Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 486 Dr. Blocb’s Wir ehren das Andenken eines Mannes, der selbstlos seiner Ueberzeugung folgte, denn „Ueberzeugung ist des Mannes Ehre, des Siegers Fahne, mit der er nie unrühmlich fällt." Wünschen möchte ich nur, daß auf dem Grabhügel, der Herzl's irdische Reste umschließt, die Wunderblume der Friedfertigkeit sprosse, damit wir alle geeint, trotz aller Divergenzen der Anschauungen, uns in dem einen Streben zusammenfinden, unser mit uns geborenes Recht, das uns auf geraden und krummen Wegen geraubt werden will, kraftvoll zu behaupten. Sie haben, meine sehr geehrten Herren, dem Gefühle der Trauer um den Dahingeschiedenen bereits durch Erheben von den Sitzen Ausdruck verliehen und ich bitte noch um die Gestattung, diese unsere Trauerkundgebung auch in dem Sitzungs- Protokolle festzulegen. Zum 70. Geburtstage von Dr. Leopold Herzel in Brody. Ein geräuschloser Kutturträger im fernen Osten feierte vor Monatsfrist, Herr Dr. Leopold Herzel, k. k. Gymnasialprofessor und Volksschuldirektor, seinen 70. Geburtstag in bescheidener Zurückgezogenheit im engsten Familienkreise. Der Jubilar, trenn er auch allen Jubiläen peinlichst aus dem Wege gegangen, verdient es, daß wir aus diesem Anlasse sein segensreiches Wirken im Dienste der Kultur und geistigen Entwicklung seines Volkes etwas näher beleuchten. — Vor nahezu 40 Jahren wollte es die Vorsehung, daß Dr. Herzel von seinem Rabbiner- und Lehrerposten in Bisenz nach dem im fernen Osten gelegenen Brody als Direktor der dortigen israelitischen Hauptschule für Knaben und Mädchen berufen wurde. Eine Anstalt, die nach dem Muster der Perl'schen Schule in Tarnopol gegründet war. Hier bot sich ihm ein Feld vornehmster, fruchtbarster Tättgkett. Hier gelang es ihm, unterstützt von einem wackeren Lehrkörper, als wahrer Pionnier für Kultur und Gesittung zu wirken. Die Schule nahm einen blühenden Aufschwung und gewann, dank der umsichtigen, die religiösen Gefühle wahrhaft schonenden Leitung die Herzen der gesamten Bevölkerung. Aus den frömmsten Häusern wurden die Kinder in die Schule geschickt, so daß diese immer mehr an Ausdehnung gewann. Der Segen dieser Anstalt zeigt sich bereits an ganzen Generationen. In der ganzen Welt findet man ehemalige Schüler der Anstalt in den'geachtetsten Berufen: Aerzte, Advokaten, Professoren, Kaufleute, tüchtige Handwerker, die ihre erste Bildung in dieser Schule erhalten, die hier den Keim der Gesinnungstüchtigkeit und Arbeitsliebe eingeimpft erhielten. Bedenkt man, welch harten Kamps es oft kostet, bis ein Orthodoxer im fernen Osten sich entschließt, seine Kinder in die Schule zu schicken, und hält demgegenüber die starke Frequenz der Brodyer Schule, wird man das Kutturwerk ermessen können, das hier seit nahezu vier Dezennien geleistet wird. Die Tätigkeit Dr. Herze l's war und ist eine so intensive, daß er jeden einzelnen Schüler, speziell und individuell behandelnd, auf den richtigen Weg gebracht. Ich hatte, da ich nicht nur sein dankbarer Schüler, sondern seit Jahren durch Bande inniger Freundschaft mit ihm verbunden bin, oft das köstliche Vergnügen, mit Dr. Herzel, wenn er nach Wien kam, und das geschah mit kalendarischer Sicherheü jedes Jahr mindestens einmal, einen Spaziergang durch die Straßen Wiens zu machen. Ich sagte das köstliche Vergnügen, denn ein solches ist es in der Tat. Kaum geht man in der Millionenstadt, die man doch oft stundenlang durchstreift, ohne ein bekanntes Gesicht zu treffen, mit Dr. Herzel einige Schritte, als einem schon ein lautes „Ich habe die Ehre, Herr Direktor!" entgegenschallt. Ein bekannter Advokat, ehemaliger Schüler, freut sich außerordentlich, den allverehrten Lehrer wiederzusehen. Nach lebhafter Erkundigung über Befinden und Auffrischung alter Reminiszenzen gehen wir weiter und es wiederholt sich das Spiel. Diesmal ist es aber ein schlichterHandwerker, der sich vor Freude nicht fasten kann, den lieben Dr. Herzel wiedergefunden zu haben. Er erinnert