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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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..-: Ur. 31 Jahrgang XXI 4 Dr. Bloch’s Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. L. k. Postsxarrassrn-Arnt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Lrdartton unv AdmwistraUo«: Vir« IX/1, Verggsffr Nr. 39. T«lephon Nr. 14.847. #= Wien. 29. Jnli 1994. Erscheint jeden Freitag. - >^> -» <■ - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Dloch'S Wochenschrift, Wien. -M »rpigSPrei» fllr Srstrrrrtch: Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare Sv Heller. Für'» Ma»l«aü»r Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 ■ Anzeigen: Die4malgaspalte»« Patitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Die Alten und die Jungen. — Der Einfluß des jüdischen Elementes auf die moderne volkswirtschaftliche Entwicklung. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — „Jüdischer Frauenbund." — Korrespondenzen: „Fälscher und Betrüger." Wien. Plehwe in seiner wahren Gestalt. Kaurim. Geistlicher Dippoldismus. Berlin, Posen. — Vermischtes: Wien, Ung.-Hradisch, Melnik, Ledeö, Prag, Alexowitz. — Feuilleton: Die beiden Rothschilde. Im Leben geliebt, im Tode gesegnet. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Dir Alte« und die Jungen Wir, die Kinder der Neuzeit, die wir uns viel einsichtsvoller und weltkluger dünken als unsere Vorgänger, urteilen in der Regel sehr geringschätzig über die seriöse Art, mit welcher unsere Eltern minder wichtige Dinge zu behandeln pflegten. Was für Wesen beispielsweise machten sie nicht daraus, wenn es galt, ein Mitglied der Gemeinde in den Stand eines „Chawer" zu versetzen! Da wurden Verdienste und Vergehungen gleichsam mit dem Goldgewichte abgewogen — und doch handelte es sich nur um das magere Titelchen eines „Chawer". Schon gar nicht davon zu sprechen, wenn es galt, einen in den „Morene" zu erheben, denn da kreisten förmlich alle Berge. Alle Rabbiner saßen zu Gerichte, um darüber zu urteilen, ob der Betreffende dieses Ehrenprädikat verdient oder nicht. In solchen Kleinigkeiten sind wir, Kinder der Neuzeit, viel nachsichtiger, viel leutseliger, viel weniger rigoros. Wir gönnen Einem, ob verdienter, oder unverdienter Weise, Ehrentitel, von der Gemeinde verliehen, soviel ihm nur lieb sind, vorausgesetzt natürlich, daß unsere Tasche dabei nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Was kann das Einem für Schaden bringen, wenn der Andere seinen Ehrgeiz befriedigt! Soll er mit diesem Spielzeuge sich freuen, solange es ihm nur Vergnügen macht; wir gönnen es ihm vom Herzen. Zeuge unseres Wohlwollens in dieser Beziehung ist unser Friedhof, der ein wahres Pantheon bildet, wo ein jedes Stückchen Erde in sich eine Leuchte, eine Weltgröße einschließt. Man könnte sagen, jeder Leichenstein, aus Marmor oder Granit, stellt in sich eine wahre Ruhmestrompete dar, die das Lob des Verblichenen mit schmetterndem Tone in die Welt hinausruft. Hauptsache ist dabei, daß der Steinmetz für die Zahl der Buchstaben seinen Lohn erhält. Das Denkmal hat steinerne Geduld und nimmt in sich so viel Lob für den Verblichenen auf, als es nur der Raum gestattet. Um das liebe Geld bekommt man in unseren Tagen Alles. Da werden die Steine zu Posaunen. Nicht erst zu rechnen die vielen lebendigen Ruhmestrompeten, die je höher die Bezahlung, umso höher und schallender den Ton erheben, um das Lob des Verstorbenen weit in die Welt hinauszuschreien... Das Alles — schmeicheln wir uns — manifestiert nicht allein einen viel praktischeren Sinn, sondern auch eine viel größere Leutseligkeit und eine viel größere Toleranz, als die unserer Ahnen mit ihrem düstern Ernst und ihrer bleiernen Behäbigkeit! Geradezu aber als verpöneuswert finden wir die Lieblosigkeit, ja, unerhörte Grausamkeit, mit welcher unsere Ahnen Einen über das Grab hinaus zu verfolgen pflegten, der, von der Misöre des Lebens niedergedrückt, den Mut faßte, das unerträgliche Joch des Daseins mit eigener Hand abzuschütteln. Da gab sich keiner, der Anspruch auf einen ehrlichen Namen machte, dazu her, mit seinem Leichnam sich zu beschäftigen. Nur Auswürflinge der Gesellschaft ließen um einen reichen Sold sich dazu bestimmen, ihn zu beerdigen — und wie wurde er beerdigt! Wie ein Aas in eine Grube verscharrt, abseits dem Friedhofe, hart an der Wand, als gelte es den andern Toten als eine Schande, als eine unvertilgbare Schmach, ihn in ihrer Gesellschaft aufzunehmen. Kein Mund wagte es, mochten die Verdienste des Unglücklichen noch so bedeutend im Leben gewesen sein, sein Lob nur mit einem einzigen Worte auszusprechen, denn er hat mit eigner frevelhafter Hand alles weggelöscht, was er in die Tafel des Lebens eingeschrieben hat. Da find wir, Kinder der Neuzeit, doch viel milder, viel nachsichtiger, viel mitleidsvoller, denn wir gönnen einem solchen Unglücklichen ein ehrenvolles Leichenbegängnis, schmücken seinen Sarg mit Blumenkränzen, und wenn gar der Arme eine volle Börse zurückgelassen hat, so schreit nicht allein der Stein, der ihm später gesetzt wird, seinen Ruhm in die Nachwelt hinaus, sondern jene lebendigen Trompeten schallen sein Lob, soviel solche nur um gute Bezahlung zu schallen vermögen, und der Selbstmörder wird von ihnen, ob mit Recht oder Unrecht, als ein Märtyrer glorifiziert, als einer, der für die edelsten Güter der Menschheit, für Recht und Wahrheit sich geopfert hat... Auf den ersten Blick handeln wir tatsächlich viel milder und unter allen Umständen viel menschenfreundlicher als unsere Vorfahren; die Sache aber auf das Wesen geprüft, gewinnen wir die Ueberzeugung, daß sie viel einsichtsvoller waren, als wir es sind, ja, daß ihre Handlungsweise eben von den Motiven der Menschenliebe geleitet war. Wenn sie mit den kleinsten Ehrentiteln so sehr gegeizt haben, so hatte das nur zur Folge, daß diejenigen, die in der Gemeinde nach Ehre und Ansehen strebten — und ehrsüchtig find einmal die meisten Menschen — bemüht waren, eine Reihe

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