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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 80 Dr. Dlocb s Mocbenscbrttt. Teile 485 Aus der Rede Rabbiner Dr. Schmied l's. Hochgeehrte, hochansehnliche Trauerversammlung! Wir sind in dieser Abendstunde in feierlichster Menge hier versammelt, um dem edlen, großen, über das Niveau des Alltäglichen hoch hinausragenden Mann, der überaus frühzeitig im Zenith seines denkwürdigsten Lebens und Schaffens abberufen wurde, auch an dieser heiligen Stätte eine Stunde wehmutsvollen und dankbaren Gedenkens zu weihen. Wohl sind bereits zahlreiche, hochehrende und tiefergreifende Trauerkundgebungen in Wort und Schrift, von Nah und Fern, von Hoch und Nieder erfolgt und ebenso in der vor wenig Tagen stattgefnndenen großen imposanten Versammlung ist das Andenken des großen Heimgegangenen in würdigster und erhebendster Weise gefeiert worden. Zu allen diesen Trauerkundgebungen gehört noch eine Ergänzung, eine unerläßliche Vervollständigung, nämlich die religiöse Trauerkundgebung, die große Trauerfeier an gottgeweihter Stätte, welche sowohl den großen Toten, als auch die Lebendigen ehrt, indem sie dadurch bekunden, daß sie ein warmes Herz für ihre großen Männer haben, die mit flammender Begeisterung ihr ganzes Leben dem Wohle ihres Volkes geweiht hatten. Wo gäbe es einen, der einer solch religiösen Trauerkundgebung würdiger wäre, als der unvergeßliche Heimgegangene, den wir heute vor acht Tagen unter den heißesten Tränen in die Erde gebettet. Dr. Theodor Herzl war der von Gott prädestinierte Mann, um in den tausendjährigen Annalen unserer Geschichte sich ein unverwelkliches Gedenkblatt zu gründen. Als Gott Jesaia die große Sendung an sein Volk übertrug, da legte er eine zündende Kohle auf dessen Lippen. Doktor Theodor Herzl trug diese zündende Kohle nicht nur auf seinen Lippen, sondern auch in seinem Herzen, mit der er auch tausend Herzen entzündete, erleuchtete und erwähnte. Namentlich bleibt es sein großes unvergeßliches Verdienst, daß er unsere Heranwachsende Jugend zu begeisterter Liebe für das Judentum erwärmte. Hätte Dr. Herzl in der Enge jüdischer Kreise seinen Lebensberuf gewühlt, ihm wäre es vielleicht niemals gelungen, das Ideal der Heranwachsenden Jugend zu werden. Da er aber außerhalb der Enge jüdischer Kreise stand, seine hochbegabte Feder in den Dienst der allgemeinen Politik stellte und durch seine große Dichtergabe die Verehrung und Bewunderung der Außenwelt sich errang und dennoch sein Herz voll Liebe und Wärme für sein Volk schlug und das Leid und Wehe seines Volkes in ihm das Mitleid wachrief, keine Enttäuschung und keine Verkennung im Stande war, ihn in diesem Wirken für sein Volk erschlaffen zu lassen, sondern im Gegenteil ihn nur noch' mehr in seinem edlen Vorhaben stählte, das erregte die Begeisterung und die Nacheiferung der Heranwachsenden Jugend. Das aber ist es auch, was nunmehr die Trauer um den Heimgegangenen so schmerzlich macht. Man fragt sich wehmutsvoll: nachdem der Tod die Lebensflamme des Heimgegangenen ausgelöscht hat, werden nunmehr nicht auch die Begeisterungsflammen, die er in den Herzen entzündet, ebenfalls verlöschen? Wir trösten uns mit der Verheißung des Bibelwortes, daß das Andenken des Edlen auch nach seinem Tode segensreich fortwirkt. Dr. Herzl schläft in der Tiefe der Mutter Erde, aber sein Ideal wird nie aufhören, in den Herzen fvrtzuwirken und für seine großen Segnungen zu begeistern. Brünn. (Ehrung des Dr. Theodor Herzl.) In der Sitzung vom 18. d. M. des hiesigen Kultusvorstandes hielt der Präses Dr. H. Fialla den nachfolgenden Nachruf auf Dr. Theodor Herzl, der von der Versammlung stehend angehört und im Protokolle verewigt wurde. Zugleich wurde beschlossen, Herrn Dr. Grünfeld zu ersuchen, am nächsten Sabbat, am 23. d. M., mit der Predigt eine Gedächtnisrede auf den Verblichenen zu verbinden. Dr. F i a l l a' s Ansprache lautete: Sehr geehrte Herren! Der Tod hat wieder eine schmerzlich klaffende Lücke in unsere Reihen gerissen. Vor wenigen Tagen geleiteten in