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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 494 Dr. Blocb’s Mocbenscbuift. ’Jii, 31 von Verdiensten aufzuweisen, sich durch Gemeinsinn und Wohltätigkeit, durch ihren reinen, makellosen Lebenswandel bemerkbar zu machen. Ein edler Wettstreit entstand dadurch unter den Gemeindemitgliedern, jeder suchte den Andern im Wohltun zu überbieten. In unserer Zeit hingegen fehlt jede Anspornung, hat man überhaupt der. edlen Verdienste nicht nötig, um es zu Rang und Stelle in der Gemeinde zu bringen. Wozu die Wcrktätigkeit? Sorge nur dafür, daß sich Dir der Beutel gehörig fülle, ob durch redliche oder unredliche Mittel, dies bleibt sich gleich. Genug, um den köstlichen Inhalt Deines Beutels kaufst Du Dir Ruhm und Ehre die Menge, und wenn Du einst nach gesättigter Geldgier von Deinen Kindern zur letzten Ruhe gebettet wirst, so wird der Stein von Dir was zu erzählen wissen, von dem Du zeitlebens gar keine Ahnung hattest, und erst jene lebendigen Trompeten, die werden Dir was vorblasen, daß, wenn Du nur wach wärest, Du gewiß fragen würdest: Wer ist nur die Weltgröße, der ein solches Loblied angestimmt wurde? Noch tiefer aber in dem Boden der Menschenliebe wurzelt die scheinbare Grausamkeit, mit welcher unsere Vorfahren den Selbstmord über das Grab hinaus verfolgten. Keineswegs wäre es anzunehmen, daß sie kein Herz gehabt hätten für menschliche Leiden, für Jammer und Verzweiflung, die den Tod oft als den einzigen Rettungsanker erscheinen lassen. Sie, die alle Martern der Hölle an sich selbst probiert hatten, die selber im Leben durch ein Meer von Blut und Tränen sich durcharbeiten mußten, wie wäre es nur möglich, daß ihnen der Sinn für Mitleid, Teilnahme und milder Beurteilung verzweifelter Schritte abgeheu sollte? Aber K'en .tfjjt von ihnen tiefempfundenen Schmerzen ihrer Zeit waren Ursaö^Udaß sie den Selbstmord so rücksichtslos verurteilt haben. EsWylt, ein abschreckendes, warnendes Bild für die Lebendigen hMustellen. Bei der trostlosen Lage der damaligen Juden, wie leicht hätten sich die Selbstmorde zu Massen apgehäuft, wenn nicht jene Schmach vorauszusehen gewesen wäre, die Einen nach einem gewaltsamen Tode erwartet und die tatsächlich geeignet war, in dem letzten entscheidenden Moment Einen davon abzuhalten, nach der Waffe oder nach dem Giftbecher zu greisen, um mit diesen seinem traurigen Dasein ein Ende zu machen. Sie kannten die menschliche Psyche und wußten, daß die Ehre einer jener mächtigen Faktoren in dem menschlichen Leben ist, die Einen bis zur äußersten Grenze des Daseins begleiten. In der Tat lassen die meisten Selbstmörder von sich Spuren zurück, die deutlich darauf Hinweisen, daß sie in dem letzten Augenblicke von Eitelkeit nicht frei waren, indem manche von ihnen sich ftüher schmücken und in Galagewänder hüllen und manche wieder in ihren zurückgelassenen Briefen an Freunde und Verwandte ruhmredig von ihrem Todesmute sprechen. Auf diesen Umstand menschlicher Schwäche bedacht, verfuhren eben unsere Alten so rücksichtslos mit dem Leichnam eines Selbstmörders, damit die Lebenden diese Schmach immer vor Augen haben und in einer bösen Stunde schaudernd daran gemahnt werden, was für Schande sie durch einen solchen Verzweiflungsschritt über sich und ihre Familie herausbeschwören! Jetzt aber ist es anders geworden, und dennoch machen es unsere traurigen Zustände, namentlich die in der letzten Zeit bei der jüdischen Jugend sich häufenden Selbstmordfälle, just jetzt nötig, diesem traurigen Spiel einem Damm zu setzen . . . Wer diese traurigen Zustände verschuldet — niemand anders als wir selber, die Eltern, wir, die wir unsere Kinder in verfehlter Weise erziehen, indem wir ihnen nichts bieten, was sie für ihren Fortbestand, für ihren moralischen Halt im Leben nötig haben . . . Der Junge wird in die Schule geschickt, damit glauben wir unserem Pflichtgefühle als Eltern Genüge getan zu haben. Wir vergeffen aber dabei, daß die Schule und das elterliche Haus, wie Kopf und Herz, sich gegenseitig ergänzen müssen. Ohne häusliche Erziehung, ohne elterliche Liebe verkrüppelt das Kind an Herz und Geist wie eine zarte Pflanze ohne Sonne und Regen. Wir aber übergeben das