbannung, flüchtete sich ins Ausland, die Universitäten wurden leer, jedwedes geistiges Leben hörte auf, an Stelle der Wissenschaft trat patriotisches Gewinsel. So entwickelte dieser schreckliche Apparat seine Tätigkeit und in einer Hinsicht haben sich die Berechnungen Plehwe's bewahrheitet: es gelang ihm mit Hilfe von Schrecken und frechem Betrug, eine solche Demoralisation in weite Kreise der Bevölkerung hineinzutragen, es gelang ihm, die intelligenten und nichtintelligenten Kreise so zu korrumpieren, daß man seine Zeit ohne Uebertreibung kennzeichnen kann mit den Worten des russischen Poeten: „Es hat schlimmere, aber keine niederträchtigeren Zeiten gegeben." Die Spionage war in die Universitätsauditorien und selbst in den engen Familienkreis eingedrungen; die Bewohner Rußlands konnten sich weder im offenen Felde, noch in ihrem eigenen Schlafzimmer sicher vor den geheimen Agenten fühlen. Die Verleumdung und der Klatsch erreichte nie dagewesene Dimensionen; die Denunziation ging über in die Spalten der Zeitungen und begoß unter dem Schutz der Zensur mit ihrem giftigen Schlamme alle, welche die Polizei in lächerlicher oder schmutziger Beleuchtung dargestellt haben wollte. Die Väter fingen an gegen ihre Kinder Anzeigen zu erstatten, die Studenten gegen die Profe ss or e n, die Gymnasiallehrer gegen die Schüler, die Geistlichen gegen die Kirchengemeinde-Mitglieder, die Fabrikanten gegen die Arbeiter; es war, als ob ein schmutziger Ocean aus Lüge, Verrat und Denunziationen sich aus allen niedrigen Geheimbehältern der menschlichen Seele ergossen und das ganze Land in einen Tummelplatz für Bacchanalien der Verkäuflichkeit und des Lasters verwandelt hatte. Das Ungeheuerliche seiner Politik hatte Plehwe kaum zu begreifen vermocht. Als Deutscher zur Welt gekommen, früh verwaist und von einem polnischen Edelmann aus Barmherzigkeit erzogen, war er nacheinander erst Deutscher, dann Pole, um zuletzt sich als Stockrusse zu geberden. Ebenso oft wie seine Nationalität hat Herr von Plehwe seine Religion gewechselt. Ursprünglich als Calvinist getauft, trat er später zur römisch-katholischen Kirche über, um dann als Hort des griechisch-orthodoxen Glaubens.sich aufzuspielen. Er hatte sich kein Gewissen daraus gemacht, seine polnischen Pflegeeltern, als es sein Vorteil erheischte, bei der russischen Polizei zu denunzieren. Die Handlanger Plehwe's traten auch an die jüdischen Familienväter mit dem Ansinnen heran, alle Familienangehörige namhaft zu machen, welche der sozialdemokratischen „Bund"-Organisation angehören. Väter und Mütter sollten ihre Kinder dem Henker ausliefern. Als die Eltern sich dessen weigerten, begann man mit Verfolgungen. Und um die jüdische Bevölkerung im weiten russischen Reiche einzuschüchtern und seinen Zwecken gefügig zu machen, ließ er die große Judenmassacre in Kischenew und Homel organisieren. Der „Bund" spielt in den sozialistischen Organisationen Rußlands eine bedeutende Rolle, und um seine Mitglieder in den Kerker zu werfen, forderte er die Hilfe der jüdischen Familienangehörigen und durch Mord und Brand glaubte er sie für dieses Schandwerk erziehen zu können. Das war die eigentliche Ursache der veranstalteten Jude »morde in Kischenew und Homel. In einer Audienz, bei welcher auch Baron Günzburg zugegen war, sagte er zu den Mitgliedern einer jüdischen Deputation rundweg, sie wären „Mörder", weil in der sozialistischen Organisation auch Juden tätig sind. Dafür müsse das gesamte russische Judentum büßen, weil es den Polizeischergen keine Hilfsdienste leiste. Dennoch ist an eine Aenderung und Befferung der Zustände zunächst nicht zu denken. Im Gegenteil. Schwerer noch als bisher wird die Herrschaft der Willkür auf Rußland lasten, blutigere Striemen als je zuvor wird die Knute auf dem Rücken des armen russischen Volkes zeichnen. Ob der Nachfolger Plehwe's nun Kleigels oder Wahl, Obolensky oder Durnowo, Jgnatiew oder Murawiew heißen wird, keiner von ihnen wird einen andern Weg gehen, als jenen, den das Opfer des 28. Juli gegangen ist. Plehwe hat Ssipjagin fortgesetzt, und der jetzt an die Reihe kommt, wird Plehwe fortsetzen. Freiwillig wird die zarische Regierung nichts tun. um die Leiden des Volkes zu mildern, und etwas abringen lassen wird sie sich noch weniger. So kann keine Versöhnung und keine Ausgleichung der Gegensätze gefunden werden, und auf dem falschen Wege wird fortgeschritten, bis