Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 506 Dr. Blocb’s Wochenschrift Nr. 31 Man nannte die deutschen Literatmvereine die modernen Thora-Chewros. Und in der Tat: Das Kennzeichen echter Wahrheit ist es ja, daß sie jeder modernen Form sich anzupassen die Eignung besitzt. Veraltet ist nur dasjenige Alte, das nicht mehr in die zeitgemäße Hülle sich hineinfinden, das helle Tageslicht nicht mehr vertragen kann. Das Judentum war nie verlassen, wenn es ans die Pflege seines Wissens sich verlassen. Sein Lebensschicksal war von dem Tage, da es in die Geschichte eintrat, nicht etwa ans äußere Gewalt also ans die Schwertspitze gestellt, sondern, wir möchten sagen auf die Federspitze, auf Bildung, Wissen und Wahrbeit. Deu Wert dieser Waffe, ihren harmlosen und dennoch so machtvollen Charakter, haben, so zeigt es sich heute deutlich, unsere deutschen Brüder längst schon hellen Blickes erkannt. Welch' peinliches Resultat ergibt aber für uns ein Vergleich mit unseren Verhältnissen l Nebst den Wiener und Brunner Großgcmeinden, die Anerkennenswertes auf diesem Gebiete leisten, gibt es bei uns auf dem Lande außer den einigen wackeren zionistischen Literaturbestrebungen einen einzigen, sage und schreibe einen einzigen Literaturverein nach deutschem Muster: Den nachahmenswert funktionierenden „Indisch-literarischen Verein" in Trop p au. Das deutsche Judentum besitzt rund 200 Literaturvereine. Ein gar mächtiges Bollwerk gegen äußere und innere Widersacher. Gegen letztere noch mehr, weil diese ganze Institution mit ihrem so eminent solidarischen und belehrenden Zweck ein bewährtes Heilmittel bietet gegen die verbreitete Krankheit unserer Zeit: die sogenannte Wassersucht. Wäre es nun nicht an der Zeit, von demselben auch in unseren Kreisen ergiebigen Gebrauch zu machen und die G r ü n düng regelrecht organisierter Literatur vereine in den P r o v i n z g e m e i n d e n. die jeder literarisch-geselligen Anregung entbehren, tatkräftig in Angriff zu nehmen? Eine im Hinblick auf die nächste, hiezu geeignete Wintersaison wohl aktuelle Frage. Wir gestatten uns, dieselbe den hiefür maßgebenden Körperschaften zur Erwägung anheimzugebeu. Neutitsch ei n, im Juli 1904 Dr. Simon Mandl, Rabbiner. Nene Bücher. Dr. Jakob Rabbinowiez. E i n V e r s u ch, den Charakter Alexanders des Großen nach der jüdischen Sage d a r z u st e ll e n. Sonderabdruck aus dem XXIII. Jahresbericht des k. k. Staatsgymnasiums in Mähr.-Weißkirchen für das Schuljahr 1903/1904. Verlag des k. k. S t a a t s g y m n a s i u m s, M.-W e i ß k i r ch e n, 1904. Martin Helliuden. Der Stern von Halalat. Mit Buchschmuck von I. van Taack. Herausgegeben von der Deutschen Literatur-Gesellschaft. Allgemeine Verlags-Gesellschaft m. b. H., M ü n ch e n. Briefkasten. C. in B. Wilhelm M a r r, einer der begabtesten antisemitischen Schriftsteller, dessen Name vor einem Menschenalter viel genannt wurde, der aber seit längerer Zeit sich vom Parteileben ferngehalten hatte, ist am 17. Juli im Alter von 85 Jahren gestorben. Wie Marr über die Vertreter des heutigen Antisemitismus dachte, darüber hat er sich einst in einem Briefe folgendermaßen geäußert: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich mehr Erzschelme nbande gefunden, als unter den heutigen G eschäftsau tisemiten. Das aber dürfen Sie privatim erklären, daß ich nach 30jahrigem Judenkrieg m ich m r t Ekel bis zum Erbrechen abwende von dem ganzen heutigen Geschäfts - Schwindelantisemitismus. Ich werde diese Behauptung nicht widerrufen." S. In dem East End und dem angrenzenden Hacknay wohnen fast alle „Russen und Polen", und zwar gibt die nachfolgende Tabelle ihre absolute Zahl und ihr Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Es wurden gezählt Alussen und Polen in den 5 Boroughs in der Grafschaft London 1871 3.661 0-48 % „ § 5.294 ----- 0*16 7 1881 7.296 0*82 70 8.709 ----- 0-23 7o 1891 23.666 =- 2 53 a/0 •®*£T:0 26.742 0.63 7 1901' 47.741 5*11 % 53.537 1-18 0/ / 0 Von allen Ruffen und Polen wohnen 1901 also etwa 90 im East End. „Kohen". Ein jüdisches Mädchenpensionat in Wien können wir Ihnen leider nicht empfehlen „Gräfenberg". Die Einsendung kann nur mit voller Namensnennuna publiziert werden. Die genannten Zeitungen können Sie bei jedem Postamte abonnieren. 