Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 31 Dr. JSlocb’s MocvenscvrM. Sette 497 Einfluß auf dem Gebiete der Industrie und des mit dieser engstens verbundenen Handels naturgemäß in er st er Reihe dem jüdischen Element. Durch eine verfehlte Politik der Isolierung und „Reinheit" hätten die Deutschen niemals ihre wirtschaftliche Macht erlangt, welche die wesentlich st eBürgschaft der politischen Macht bildet. Daß das V e r d i e n st in der industriellen und Handelsentwicklung nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein allgemeines Sozial- und K u l t u r v e r d i e n st ist, bedarf wohl keiner weiteren Ausführung. Dr. W. Schufte r. * -i- * Der Anteil der Juden am nationalen Leben der Czecho-Slaven bildet eine der häufigst ventilierten Fragen in der czechichen politischen Oeffentlichkeit. Leider mußte man bisher immer jede objektive Kritik bei ihrer Diskussion czechischerieits fast gänzlich vermissen. War schon die ältere czechische Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung dem Jndentume gegenüber nicht unparteiisch — wie dies selbst einem PalackF infolge seiner späteren politischen Voreingenommenheit gegen die Deutschen, Magyaren und besonders gegen die Juden in der Presse und in der Politik seine enthusiastischen Bewunderer Prof. Dr. K a i z l und Prof. Dr. I. P e k a f ausdrücklich nachsagen mußten — so herrschte in der czechischen Volkswirtschaftslehre bis auf wenige rühmliche Ausnahmen erst recht der einseitige nationale Chauvinismus. Die Nationalökonomie bei den Czechen hatte ihren ersten namhaften Vertreter an Dr. Fr. L' R i e g e r, welcher sich bekanntlich für's Lehrfach dieser Wissenschaft vorbereitet hatte. Dr. Rieger kannte aus seinem regen und freundschaftlichen Verkehre mit dem jüdischen Industriellen Leopold L ä m m e l u. a. gewiß schon seit 1848 die wirtschaftliche Bedeutung der Juden, die er zeitweise auch gerecht zu beurteilen wußte, während später, wie PalackH so auch ihn seine politischenMißerfolge zu manchen einseitigen Aeußerungen in der sogenannten „wirtschaftlichen Judenfrage" verleiteten An der czechischen Universität lehrte zuerst Rieger's Schwiegersohn Nationalökonom Prof. Dr Albin B r ü f, ein klerikaler Parteigänger, dessen wirtschaftliche Grundsätze am besten dadurch gekennzeichnet sind, daß er die größte Stütze der ultramontanen Revue „Blast" bildet. Redakteur dieses Braf'schen Leiborganes ist der berüchtigte Hetzkaplan S f r b {e, ein Kampfhahn, dessen wütende Ausfälle gegen den Dichter Jan Neruda seinerzeit die gesamte czechische Schriftstellerwelt in Aufregung versetzte. Mit diesem Jesnitenpater 8 k r d l e gemeinsam kämpft der Nalionalökonom Prof. Dr. Albin B r ä f im ultrareaktionären Parteilager, wo B r ä f's ätzende Schärfe seit jeher durch seine galligen Polemiken der Riege r'schen Politik die erbittertesten Feindschaften eintrug. Erst unlängst hielt Prof. Bräf auch in einer czechischen Landstadt einen Vortrag über das berüchtigte Schlag it)ort„Svuj ksvömu", das er zum czechischen nationalökonomischen Programm erhebt. Inwiefern sich derartige, exklusiv nationalistische Zukunftspläne bei einem kleinen Volke, in der geographischen Lage der Czechen, erfüllen können, hat den Czechen einer ihrer hellsten Köpfe, der Nationalökonom Prof. Dr. Kaizl, klar und wahr mit gewohnter kritischer Nüchternheit gelegentlich vorausgesagt. Dem politischen Schlager „Svuj k sv<§mu!" gegenüber stellte der nüchterne Denker Kaizl mit vornehmer Ruhe seine These auf: „Unser czechischerNationalisnius kann dem heutigen internationalen O e ko nomismus unmöglich standhalten" und in diesem Sinne wirkte Kaizl auch als Professor der Nationalökonomie m.d als praktischer Politiker, dessen Stellung zum Judentum überhaupt seinem wissenschaftlichen Freisinn entsprach. 1 Zu K a i z l's Schule zählt auch Dr. W. S ch u st e r, der eine juridischen Studien an der Prager czechischen Universität mit ausgezeichnetem Erfolg absolvierte, sodann die Universität Halle a. S. bezog und nach kurzer Rechtspraxis 1896 zum Konzipisten der Handels¬ und Gewerbekammer in Budweis ernannt wnrde. Der nationale Kampfplatz in Budweis, wo Czechen und Deutsche seit Jahrzehnten mit Aufwand aller Kräfte einander gegenüberstehen, bildete wie für viele Journalisten, Advokaten auch für Dr. S ch u st e r eine sehr gute Einführung und Schulung zur öffentlichen Tätigkeit, denn in der Handelskammer hatte er reichlich Gelegenheit, die kulturellen Streitkräfte beider Nationen im Schulwesen, im Handel, Gewerbe und Industrie gründlich aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Von seinem erschöpfenden Studium zeigt denn auch die in der Wochenschrift „Zeit" (1899) erschienene Abhandlung „Die nationalen Momente in der wirtschaftlichen Organisation", wo Dr. S ch u st e r bereits auf Grund seiner Budweiser