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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 496 Dr. Dlocb's 'Mocbenscbrm. Nr. 31 um es Voraussagen zu können, daß die meisten dieser neuen Advokaten in ihrem Berufe nicht auf Rosen gebettet seien, daß sie keine Seide spinnen, keine Schätze sammeln und kein üppiges Wohlleben führen werden. Und doch kann es die Wortführerin unserer frommen Klerikalen nicht verwinden, daß unter jenen, die da ein schlechtes Dach und ein Unterkommen gefunden haben, das wahrhaftig notdürftig genug ist, sich ein paar Juden befinden. Sie haben sogar — horribile dietu! — auch da die Majorität, die Majorität bei der Fahrt in's Elend. Es leuchtet sofort ein, daß diese Entrüstung nicht recht logisch ist. Bestünde nicht der fromme Trieb, den Juden bei jeder Gelegenheit und um jeden Preis eines am Zeuge zu flicken, so wäre es ja viel folgerichtiger für die klerikal-antisemitische Auffassung, sich darüber zu fteuen, daß die Juden gerade da in der Majorität sind. Die Erregung wäre begreiflich, wenn sie die Majorität hätten bei der Besetzung der Stadtratsstellen oder der sonstigen Würden, welche die heutigen Machthaber zu vergeben haben und deren sich die Kapazitäten von so umfassendem Wissen und so tiefer Bildung wie Bielohlawek und Konsorten in so erfteulich ausgiebigem Maße zu erfreuen haben. Aber so?! Haben die Juden eine der Sinekuren im Landesausschuß, bei der Verwaltung der Stadtbahn, der Elektrischen, des Gaswerkes oder sonst bei den industriellen und finanziellen Unternehmungen der Stadt oder des Landes? Ueberschwemmen sie sonst die besten Plätze in den Ministerien, bei den politischen Behörden, bei den Gerichten oder sonst überhaupt im Stacktsdienst? Durchaus nicht; sie sind nur dort in der Majorität anzutreffen, wo das sichere Elend ihrer harrt. Und dennoch die Wut der Klerikalen, der Frommen im Lande! Die Albernheit der „Reichspost" wäre ganz unbegreiflich, wenn sie nicht aus dem psychologischen Motiv heraus, Hepp-Hepp zu schreien, wenn die Juden erwähnt werden, zu erklären wäre. Das ist derselbe Anreiz, dem die holde Blüte der unter klerikal-antisemitischem Einfluß herangebildcten Straßenjugend bei gegebenem Anlasse nicht zu widerstehen vermag. Es hat keinen Sinn, aber wohl tut es doch. Eines ist dabei auffällig. Im Gegensatz zu den meisten übrigen antisemitischen Preßorganen hat die „Reichspost" wenigstens den Mut, sich offen als klerikal und als fromm — es ist nicht immer dasselbe — zu bekennen. Das wäre ja nun ganz respektabel. Niemals aber und in keinem Falle hat sie auch den Mut bekundet, der brutal ausgehetzten Menge gegenüber ihren religiösen Standpunkt zu behaupten und. wenn sie die Juden schon als Feinde betrachtet, die Lehre „Liebet euere Feinde" zu verkünden. Es ist immer nur der Haß, den sie predigt, Feindseligkeit, die sie säet, Aufreizung, und Erbitterung, die sie verbreitet, und wäre es, wie in diesem Falle, von aller Religion abgesehen, selbst auf Kosten des gesunden Menschenverstandes. Einigermaßen müßte sie doch in Verlegenheit geraten, wenn man sie verhielte, aus ihren Absurditäten die logischen Konsequenzen zu ziehen. Die Juden sind einmal auf der Welt; sie mit Schwert und Spieß oder mit Hilfe von Scheiterhaufen-aus der Welt zu schaffen, geht nicht wohl an, und wenn Mechaniker Schneider durch Einführung des Schuß - geldes aus Juden den finanziell bedrängten Anhängern der Religion der Liebe aus die Beine zu helfen wünscht, so geht es doch nicht gut an, daß auch das Organ der Geistlichkeit sich zu einer solchen Praxis bekenne. Es gibt kein Gebiet menschlicher Tätigkeit, auf welchem den Juden eine Entfaltung ihrer Kräfte vergönnt würde, Advokaten sollen sie nicht werden, Aerzte auch nicht. Gelehrte und Professoren gewiß nicht — es muß doch die Wissenschaft vor Verjudung bewahrt werden. Handwerker sollen sie nicht werden, denn der Gewerbestand muß geschützt werden; Landwirte nicht, damit der Bauer nicht zu Grunde gehe. Daß sie Kaufleute und Finanzmänner sind, ist der ewige Vorwurf, der ihnen gemacht wird. Beamte, Richter, Minister, Offiziere werden sie so wie so nicht — und wenn sie es einmal zufällig wecken — welch' ein Geschrei! Was sollen sie also tun? Das ist die Frage, auf welche wir einmal Antwort haben möchten. Die Ungereimtheit der Hetze ist ihrer ungeschwächten Fortsetzung in inünitum nicht hinderlich. Acht Juden sind wieder Advokaten geworden — die Zahl ist nicht gar zu erschrecklich — und die fromme Agitation kommt