sich noch lebhaft, wie viel Mühe Doktor OeHel mit chm gchabt, bis er ihn bewogen, ein Handwerk zu MlocbenscbrM. Nr. 30 lernen, wie Dr. Herzel einst bei seiner Anwesenheit in Wien persönlich intervenieren mußte, daß ihm eine passendere Lehre gegeben wurde. Heute ist er selbst wohlbestallter Meister und hat zwei Gesellen und zwei Lehrlinge, lauter „Brodyer Kinder", wie er im stolzen Lokalpatriotismus hinzufügt. — Kaum verabschiedet, als nur einem kleinen stämmigen Jungen begegnen, der an der Seite eines großen Hundes einen Handwagen, mit Brettern führte und ein munteres Liedchen für sich hinträllerte. „Grüa'ß Gott, Herr Direktor!", schallt es plötzlich aus seinem Munde, „Küß die Hand!". In fliegender Eile und leuchtenden Auges werden rasch Freuden und Leiden des Lehrlingsstandes und zwar in unverfälschtem „Lerchenfelderisch" erzählt, mit einem „Bitt' schön, mein altes Muatterl zu grüßen, ich schick ihr zu Ostern einige Gulden, die ich mir erspart, pfiat Gott" wird weiter gegangen. So geht es fort ohne Unterlaß. In seiner Wohnung wird er schon von einer Anzahl Leuten erwartet, die seine Anwesenheit erfahren und verschiedene Anliegen an ihn haben. Er möge bei X. vorsprechcn, um ihnen dies oder jenes zu erwirken, und niemals verließ ihn die Geduld, er hört Jeden ruhig an und scheut keine Mühe, keinen Weg, wo er helfen kann. Doch seine Hauptsorge ist und bleibt die Schule und deren Gedeihen. — Finanziell ist die Anstalt seit Jahren in großer Bedrängnis, durch seine Energie ist derselben ein großes Doppelheim erworben worden, er interveniert alljährlich wegen Erlangung von Subventionen, er schuf aus kleinen Anfängen einen schönen Pensionsfond, kurz, er ist nach jeder Richtung um das Gedeihen der Anstalt besorgt und wird, wenn seine Absicht, in den Ruhestand zu treten, verwirklicht wird, sein Ersatz kein leichter sein. Eine große Genugtuung mag es für Dr. Herzel sein, daß die Schule in Brody während der russischen Emigration im Jahre 1881 in dem sel. Venetiani und Herrn Dr. Friedländer die Ueberzeugung gefestigt, daß nur durch Schnlgründungen dem galizischen Elend am wirksamsten abgeholfen werden kann und so die Anregung gab, den großen Philanthropen Baron Hirsch zu seiner Schulstiftung zu animieren. Ex Oriente lux. Leo Wolfram. Prag. (Die Sünden einer Generatio n.) In der Gemeindeverwaltung der großen Prager Vorstadt Eixkov, dem volkreichsten industriellen Arbeiterviertel des neuen Groß-Prag, muß seit Langem eine ganz famose Wirtschaft herrschen. Seit mehr denn Jahresfrist werden dort schmutzige Bestechungsgeschichten niedrigster Sorte im großen Maßstabe verübt, entdeckt, andere Korruptionsskandale aus der ALkover Ratsstube vor Gericht verhandelt und die „sauberen" ÄLkover Affairen nehmen kein Ende, immer neues Untersuchungsmaterial gelangt aus der natürlich „rein nationalen" Gemeindeverwaltung an die Oeffentlichkeit. Ueber diese „Pathologie unserer nationalen Gesellschaft" äußert sich der „6 a s" vom 3. Juli 1904 in feinem Leitartikel mit obigem Titel unter Anderem wörtlich: „Seit den letzten zehn Jahren brechen überhaupt schreckliche Geschwüre in unserer Nation auf. Wo immer nur in unserer Autonomie mit Geld Handel geführt wurde, dort wurde Geld, ja direkt Geld gestohlen. Es gibt ganze Bezirke in Böhmen, wo kaum zwei, drei Gemeindevorsteher reine Hände haben. Wo jetzt noch Ruhe herrscht, wird in zwei, drei Jahren auch die Ruhe zu herrschen aufhören. Wo ein Warenhandel geführt wurde, wo es zu Grundstückverkäufen und Lieferungen kam, dort haben sich Bestechungen und Betrügereien eingenistet. Die Straßen-, Schul- und andere öffentlichen Bauten (sind mit Korruptionsschmutz befleckt. Wo Macht und Einfluß den Gegenstand der Handelsgeschäfte bilden, dort wurden beide zur Begünstigung der Freunde und zum Ruin der Gegner mißbraucht. Einige Leute, die die Bezirks-Vorschußkaffe oder das Rathaus beherrschen, pflegen die allmächtigen Herren im Bezirke zu sein, und wehe dem, wer sich nicht willig ihrem Diktate fügt!