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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 510 Dr. Blocb’s MocbenscbrM. Nr. 32 Nur wenig mehr als Jahresfrist ist seit dem entsetzlichen Blutbade vergangen, das aus Geheiß des allmächtigen Ministers v. Plehwe unter unseren Kischenewern Glaubeusbrüdern augerichtet wurde. Als die entsetzliche Schauerkunde zu uns drang — wessen Geist war damals kühn und verwegen genug, das göttliche Strafgericht über Staat und Staatsleuker so nahe, so unmittelbar hereinbrecheud und üou solch elementarer Erschütterung anzukünden? Seit jenen Tagen ist Unheil auf Unheil über den Zarenhof, über die Schranzen und Höflinge, über das ganze weltbeherrscheilde Rußland hereiugebrocheu. Ein kleines Volk, das kaum erst zum Bewußtsein seiner selbst erwacht und in die Reihe der zwilisierteu Nationen eingetreten ist, hat die Vorsehung zu ihrer» Werkzeug erwählt. Wer vor Jahresfrist noch von der Möglichkeit gesprochen hätte, daß das kleine Japan dem gewaltigen Rußland gefährlich werden könnte, wäre verlacht und verhöhnt worden und heute ist das Zarenreich nicht nur moralisch tief gedemütigt, sondern es steht auch vor dem Verluste seiner materiellen Macht. Auf den mandschurischen Gefilden bleichen die Gebeine Tausender seiner Söhne, seine mächtige Armada ist veruichteHund an dem Tage von K i s ch e n e w flog — ein grauenhaftes Sühnopfer — der „Petropawlowsk" mit dem Admiral, aus welchen der Zar seine besten Hoffnungen setzte, uud mit 760 Mann in die Luft. Jede Botschaft vom Kriegsschauplätze meldet eine neue Niederlage der russischen Heerführer, berichtet von Hekatomben unglücklicher Menschen, deren Blut im Sande verrinnt. Und zu diesen Schicks alsschlagen gesellen sich drohende Verwicklungen mit anderen Mächte», gesellt sich wachsender Aufruhr im Innern, der von einem weit ausgebildeten Polizeisystem kaum noch niedergehalten werden kann. Die vertrautesten Ratgeber des Zaren sinken unter Mörderhändeu dahin: Bobrikow, der die Finnen knechten sollte, Andrejew, der an der Wolga die Blutbefehle des zarischen Terrorismus vollzog, Plehwe, der die Gräuel von Kischeuew angezettelt hat uud der geistige Urheber der derzettigen Schreckensherrschaft genannt werden muß. In Königsberg, anläßlich eines Hochverratsprozeffes, welchen die nur allzu willfährige deutsche Justiz angestrengt hatte, um Rußland einen Liebesdienst zu erweisen, ist die ungeheuerliche Brutalität, die blutige Niedertracht, die menschenmordende Grausamkeit, mit welcher das Zarentum seine Gewaltherrschaft aufrecht erhält, zum Schrecken der ganzen gesitteten Welt enthüllt worden. Es gibt kein fühlendes Herz auf dem weiten Erdball, das heute nicht voll Ekel und Verachtung über diese Gewaltherrschaft erfüllt wäre. Unzufriedenheit uud drohende Revolution im Innern, tiefe Demütigung nach Außen, eine unersetzliche Einbuße an moralischem Prestige uud au wirklicher Macht, Fäulnis und Korruption und zitternde Augst der Machthaber vor jedem Windhauch, das ist der Zustand, in welchen Rußland 15 Monate nach Kischeuew versetzt ist. Führwahr! Eine vernehmliche Mahnung der Vorsehung au den Zaren aller Neuffen. Plehmes Staalskirrrst und das Motiv femer Bluttaten in Kischeuew und Kamel. Der Boden schwankt unter den Füßen Nikolaus II., wie von unterirdischen Stößen erschüttert; die Lust, worin er atmet, ist schwül, von schweren Dünsten erfüllt, von elektrischen Schlägen durchzuckt; an seinem Horizont ziehen gespenstische Riesenschatten, unbestimmbare Wolkengebilde, wie groteske Ungeheuer herauf: die russische Welt will aus den Fugen gehen und er, der Hamlet unter den Kronenträgern, soll sie wieder einrichten! Wird er die Kraft des Entschluffes, wird er die Entschlossenheit zur Tat finden? Das Schicksal eines großen Reiches, das Schicksal einer Dvnastie hängt von der Antwort auf diese Frage ab. Denn die Bombenexplosion, welche dem Minister Plehwe den Kopf vom Rumpfe riß, war vielleicht das letzte furchtbare Warnungssignal. Das ist nicht das blindwütige Verbrechen eines Fanatikers, der durch einen Mord, gleichviel, we. ihm zum Opfer fällt, die gährende Unzufriedenheit des Volk-s demonstrieren wollte; ne », in diesem grausigen Attentat liegt M^liode: es kehrte sich gegen das menschenunwürdige System barbarisch, i Willkür und grausamer Veifolgungen, als dessen Seele der Mi>"stcr des Innern galt. Wird der Kaiser diese Warnung verstehe», »ill er sie verstehen? Als der Arm Balmascheff's Rußland von dem leichtsinnigen und beschränkten Henker Ssipjagin gerettet hatte, eröffneten sich der Regierung zwei Wege: entweder das Recht des russischen Volkes ans Ehre und Freiheit anzuerkcniien und ihre Gewalt mit den Vertretern des Volkes zu teilen oder aber die letzten Kräfte anzustrengen und im Reiche nicht nur die Opposition, sondern auch alles geistige Leben und jede öffentliche Bewegung zu erdrücken. Der letztere Weg