zu dem wirksamen Schluffe, schmerzbewegt auszurufen: „Armes Recht!" Die Infamie zu Anfang und zu Ende, Infamie hinten und vorne! Das ist, um das Kind nur beim rechten Namen zu nennen, öffentliche Brunnenvergiftung. Es ist von den Herren nicht zu verlangen, daß sie sich ein halbwegs zutreffendes Bild von der modernen Entwicklung des Rechtswesens in Oesterreich machen. Könnten sie das, so würde ihnen unmöglich entgehen können, welcher Anteil an der mustergiltigen und schulbildenden Entwicklung dabei gerade jüdischem Einfluß zuzuschreiben sei. Das Alles gilt in dem Momente nichts, wo eine Gelegenheit sich darbietet, die öffentliche Meinung zu vergiften und eine gläubige, aber betörte Menge mit allen Mitteln der Lüge und der Verleumdung aufzuhetzcn selbst wider besseres Wissen. Da hat man nun allerdings kein Recht, sich über das absolutistische Rußland zu entrüsten, wo das Volk absichtlich im Interesse des herrschenden Systems in seiner tiefen Rückständigkeit erhalten wird. Es kommt, bei Lichte betrachtet, hier wie dort auf dasselbe hinaus. In Rußland hat man sich jetzt sogar entschlossen, den Juden einige Erleichterungen zuzugestehen. Man hat ihnen in den letzten Tagen eine gewisse Freizügigkeit eingeräumt. Sie dürfen nunmehr wenigstens ihr Elend von einem Gouvernement ins andere tragen. Der russische Regierungsliberalismus gleicht einem automatischen Apparat, der selbsttätig sein Ventil öffnet, wenn Not an Mann ist, und es selbstherrlich wieder schließt, wenn die dringendste Not wieder vorbei ist. Bisher war in Rußland nur die Not der Juden eine grenzenlose; nun hat sie übergegriffen — eine verheerende Wirkung des Krieges — auch auf das ganze übrige Volk. Es ist erschütternd zu lesen, wie arme Mütter — es sind nicht jüdische Mütter — ihre Kinder ausleihen, sie verkaufen, verschenken wollen, weil sie sie nicht mehr ernähren können. Die Not reicht auch hinauf bis in die Staats- und Kriegskassen. Da funktioniert denn der automatische Apparat und öffnet das Ventil. Der Moment ist gekommen, da man das Kapital, auch das jüdische, günstig stimmen und für sich gewinnen möchte, und da wird eine Klappe aufgemacht. Und die Juden empfinden auch das schon als Wohltat. Verwöhnt hat man sie ja wahrhaftig nicht, nirgends in der weiten Welt. Wo ist das Volk, das soviel gelitten hätte und dabei doch noch nicht zu Grunde gegangen ist? Das ist die schlechte Rasse. >Vhig. »Iudischer Frauenbund." In Nr. 26 der „Oesterreichischen Wochenschrift" wird von Frau Jda Oppenheim eine beherzigenswerte Anregung gegeben, durch Vorführung der Idee des Frl. Pappenheim in Frankfurt a. M. einen Bund jüdischer Frauenvereine zu gründen. Die für jüdische Interessen so warmfühlende, ideal begeisterte, praktisch denkende und gewandte Schreiberin ist eben auch durchdrungen von der Ueberzeugung, daß vereinte Kräfte, vereintes zielbewußtes Streben, Größeres und Vollendeteres leisten könnten als die zersplitterten, immer in eigenen Bahnen wandelnden, sich hie und da begegnenden, aber nie durch Organisation i n e i n a n d e r g r e i f e n d e n, nie sich gegenseitig ergänzenden Vereinignngen von Frauen und Mädchen. Tendenz und Grundidee aller Vereine ist es, durch vereinte Kraft edlen Zielen zuzustreben, Zusammengehörigkeitsgefühl zu wecken, zu Pflegen, zu erholten und Humanität zu üben. Ein edler, menschenliebender Funke glimmt in jeder Brust, die sich einer Mehrheit anschließt, ihren Obolus entrichtet, um die Arbeit ans dem Gebiete der Humanität zu unterstützen. Es gibt in der Wiener jüdischen Bevölkerung sehr wenige, die nicht irgend einem humanen Vereine angehören. Und jeder unserer Vereine hat das Streben, Nützliches zu leisten und Gutes zu üben. Aber leider geht durch all diese Bestrebungen derselbe und gleichartige Schwächezustand! Keiner unserer Frauen- und Mädchenvereine ist i.n Stande, allen an ihn gestellten, dringenden Anforderungen gerecht zll werden, Begonnenes ganz und umfangreich zu vollenden, alle sich gestellten Ziele zu erreichen. Einmal ist Mangel an Arbeitskräften, dann wieder fehlen die Geldmittel, um allem nachzukommen. In solchen Fällen muß man sich damit zufrieden geben, wenn es gelingt, einen Teil des sich selbst gestellten Programmes zu erfüllen, und ist es dann gewiß schmerzlich, beim besten Willen „H a l t" machen zu müssen mit dem Trostworte: Man tut, was man kann, oder beffer Etwas, als gar nichts". Aber dies darf und soll uns nicht genügen.

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