Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 504 Dr. Llocb's MocbenscbrM< Nr. 31 trotz Not und Sorgen erhielt und in seine gnädige Obhut nahm, wird sich auch des sechsten erbarmen. und es nicht verstoßen — sein Name sei gelobt!" So waren abermals drei Tage verflossen; der letzte Kreuzer war ausgegeben. Die Not stieg auf den Gipfel — da ließ die so hart bedrängte Mutter ihre älteste Tochter, die neunjährige Esther, einen Brief an den Vater nach Wien schreiben und chm Nachricht geben von dem, was seit seiner Abreise vorgefallen war, und ihn auffordern, so schnell als möglich zu chr zurückzukehren. (Schluß folgt.) Am Hede« geliebt, im Tode gesegnet. Ein Erimrerungsblatt von Walter Kunze. Menschliche Kühnheit und unternehmungsfreudige Willensstärke triumphierte .... Mehr denn zwanzig Jahre liegt jener denkwürdige Tag zurück, als das Herz der braven Thüringer höher schlug im Andrang eines Frohgefühls, im begeisternden Bewußtsein, daß nun auch chre so über alles geliebte Bergheimat dem großen, im deutschen Vaterland so gewaltig anschwellenden Verkehrsstrom, diesem Pulsschlag des Vöckerwohles, erschlossen sei. Nun mußte sich alles, alles wenden! Es war, als ob man es greifbar fühlen könne, daß mit dem ersten Probe- und Festzug, der die eben vollendete Bahnstrecke Neudietendorf- Ritschenhausen im tannengrünen Festschmuck durchbrauste, schlummernde Riesenkräfte erwacht seien, die den harten Kampf um die Existenz Tausender kraftvoll aufnehmen würden und behaglichen Wohlstand selbst bis in die Hütten der ärmlichen Ansiedler in bisher weltvergessenen Talgründen im Schoße hochauftagendcr Berggiganten tragen müßten. Leuchtenden Auges erzählen noch heute die Alten ihrer jungen, neugierig nach vergangener Zeit forschenden Brut oder dem wanderfrohen Reisenden von den Jahren des stolzen Bahnbaues und dem unvergeßlichen Jubeltage seiner Vollendung und Verkehrseröffnung. Hat auch menschliche Willenskraft und die durch Menschengeist so überaus hochentwickelte Technik in neuerer und neuester Zeit weit kühnere Bahnprojekte ersonnen und ausgeführt, so mußte doch ein Bahnbau wie die Strecke Neudietendorf-Ritschenhausen, die mitten durch den felsigen Riesenleib des Thüringer Waldes dringt und ihren Triumph im kühn angelegten Brandleitetunnel feierte, vor mehr denn zwanzig Jahren zurück voll begreifliche Bewunderung erregen. Und sind wir Menschenkinder von heutzutage auch ein wenig schon an die unglaublichsten Ueberraschungen gewöhnt, die der nimmer rastende, der ewig sinnende und immer kühner vordringende Menschengeist in seiner Genialität dem Auge der Welt darbietet, so vermögen wir trotzdem auch heute nicht gleichgiltig und ohne jegliches Gefühl der Bewunderung an dem stolz angelegten Schienenwege im Herzen der Thüringer Berge entlang zu wandern. Hast Du Thüringen durchwandert? Bist Du der schäumenden, krystallklaren und forellenreichen „Wilden Gera" an sonnigem, herzerquickendem Reisetage mit einem seltsamen Glücksgefühl im Innern und lustftohem Jubel auf den Lippen schon von Station „Gehlberg" am Tunneleingang talwärts nach Norden gefolgt? Hat Dir der kühn angelegte Bahnkörper, der sich da zur rechten Hand hoch oben an die gesprengten Felswände anlehnt und trotzig anklammert und auf welchen entlang dem Tale entgegen die brausende« Züge in schwindelnder Eile dahinjagen, nicht einen Ruf der aufrichtigen Bewunderung entlockt? Wäre es da zu verwundern, daß vor Jahrzehnten hundert und aberhundert Menschen aus Nah und Fern herbeiströmten, um zugleich mit dem Genuß der hehren Schönheit des Thüringer Waldes sich dem Eindruck des so stolzen Werkes menschlichen Geistes hinzugeben, das ein Anlagekapital von rund zwanzig Millionen Mark allein im Gebiete des Gebirges verschlungen? In jenen letzten der Siebziger-Jahre nun war es, als ein Mer, ernster Mann, wie so viele andere mit ihm, die junge Thüringer Bahnstrecke befuhr. Auf seiner hohen Stirne und in seinen hellen prüfenden Augen war es deutlich zu lesen, mit welch