Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021578--13768-3038438
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

'Jtr. 30 Dr Dlocb s MocbenscbrM. «eite 487 Dabei treten eigentümliche moralische Anschauungen zu Tage. Die Wenigsten fühlen, daß das Sittengebot lautet: „Du sollst nicht stehlen!" und daß es gleichgiltig sei, ob jemand einen Fünfer oder eine Million — stiehlt. Mit dem Sittengesetz gibt es kein Feilschen. In der ÄLkover Ratsstube bekämpft Peter den Paul mit Zurufen, nicht daß er selbst reine Hände habe, sondern daß Paul die Gemeinde noch ärger bestehle. Die Reife einer Nation erkennt man meistens danach, wie sie das Gemeindegut zu achten und zu verwalten weiß. Wo das Gemeinde gut ein herrenloses Gut ist, wo der das Gemeindevermögen schädigende Bürger gar nicht mehr fühlt, daß er sich selbst schädige, dort herrscht noch ein niedriges Kulturniveau. Wem an der nationalen Ehre gelegen ist, der wird nicht nur auf die schlechte Politik Hinweisen, sondern der wird sich auch dessen bewußt sein, daß derartige schlechte Eigenschaften uns in den Augen der Regierung und anderer Nationen am meisten erniedrigen." — So endigt das jungczechische Regime überall. Die jungczechische Moral ist absolut unverbesserlich, diese unlautere Parieimoral verfiel mit dem Momente, wo die „Narodni Listy" das Monopol ihrer politischen Geschäfte aus niedrigster Profitsucht an sich gerissen hatte. Eine Besserung kann und wird nur dann eintreten, wenn alle, aber wirklich auch alle Spuren der „Aera Gregr" entwurzelt sind. Und das wird tatsächlich erst bei den unter ganz neuen moralischen Grundsätzen erzogenen Heranwachsenden Generationen geschehen. Gut Ding will Weile haben! Dabei dürfen wir keinen Augenblick vergessen, daß es dieselbe „freisinnige" G r 6 g r - Partei ist, deren Geschäfts- Organ, „Narodni Listy", jede politische Niederlage mit „Ritualgeschichten", jede moralische Niederlage mit wüsten Juden- und Deutschenhetzen wettzumachen trachtet. Solche echt russische „Ablenkungs"-Politik macht die Juden seit der „Aera Gregr" zum Blitzableiter dieser demagogischen Mandatsklique. X. Prag. (P ro f e s s o r W e i ß.) Die hiesige polytechnische Hochschule hat durch den frühen Tod des berühmten Mathematikers Professor Dr. Wilhelm Weiß einen großen Verlust erlitten. Wilhelm Weiß war 1859 in Ridka bei Prag geboren und hat seine Studien am deutschen Polytechnikum und der deutschen Universität in Prag und an den Universitäten Leipzig und Erlangen absolviert. Im Jahre 1894 wurde er Dozent der Mathematik und drei Jahre später erhielt er die Ernennung zum Professor der Mathematik und analytischen Mechanik am Polytechnikum zu Prag. Kurz vor seinem Tode war er für das laufende Schuljahr zum Dekan der technischen Abteilung gewählt worden. Auf dem Friedhof sprach der Rektor Magnifikus Professor Melan einen warmen Nachruf für den dahingegangenen Kollegen. Er lobte die unvergleichliche Lehrtüchtigkeit des Professor Weiß und seinen edlen Charakter und betonte, daß seine Kollegen und die Studenten, die den Vorzug gehabt, bei ihm zu hören, ihm die herzlichste Verehrung gewidmet hatten. Professor Weiß hat dem am hiesigen Polytechnikum organisierten Verein jüdischer Studenten stets das größte Interesse entgegengebracht und alle mögliche Förderung angedeihen lassen. Paris. (Mi nister Pe l le t a n in St. Etie nne.) Während des Besuches, den der Marineminister Pelletan kürzlich der Stadt St. Etienne abstattete, wurde er dort vom Ortsrabbiner Seches bewillkommt. Der Minister unterhielt sich mit dem Rabbiner in liebenswürdigster Weise. Im Laufe des Gesprächs sagte er ihm: „Ich danke Ihnen für die freundlichen Worte, die Sie zrf meiner Begrüßung gesagt haben. Noch vor wenigen Jahren war Frankreich das Opfer barbarischer, häßlicher Leidenschaften, wie sie das Mittelalter kaum aufzuweisen hatte, aber Dank unseren angestrengten Bemühungen ist eine Aenderung zum Besseren eingetreten. Die Regierung der Republik wird auch fernerhin bestrebt sein, das Land nach den Grundsätzen der Toleranz und Gleichheit zu leiten." Die Jude» in Japan. In