Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021579--13787-3038458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sir. 31 Dr. Mocb's MocbenscbrM. ..-■ Seite 505 I i \ \ | i I überzeugen muß, auch wenn er nie im Leben dem Dahingeschiedenen nahe gestanden und seinen hohen inneren Wert schätzen lernte. Hier die Worte des Nachrufs: „Zurückgekehrt sind wir vom Grabe, Wo nun ein edles Herze ruht, Doch die Erinn'rung. die wir haben, Gibt uns zu weit'rem Schaffen Mut, Das Werk, das Du aus kleinen Dingen Mit Deiner Willenskraft gebaut, Zu stärken und empor zu bringen Bis unser aller Haar ergraut. Dann wirst Du aus den lichten Höhen Mit Stolz auf uns heruiederseh'n Weil all', die Dir zu Dank verpflichlet, Siers fest zur Firma Siwson steh'n. Du gabst uns Brot — wenn Andre zagten Warst Du der Erste auf dem Plan, Du griffst stets zu, eh' Andre wagten Ein Lob Dir, Du hast viel getan. Mög' nun Dein edler Geist, Dein Streben Sich Deinen Söhnen übertragen, Dann haben unser ganzes Leben Wir keine Not und keme Klagen. Schlaf sanft, sei Dir die Erde leicht, Bis Gott Dich ruft zum Auferstehe»; Dein Tod sei einem Schlafen gleich Zn einem frohen Wiedersehen!" Das Personal der „Simson-Werke". („Henneberger Zlg." Nr. 144.) Literatur. Jahrbuch für jüdische Geschichte u d Literatur. Herausgegeben vom Verbände für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. VI. Bd. (Berlin 1903. M. Poppelauer.) Wissen ist Macht, Bildung ist Kraft. Das Wissen und die Bildung einer Gesamtheit besteht in der Kenntnis ihrer Geschichte. Wenn irgend wer, so darf diese jenes Wort des Baco von Berulam für sich in Anspruch nehnien: Ram st ipsa seientia potestas est. Eine Nation ohne klare Erkenntnis ihrer Vergangenheit gleicht einem Somnambulen auf schmaler, gefahrvoller Bahn, der bei der Nennung seines Namens erschreckt in die Tiefe stürzt. Fest und sicher aber, auf unerschütterlichem Boden, stolz auf ihrem Namen wandelt sie einher, wenn sie ihrer ruhmreichen Geschichte Stab und Stütze für die Gegenwart und Zukunft entlehnt. Niemand könnte einem Volksstamm solche tiefe Wunden schlagen, als die eigene Unkenntnis seines Zweckes und Zieles; und wieder werden alle Stürme der Erde vergeblich gegen ihn toben, wenn er tief im Selbstbewußtsein wurzelt. Auf wen aber fände dies aktuellere Anwendung, als auf den ewigen Kämpfer der Menschheit mitten in dem immer noch ihm aufgedrungenen schweren Kampf: als auf den Juden? Diese Erwägungen mögen es wohl gewesen sein, die seinerzeit in Deutschland die Gründung der jüdischen Literaturvereine gezeitigt haben. So viel des Unheilvollen auch dort der Antisemitismus heraufbeschworen, er erwies sich dennoch als jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Aus seiner Drachensaat erblühte die großartige Organisation der jüdischen Llteraturvereine Deutschlands, deren Fachorgan das vorliegende Jahrbuch bildet. Der lebendige Pulsschlag in diesem beliebten Jahrbuch bietet deutliche Spuren des regen geistigen Lebens in dem Verbände, dessen Interessen dasselbe gewidmet ist. Es bildet seit Jahr und Tag ein gern aufgesuchtes geistiges Rendezvous wissenschaftlicher Koryphäen, die für die Sache des Judentums hier ihre Stimme vernehmen lassen. In der einleitenden Jahresrevne entwirft Profeffor Martin P h i l i p p s o n seinen obligaten, meisterhaften Rückblick auf die politische Lage der Juden aller Reiche und Länder. Ohne die düsteren Symptome rückläufiger Bewegungen zu verkennen, läßt er gleichwohl von ihrem dunklen Hintergrund den lichten Hoffnungsschimmer sich abheben, daß aus der Menschheit besseren Elementen das gute Recht des Judentums endlich doch erblühen werde. Der verdienstvolle erste Vorsitzende des Verbandes G u st a v Karpeles widmet einen breiten Raum seiner treffenden literarischen Jahresrevue der ernsten Auseinandersetzung mit dem noch immer heftig nachwirkenden wissenschaftlichen Kampf H a r n a ck's und D e l i tz s ch's. Als den abgekürzten Ausdruck seiner Stellungnahme zu demselben darf man das in derselben zitierte Wort Professor K ö n i g's betrachten: „Babel mag immerhin „das Hirn Vorderasiens" genannt werden, aber es wird doch dabei bleiben: in Babel strebte die Menschheit zum Himmel, in der Bibel ragt der Himmel in das arme Menschenleben hinein." (S. 25.) Ein gründlicher Dortrag des Meisters der Agadah, Professor Bacher in Budapest, entwirft eine klassische Studie über „Das altjüdische Schulwesen". Mit einem vielfach mißbrauchten Schlagwort des sogenannten gelehrten Antisemitismus beschäftigt sich ein pseudonymer Autor Dr. H. M. C. Es ist das wohlbekannte, aber nicht entsprechend erkannte Wort des Evangeliums: Sein Blut komme über uns. Dieses Zitat trieb bisher sein gespensterhaftes Unwesen unter dem gebildeten Pöbel. Es wurde von demselben als Selbstanklage der Juden weidlich ausgebeutet, sogar vor einem Jahre noch von dem etwas wunderlichen Doktor Eisenbart des Judentums, Benediktus Lewitta, in diesem Sinne verwendet. Auf Grund der sachlichen, sprachlichen und historischen Beleuchtung, welcher diese