Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. JBlocb’s Mocvenscvrm Seite 499 D i e Wiener israelitischen Frauen- und Mädchenvereine sind in erster Linie hiezu berufen und befähigt, dem Beispiele ihrer-Schwestern in Amerika und Deutschland zu folgen und ihrer Vereinstätigkeit und ihren Bestrebungen auf dem Gebiete der Humanität die rechte, würdige, groß e F o r in zu geben, weil auch Die Aufgaben groß sind, denen sft sich zuwenden, zu denen ihr gutes Herz sie zieht! Es geschieht im Grunde viel — es wird gearbeitet und geleistet in und von j e d e m Vereine — jeder stellt seine Mittel zur Verfügung für die gute humane Sache, aber es ist und bleibt Stückwerk, nirgends ist radikal geholfen, weil der Ueberblick und die Organisation fehlt. Auch ist dadurch dem Mißbrauche Tür-und Tor geöffnet und dies wirkt verderblich, schädlich, oft auch demoralisierend auf die Armen und Hilfsbedürftigen. Die Raffinierten, oft Unwürdigsten erreichen mehr, während die Bescheidenen. Unbeholfenen, Bewegungsunfähigen und Unkundigen verkürzt und leer ausgehen. Wir haben in Wien, wohin alle Bejammernswerten und Beladenen ihren Weg nehmen, so viele edle, opferfähige, gutwillige, arbeitsfreudige und arbeitsfähige Frauen und Mädchen, die sich dem Dienste und der Mitarbeit auf dem Gebiete der Humanität und sozialen Hilfsarbeit gerne widmen und viel leisten, aber sichtbare, tatsächliche, erfolgreiche Besserungen werden durch den Schweiß dieser Edlen nicht erzielt! Soziale Hilfsarbeit muß in großem, gut organisiertem, systemisiertem Style, zielbewußt geleitet, befolgt und auch beobachtet werden — denn Wohltuu wirkt nur dann segensreich, wenn es mit erziehlichen Bestrebungen verbunden ist. Wenn wir nur Mitleid und Erbarmen üben, die Armen beschenken, jeden Verein zu einer .Hilfsstation für sie machen, züchten wir Bettelwesen, erziehen Bettler, welche eine Eristenzberechtigung zu haben glauben, damit die Vereine Beschäftigung haben. Jeder Einzelverein glaubt seine Pflicht zu erfüllen, indem er seine Mittel zur Linderung des Elends verwendet, alle tun dasselbe, aber das jüdische Elend wächst buchstäblich und nimmt immer größere Dimensionen an. — An den Röcken der bettelnden oder in schmutzigen Winkeln darbenden Mütter hängt eine Schar verkümmerter, schmutziger Kinder, Väter postieren sich an frequentierten Ecken mit Krüppeln ans den Armen und einer zerlumpten Schar um sich her, welche jubelnd die milden Gaben entgegennehmen. Wird da nicht Sitte, Ehrgefühl und Arbeitspflicht im Keime erstickt? Arbeitsfähige Weiber bilden dort eine Gasse, wo die Andacht und religiöses Gefühl uns hinführen, und konkurrieren mit hinfälligen Greisen und Krüppeln. Eine große Vereinigung unserer Frauen- und Mädchenvereine, eine Verbindung Aller oder besser gesagt — ein „jüdischer Frauenbund in Wien" könnte aus seinem edlen Material welches ja vorhanden, das schaffen und modellieren, was unbedingt nötig ist, um dem steten Abwärtsrollen der armen Schichten einen wirlsamen Damm zu setzen, um Entsittlichung und Verfall zu hemmen, um uns selbst davor zu schützen, daß, durch Not getrieben, in unserem Volke Elemente wachsen und sich verbreiten, die uns weder Freude noch Ehre machen. Das Wohltuu muß auf erziehliche Grundlage, auf Einfluß übende Methode gestellt werden, muß mit Bedingungen verbunden werden. Wir müssen im Zeitalter des Fortschrittes, der Neuerfindungen Mittel und Wege ersinnen und ausklügeln, um mit der Humanität wahrhaft edle und höhere Ziele anzustreben. Nur in der Verbindung aller F raue n- und Mädchenvereine liegt das Mittel zur Bekämpfung des jüdischen materiellen und moralischen Elends! Wenn eine Brücke geschlagen würde von Verein zu Verein, wenn die Fälle von Hand zu Hand gegeben werden, wenn begonnene Aufgaben solange Sacke der Vereine bleiben, verfolgt und beobachtet werden, bis sie befriedigend gelöst und Resultaten zugeführt werden, behält der Verein Einfluß auf diejenigen, die sich ihm vertrauend und hoffend zugcwendet. Wir lenken und leiten sie, bis sie auf fester und sittlicher Grundlage stehen. Das Heer der Elenden wird auf diese Art verringert und wir können mit der Zeit aus solch' erhobenen Elementen dankbare Mitarbeiter für die gute Sache erzielen und erlangen. Die Reihen der Hilfesuchenden müssen, während man ihnen human nndhilfsbereit entgegenkommt, auch stiller Prüfung und Musterung unterzogen, ihre Eignungsfähigkeit ihnen klar gemacht werden, das Ehrenvolle, welches in der Ausübung eines jeden nützlichen Berufes, die Erhebung zu einem brauchbaren, nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft, die in jeder praktischen und ehrlichen Beschäftigung liegt, muß ihnen geduldig und liebevoll dargelegt werden. Wer anders als intelligente Frauen und Mädchen eignen sich für solch' edle, segensreiche Beschäftigung! Die milde belehrende Sprache in schwesterlichem oder mütterlichem Tone findet den besten Weg, selbst zu unerzogenen, fehlerhaften, entmutigten und auf falscher Bahn stehenden Menschen. Wie oft wurden schon gute Ideen geäußert über Heranbildung jüdischer Dienstmädchen, Stubenmädchen, Kinderfrauen, Krankenpflegerinnen, Bedienennnen rc. Anfänge sind nach mehreren Richtungen hin gemacht — hie und da funktionirt auch eine und die andere Institution, aber nur wie ein schwacher Versuch — wie ein Probewerk ohne Aufschwung, ohne Wirkung. Mit der Devise: „Viribus Haitis!