der letzten Ausgabe von „Jewish Chroniele" finden wir einige interessante Mitteilungen über die Juden in Japan. Es gibt dort nur an wenigen Plätzen organifiette jüdische Gemeinden. In der Stadt Kobe haben die aus ungefähr zwölf Familien bestehenden jüdischen Einwohner vor einigen Jahren den Bau einer Synagoge beabfichtigt, haben diesen Plan aber aus Mangel an Geldmitteln wieder aufgeben müssen. In Nagasaki befitzen die Juden eine sehr schöne Synagoge „Beth Israel", die vor neun Jahren von dem inzwischen verstorbenen R. H. Goldenberg begründet worden war. Dieser seit Jahren in Japan ansässig gewesene Jude hatte eine verwitwete Japanerin geheiratet, die mit ihren Kindern aus erster Ehe zum Judentum übergetreten ist. Die ersten Juden, die vor mehr als zwanzig Jahren nach Nagasaki gekommen, waren zum überwiegenden Teil Flüchtlinge aus Rußland und Rumänien. Die japanische Regierung hatte bekanntlich schon vor 40 Jahren allen Ausländern vollständige Freiheit und unbehindette Religionsübung gewährleistet, und die Bekenner der verschiedensten Konfessionen haben in diesem von Heiden regierten Reich niemals irgendwelche Belästigung erfahren. Die japanische Verfassung, wie die der meisten zivilifietten Länder, gestattet den ausländischen Einwohnern nicht, in das Heer einzutreten; die in Japan lebenden Juden find deshalb darauf beschränkt, ihre Dankbarkeit für das Adoptivvaterland in Spenden für die Opfer des Krieges und in eifriger Teilnahme an der Pflege von Verwundeten zu betätigen. Der Gesetzentwurf gegen die Einwanderung zu Fall gebracht. London. Die Sitzungen des Komitees zur Beratung des Gesetzes über Fremdeneinwanderung fand am 7. d. dadurch ihren plötzlichen Abschluß, daß der Minister des Innern den Antrag stellte, das Gesetz zurückzuziehen. Es war dem Verhalten der Opposition zuzuschreiben, daß die Beratungen nicht von der Stelle kamen. Bei der Bekämpfung des Gesetzes war der bisher unionistische, jetzt aber zur liberalen Partei haltende Winston Churchill besonders hervorgetreten. Die Opposition verwahrte sich energisch gegen den Vorwurf, durch das Hinziehen der Beratungen das Zustandekommen des Gesetzes verhindett zu haben, und behauptete, daß die Regierung den Entwurf lediglich deshalb zurückziehe, um bei der nächsten Wahl dem Volke gegenüber behaupten zu können, daß die Opposition gegen Gesetzentwürfe aufgetreten sei, die zugunsten der Arbeiter eingebracht worden seien. Gegen die Stimmen der Opposition wurde darauf das Gesetz zur Einschränkung der Fremdeneinwanderung von dem Programm der diesjährigen Session gestrichen. Washington. Präsident Roosevelt hat den jungen Advokaten Adolf G. Wolf, von der Firma Cohen und Wolf, zum Richter des Bundesgerichts in Porto Rico ernannt, an Stelle des zurlicktretenden Richters Sulzbacher. Richter Sulzbacher war vor einiger Zeit hier und erklärte dem Präsidenten, er sei Potto Rico müde; eine Richterstelle in den Vereinigten Staaten werde ihm besser zusagen. Der Präsident überredete ihn indeß noch, wieder nach Potto Rico zurückzukehren, und Richter Sulzbacher, der sich durch die Aufmerksamkeit des Präsidenten angenehm berührt fühlte, folgte dem Wunsche des Herrn Roosevett. Der hauptsächliche Grund dafür war indeß, daß der Präsident es nicht bekanntgegeben haben wollte, daß eine Vakanz in Potto Rico in Aussicht sei, bis er einen anderen Posten für Richter Sulzbacher, der in seiner Heimat, Kansas City, vielen Anhang besitzt, gefunden. Nun hat den Kongreß ein Gesetz passitt, welches vier neue Richterposten im Jndianer-Tertttottum kreirt, und für einen derselben ist Richter Suhbacher bestimmt worden. Dann war die Bahn ftei für die Erteilung einer anderen Gunst. Der neue pottottcanische Richter ist der Sohn des bekannten republikanischen Politikers Simon Wolf, gegenwättigen Präsidenten des jüdischen Ordens B'nai B'rith, durch dessen Einfluß die Ernennung erfolgte; er steht im Aller von 35 Jahren, hat die Johns Hopkins-Universität absolviett, auch in Berlin studiett, an der Columbia« Universität in Washington

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.