man an einem Abgrund steht, an einem unüberbrückbaren Schlund, der das Verderben birgt, und weder vorwärts kann noch zurück. Das ist das Verhängnis Rußlands, daß die Zustände dort so sehr anormal und die Begriffe so furchtbar verwirrt sind, daß eine friedliche Entwicklung nicht mehr möglich erscheint. Das Zarenreich kann sich nicht verjüngen, ohne erst eine schwere Katastrophe durchgemacht zu haben, sein Schicksal ist es, durch seine eigenen Staatsmänner hineingezerrt zu werden in Elend und Verzweiflung, bis eine Revolution, an Furchtbarkeit und Ausdehnung ohne Beispiel, das System der Tyrannei und Willkür bricht. Es ist die Bestimmung dieses großen östlichen Reiches, daß es seine innere Neugestaltung nicht von oben, sondern von unten bekommen soll, nicht aus freier Entschließung der Herrschenden, sondern durch den gewaltigen, unwiderstehlichen Stoß einer blutigen Katastrophe, welche für Rußland leider unvermeidlich geworden. Die Anden nnd die Europäer. Von einem Christen, l. Der Antisemitismus besteht in tiefer Abneigung gegen die Juden und dem Verlangen, die Juden aus den europäischen Kreisen zu entfernen. Der Antisemitismus ist in Europa nichts Beispielloses; er hat in Europa viele Seitenstücke. Die römische Kirche zeigt von jeher eine tiefe Abneigung gegen den auftauchenden Protestantismus und das Verlangen, ihn nicht nur aus den europäischen, sondern überhaupt aus den irdischen Kreisen wieder zu entfernen; der europäische Adel zeigte immer eine tiefe Abneigung gegen das aufstrebende Bürgertum und die Neigung, es überall niederzuhalten. Die Verdammungswut, die Lust am Haß ist ein allgemein europäischer Charakterzug. Der Europäer will sich selbst herrlich und göttlich, den Gegner niederträchtig und teuflisch sehen, und sein Ideal ist, als Mann seines Gottes den gottfeindlichen Gegner zu zerschmettern und zu zertreten. Dieses wenig kulturfreundliche, aber auch von manchen Fürsten aufgegriffene Ideal macht den Europäer gegen fremde Tugenden und fremde Standpunkte taub und blind. Wie sonderbar sprechen die Deutschen über die Slaven, die Engländer über die Deutschen, die preußischen Beamten über die Sozialdemokraten, die süddeutschen Bürger über die preußischen Beamten u. s. w. Der Europäer bekennt sich zwar in der Theorie zum orientalischen Evangelium der Liebe, das ihm durch den Juden vermittelt worden ist; in der Praxis ist ihm aber heute noch der Haß süßer, als die Liebe. Der Orientale kennt wohl tiefe Abneigung, aber selten den flammenden, schwelgenden Haß des Europäers, der den Gegner mit Wonne auf dem Scheiterhaufen verbrennt. Der Orientale, auch der Jude, verabscheut wohl den, den er als schlecht erkannt hat, aber er hält Keinen für schlecht, nur um ihn mit Wonne verabscheuen zu können. Das tut aber der Europäer. Diese Schwäche des sonst hochbegabten Europäers haben die Juden immer richtig gewürdigt und auf die phantastischen Anklagen der Antisemiten antworten sie selten anders, als mit feiner Ironie, etwa wie ein Aristokrat auf die Deklamationen seines jugendlichen Sohnes über „Männerftolz vor Königsthronen" reagiert. Die Europäer beißen mit ihrem jugendlichen Unfehlbarkeitsglauben gegen ihre eigenen Stammesgenossen mit derselben Wut, wie gegen die Juden. Die erziehende Wirkung der Jahrhunderte wird hoffentlich auch den Europäer veredeln; vorderhand muß man aber jedes Wesen nehmen wie es ist, mit seinen Tugenden und seinen Fehlern, den Menschen wie das Tier. Als letzte Ursache der Abneigung gegen den Juden findet man immer den Brotneid, von welcher Seite auch man das Problem erfassen mag. Der Idealismus des Europäers zerrinnt, wenn von den Fruchtfeldern der Erde auch der Orientale seine Garbe nimmt. Das ist menschlich begreiflich. Auch der Idealismus des europäischen Adels zerrinnt, wo das Bürgertum seine Furchen zu ziehen und seine Garben zu binden beginnt; und der Idealismus des Bürgertums verblaßt, wenn die Kolonnen der Arbeiter ihren Teil von dem Golde verlangen, das ihre schweren Hämmer der Erde abringen. Wo das Brot knapp wird, wird das Herz bitter; wo das Brot knapp wird, wird das Auge trübe. Wenn der aufstrebende Jude seinen „Platz an der Senne" sucht, dann tut er nur dasselbe, was im Lause der Geschick)', e jedes neu aufstrebende Volk, und innerhalb eines Volkes jeder neu auftretende Stand zu allen Zeiten und an allen Orten

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