Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 482 Dr. Mocb's 'MocbenscbrlN. Nr. 30 Alsdann folgt Piemont mit 1640 Juden, darauf Ligurien und die Lombardei. Ganz vereinzelt finden sie sich im Süden der Halbinfel und auf den Inseln. Auf dem Lande wohnen weit weniger als in den Städten: in den Hauptorten der 69 Provinzen wohnen 85 Perzent der gesamten jüdischen Bevölkerung. Die größte jüdische Gemeinde befindet sich in Rom, mit 7121 Mitgliedern, in weitem Abstand folgen Mailand mit 3012 und Turin mit 2800 Juden. In Genua wohnen 1050 Juden, in Neapel, der volkreichsten Stadt des Landes, nur 327. Größere Gemeinden gibt es noch in den Mittelstädten Mantua (1068 Juden) und Ferrara (1227 Juden). Während die Gesamtbevölkcrung des Königreiches von 1871 bis jetzt von 25 Millionen ans 34 Millionen gewachsen ist, haben sich die Juden so gut wie gar nicht vermehrt. Früher waren die Juden an verschiedenen Orten (Rom, Venedig und selbst in Piemont) Bedrückungen und Beschränkungen ausgesetzt. Als Piemont die liberale Politik, die zur Einigung des Landes führte, eröffnete, wurde den Juden volle Freiheit gewährt. Heute genießen sie alle staatsbürgerlichen Rechte ohne jede Einschränkung. Im italienischen Heer befinden sich 173 jüdische Offiziere, unter ihnen der General Ottolenghi, Kommandeur des ersten Armeekorps in Turin und Kriegsminister ikn vorigen Kabinct Zanardelli. Auch im diplomatischen Dienst sind einige Juden tätig. Von hervorragenden Politikern möchte ich den jetzigen Schatzminister Luzzatti, eine Autorität aus ökonomischem Gebiet, und den Abgeordneten Sidney Sonnino, dem in erster Linie Italien seine wirtschaftliche Gesundung verdankt, erwähnen. Unter Anderem ist die Reform des Notenbankwesens Sonnino's Werk. Der größte Philologe Italiens, Professor Ascoli in Mailand, der den Zusammenhang der arischen und semitischen Sprachen mit der Zigeunersprache nachgewiesen hat, ist Jude, desgleichen zahlreiche andere Universrtätsprofessvren von Ruf, wie Lombroso in Turin und Achille Loria, der den Einfluß der wirtschaftlichen Verhältnisse aus die Geschichte in einem umfassenden System darstellte. Der Religionsnntrrricht in der Mittelschule. Alljährlich, wenn die verhängnisvollen Tage derZeugnis- Verteilung nahen, kann man stereotype Notizen in den Zeitungen lesen: Der Schüler 3t. ist plötzlich verschwunden, Furcht vor Strafe wegen schlechter Zensur bildet das Motiv seiner Entfernung vorn Elternhause. Der Schüler A. hat sich tätlich gegen einen Lehrer vergriffen. (Ist in diesem Jahre in einer Stadt Galiziens geschehen.) Z). meinte, daß er das „Nicht genügend" aus Griechisch nicht verdiente. „Lieber Artur oder Oskar kehre zurück, alles ist Dir verziehen", zärtliche Eltern seufzen also aus der letzten Seite und Spalte unserer „gelesenen" Zeitungen. Artur und Oskar werden zurückkehren, denn schön ist es, auszuruhen von den Strapazen des Schuljahres, sei es in den Alpen, sei es in Nord- oder schlimmstenfalls in Ollseebädern. Der Schüler Z., liest man weiter, hat sich angeschossen, denn er meinte, daß er aus Mathematik das „nicht genügend" wegen „Aufsässigkeit" des Lehrers erhalten habe. Doch lassen wir genug sein der grausamen Aufzählung, obgleich wir noch manches mehr oder weniger erfreuliche Beispiel, das wir meist aus eigener Erfahrung kennen, hier anführen könnten. Alljährlich aber auch, wenn sie naht die Zeugnisverteilung, erscheint, wie die Schwalbe im Frühjahr, irgend ein Zeitungsartikel, in dem ein mit der Note seines Sohnes aus der israelitischen Religion unzufriedener Vater die Schale seines Unmuts und Zornes ausleert auf seinen unflcißigen Sohn — mitnichten, vielmehr auf den ganz mißratenen, unfolgsamen Religionslehrer — Pardon — Professor. Während nämlich vor 20 Jahren ein jüdischer Supplent kaum daran denken konnte, „wirklicher Lehrer" zu werden, haben wir jetzt sogar einige jüdische Rcligionsprofessoren in Oesterreich, wirkliche in Rangsklassen eingereihte. Und dies scheint manche unserer Glaubensgenossen weniger zu erfteuen, als vielmehr ihnen zu Befürchtungen Anlaß zu geben, „unsere Religionslehrer werden sich aus den Professor-Standpunkt stellen". Sie