Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 490 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 80 ES kam die Rede auf meine Predigt, in welcher ich die Tugenden des Monarchen pries; er zitierte einige Sätze aus derselben fast wortgetreu und sagte: „Glauben Sie mir, wenn das Volk unfern Kaiser so kennen würde wie ich, welch goldenes Herz er hat und mit welcher Liebe er an feinen Völkern hängt, man würde ihn noch mehr lieben." „Das ist nicht möglich, kaiserliche Hoheit! mehr lieben können wir unfern König nicht, als wir es tun." Er echob sich und lud mich zu öfterem Besuche ein, indem er mit entzückender Leutseligkeit zu mir sprach: „Werfen Sie sich aber nicht erst in Ihr Amtskleid, kommen Sie nur so, wie Sie sind", und dabei faßte er den Kragen meines mehr als bescheidenen Hauskleides. Ich sprach ihm meinen Dank für die hohe Ehre aus, die meinem Hause widerfahren, und daß meine spätesten Nachkommen noch mit Stolz dieser Auszeichnung gedenken würden, und mit einem heute mir noch unbegreiflichen Mute fetzte ich hinzu: „Uebrigens haben kaiserliche Hoheit mit diesem Besuche auch sich selbst geehrt." Einen Moment stutzte der Erzherzog. Wie? Er, der habsburgische Prinz, soll eine Ehre darin sehen, daß er einen Rabbiner besucht hat! Diese Redewendung war — ich sah es jetzt erst ein, gewagt. Aber wie ein Blitz zuckte es in ihm auf, und indem er lächelnd mit dem Kopfe nickte, sagte er: „Ja wohl, ich verstehe Sie und danke für dieses feine Kompliment." Aber das Leben ist wandelbar, seine Bilder wechseln wie in einem Kaleidoskop, wenige Jahre nach dieser Auszeichnung ward ich — wegen Mordes in Untersuchung gezogen. Es war im Jahre 1883, in der unglückseligen Zeit des „Tißa-Eßlarer"-Prozefses, wo das hohläugige Schreckgespenst der Blutbeschuldigung dem Grabe der Vergangenheit entstieg und das Herz der Gesamtjudenheit mit Angst und Bangen erfüllte. Eines Tages erhielt ich eine Vorladung zum Strafgericht. Die Veranlassung zu dieser Anschuldigung war folgende: Am 6. Februar d. I. schickte der Schächter aus Kamocsa, einem am jenseitigen Ufer der Waag gelegenen Dorfe, einen 22jährigen Bauernburschen zu mir mit Fleischteilcn von geschlachtetem Vieh behufs ritueller Entscheidung. Der Bote war aber nicht bei mir gewesen und auch nicht nach Hause gekommen. Alle Nachforschungen nach demselben waren erfolglos und ist er auch bis zum heutigen Tage verschollen. Am 19. April, zwei Tage vor Pessach, erhielt ich eine gerichtliche Vorladung „in Kriminal-Angelegenheit", und die an mich gestellten Fragen bewegten sich in einer Richtung, die mich deutlich erkennen ließen, es werde die Möglichkeit eines „rituellen Mordes" ins Auge gefaßt. Damit die Analogie mit T.-Eßlar vollkommen sei, wurde auch eine Leiche gefunden, d. h. es wurde die Anzeige gemacht, daß Fleischerburschen am 15. Februar — das Datum stimmte - am Ufer der Waag eine „kopflose Leiche" gefunden und sie an Ort und Stelle eingegraben haben. Diese Leiche wurde nun gerichtlich exhumiert und versiegelt in der Leichenkammer hinterlegt, um sie am andern Tage — am ersten Tage Pessach — gerichtlich zu sezieren. Mit fieberhafter Aufregung harrte man des Kommenden. Was konnte nicht der Zufall — dieses unbeschränkte Reich der Möglichkeiten — gefügt haben! Wenn in dieser „kopflosen Leiche" der Verschollene agnosziert würde! Aber die ausschließlich von christlichen Aerzten vorgenommene Obdicktion — man hatte den jüdischen Spitalsar^t Dr. Leopold BLnyai auf behördliche Anordnung fern gehalten — ergab, daß diese „kopflose Leiche" nichts anderes sei, als einige im höchsten Grade der Verwesung sich befindliche Leichenreste, d. h. es waren nur Beine, an denen — Lackschuhe