8 Ä. Die Verehelichung vor dem Eintritte in das stellungspflichtige Alter und vor dem Austritte aus der dritten Altersklasse ist nach dem Wehrgesctze bei Strafe verboten. In ganz besonders rücksichtswürdigen Fällen kann die ausnahmsweise Ehebewilligung durch die Statthalterei erteilt werden. Es begründet jedoch diese Bewilligung keinerlei Begünstigung iu der Erfüllung der Wehrpflicht. 51. G. N. Gegenstände der Kunst und Wissenschaft und des Gcwerbefleißes, welche für Sammlungen öffentlicher, wissenschaftlicher und artistischer Anstalten bestimmt sind, genießen bei der Einfuhr nach Oesterreich die Zollfreiheit. Desgleichen genießen altertümliche Gegenstände (Antiken, Antiquitäten), wenn ihre Beschaffenheit darüber keinen Zweifel läßt, daß ihr Wert hauptsächlich nur iu ihrem Alter liegt und sie sich zu keinem anderen Zwecke und Gebrauche als dem des Sammlers eignen, die Zollsreiheit. Karlsbader Kur. In Karlsbad besteht ein israelitisches Hospital für arme Kranke, wo sie durch vier Wochen unentgeltlich verpflegt werden Gesuche sind bis längstens Mitte Februar an die Direktion in Karlsbad einzusenden und denselben beizuschließen: Armutszeugnis und ein ärztliches Zeugnis, wonach dem Kranken die Kur in Karlsbad verordnet wurde. K. 8. M. Zur Erlangung des Einjährig-Freiwilligen-Rechtes genügt das Zeugnis über das zweite Semester des letzten Jahrganges einer Oberrealschnle oder eines Obergymnasinms. Wir würden Ihnen jedoch ernstlich raten, auch die Maturitätsprüfung abzulegen, da Sie ohne dieselbe kaum im Staatsdienste oder im Eisenbahndienste eine Anstellung erhalten werden. K. L., Berlin. Der famose „Dr. Elias Jacob" ist, wir wiederholen es, kein Lemberger und war auch nie in Lemberg. Es ist vielmehr der Blbliotheksbeantte der Berliner jüdischen Gemeinde Dr. Frommer. Derselbe wird die Autorschaft überhaupt nicht bestreiten. „Taufjude." Wir empfehlen Ihnen folgenden Witz aus dem letzten „Simplicissimns": „Mosche Schmulewicz, Hochwürdens Täufling und Pate, blieb trotz dieser hohen Ehre bei seinen alten Gewohnheiten und aß an jedem Freitagabend geknobelten Gänsebraten. „Schmulewicz", donnerte ihn der Gestrenge an, als er sich einmal persönlich von dem Ungeheuerlichen überzeugte, „Schmulewicz, ein Katholik und Fleisch am Freitag?!" „Herr Pfarrerlcben, es ist doch Fisch." „Gans", schallte es ans dem hochwürdigen Munde zurück. „Gewesen, gnädiger Herr Pfarrer," gab Schmulewicz lächelnd zur Antwort. „Wieso gewesen?" „Ich Hab' ihr nämlich Wasser auf dem Kopf gegossen — dreimal, wie Sie es damals gemacht haben bei mir, Herr Pfarrer — und Hab' gesagt dabei zu ihr — akkurat so, wie Sie, Hochwürdigster: du warst eine Gans — immer dabei Wasser auf den Kopf - du warst eine Gans, du warst eine Gans! Jetzt bist du ein Fisch, jetzt bist du ein Fisch, jetzt bist du ein Fisch! — Und so ist die Gans geworden ein Fisch, wie ich — ein Katholik! — Das zornglühende Antlin von Hochwürden legte sich in Schmunzelfalten, als er sagte: „Schmulewicz, du hast einen offenen Kopf." Und er verspeiste mit ihm zusammen den — „Fisch"." S. G. Besten Dank und Gruß. Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien Wien, l Bezirk, Tuchlauben Nr. 17. Wien, im Juli 1904. Jüdische Glaubensgenossen! Eine halbe Million verhungernder galizischer Juden ruft um Hilfe, um Arbeit, uni Verdienst! Das Elend, in denr die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen in Galizien dahinsiccht, spottet jeder Beschreibung. Wenn schon in früheren Jahren ein großer Teil der dortigen Juden — zumeist aus Mangel an ständiger Beschäftigung — mit seinem Erwerb auf den Zufall angelviesen war und sich infolge dessen in arger Lage befand, hat in den letzten Jahren die bitterste Not auch jene Schichten ergriffen, die bis dahin im Kleinhandel und Kleingewerbe ihr häufig nur kümmerliches Auskommen gefunden hatten. Offen und geheim wird darauf hingearbeitet, den Juden die Existenzbedingungen zu unterbinden: Maßnahmen der Gesetzgebung und der Verwaltung tun noch das klebrige. Unter mächtigem Schutze und mit Unterstützung der Landesbehörden breiten sich über das ganze Land Konsum- und Handelsvereine aus, denen die jüdischen Krämer unterliegen; der Salzverkauf, der früher Hunderte ernährte, ist monopolisiert, die Propinationspachtungen sind erschwert und verteuert; im Wettbewerb um Verkaufslizenzen, um öffentliche Arbeiten, um Dienststellungen werden die Juden hintangesetzt; die zahlreichen jüdischen Handwerker erhalten von Nichtjuden nur selten Beschäftigung, abgesehen davon, daß sie, sowie auch