großem Interesse er diesen neuen Bahnbau in allen seinen Phasen beobachtete. Und je mehr das stolze Werk seine volle Bewunderung errang, am so lebendiger regte sich in seiner Seele der unstillbare Drang nach der Verwirklichung eines Lebenswerkes, das die Achtung und Anerkennung — wenn auch nur von einem kleineren Kreise von Menschen — erringen möge. Und Plan um Plan, und Entwurf um Entwurf kreuzten sich lockend und Gestaltung fordernd in seinem Denken. Da — ein Donnern des Zuges über hohe eisengefügte Viadukte, ein schrilles Kreischen der rasenden Räder unter der klammernden Gewalt der umspannenden Bremsen, ein langgedehnter Pfiff, und in wenig Sekunden hielt der stattliche Wagenpark hinter der wie erschöpft pustenden Lokomotive im Bahnhof Suhl. Gerson Simson fuhr aus seinem regen Gedankenspiel rasch empor — er war ja am Endziel seiner Reise, im schönen Suhl, von dem er so oft schon gehört und dessen altberühmte Waffenindustrie ihn schon längst im höchsten Maße interessiert hatte. Elastisch stieg er aus dem engen Wagenabteil, und mit jugendlich energischen Schritten wanderte er der nahen Stadt zu, während er mit tiefen, gesunden Zügen die reine, frische Gebirgsluft atmete, die harzig duftend aus den prächtigen Tannenwäldern ringsum herüber wehte. Und es empfand der hier ortsftemde Mann, als ob ihn eine neue liebe Heimat begrüße, die er nimmer lassen könne.- Und dieses prächtige, naturschöne Tal, in welchem sich wohl über eine halbe Stunde lang die waffenbaukundige Bergstadt Suhl malerisch erstreckt, wurde tatsächlich die neue, segenspendende Heimat des wandernden Fremdlings. Dankbaren Herzens erinnerte sich Gerson Simson allzeit der lieben Stunde seiner Ankunft, wo ihm ein prophetisches Ahnen als trautes Willkommen durch die Seele zog. Wie hatte es sich doch so wunderbar erfüllt! Und war es wirklich ein blinder Zufall gewesen, der ihm auf einem fröhlichen Spaziergang in der reizvollen nächsten Umgebung Suhls eine wertvolle, unbenutzt dahinrauschende Wasserkraft offenbarte, die stark genug war, um bei kluger Benutzung ein stattliches Maschinenwerk kraftvoll zu beleben, damit hunderte von Arbeitern Brots genug erwerben konnten, und ihm selbst dabei die Güter des Lebens freundlich in den Schoß fielen?-- Jahre gingen und kamen. Das Werk, sein stolzes Lebenswerk, das Gerson Simson mit unbeugsamer Tatkraft einst begonnen, es blühte ersichtlich auf. Wohl stürmte manch harte Stunde der Sorge und der Bitternisse auf den zielbewußten Mann ein und versuchte ihn niederzuringen, doch der treue, warme Geist der Schaffensfteudigkeit ließ ihn Sieger bleiben; Sieger auch in jenen schmerzendsten Augenblicken, in denen Mißgunst und blinder Haß sein schönes Werk vernichten wollten, indem man in ihm den Juden der Verachtung und niedrigsten Verdächtigungen preiszugeben sich bemühte. Doch der wirkliche Adel des Menschen in ihm triumphierte über seine Feinde. Groß und stolz wuchs sein Werk empor und in hingebender Anhänglichkeit regten sich in dessen mächtigem Getriebe hunderte fleißiger Hände treuer Thüringer Söhne im frohen Bewußtsein sicheren, reichlichen Verdienstes, der sie selbst und die Ihren über jede Not des Lebens hinweghob, und in jenem Bewußtsein, daß die Simson-Werke viel dazu beitragen, den industriellen Ruf ihrer geliebten Heimat in alle Welt zu tragen.- Vor wenigen Tagen, an einem sonnengoldigen Junisonntage haben sie nun den rastlos Schaffenden, Denkenden und Sorgenden zur ewigen Ruhe getragen. Zahllose Leidtragende folgten in stummer Ergriffenheit dem blumenüberhäuften Sarge. Am stillen Berghange liegt der friedliche Gottesacker, den eine vielköpfige Menschenmenge schweigend umstand, als die kühlen Erdschollen auf den Sarg eines Toten niederrollten, der im Leben von Vielen geliebt und nun im Tode noch reich gesegnet, wurde. Ergreifend klingt das Leben dieses vollen Menschen in einem Nachruf seiner Arbeiterschaft aus, der in seiner poetischen Schlichtheit von der Wahrheit desselben jeden Unbefangenen