Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021580--13792-3038464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

U-. 32 Dr. Öloch*s ui Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. X ■ ———=X A. k. Pofifparrssstn-Amk Cleartns-Verkehr ' Nr. 610.876. Lrdarlton und AdministraNon: Vir» IX,'1, VrrggsWe Nr. 89. Telephon Nr. 14.847. X ■ . .X --H- Wie«. 5. August 1904. -»>■» <■ —- Erscheint jeden Freitag. -■» » - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift, Wien. Srprgq-rei» fitr Krftrrrrtch: Halbjährig S Araueu. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Nu»'and: Halbjährig 10 Lronen. ganzjährig 20 , Anzeigen: Die4malgespaltene Petit,eile 24 Heller. X X Inhalt: Leitartikel: „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels". — Plehwe's Staatskunst und das Motiv seiner Bluttaten in Kischenew und Homel. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgesch'chte. Nochmals: Erkläret mir, Graf Oerindur. — Die Juden und die Europäer. — Der Religionsunterricht in der Mittelschule. — Korrespondenzen: „Non ölet“. Generalversammlung der „Alliance Israelite Universelle“ in Paris Reichenberg. Lemberg. Delbrück über den politischen Mord in Rußland. Plehwe's Schuld an Kischenew. Russische Judenpolitik. Die Juden auf dem Schlachtfeld. Patriotische Rede eines russischen Rabbiners. — Vermischtes: Wien, Theresienstadt. Essegg, Deutsch-Brod, München, Berlin, London. Verbot jüdischer Zeitungen. — Feuilleton: Die beiden Rothschilds. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israel»." Das ist das Große und Dauernde an der Bibel, das macht sie zum klassischen Buch der Bücher, daß sie immer neu und zeitgemäß ist und daß in ihren einfachen Erzählungen die weltbewegenden Ereignisse spätester Jahrhunderte sich spiegeln. Nichts Menschliches ist diesem herrlichsten Erzeugnisse des ewigen Geistes fremd. Von den schlichtesten Vorgängen, vom Leben der Einzelnen, führt es uns durch den engeren Kreis der Familie zu den Leidenschaften und Begierden, zu den machtvollen Kämpfen, die das Schicksal ganzer Völker bestimmen. In der kulturellen und politischen Geschichte aller Zeiten und Nationen, in dem Meere von Haß und Liebe, von Recht und Unrecht, von übermütiger Herrschbegier und still duldendem Jammer, von Schuld und Sühne, das die Jahrtausende erfüllt, findet sich nichts, was in der Bibel nicht vorgeahnt und vorgezeigt worden wäre. Da ist die Schilderung des Pharao, jenes mitleidslosen Herrschers, der ein ganzes Volk — in tränenvoller Knechtschaft hält. Als die Bedrückung kaum noch zu ertragen ist, erscheinen die Fü rer dieses Volkes vor Pharao und verlangen, daß er ihm die F-eiheit gewähre. Sie werden als R e v o l ut i o n ä r e und Aufwiegler behandelt und am Leben bedroht. Mit harten Worten weigert Pharao die Gewährung der Bitte. Und nun folgen Plagen auf Plagen: Mißwachs und Ueberflutung, Ungeziefer und Krankheiten in fürchterlicher Steigerung bis zum Hinsterben der Erstgeborenen. Durch jede einzelne dieser Plagen wird der stolze Herrscher bis in das Innerste des Herzens erschüttert. Er steht., ratlos und schwankend, er fühlt, daß es die Hand des Ewigen ist, die ihn züchtigt, und dennoch will er nicht nachgeben, denn die Nachgiebigkeit würde als Schwache gedeutet werden. In der Bibel heißt es: „Gott hat ihm das Herz verhärtet, auf daß er das Volk nicht frei ließ". Und je mehr die Plagen sich häufen, je furchtbarer die Heimsuchungen werden, umsomehr verbohrt er sich in seinen Starrsinn, seinen Hochmut, seinen Eigendünkel, umso hartnäckiger verschanzt er sich hinter seinem Stolze. „G o t t hat ihm das Herz verhärtet" — das will sagen, daß er keinen freien Willen mehr hatte, daß er nicht mehrHerr seiner Entschlüsse war, nicht mehr die Fähigkeit zur Umkehr besaß. Andere Gewalten hatten von seinem Denken und Fühlen Besitz genommen, er war der Sklave seiner Umgebung und der Verhältnisse geworden. Auch wenn mildere Gefühle sich im Herzen des Pharao zu regen begonnen hätten, er mußte „standhaft bleiben", die freie Selbstbestimmung war ihm genommen, und was sich vollzog, war bereits ein Akt des Geschickes. Das Schicksal des Pharao wiederholt sich heute vor unseren Augen. Auf dem stolzesten Throne der Welt sitzt ein Herrscher, der seine Völker — in unwürdiger Knechtschaft hält. Seinem Herzen werden milde Empfindungen nachgesagt. Aber wäre dem auch so, dieser Fürst, in dessen Händen sich scheinbar die gewaltigste Weltmacht vereinigt, der Herr ist über Leben und Tod jedes einzelnen seiner nach hundert Millionen zählenden Untertanen, ist nicht Herr seines freien Willens. Ob auch sein Herz ihm zuruft, daß es gerecht und billig wäre, die grauenvollen Leiden der jüdischen Bewohner zu lindern, ob auch führende Geister seines Reiches den Mahnruf erheben, daß es höchste Zeit wäre, mit dem System der Knute und der Verbannung zu brechen und aus den Völkerheerden, über die er herrscht, endlich Menschen zu machen. — „Gott hat ihm das Herz verhärtet", er muß standhaft bleiben auf dem Wege — die sogenannte Staatsnotwendigkeit, von welcher ihm seine Schergen und Schmeichler sprechen, ist stärker als sein Wille. Und so sehen wir wieder, wie Plagen auf Plagen über dieses schier unermeßliche Reich hereinbrechen, wie sie sich in grauenvoller Folge steigern und wie der Koloß in allen seinen Grundfesten erbebt. Die Freigeister mögen spotten, wie sie wollen. Unverkennbar ist es, daß hier Schuld und Strafe unmittelbar aufeinanderfolgen und daß Rußland gezüchtigt wird, wie einst Egypten gezüchtigt worden ist. Mancher mag wohl angesichts dieser Heimsuchung sagen: „Vor Jahrtausenden hätte sich darin das Walten Gottes geoffenbart " Wer aber sagt uns, daß dies nicht auch heute der Fall ist? Daß zwischen Schuld und Strafe nicht auch ein Zusammenhang besteht, der unser irdisches Fassungsvermögen übersteigt? Noch heute gilt das Gotteswort: „Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels.«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.