Kind der Schule und kümmern uns nicht weiter um dasselbe. In der Schule lernt es wohl etwas, aber unterdessen wuchert in ihm fort das Unkraut des Verderbens, das sehr oft durch die Schule nur an Keimkräften gewinnt, denn Wissen und Kenntnisse bedeuten zuweilen für das korrupte Herz dasselbe, was Sonne und Regen für das Dornenfeld. Nach und nach wird das eigene Kind uns entfremdet, denn wir beschäftigen uns nicht mit ihm, widmen ihm nur äußerst selten unsere Zeit und tun nichts dazu, sein kindliches Herz an uns zu ketten. Das Dornenfeld bringt unterdessen zur Reife verschiedene Giftpflanzen, die in gleißnerischen Farben dem Auge sich darstellen, nämlich trotzige Selbständigkeit, krankhafte Ehrsucht, hohen Eigendünkel und Aehnliches mehr. Mit der Zeit verlernt das Kind es ganz, uns zu lieben, ja verliert jede Achtung vor uns. Nicht selten bekommen wir es zu hören, wie so ein kleiner Gymnasiast geringschätzig seinen Vater mit dem Namen bezeichnet „Der Alte", wie etwa der Ueberlcbte. „Der Alte darf davon nichts wissen!" „Der Alte bleibt vom Hause heute weg!" und in ähnlicher Weise. Allerdings haben wir gottlob auch eine guterzogene Jugend, die schönere Ideale mit in die Zukunft hinübernimmt, aber, wie gesagt, ich spreche nur von einem großen Teil derselben, von welchem ich den Schicksalsgang des Einen oder des Andern hier weiter verfolgen will. Mit dem Maturitätszeugnis erhält der noch ganz grüne Junge einen Freibrief an das Leben, in das er mit dem ganzen Feuer und dem Ungestüm der ersten Jugend hineintaumelt. Jede Nacht tanzt er auf einem andern Balle, wo er in dem heißen Tanzsaale, früher als zu erwarten, sein bischen Latein ausschwitzt und mit diesem alle Ideale seiner Jugend, wenn noch welche in seinem Herzen versteckt waren. Ein anderes Ideal beutelt jetzt sein ganzes Nervensystem: „Sich ausleben — der Mensch muß seine Individualität ausleben!" Und er lebt seine Individualität aus. Er schwärmt für sreie Liebe, für den Nictze'schen Uebermenschen, er stürzt sich von Genuß zu Genuß. Der „Alte" muß natürlich das Geld dazu hergeben, wohl nicht willig, dafür aber aus Furcht, denn der mit moderner Weisheit vollgetränkte Jllnge wäre jetzt zu allem fähig. . . . Um nur kurz zu sein, nach kaum drei oder vier Jahren hat er sich bereits ausgelebt, ist er ein junger Greis, kahlköpfig, mit einem Herzen wie ein ausgebrannter Vulkan, mit stets geröteten und überwachten Augen, ein blasierter Mensch, den nichts mehr freut, für den das Leben gar keinen Reiz mehr hat, der sich überall langweilt, ja, in der anmutigsten Damengesellschaft sich zu Tode ennuyieret und mit kaum nur schwerer Mühe jedesmal ein Gähnen unterdrückt. Da wird dieses seichte, schlammige Leben von einem plötzlichen Sturme ergriffen — von einer ihm bis jetzt unbekannten Leidenschaft. Ratlose Verzweiflung, er ist dem innern, in ihm tobenden Sturme ganz überlassen, ohne ein Mittel zu kennen, wie diesen zu beschwören. Der Leidenschaft Herr zu werden — das geht über seine Kräfte. So lange zu kämpfen und zu ringen, bis er den Gegenstand seiner glühenden Leidenschaft sich erobert — dazu fehlt ihm die geistige Elastizität, die Schwungkraft der Jugend. Sich der heilsamen Zeit überlassen, dazu gehören Geduld und Besonnenheit, und wo soll er diese hernehmen, er, der immer so rasch gelebt hat und dem die gebratenen Tauben immer in den Mund geflogen sind. Kein Ausweg, nur ein einziger — der Tod. Und was kann ihn da abhalten, sich durch dieses offene Pförtchen davon zu stehlen? Die Religion — die ist ihm ein fremder Begriff. Der natürliche Hang zum Leben — er hat sich ja lange schon ausgelebt. Die Liebe zu den Eltern — von dieser findet sich keine Spur in seinem Herzen. Ein Gefühl lebt allerdings noch in ihm, das noch nicht ganz flügellahm ist, und das ist der Ehrgeiz, der noch im Stande wäre, ihn von einem verzweifelten Schritte abzuhalten; aber eben dieser Ehrgeiz ist es, der in ihm den grauenhaften Gedanken zur Reife bringt. Da hat er selber vor einiger Zeit dem Leichenbegängnisse eines Selbstmörders beigewohnt und dieser wurde am Grabe von beredten Zungen als großer Held gefeiert, als todesmutiger Märtyrer — auch

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