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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Dlocb's MlocbenscbE Seite 483 hin, der namentlich zwischen dem jüdischen Religionsunterricht und dem jetzigen unjüdischen Leben herrscht. Ein kleines Beispiel aus meiner Erfahrung möge dies beweisen. Unser Artikelschreiber sagt in dem Entwurf seines „Lehrplanes" (oh, über diese Lehrpläne!), Punkt d) ... „besonders vermeide man es, gerade aus jene Vorschriften Nachdruck zu legen, die heute in derMehrzahl derFamilien einfach nicht beobachtet werden können und dadurch einen Widerspruch zwischen Schule und Familie Hervorrufen", (sie.) Man hüte sich also, auch auf das vierte Gebot hinzuweisen, weil die „Mehrzahl der Familien" zwar denn Sonntag, aber beileibe nicht den Sabbath beobachtet. Und nun zu einem Beispiel: Ich habe es im Religionsunterrichte immer so gehalten, daß ich wenig über jene Ritualien sprach, von denen ich wußte, daß sie in der Familie nur einer, sagen wir, humoristischen Auffassung begegnen. Einst, es war vor Jahren, erzählte ich in einer der unteren Klassen in der Geschichte Noah's von den u n r e i n e n und reinen Tieren, die er in die Arche mitnehmen sollte. Ein Kind fragt sehr natürlich: Was versteht man unter unreinen Tieren? Die Antwort erfolgt. Zufällig hatte man in der Familie, der das Kind angehörte und die auch zu der „Mehrzahl" derjenigen gerechnet wurde, in der die Vorschriften des Judentums „einfach" wenig beobachtet wurden, zum Mittagessen Braten vom Fleische jenes Tieres, das nach seinem Tode selbst durch seine Borsten den Menschen nützlich ist. Das Kind weigerte sich, von dem Fleische zu essen und berief sich auf das Wort des Religionslehrers. Der Vater des Kindes, wieder zufällig, war Gemeindevorstandsmitglied und machte das sündige Vorgehen des Religionslehrers, der Widerspruch in dem Herzen der Kinder hervorbringe, zum Gegenstände einer geharnischten Interpellation in einer Ausschußsitzung. Darob große Erregung unter den Genwindevätern, bis sich einer der Gemeindeältesten erhob und mit klugem Schütteln des Kopfes den salomonischen Ausspruch tat: „Meine Herren, wozu der Lärm: wenn der Religionslehrer die Kinder auf die Vorschriften der Religion nicht aufmerksam machen soll, wer soll es tun?" Die Wogen des Aergers besänftigten sich, und schließlich mußten alle dem weisen Daniel Recht geben. Das geben wir zu, ein großer Widerspruch gähnt heute in der Schule, in der Familie, im Gotteshause des Judentums. Wir gestehen es auch gerne ein, der Religionsunterricht an unseren Volks- und Mittelschulen läßt, wie jede Institution, oft viel zu wünschen übrig. Bei unseren Religionslehrer-Versammlungen bildet seine Verbesserung und Anpassung an moderne Verhältnisse den Gegenstand ernstester, langwieriger und gründlicher Beratung, aber alle Verbesserungen unb Anpassungen nützen nichts, wenn die Familie die Schule und den Lehrer nicht moralisch u n t e r st ü tz t. Und daran fehlt's. Das ist eine zweite traurige Erscheinung unserer Zeit. Man macht sich überhaupt gerne über Lehrer in manchen Familien lustig, insbesondere aber über die Religionslehrer. Was den Gottesdienst anbelangt, so hat man die Jugend- Gottesdienste eingeführt, weil eben unsere Schüler dem allgemeinen Gottesdienste nicht beiwohnen können, da dieser in die Unterrichtszeit fällt. Wie viel ließe sich aus diesem Jugend- Gottesdienste machen, wenn der gewissenhafte Lehrer und Exhortator Unterstützung der Eltern fände. Wenn aber der Vater die „Entschuldigung" seines Sohnes unterschreibt, durch die bezeugt wird, daß der Schüler wegen irgend eines erdichteten Unwohlseins dem Gottesdienste nicht beiwohnen konnte, wenn er die Lüge und Unwahrheit unterstützt und dem „Schwänzen" des Sohnes seine Zustimmung erteilt, dann wundere er sich nicht, wenn der von dem Bewußtsein seiner Pflicht durchdrungene Lehrer gegen das pflichtvergessene Söhnchen strenger einschreitet. Denn der Lehrer hat seine Schüler nach ihren Leistungen und ihrer sittlichen Haltung, nach ihrem Fleiße und ihrem Pflichtbewußtsein zu beurteilen. Wir wollen über diesen Gegenstand heute nicht mehr schreiben, es wird sich noch Gelegenheit darbieten, dies zu tun. Was uns die Feder in die Hand drückte, das ist das Streben nach einer, wie wir glauben, wenigstens teilweisen Widerlegung der furchtbaren Anklage, die sich von Zeit zu Zeit immer wiederholt und die gegen unseren Religionsunterricht erhoben wird, als förderte er den Abfall vom Judentum. Wir Religionslehrer — die