Wahrnehmungen und Erfahrungen das Falsche und das Unwahre, daher auch die konsequente Undurchführbarkeit des wirtschaftlichen „Svfij k svswu" nachwies, ohne sich vom czechischen Kampfgeschrei in seinen Reformvorschlägen beirren zu lassen. Während der, persönlich allerdings integre und für seine Partei überaus aufopfernde Czechenführer Dr. Aug. Zätka in Versammlungen des czechischen „Böhmerwaldbnndes" noch immer von „prosperierenden" czechischen Handels- und Jndustrieunternehmungen sprach, fand Dr. Schuster den Mut, ganz offen zu zeigen, daß gerade die auf dem Prinzips der „nationalen Selbsthilfe" nach unsäglichen Kämpfen und mit großen Opfern gegründete czechische Aktien-Düngerfabrik, sowie die czechische Faßbinderei nach kurzem Bestände kläglich zu Grunde gingen und viele ihrer Teilnehmer und Aktionäre als Opfer der nationalen Vertrauensseligkeit total ruinierten. Andere auf lanqe Jahre hin fühlbar schädigten, freilich auch einigen durchaus skrupellosen „Unternehmern" wieder zu plötzlichem Wohlstände verhalfen — auf Kosten der geschädigten und arg kompromittierten nationalen Gesamtheit. Seit 1909 als Vizesekretär der Prager Handels- und Gewerbekammer tätig, entfaltet Dr. S ch u st e r hier auf allen Gebieten eine fruchtbare organisatorische Tätigkeit, der seine nationalökonomischen Studien in fast allen czechischen Revuen aufklärend Vorarbeiten.Seine„Lehrlingsfrage", „Handwerkerfrage" und „L e h r l i n g s h e i m" führten ihn zu schätzenswerten organisatorischen Neuerungen in dem von der Handelskammer errichteten „Gewerbeförderungsinstitute", seine Arbeiten über die sogenannte „Budweiser Frage" gehören zum Besten, was hierüber vom wirtschaftlichen Standpunkte überhaupt geschrieben wurde. Hier finden wir wohl auch die ersten Grundlagen zu des Verfassers Anschauungen über die Juden als Handels- und Industrie-Element, sowie überhaupt als Kulturfaktor für die Czechen im czecho-slavischen Sprachgebiete. Im Jahre 1898 stellte Dr. Schuster im czechische» Wahlmänner-Kollegium den Antrag, in die czechische Kandidatenliste für den HI. Wahlkörper der Budweiser Gemeindevertretung, der Teilnahme der czechischen Juden entsprechend, auch zwei jüdische Kandidaten auftunehmen. Nach seinen Budweiser Erfahrungen hatten die Czechen von keiner „Verjudung" Etwas zu befürchten, im Gegenteile versprach sich Dr. S ch u st e r von der Betätigung der Juden an gesunden czechischen Handles- und Jndustrieunternehmungen nicht nur eine gedeihliche Entwicklung dieser, sondern auch eine ehrliche Kontrolle, welche ähnliche Katastrophen, wie die der falliten Düngerfabrik und Binderei, ausschließen müßte. Prag, 12. Juli 1904. Dom Jahrmarkt des Lebens. GLoffen zur Tagesgefchichle. (D as Elend der studierten Leute. — Die Vordringlichkeit der Juden. — Die Fahrt in's E lend. — Was soll mit den Juden geschehen? — DieFreizügigkeit in Rußland.) Nach einer etwas verspäteten amtlichen Mitteilung find im Monate April neun und im Mai fünf, also in den genannten zwei Monaten zusammen vierzehn neue Advokaten zu den in Niederösterreich bereits wirkenden Rechtsvertretern hinzugekommen. Man kennt ja im Allgemeinen die Verhältnisse unseres Advokatenftandes, man weiß insbesonders, wie sehr ihren Angehörigen die Existenzbedingungen seit Einführung der neuen Zivilprozeßordnung erschwert und verschlechtert worden find. Es gibt kaum einen Stand, der schwerer bedrückt wäre, und in Erwägung aller Umstände mag es wohl kein leichter Entschluß sein für einen Mann, der sich an zwanzig Jahre lang durch alle Studien und Prüfungen durchgeschlagen hat, fich gerade diesem Berufe zu widmen, der so verzweifelt geringe Zukunftsaussichten bietet. Zum Vergnügen faßt wohl Keiner einen solchen Entschluß. Der Ausweg wird gewählt, wenn fich gar keine andere Aussicht darbietet. Man hat in früheren Zeiten viel gesprochen und geredet von dem Beamtenelend, das geradezu sprichwörtlich geworden war. Die Verhältnisse der Beamten haben sich nicht wesentlich verändert, aber das allgemeine Bedauern wird doch nicht mehr laut. Es geht nämlich in den anderen Berufen der ähnlich qualifizierten Klasse noch schlechter. Wer heute Advokat wird, würde viel lieber noch Beamter werden, aber die Beamtenlaufbahn ist nur gewissen Auserwählten zugänglich und zu diesen zählen bekanntlich die Angehörigen des auserwählten Volkes nicht. Unter den vierzehn neuen Advokaten befinden fich, wie die „Reichspost" mit frommem Ingrimm feststellt, acht Juden. Da hätten wir also wieder ein schlagendes Beispiel von der übrigens längst notorischen Vordringlichkeit der Juden. Es find noch einige Plätze frei im Omnibus zur Fahrt in's Elend. Wer drängt fich herbei, wer kämpft um die Plätze? Die Juden. Und da soll ein ftommes Gemüt nicht wild aufwallen im heiligen Zorn! Man braucht kein alttestamentarischer Prophet zu sein,