hingen, eine Fußbekleidung, die bei den Bauern in Kamocsa nicht im Gebrauche zu stehen pflegt. Dank der strengrechtlichen und nüchternen Auffassung des hiesigen Gerichtes wurde die Untersuchung, die selbstverständlich nicht einen Schatten von Verdacht ergab, eingestellt, umsomehr, als es sowohl durch die eigenen Eltern, als auch durch andere Zeugen festgestellt wurde, daß der Bursche vor Morgenanbruch vom Hause sich entfernte und zum Uebergang über die Waag nicht die Fährte benützt hatte, sondern über das bereits brüchige Eis sich wagte und zweifellos in der Dunkelheit in eines der Löcher gefallen ist. So endete dieser „Fall"; aber bezeichnend bleibt es immerhin, daß ich, der ich seit 22 Jahren hier gekannt war, in einer „Mord-Angelegenheit" ein Verhör zu bestehen hatte. Zur Beruhigung der Gemüter unserer Mitbürger in dieser gefahrdrohenden Zeit, wo selbst intelligente Leute, an ihrer Spitze der berüchtigte Johann M o l n L r, damals Stadlpfarrer, jetzt Führer der „V o l k s p a r t e i", an den Ritualmord zu glauben Vorgaben, hat der edle reformierteBischof Gabriel Pap, dessen Andenken ein gesegnetes bleiben wird, sehr viel beigetrage u, indem er, wie er mir mitteilte, während der ganzen Zeit „an jedem Sonntag Nachmittag Exhorten über das Buch „Esther" halten ließ, damit seine Gemeinde an dem Beispiele Haman's lerne, welches Ende diejenigen ereile, die die Juden hassen und verfolgen." Diese „Kulturbilder" würden lückenhaft bleiben, wenn ich nicht in kurzen Worten all' dessen gedenken würde, was dieser edle, vornehm denkende Mann an uns Juden getan hat. Im Jahre 1891 ward die ganze zivilisierte Welt von Grausen und Abscheu erfüllt ob der herzerschütternden Leiden und unsäglich grausamen Verfolgungen, welche die Juden in Rußland zu erdulden hatten. Tausende wurden von Haus und Hof verjagt und mußten den Bettelstab zur Wanderung durch die weite Welt ergreifen, und da kam mir der Gedanke, daß die Sammlungen für diese Unglücklichen von besonderem Erfolge begleitet s in müßten, wenn ein Großer der christlichen Kirche einen Ausruf für dieselben ergehen ließe. Ich dachte an unseren guten Bischof Pap; doch wollte ich nicht direkt an ihn herantreten, denn er war mir ein treuer, hingebungsvoller Freund, und ich wußte, daß er auf mein Ansuchen sofort sich an den Schreibtisch setzen würde, um den erbetenen Aufruf zu schreiben. H a t e r d o ch, als ich im Jahre 1887 mein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum gefeiert und er einen Tag früher behufs kirchlicher Beratungen in Budapest war, dem Oberkurator nnd Mini st erpräsidenten Kolo man v. Tisza auf dessen Bitte, er möge noch einen Tag bleiben, da noch sehr dingende Kirchenangelegenheiten. zu erledigen seien, geantwortet: Nein Exzellenz! morgen feiert „unser Rabbiner" sein Jubiläum, da muß ich zuhause sein. Ich wollte also in keinerlei Weise, sei es auch durch unsere Freundschaft, einen Druck auf ihn üben; was er tut, soll er spontan, nach reiflicher Ueberlegung tun. Ich ließ daher durch einen gemeinsamen Freund ihm die Sache unterbreiten, ohne daß mein Name genannt wurde, und schon tags darauf schickte er mir den „Aufruf an die menschlich fühlenden Bürger der Stadt Komarom" mit einem Schreiben, welches lautete: „Ich habe jetzt Gäste, und hatte wahrlich nicht die Zeit, das Schriftstück zu überlesen. Korrigieren Sie dasselbe und ändern Sie es eventuell nach Ihrem Gutdünken ab." Ich mußte fast die Hälfte streichen, es schien mir selber allzu viel. Ich will nur einen Passus hervorheben. „Als Mensch denke ich mit schmerzlichem Gefühle an das Elend, in welches Menschenbrüder mit Grausamkeit die russischen Juden, ihre eigenen Mitbürger, gestoßen haben; als