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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 31 Dr Wlocb s Moedenscbrttr. Seite 503 bare Mvrgengabe mit in die Ehe und so konnten die jungen Ehegatten nur einen kleinen Handel mit Schnittwaren treiben. Joseph war unermüdlich tätig, und srüh und spät, Sommer und Winter, bei gutem und schlechtem Wetter unterwegs; denn er trug seine Ware auf's Land, und so war es ihm mit vieler Mühe und Sorge gelungen, sich und seine Familie, wenn auch künunerlich, doch redlich zu ernähren. Es kam aber eine gar schlimme Zeit für die arme Familie. Zwei auf einander folgende schlechte Ernten harren Berarrnnng und Not in den Dörfern verbreitet, in welchem Joseph seine Geschäfte betrieb. Die Meßzeit kam herbei, er trug seine Rechnungen allenthalben umher, es stand auf keiner eine größere Summe, aber trotzdem ging das Geld nur spärlich ein. Er wollte nun neue Waren einkaufen, hatte aber nur geringen Kredit und sehr wenig bares Geld, darum brachte er nur einen kleinen Borrat davon nach Hause. Später, als sich alle Mahnungen fruchtlos erwiesen, mußte er seine Schuldner verklagen: das brachte ihm Kosten und Unannehmlichkeiten und bei der herrschenden Armut nur wenig Geld ein. Dabei ging der Verkauf schlecht, es konnten demnach die traurigsten Folgen nicht ausbleiben, insbesondere da die Ausgaben täglich größer wurden: denn seine treue Hausfrau hatte ihm während ihres zehnjährigen Ehestandes fünf Kinder geboren und mit Sorge und Kummer sah sie in wenig Wochen ihrer sechsten Niederkunft entgegen. Da seine Schuldner ihn nicht bezahlten, so war eS eine natürliche Folge, daß auch er feine Gläubiger nicht befriedigen konnte; er wurde ebenfalls verklagt, doch war es ihm gelungen, seine Gläubiger nach und nach zu befriedigen, aber alles Geld, was er mit Mühe hatte eintreiben können, war hingeaeben. Er hatte nichts mehr, als eine Reihe kleiner Ausstünde, die er aber als verloren ansehen mußte, und einige wenige, ganz unbedeutende Warenreste. Heute war Josef am frühen Morgen noch vor Aufgang der Sonne vom Hause weggegangen, in der Absicht, einen letzten Versuch zu machen, um vielleicht eine, wenn auch -nur kleine Summe zusammenzubringen, mit welcher er eine kleine Partie Waren einzukaufen im Stande sein werde. „Wenn ich bei einem Kaufmanne in Wien", sagte er zu seiner Frau, „für etwa 2OO Gulden Waren ansnehmen und nur die Hälfte davon bezahlen kann, so wird mir der Kaufmann auf mein ehrliches Gesicht wohl die andere Hälfte borgen. Ich will zu allen meinen Kunden gehen, alten und neuen, guten und schlechten, und um Hilfe bitten. Es ist der letzte Versuch, den ich niachen will!" „Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs wird Dir beistehen, lieber Josef!" So tröstete Rieske ihren betrübten Mann: denn sie merkte wohl, daß seine Zuversicht nur in seinen Aeußerungen sich zeigte, während er in seinem Innern nur geringe Hoffnung hegte. „Wenn alle Welt uns verläßt, so wird Gott uns gnädig und barmherzig sein und uns nicht dem Verderben überlassen, schon unserer unschuldigen Kinder wegen, die ja noch unglücklicher sein würden, als wir, weil sie noch unmündig sind und ohne fremde Hilfe nicht bestehen können. Sei deshalb nur getrost, Josef, es wird gelingen!" Die tiefbetrübte Frau saß nun, als der Abend völlig hereingebrochen war und die Kinder alle irr dem Kämmerlein schliefen, in der Wohnstube bei der spärlich brennenden Lampe und las in dem Andachtsbuche alle jene Gebete, die sie schon längst auswendig wußte, und erwartete mit bangem Zagen die Rückkunft ihres Mannes. Endlich wurde die Haustür ausgemacht und Josef trat in die Stube, hing seinen leeren Zwerchsack, in dem er seine Waren gewöhnlich zu tragen pflegte, an die Wand und setzte sich schweigend in den Hintergrund der Stube, damit das Licht der Lampe nicht aus ihn fallen und die arme Frau nicht sogleich seine betrübte Miene sehen möge. Sie ahnte aber nichts Gutes und das sonderbare, ungewöhnliche Benehmen ihres Mannes bestärkte sie in ihrer Vermutung. Sie war nicht im Stande, vor Zittern den Platz, auf dem sie stand, zu verlassen, und eben so wenig konnte