der Hauptstadt unseres Reiches Tausende von Leidtragenden die irdischen Ueberreste Dr. Theodor Herzl's zu Grabe, dessen rastloser Tätigkeit in der Blüte seiner Jahre das Ziel gesetzt wurde. Mir erwüchse die Pflicht und das Recht, namens unserer Glaubensgemeinde dem Verblichenen ein Wort ehrendsten Andenkens zu widmen, wenn er nichts anderes gewesen wäre, als der tatkräftige und tatfreudige gottbegnadete Ritter vom Geiste, der die Höhe vielseitigen Wissens erklomm, der die Gabe besaß, die Resultate seines Forschend gedankenreich, mit dialektischer Schärfe und, weil er die Sprache meisterte, in edler Form Lesern und Hörern zu vermitteln. Aber Herzl war mehr, er war in seinen letzten Lebensjahren der begeisterte und begeisternde Führer einer großen Schar unserer Glaubensgenossen, aus deren Reihen ihm Scharen von Adepten und Kampfgenossen zuströmten. Und wie sehr die Anschauungen darüber auseinandergehen mögen, ob Herzl Erreichbares anstrebte, ob der von ihm geförderte Zionismus politisch berechtigt erscheine, den Beruf zu einer führenden Rolle vermag ihm niemand streitig zu machen. Nicht in religiöser Ueberzeugung wurzelte feine Berufung, ja er mochte es vielleicht mit einzelnen Satzungen unserer Lehre, soweit sie die äußere Lebenshaltung regeln, wie viele unter uns leicht nehmen, aber er war Jude in des Wortes bestem Sinne und Deutung. Es liegt nahe, ihn in Parallele zu stellen zu der Jdealgestalt des Üriel Aeosta, die Gutzkow uns geschaffen. Uriel Aeosta verschmäht den ihm gebotenen Notweg, sich durch das Bekenntnis des Christentums vor priesterlichen Fanatismus zu retten, er will leiden mit den Leidenden, und darin manifestiert sich des Mannes Charakter. Der Feige springt, wenn seine Brüder bedrückt werden, in seine Jch's bequeme Hütte, er rettet sich unter das Schutzdach der Unterdrücker, der Edelgesinnte kämpft mit seinen Brüdern und für diese. Herzl fühlte in seinem leicht bewegten Herzen die Judennot in Galizien, Rumänien, Rußland, und wie die modernen weit ausgedehnten Pharaonischen Gebiete noch heißen mögen, er sah, wie in dem heißen und rohen nationalen Ringen fich der Haß gegen Juden kehrt, er sah, wie selbst in dem zivilisierten Frankreich, das auf seine Revolutionstraditionen stolz zu sein alle Ursache hat, sich der Nährboden fand für Parodien von Gerichtsverhandlungen, bei denen Schurken zu Gericht saßen, er sah aller Orten des Ahasveros Söhne wandern und wandern ruhelos, und wenn es ihm leicht möglich gewesen wäre, diese Not seiner Brüder zu ignorieren und sich seines Glückes, der Frucht seiner Begabung und seines Fleißes zu erfreuen, so wollte er doch nicht behaglich im Schatten ruhen, während seine Brüder iin erstickenden Staube der Straße ziehen, er wollte nicht nur leiden mit den Leidenden, er wollte den der Heimat Beraubten eine neue Heimat schaffen, und seine Blicke wende en sich nach Palästina, wo vor längst vergangenen Zeiten unsere Ahnen aus freiem Grunde als freie Männer wohnten. Es steht mir am allerwenigsten und vielleicht Niemandem zu, über die zionistische Bewegung im Judentume heute ein abschließendes Urteil zu fällen, dieses Amt müssen wir der unparteiischen Geschichtsschreibung überlassen. Sicherlich hat aber diese Bewegung insbesondere bei einem großen Teil unserer Jugend das jüdische Stammesbewußtsein geweckt und angesacht, und mag selbst die Hoffnung, in Palästina eine rechtlich gesicherte Heimstätte zu finden, eine Utopie, ein Traum sein, in unzähligen kummervollen Heiden findet sie doch Widerhall und hilft hinweg über die Not und den Jammer des täglichen Elends. Und hat die zionistische Bewegung durch Unduldsamkeit ihrer einzelnen Anhänger gegen anders Denkende auch manchen Unfrieden gezeitigt, so müssen wir uns sagen, daß wo Feuer auch Rauch ist. Herzl's Streben war aber das des reinsten Idealismus, und nur in diesem Lichte sehen wir den großen Toten, der die Schlacken menschlicher Leidenschaft und vielleicht auch menschlichen Irrens von fich abgestreift hat.

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