werden es deshalb, Herr Redakteur, nach dem alten Worte: Wenn man zum Dajan geht, muß man zwei anhören, oder nach dem klassischen: auäiatur et altera pars, sicherlich nicht zurückweisen, wenn ein alter Pädagog, mit sehr viel, fast zu viel Erfahrung einige Worte der Erwiderung widmet dem sehr besorgten Vater, der über den Religionsunterricht in unseren Mittelschulen in der letzten Nummer Ihrer Zeitschrift schreibt. Sind es ja die furchtbarsten Anklagen, die er gegen diesen Religionsunterricht erhebt, und wenn man die ersten Sätze seines Artikels liest, meint man nichts anderes, als ein großer Gerusch zum mindesten stehe, was Gott verhüte, unserem Judentume bevor. Aber mit Uebertreibungen muß schon derjenige rechnen, der es mit nervösen Eltern unserer Kinder zu tun hat. Bleiben wir gleich beim „Professor". Auch der katholische Katechet ist Professor, oft in der VlII. Rangsklasse, manchmal auch in der VH. Priester mag er ja den Schülern gegenüber sein, wir Juden haben keine Priester im Sinne der Andersgläubigen. Wir wollen jedoch hier keinen Streit um Worte führen. Das aber können wir dem besorgten Vater zur Beruhigung sagen: Die jüdischen Religionsprofessoren nehmen sich ihrer Schüler p r i e st e r l i ch an. Ich möchte den Herrn Artikelschreiber Jahresberichte einiger Anstalten einsenden, und er wird aus ihnen ersehen, wie die jüdischen Religionsprofessoren für das materielle Wohl der armen jüdischen Jugend sorgen. Doch wir tun dies nicht, nach dem Grundsätze, mit dem Wohltun soll keine Reklame getrieben werden. Nun meint der besorgte Vater, der Religionslehrer „verpatze" — man verzeihe das schöne Wort, es ist nicht von mir — das Zeugnis. Freilich mag es Vorkommen, daß mancher Jüngling oder auch Vater meint, der Religionslehrer müsse eine gute Note aus seinem Gegenstände geben. Mir sagte einst ein Rabbiner, der Katechet „zerstöre niemals das Ensemble auf dem Zeugnisse", das ist mit schöneren (!) Worten ausgedrückt dasselbe, was der besorgte Vater unter „verpatzen" versteht. Nun kann ich es allen Eltern sagen, auch der Religionslehrer ist froh, wenn er seinen Schülern gute Noten zu geben vermag, und er tut es auch. Wie vielen Schülern verhilft die gute Note aus der Religion zum Vorzug, ja zur Auszeichnung auf dem Reifezeugnisse. Mancher Vater würde sich wundern, wenn er hörte, wie darüber bei den Lehrerkonferenzen gesprochen wird, wie man den jüdischen Religionsprofessoren zu große Milde vorwirft, während der Katechet, der Priester, viel strenger bei der Klassifikation vorgehe. Und wenn ein Schüler wegen, wie manche meinen, zu strenger Klassifikation vom Judentum abfällt, glaubt wirklich der Herr Artikelschreiber, ein solcher Junge wäre im Judentume verblieben, wenn er statt „genügend", ein „befriedigend" erhalten hätte? Wir hatten einen Schüler, dem wir in allen Klassen „vorzüglich" aus der Religionslehre gaben, teils weil er die Note verdiente, teils weil wir merkten, seine nächsten Verwandten wollen ihn zum Abfalle vom Judentume bewegen; kaum aber hatte dieser junge Mensch den Staub des Gymnasiums von den Füßen geschüttelt, fiel er von unserer Glaubensgenossenschaft ab, weil eben die meisten Mitglieder der Familie getauft waren, und weil er glauben mochte, schnellere Karriere machen zu können. Wir kommen also zu unserer ersten Konklusion: Nicht der Religionsprofessor, nicht die mangelnden Lehrpläne, nicht die angeblich „ohne sonderliche Schwierigkeiten" approbierten Lehrbücher für die jüdische Religionslehre tragen Schuld an dem Abfalle unserer Jugend vom Judentume, es sind vielmehr ganz andere traurige Erscheinungen unserer Zeit, die zu der tief betrübenden Abtrünnigkeit und Fahnenflucht Anlaß geben. Wer bedauert diese Abfälle vom Judentum mehr als der gewissenhafte Religionslehrer oder Religionsprofessor? Ihm hat eine wohlwollende Regierung, insbesondere unser erleuchteter Kultusminister, der vorurteilslose Mann der Wissenschaft, heute die Stellung gegeben, die ihm gebührt. Wollen wir einige der obenerwähnten lraurigen Erscheinungen hervorheben, so macht es uns der Artikelschreiber wahrlich sehr leicht. Er selbst weist ja auf den krassen Widerspruch