Religionsprofessoren miteingeschlossen — können sagen: „Wir sind rein vor Gott und Israel." Unser Standpunkt ist ein schwieriger. Es gilt, ihn zu verteidigen gegen böswillige Feinde und gegen den Pessimismus in unserer eigenen Mitte. Unsere Vorgänger hatten es besser. Das mag ja richtig sein. Es hat eine Zeit gegeben, in der das Judentum gefestigt war durch den religiösen Sinn in den Familien. Gegen diesen antireligiösen Sinn haben wir heute vielfach anzukämpfen. Daß es da zu Reibungen kommt, wer wird sich darob wundern? Aber wir wollen an unseren Idealen festhalten zum Wohle unseres Judentums und unserer Jugend. Binorenu „Mir unserer Jugend", dies sei und bleibe unser Wahrspruch. Moscheh ben Ahron. Korrespondenzen. Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien Wien, l. Bezirk, Tuchlaubeu 17. Wien, im Juli 1904. Jüdische Glaubensgenassen! Eine halbe Million verhungernder galizischer Juden ruft um Hilfe, um Arbeit, um Verdienst! Das Elend, in dem die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen in Galizien dahinsiecht, spottet jeder Beschreibung. Wenn schon in früheren Jahren ein großer Teil der dortigen Juden — zumeist aus Mangel an ständiger Beschäftigung — mit seinem Erwerb auf den Zufall angewiesen war und sich infolge dessen in arger Lage befand, hat in den letzten Jahren die bitterste Not auch jene Schickten ergriffen, die bis dahin im Kleinhandel und Kleingewerbe ihr häufig nur kümmerliches Auskommen gefunden hat'en. Offen und geheim wird darauf bingearbeitet, den Juden die Existenzbedingungen zu unterbinden; Maßnahmen der Gesetzgebung und der Verwaltung tun noch das Uebrige. Unter mächtigem Schutze und mit Unterstützung der Landesbehörden breiten sich über das ganze Land Konsum- und H"ndelsvereine aus. denen die jüdischen Krämer unterliegen; der Salzverkauf, der früher Hunderte ernährte, ist monopolisiert, die Propinationspachtungen sind erschwert und verteuert; im Wettbewerb um Verkaufslizenzen, um öffentliche Arbeiten, um Dienststellungen werden die Juden hintangesetzt; die zahlreichen jüdischen Handwerker erhalten von Nichtjuden nur selten Beschäftigung, abgesehen davon, daß sie, sowie auch die jüdischen Kleinhändler, die ohnedies den Samstag auf das Strengste feiern, durch die Sonntagsruhe auch noch einen zweiten Tag in der Woche für ihre Arbeit verlieren — kurz, die Juden werden unbarmherzig, geradezu systematisch ausgehungert Tausende Existenzen wurden so vernichtet, tausende von Familien an den Bettelstab gebracht. Vom Hunger getrieben, wandern die Bejammernswerten, Erwerb suchend, in Scharen aus den Dörfern in die Städte, aber nur mit dem Erfolge. daß sie das Elend der dort ansässigen Juden vergröbern und schließlich mit diesen zusammen in Not und Krankheit verkommen. Eine derartige, zum Teil zielbewußt herbeigeführte Verelendung so großer Menschenmassen kann in ihren schreckliche» Folgen nicht ans Galizien allein beschränkt bleiben. Die Gefahr, die es mit sich brächte, wenn sich diese verhungernden Menschen in Bewegung setzten, um in den Nachbarländern die Rettung zu suchen, die sie daheim nicht finden — diese Gefahr braucht nur angedeutet zu werden, um als eine furchtbare erkannt zu werden. Aber schon jetzt oder gar bald müssen es Industrie, Handel und Verkehr des ganzen Reiches am eigenen Leibe verspüren, daß eine halbe Million Menschen ihre Bedürfnisse an den Erzeugnissen der Landwirtschaft und der Industrie nicht ausreichend zu befriedigen vermag. Um dieser unerhörten Not Schranken zu setze-', hat sich bereits im Jahre 1901 der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien mit dem Sitze in Wien gebildet. Er will nicht Almosen spenden; die augenblickliche Not zu lindern, muß er der Privatwohltätigkeit überlassen. Ihm gilt es. allen jenen, die durch ehrliche Arbeit ihr Leben zu fristen fähig sind, Gelegenheit zur Arbeit zu verschaffen. Er will allen, die arbeiten wollen und die galizischen Juden, welche auch die austrengendsteu Handwerke betreiben und die schwersten Berufe als Lastträger, als Erdwachsarbeiter u. s. w. ausüben. scheuen wahrlich keine Arbeit - durch Erhaltung und Weiterentwicklung der vorhandenen Handwerke und der Ansätze zu solchen Hausindustrien, die dort von Juden betrieben werden oder durch Einführung neuer Industrien Erwerb vermitteln; er will insbesondere das Heranwachsende Geschlecht, die Jugend, dem Handwerke und womöglich dem Ackerbau zuführen. So soll den Juden in ihrem Elend beige-

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