wurde gewählt. Als Plehwe im Ministcrkomitee sein künftiges Programm entwickelte, waren alle erstaunt: dieses Programm war in der Tat ein grandioses. Der Staatssekretär, der in den politischen Prozessen und in der blutigen Atmosphäre der „dritten Abteilung" (der geheimen politischen Polizei) seine Erziehung erhalten hatte, schlug nicht mehr und nicht weniger vor, als mit Hilfe der Polizei die Geschichte aufznhaltcn! Und zur Erreichung dieses Zieles hatte er eine Waffe, an die er glaubte, wie an einen unüberwindlichen Talisman; mit dem er alles zu zerschmettern drohte, was gewagt hätte, sich ihm zu widersetzen; als eine solche Waffe sollte ihm dienen die prächtig organisierte, mit allen Mitteln und allen Reichtümern eines viele Millionen umfassenden Landes versehene, die in der einen eisernen Faust des Machthabers vereinte, keine göttlichen, noch menschlichen Rechte anerkennende, je nach Bedarf bald heimlich, bald offen, bald mit List und Betrug, bald mit Grausamkeit und Gewalttaten wirkende, allmächtige und allumfassende Polizei. Und man muß dem Minister-Henker die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er hat es verstanden, aus dem Lande alle korruptesten, alle verbrecherischesten Elemente aufzusaugcn und er hat aus ihnen eine Polizei geschaffen, wie sie die Welt bisher noch nicht gesehen hat. In den Dienst des Henkers stellten sich die von enormen Gehältern und von der Zusicherung, daß ihre Tätigkeit unbekannt bleiben wird, angelockten, wirtschaftlich heruntergekommenen Intelligenzen mit Universitätsbildung. es war ihm gelungen, durch Betrug — allerdings nur auf kurze Zeit — einige Richter der Petersburger Gerichte zu sich heranzuziehen, ihm hat sich verkauft mit Haut und Haaren der bis dahin unbescholtene Lochuntin, in dessen Adern das Blut der Romanowschen Dynastie fließt, ein ganzer Stab hochgebildeter und auf menschliches Wild prächtig dressierter Schufte — darunter befanden sich auch ehemalige Revolutionäre ^wre^Snbatow"—'" umgäben" den' genialen Polizeiminister und gaben ihm ihre Ehre, ihren Verstand und ihre Bildung hin für das entsetzliche Werk der Tötung Rußlands, seines geistigen Lebens und seiner materiellen Entwicklung; und diesem Stabe wurden zur Verfügung gestellt: Millionen von den Volksgeldern, hunderttausende Polizisten, Gendarmen, Geheimagenten, Korrespondenten, sogar Vertreter der Botschaft n Rußlands in den auswärtigen Staaten; und in Rußland sowohl wie im Auslände wurde die Organisation geschaffen, welche die Welt bewundern muß: selbst der Jesuitenorden wird wohl in der Zeit seines Aufschwunges nicht eine so glänzende Verbindung von Intelligenz und Niedertracht, Lüge und Verbrechen dargestellt haben! Aber auch an positiven Maßnahmen hat es das schöpferische Polizei-Genie des Unterdrückers nicht fehlen lassen. Um den Hungersnöten in'Rußland ein Ende zu bereiten, erfand er ein vorzügliches Mittel: er isolierte die Hungernden von irgend welcher Berührung mit der übrigen Welt und befahl zu schweigen; mit drakonischen Maßnahmen erstickte er das Geschrei und das Stöhnen der Hungers Sterbenden, und dann berichtete er allerunterthänigst: „es gibt keine Hungersnot," da kein Geschrei und kein Stöhnen der Hungernden zu hören sei. Und in der Tat, die Presse hatte den Befehl erhalten, zu schweigen, das Semstwo wurde von jedweder Hilfeleistung für die Hungernden ferngehalten und durch die Mauer von Polizeibehörden, mit denen die Bevölkerung umstellt wurde, drang kein einziger Laut; es schien als ob ein Todesschweigen über allem throne — da erfolgten die Agrarrevolten. Aber auch jetzt verlor Plehwe seine Geistesgegenwart nicht: mit der Knute und mit Bajonetten stellt: er das Schweigen wieder her und trieb die Leute in den Tod. Die Bauern in Charkow und Poltawa wurden auf seinen Befehl grausam gepeitscht, weil sie Unzufriedenheit verrieten. Auf einem persönlichen Besuch dieser Provinzen belohnte er den Gouverneur von Charkow, weil er die Unzufriedenen sofort hatte peitschen lassen, und bestrafte den von Poltawa, weil er sie nur infolge eines nachträglichen Einfalles peitschen ließ. Als gefährlichere Feinde erwiesen sich für Plehwe die Arbeiter: hier allein erlitt er einen vollständigen Mißerfolg; sein Versuch, mit Hilfe von Subatow eine geheime Organisation des Polizeisozialismus einzuführen. brach mit großcin Skandal zusammen. Es half auch nicht die Ueberführung der Fabriksinspektion aus dem Finanzniinisterium in das Ministerium des Innern, die Zunahme der Streiks, der Straßeudemonstrationen und der revolutionären Presse beraubte Plehwe seiner schönsten Lorbeeren. Er war genötigt, zu bewaffneter Macht zu greifen. Es wurden Massenerschießnngen und Massendurchpeitschunpe» vorgenommen, die Gefängnisse waren überfüllt, Tausende wurden täglich verbannt oder ausgewiesen» Tausende wurden in Zuchl-

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