sie eine Frage über ihre Lippen bringen. Joses ging schnell auf die so tief ergriffene Frau zu und sagte: „Rieske, wie hast Du gestern Abend zu mir gesagt, als ich so traurig und niedergeschlagen war und an der Hilfe der Menschen verzweifeln wollte?" Und die weinende Frau fühlte sich plötzlich wieder gestärkt, indem sie ihm erwiderte: „Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs wird uns beistehen!" „Und wenn alle Welt uns verläßt", setzte Josef hinzu, „so wird er uns gnädig und barmherzig sein! — Ja, so ist es, Rieske: alle Welt scheint uns verlassen zu haben. Ich war heilte in acht verschiedenen Dörfern, in mehr als fünfzig Häusern und habe die Menschen bei Allem, was ihnen heilig sein kann, beschworen, mir mit ein Paar Gulden zu Helsen, die ich mit herzlichem Dank und guten Zinsen in höchstens Jahresfrist wieder znrückzahlen würde. Ich habe — die Schamröte tritt mir aus die Wangen, indem ich es sage — ich habe den Leuten früher von mir empfangene Wohltaten und Gefälligkeiten ins Gedächtnis gerufen und fast fußfällig um Hilfe, um nur geringe Hilfe gebeten. — Alles war fruchtlos. Nichts habe ich erhalten — gar nichts! Wo ich am besten wegkam, bedauerte man mit Achselzucken, nicht in der Lage zu sein, mir helfen zu können, man habe genug mit sich selbst zu tun. Oder ich erhielt garharte, schmerzliche Worte und Schimpfreden, man lachte mir kalt und höhnisch ins Gesicht, nannte mich einen unverschämten, zudringlichen Bettler und wollte mich zuletzt gar zur Türe hinauswerfen." „Du armer, armer Mann!", sagte Rieske und vermochte nicht, ihre Tränen zurückzuhalten. „Wie sehr bedauere ich Dich. Ich fühle es in meinem Innern, wie sehr Du durch eine so unverdiente, lieblose und rohe Behandlung gelitten haben mußt!" „Ich wollte dieses Alles und noch Härteres mit Freuden ertragen haben", erwiderte Joseph, „Deiner und der Kinder wegen, wenn ich nur wenigstens teilweise erlangt hätte, was ich beabsichtigte: aber nichts, auch gar nichts habe ich erhalten und mußte doch so ungerechte Vorwürfe, so schniühliche Behandlung mir gefallen lassen: das ging fast über meine Kräfte. Ich war aber auch bei Einigen, von denen ich überzeugt bin, daß sie mir gern geholfen hätten, wenn es ihnen möglich gewesen wäre; ich wußte aber im voraus, daß sie es nicht konnten und habe sie deshalb auch gar nicht angesprochen. Aber wenn ich allzusehr aufgeregt war von jenen bitteren Erfahrungen, so suchte ich Trost und Beruhigung bei diesen braven Menschen und schöpfte neuen Mut, meine Ausgabe zu vollbringen. Ich will vergessen, was ich erduldet habe und von etwas Anderem reden. Aus dem Heimwege habe ich einen Plan gefaßt, den mir der liebe Gott wohl auf mein dringendes Flehen eingegeben hat. Ich habe die kleinen Warenreste, welche noch vorhanden waren, verkauft und ein Paar Gulden dafür eingenommen. Die will ich mit Dir teilen, daß Du mit den Kindern davon leben kannst, so lange ich fort bin. Ich will nach Wien gehen und sehen, ob ich vielleicht für etwa hundert Gulden Waren borgen kann. Es sind dort reiche Kaufleute, mit denen ich zum Teil schon zwölf Jahre Geschäfte mache. Wenn diese Geschäfte auch nur klein waren, so habe ich doch immer ehrlich und redlich bezahlt, was ich schuldig war. Vielleicht find die Menschen in der Residenz mitleidiger, als in den Dörfern: jedenfalls muß ich es wagen. Der liebe Gott im Himmel wird mir beistehen!" Nach zwei Tagen machte sich Joseph auf den Weg, nachdem er herzlichen Abschied von Frau und Kindern genommen hatte. Rieske schwebte zwischen Furcht und Hoffnung: wenn sie jedoch kleingläubig wurde, nahm sie ihre Zuflucht zu einem inbrünstigen Gebete. So ging es fort bis zum vierten Tage, da wurden plötzlich zwei ihrer Kinder krank. Das vermehrte natürlich ihre Sorgen, und in Folge ihrer beständigen Aufregung brachte ihr früher als sie vermutet hatte, die Hebamme schon am folgenden Tage das sechste Kind — ein gesundes, starkes Knäblein — und legte es ihr glückwünschend in die Arme. Die Mutter drückte es seufzend an ihre Brust und sagte: Der Vater im Himmel, der meine fünf Kinder bisher

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