“ möchten unsere Wiener jüdischen Frauen- und Mädchenvereine alles in eine gesund und frischpulsierende Bewegung, in einen praktischen, schönen Kreislauf zu fruchtbringender Entwicklung bringen! Manche Beute würde dem Laster, Viele der Entmutigung, der Verstumpfung. Versumpfung und dem Verfalle entrissen und auf d i e Bahn geleitet, die ihnen selbst und der Allgemeinheit zum Wohle würde! Vor allem müssen Kinderbewahr-, Erziehungs- und Berpflegshänser entstehen, um mancher Mutter die Bettelgelegenheit zu nehmen, die Ausrede, sie könne nichts arbeiten, um den Kleinen bessere Erziehung zu geben. Diesen Instituten könnte die Heranbildung der Kindermädchen, Dienstmädchen und Kinderfrauen angegliedert und von da den Parteien anempfohlen werden. Das jüdische Dienstmädchen batte hier eine schützende Heimstätte und würde weder gewissenlosen Bettfrauen noch korrupten Dienstvermittlungen in die ansbeutenden Hände fallen. Die ohne Halt und Stütze, ohne ehrlichen Rat in der Großstadt umherirrenden jüdischen Mädchen klammern sich, um eine ersehnte Versorgung zu erreichen, an die unvernünftigsten, existenzlosen Eheschließungen an und vermehren dann in trostloser Lage das große Heer der elenden Geschöpfe. Haben dieselben aber stets das Gefühl und Bewußtsein eines Schutzes, so rennen sie nicht so blind in ihr eigenes Verderben. Wenn die von einem „Frauenbünde" hiezu organisierte Sektion den jüdischen Dienstmädchen zu bestimmten Zeiten geselligen Verkehr, bildende Vorträge, Vorlesungen und auch manchmal ein Vergnügen bietet und denselben das Ehrenhafte ihrer Tätigkeit iin Familienkreise, dem sie zum Teil ja angehören, Vorhalten, anderseits auch die Dienstgeber günstig beeinflußt ui-b ihnen erklärt wird, wie es unserer ökonomischen Lage zum Vorteil gereicht, den Dienstlohn und die Versorgung wo möglich dem jüdischen Mädchen zukommen zu lassen, erwächst in dielen Mädchen dann wieder eine gute Kultur für spätere jüdische Geschlechter. So könnte nach allen Richtungen hin bewiesen werden, daß durch eine große, gut organisie te Vereinigung, durch einen jüdischen Frauenbund (zuerst in Wien) auf allen Gebieten des Wohltnns größere und gründlichere Resultate zu Tage treten könnten, als durch die anstrengendste Tätigkeit der separierten Vereine. Die Tätigkeit dieser soll ja fortgesetzt werden, aber einmünden ins große Zentrum — auch aus ihm Kräfte holen, wo größere Anstrengungen nötig, jedoch das zur Fortsetzung übergeben werden, was aus dem Rahmen jeder Vereinstät-gkeit heranstritt — was über seine Grenze geht. Nur s o kann Großes und Vollendetes durch Frauenarbeit geleistet werden. _ R o s a S t r a n s k y. Korrespondenzen. „Fälscher und Betrüger". Unter vorstehender Ueberschrift brachten wir an leitender Stelle in der letzten Nummer nuferes Blattes nach eitler uns zugekvmn.enen Liste eine Zusammenstellung aller jener bedeutenderen Defraudationen, welche in ganz Oesterreich-Ungarn vom Jniii 1873 bis Oktober 1902 begangen wurden. Es waren 96 Fülle mit Betrügen über X 10.000 und die Liste zeigt bei namentlicher Aufführung 10 Juden und 86 Arier. Bei einer Nachführnng zeigt sich aber diese Liste als ungenau und das wirkliche Verhältnis für die Inden ungleich günstiger. Als Jude wurde aufgeführt unter anderen auch Eduard B a l d e y, der aber ein Arier war. Ferner wurde genannt Max B r e i t u e r, der nur irrtümlicherweise in diese Lifte mit ausgenommen worden sein kann; wir bedauern das ans das Lebhafteste. Im Falle Max B r e i t n e r war ein einfacher Kridafall Vorgelegen und sind, wie uns von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt wird, sänitliche Gläubiger seit Jahren befriedigt worden. Die jüdische Liste vermindert sich somit von zehn auf acht, die Liste der arischen Defraudanten erhöht sich von 86 auf 87. Wien. (Weltausstellung in St. Louis.) Ter Dozent am Technologischen Gewerbemuseum Dr. Paul Cohn wurde mit der offiziellen Berichterstattung über gewerblichtechnische Fragen mit besonderer Berücksichtigung der Organisation und Einrichtung technischer Lehranstalten betraut. Dr. Paul Cohn wird sich im August l. I. nach St. Louis begeben. Am Hofe des Kaisers von Japan ist ein österreichischer Arzt Dr. Eniil Rothmann zum Leibarzt des Kronprinzen Joschibito aufgerückt und wegen seiner Verdienste um die Gesundheit des Kronprinzen und der Prinzessin zum Marquis ernannt worden. Dr. Rothmann, der aus Wien stammt und im Alter von 25 Jahren steht, erfreut sich eines großen Ansehens beim