Stelle nunmehr gründlich hier unterzogen wird, darf ruhig behauptet werden, daß niemand mehr literarisch ungestraft mit derselben Spiegelfechterei treiben, die Urteile verblenden, die Gemüter verwirren werde. „Ueber die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart" handelt der auch selbständig erschienene Vortrag des Breslauer Rabbiners Dr. G u t t m a n n, gehalten auf der Generalversammlung des Deutschen Rabbinerverbandes in Frankfurt a. M. am 7. Juli 1903. Selbstverständlich geht auch er nicht achtlos an den wiffenschaftlichen Streitfragen vorüber, welche die deutsch-evangelischen Theologen zu einem Schiboleth der Gegenwart machten. Aber wie herzerhebend wirkt es, aus dem Munde des Verfassers der Religionsphilosophie des A brah am ibnDaud, des 8 aadja Alfajnmi, des Ibn Gabirol und seit vorigem Jahr der „Beziehungen der Scholastik des 13. Jahrhunderts zum Judentum", eines Mannes also, der sich auf diesem Gebiete ein Urteil zumuten darf, das Wort zu vernehmen, in welchem dieses glänzende Referat gipfelt: (ein Pendant jenes geflügelten Wortes des Präsidenten der französischen Deputiertenkammer während eines anarchistischen Anschlages: Die Sitzung dauert fort!) „D a s Judentum dauert fort, weil es seine Weltmission noch nicht beendet hat, weil es für die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechtes noch immer nicht entbehrlich geworden ist." (S. 102.) „Kanzel und Katheder im Lichte des Judentums" behandelt ferner eine außerordentlich erschöpfende Untersuchung des Berliner Rabbiners Dr. M. L e w i n. Die für die Zeitgeschichte so charakteristischen „Mitteilungen aus dem Briefwechsel zwischen Zu»z und Kaufmann" ergänzt und beschließt endlich der Breslauer Seminar-Professor Dr. B r a n n. Während auch diese Serie der Briefe Kaufmann's einen interessanten Einblick in die geistige Werkstätte dieses frühentrissenen Polyhistors gewähren, erwecken die letzten Briefe des Autors der klassischen „gottesdienstlichen Vorträge der Juden" wehmütigen Eindruck. Eine ewig klagende Bestätigung dessen klingt aus ihnen monoton heraus, daß das Greisentum selbst eine Krankheit sei. 0 what a noble mind is here o’erthrown! Eine der Zierden des vorliegenden Jahrbuches bildet letztens, aber nicht zuletzt, die belletristische Beigabe „Simon Eichelkatz" von Ulrich Frank (gleichfalls selbständig erschienen). Diese Meisternovelle in Briefform bietet in ihrer Art an Gedankentiefe ein Seitenstück der „Briefe, die ihn nicht erreichten", nur ungleich fesselnder an realistischer Kraft, an künstlerischer Kleinmalerei halbentschwundenen Ghettozaubers. Man weiß nicht, was man mehr an derselben bewundern soll: Den urwüchsigen Humor ober die tiefgründigen Lebensanschauungen, gesättigt an Nietziche'schem Uebermensch ntum, an den guten Elementen seiner Herrenmoral. Gedankenblitze wie der folgende bilden keineswegs eine Seltenheit in der Erzählung: „Ich glaub' immer, Herr Doktor, man wird zu alt, bis man gescheidt wird. Für sich selbst hat man nichts mehr davon und die anderen, die Jungen, wollen ihre Dummheiten auch wieder allein machen, und so ist es eigentlich für nichts, daß man gescheidt wird." (S. 21-). Unter dem obigen Pseudonym verbirgt sich als Verfasserin eine Dame, eine wahre moderne Mezzofanti, deren geistsprühende Ausführungen sich etwa auf die kurze Formel znrückführen ließenTreuer Jude, weil treuer Mensch: weil die Liebe gegen alle Menschen das letzte Ziel bleibt, gerade deshalb bleiben wir dem Judentum unverbrüchlich treu. Ist es ja die Quelle aller Menschenliebe. Von diesem Gesichtspunkte aus können wir uns aber durchaus nicht mit dem Gedaukengang des Herrn „Kreisphysikus", resp. Ulrich Frank's identifizieren, welcher sich (auf S. 236) um die „Ketten und Fesseln" bewegt, die „die Tradition, die Ueberlieferung" uns auferlege . . . Weit entfernt hievon, glauben wir vielmehr im Sinne unserer Alten, die sich auf derartige Dinge gut verstanden, daß diese Ueberlieferungen, sintemalen sie „aus dem Golde der Treue geschmiedet sind und aus den Perlen der Weisheit aneinandergereiht", dem Judentum weit eher zum - Rettungsseile geworden mitten in dem unerschöpflichen Meer voll Leid und Wehe, welches gar oft über dasselbe hereingestürmt. Dem Jahrbuch schließen sich endlich die „Mitteilungen aus dem Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland" an, herausgegeben vom geschäftsführenden Ausschuß. Dieselben umfaffen: 1. ein „Verzeichnis sämtlicher Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland, deren Mitgliederzahl und Vorstände"; 2. einen „Bericht über die literarische Tätigkeit der Vereine im Berichtsjahre". Bietet das erstere eine klare Neberficht über die organisatorische Wirksamkeit des in sechs Bezirksverbände sich gliedernden Hauptverbandes, an deren Spitze hervorragende Persönlichkeiten aller Berufe ihres idealen Amtes walten, so veranschaulicht der zweite die Summe jüdischen Wiffens, geistigen Kapitals, das gegenwärtig in den deutschen Gemeinden kursiert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.